alt

Bunt gemischte Gefühle

von Ralf-Carl Langhals

Heidelberg, 21. April 2011. "Aus einem Gramm Nachrichten" hat Jakob "eine Tonne Hoffnung" gemacht. 1944 ist die Hoffnung in einem polnischen Ghetto als letzte Kraft bitter nötig, wenn leider auch unbegründet. Doch das kann auch Jakob Heym nicht wissen, der sich eher aus Trotz und Versehen in die Behauptung verstolpert, heimlich ein natürlich streng verbotenes Radio zu besitzen. Aus dem NS-deutschen Polizeirevier hat er ein paar Fetzen um Gefechtsstände aufgeschnappt, die ihm und seinen jüdischen Leidensgenossen eine neue Welt möglich erscheinen lassen.

"Zwanzig Kilometer vor Bezanika" sollen bereits die russischen Befreier stehen. Doch mehr Wissen ist es nicht, das er weitergeben könnte, also muss er hinzuerfinden, auf zunehmende Nachfragen reagieren. Ein Geschäft, das dem vormaligen Eisdielen-Besitzer wenig liegt und ihn immer mehr in Bedrängnis bringt. Während die erfundene Hoffnungsmaschine Radio ihn zum Helden macht, wird Jakob der Lügner von Selbstzweifeln und Vorwürfen geplagt.

nachtkritik.de hat alles zum Theater. Damit das so bleibt, klicken Sie hier!

Jurek Beckers Roman kommt trotz des komplexen und trostlosen Sujets ohne Sentimentalität und Pathos aus, eine literarische Tugend, die auch die gleichnamige DDR-Verfilmung Frank Beyers für sich in Anspruch nehmen kann. Die gar Oscar-nominierte DEFA-Verfilmung aus dem Jahr 1975 überzeugt denn auch weniger durch cineastisch ausgefallene Erzählweise als durch hervorragende Schauspielleistung.

Zwanzig Schritte bis Bezanika

In der Heidelberger Interimsspielstätte Theaterkino, wo man sich während des Theaterneubaus berühmten Filmstoffen widmet, geht Regisseur Martin Nimz eher den umgekehrten Weg. Nimz, eine feste Spielplangröße der zu Ende gehenden Intendanz Peter Spuhlers, wollte oder sollte nochmals ein großes Ensemblestück auf die Bühne stellen. Mit dem Stoff konnte Nimz offensichtlich wenig anfangen.

Vieles setzt er als bekannt voraus, vermeintliche Kleinigkeiten, etwa, wie es zur folgenreichen Lüge kommt, lässt er aus. Aus den "zwanzig Kilometern vor Bezanika" und den für Jakob zu überwindenden 20 Metern zwischen Wachturm und rettender Mauer macht die Dramaturgie zur Gliederung des zweistündigen Abends "zwanzig Schritte", die sie aber nur bis Schritt acht durchhält. Wer den Stoff präsent hat, kann sich allein schon über unnötige Änderungen und Auslassungen ärgern. Kein Wort zu seiner Geliebten Josefa, keine Rückblenden, auch das Baum-Motiv spielt keine Rolle, dafür setzt man auf Meeresrauschen.

Warteraum mit vielen Koffern

All das könnte man zusammen mit dem Verzicht auf die Erzählerfigur noch ins Kriterienfach "geschmäcklerisch" einordnen, hätte der Abend nur irgendeinen Sog oder Schwerpunkt. Einen Strauß bunt gemischter Gefühle gibt es auf der grabenreichen Warte- und Erinnerungsbühne Bernd Schneiders zu sehen, die nach hinten ein gekachelter Warteraum abschließt, wo sich sieben Schauspieler mit obligatem Koffer für ihre Auftritte bereithalten.

In einem überlangen Auftrittsbild erheben sich die Figuren einzeln zur schweigenden Konfrontation mit dem Titelhelden. Doch dann hat die Ruhe schnell ein Ende. Wo für Film und Roman der Hauch von sanftem Humor einnimmt, wird in Heidelberg geblödelt, geschrieen und gewitzelt. Der windige Frisör Kowalski wird bei Paul Grill (mit großem Publikumserfolg) zu lispelnden Charge eines schwulen Frisörs, Ute Baggeröhr gibt Frau Frankfurter stimmlich wie erotisch übersteuert, und Simon Bauer den Micha lediglich als dumpfen Pragmatiker. Das kleine Waisenmädchen Lina, um das sich Jakob kümmert, wird bei Natalie Mukherjee mit viel schauspielerischem Aufwand zur anstrengend-kessen Power-Göre, die alles "abgefahren" findet.

