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Am Kindertotenfjord

von Rainer Nolden

Luxemburg, 27. April. Die Welle türmt sich bedrohlich auf. Jeden Moment wird sie brechen und alles unter sich begraben. Aber sie bricht nicht. Sie bricht nie. Wie eine ewige Bedrohung schwebt sie über den Köpfen der Menschen, denen dazu auch noch der Boden unter den Füßen entzogen wird. Es sind Verlorene und Verlassene, Getriebene und Gescheiterte, Einsame und Erfolglose. Und sie haben Schuld auf sich geladen; Schuld, an der sie zugrunde gehen werden. Kein Lichtblick, nirgendwo. Keine Erlösung in Sicht. Das karge Bühnenbild (von Christoph Rasche), das beherrscht wird von ebenjener Welle, ein Nirgendwo an irgendeinem Fjord, ist ein unwirtlicher Ort, an dem sich gut Selbstmord begehen ließe, wie es die Inszenierung ein oder zwei Mal andeutet.

Der Zauber des Rattenmanns

Aber ist überhaupt real, was wir sehen, was die Menschen oben auf der nahezu leeren Spielfläche erleben? Ist es möglicherweise nur ein Albtraum, in dem der  Augenblick des Todes von Klein Eyolf immer wieder durchlebt werden muss? Das Entsetzliche als endloser Kreis, aus dem es kein Entrinnen gibt? Als Erinnerung, die niemals verblassen, eine Wunde, die nie vernarben wird? "Eyolf Trauma" heißt konsequenterweise die von Regisseur David Mouchtar-Samorai auf siebzig Spielminuten gekürzte Fassung von Henrik Ibsens selten aufgeführtem Spätwerk "Klein Eyolf", das – als Koproduktion mit den Ruhrfestspielen Recklinghausen – im Théâtre National du Luxembourg Premiere hatte. Eine Reduktion, die ein Gewinn ist für dieses symbolisch arg überfrachtete Stück Seelenerforschung, schnurrt die Aussage doch auf das Wesentliche und nach wie vor Aktuelle zusammen: jenes von Ibsen beschworene "Gesetz des Wandels", das auf "Endlichkeit und Verlust zielt".

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In diesem Traumspiel gewinnt auch das Mystisch-Mythische eine Realität ganz eigener Art, in der die Figur des Rattenmannes wie von selbst Plausibilität gewinnt. Ulrich Kuhlmann spielt ihn als eine Mischung aus Nöck und Waldgeist, der den verkrüppelten Titelhelden – seine Behinderung rührt von einem Sturz vom Tisch, den seine Eltern verschuldeten, als sie den Sohn im Rausch des Liebesspiels vergaßen – bezaubert, entführt und ertränkt.

Eine Ehe am Abgrund

Der Tod des Sohnes führt dem Ehepaar die Leere ihrer Beziehung vor Augen. Stand er zu Lebzeiten "wie eine Wand" zwischen ihnen, so zeigt ihnen sein Tod den Abgrund, der sie trennt. Mag am Anfang zwischen Rita und Alfred Allmers lodernde Leidenschaft gestanden haben – bei Alfred spielte auch das "Gold und die grünen Wälder", die seine Frau mit in die Ehe brachte, eine gewisse Rolle –, so ist von diesem Strohfeuer nur die kalte Asche der Gleichgültigkeit übriggeblieben.

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Eyolf Trauma © Bohumil Kosthoryz

Ulrich Gebauers Alfred ist ein Spießer in Schlappen und mit Hosenträgern an den Jeans (!). Wie auf einem Tablett trägt er sein Versagen vor sich her, wenn er behauptet, die Arbeit an seinem Buch über die menschliche Verantwortung, das er ohnehin nie vollenden wird, für seinen Sohn Eyolf unterbrochen zu haben, um eben diese Verantwortung nicht nur theoretisch zu beschreiben, sondern praktisch auszuüben. Zu seiner Schwester Asta, die Nora Koenig als blasses, unentschlossenes, nur vordergründig starkes Wesen spielt, pflegt er ein kaum verdecktes inzestuöses Verhältnis. Asta ihrerseits ist hin- und hergerissen zwischen dem Bruder und dem Wasseringenieur Borghejm, dem einzigen tatkräftigen und zukunftszugewandten Charakter (Luc Schiltz).

Egoismus als Lebensprinzip

Voll und ganz gerecht wird Julia Wieninger Ibsens Charakterisierung von Rita als "Frau aus Fleisch und Blut": Sie kämpft um ihren Mann und den Fortbestand ihrer Ehe, mit Händen und Füßen, mit Tränen, Wut und Sarkasmus – aus durchaus egoistischen Gründen zwar, aber sie, wenigstens, lässt sich nicht unterkriegen. Sie will sich sogar, aber das kauft ihr nicht einmal ihr Mann ab, um die vernachlässigten Kinder im Dorf kümmern, um die Leere, die Eyolfs Tod im Haus hinterlassen hat, zu füllen.

Doch auch das ist letztlich nur eine Demonstration für den Egoismus, der längst zum Lebensprinzip der Eheleute geworden ist: Jeder für sich und keiner für den anderen. Dies schließt, so die bitterste Erkenntnis des Dramas, auch und vor allem das Verhältnis zu Eyolf ein, der nicht als Sohn geliebt, sondern als fleischgewordenes Sinnbild schwerer Schuld gehasst wird – und als Toter niemals vergessen werden kann. Keine Hoffnung, nirgendwo. Keine Erlösung in Sicht.


Eyolf Trauma
von David Mouchtar-Samorai, nach Henrik Ibsens "Klein Eyolf"
Regie: David Mouchtar-Samorai, Bühne: Christoph Rasche, Kostüme: Urte Eicker, Musik: Ernst Becker.
Mit: Ulrich Gebauer, Nora Koenig, Ulrich Kuhlmann, Luc Schiltz, Julia Wieninger, Luca Vaillancourt/Etienne Halsdorf.

www.tnl.lu
www.ruhrfestspiele.de


Kritikenrundschau

"David Mouchtar-Samorai lässt die Eltern weiter und weiter in ihrer sogenannten Liebesbeziehung schürfen, lässt die beiden sich des äußerlichen Schuldverhältnisses, dieser Fassade, entledigen und verzerrt im Rückblick das, was einst Liebe genannt wurde", beschreibt es Dan Kolber im Luxemburger Tageblatt (29.4.2011). So spinne das Stück seine tragischen Fäden um das scheinbar schönste, was der Mensch im Leben kennt: die Liebe und die Familie. "Zwei Illusionen, die Ibsen und Mouchtar-Samorai aus jeder Naivität hinaus in die Wirklichkeit der menschlichen Egoismen zerren." Die Konflikte kreisen dabei in so engem Verhältnis und mit so tiefem Feingefühl um die Psyche der verschiedenen Charaktere, "dass Regisseur Mouchtar-Samoria, sich scheinbar zurückhaltend, geschickt die Handlung ganz in den Darstellungen der Schauspieler versinken lässt, die mit einer sehr überzeugenden Leistung aufwarten".

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