Rätselhafte Menschen, moralische Fragen

Sucht man nach Mimen, die ihrer Figur eine gewisse Ernsthaftigkeit einzuschreiben suchen, so bleiben nur Frank Wiegard und Jennifer Sabel (Rosa) übrig. Natürlich sind in Heidelberg wieder einmal die meisten Rollen zu jung besetzt, und Klaus Cofalka-Adami, dem man die Titelfigur gewünscht hätte, darf sich immerhin quasi-statistisch auf dem Plumpsklo der Besatzer einbringen. Das schmälert die Leistungen des jugendlichen Jakobs Axel Sichrovsky nicht, der ernsthaft, aber nicht selten an der Grenze zum Unbeteiligten spielt. Ihm sind immerhin einige Szenen vergönnt, in denen der Abend beginnt, uns für einen rätselhaften Menschen und moralische Fragen zu interessieren.

Ansonsten bleibt der traurige Stoff eigentümlich fern vom unterbotenen Unterhaltungsprogramm, dass dann doch wieder nicht ohne einige Takte Original-Filmmusik und rudimentäre Videoverbrämung auskommt. Das lässt sich wohl nicht vermeiden an einem Abend, der - dramaturgisch schwach- vornehmlich dahingehend ausgelegt wurde, in Sachen Kolorit weder "Anatevka" noch "Schindlers Liste" nahezukommen. Ganz am Ende, wir ahnen es, können wir der historischen Gewissheit nicht entrinnen, was bleibt sind dicht gedrängte Menschen mit Koffern – und Eisenbahngeräusche.

 

Jakob der Lügner
nach Jurek Becker Bühnenfassung von Martin Nimz und Nina Steinhilber
Europäische Erstaufführung
Regie: Martin Nimz, Bühne: Bernd Schneider, Kostüme: Ricarda Knödler, Video: Achim Naumann d'Alnoncourt, Dramaturgie: Nina Steinhilber.
Mit: Axel Sichrovsky, Paul Grill, Simon Bauer, Jennifer Sabel, Natalie Mukherjee, Frank Wiegard, Ute Baggeröhr, Klaus Cofalka-Adami.

www.theater.heidelberg.de


Mehr zu Martin Nimz: hier besprochen wurden seine Inszenierungen von Maxim Gorkis Sommergäste im Februar 2008 Die Wahlverwandtschaften nach Johan Wolfgang von Goethe im August 2007, beides am Schauspiel Frankfurt. Alles zu Nimz auf nachtkritik.de im Lexikon.

 

Kritikenrundschau

"Ein gelungener Abschluss der zweijährigen Beschä̈ftigung des Heidelberger Theaters mit Filmstoffen (bzw. verfilmten Stoffen) und Stü̈cken zur Shoah", schreibt Volker Oesterreich in der Rhein-Neckar-Zeitung (23.4.2011). Denn aus seiner Sicht hat Martin Nimz' Interpretation des berühmtes Stoffes all das, was man sich von einem Theaterabend wünsche, nämlich "Klarheit und gedankliche Schärfe". An Jurek Beckers berühmten Roman habe den Regisseur "in Anlehnung an Becketts 'Warten auf Godot' – die Situation des Wartens (auf den Tod) mehr interessiert als Jakobs erlogene Radio-Nachrichten", schreibt der Kritiker. Überzeugend aus seiner Sicht auch die Leistungen der Schauspieler. Besonders Axel Sichrovsky als Jakob beeindruckt Oesterreich als "Zeremonienmeister in diesem Wartesaal auf den Tod". Sichrovsky spiele nicht auf äußerlichen Effekt, sondern appelliert durch seine stoische Ausstrahlung an den gedanklichen Tiefgang der Romanvorlage. Auch setze Sichrovsky nicht vollends "auf die clowneske Komik eines Wladimir und Estragon" und konterkariere dadurch die von Martin Nimz bemühten Beckett-Assoziationen, öffne weitere Denkräume damit.

Kommentar schreiben