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Was willst Du, hehrer Geist des Bühnenbildners?

von Andreas Klaeui

Zürich, 31. Mai 2011. Die Affiche ist natürlich irreführend. "Hamlet, anschließend Publikumsgespräch": Wir sind schon anschließend. Wer im Publikum hat schon mal einen "Hamlet" gesehen? Wer von den wenigen, die noch keinen gesehen haben, hat eine klare Vorstellung von dem Werk? Das Publikumsgespräch über "Hamlet" ist längst in Gang, dazu braucht es Far A Day Cage nicht.

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"Hamlet" von Far A Day Cage. © Julian Salinas

Auftritt mit Quotenengländer

Wozu braucht es sie? Zum Beispiel, um just dies Publikumsgespräch zu inszenieren. Da sitzen also die Produktionsdramaturgin, der Regisseur, Bühnen- und Lichtbildner: "Tomas, kannst du was über die Arbeitsweise sagen?". "Ja, generell..." Die Schauspieler "machen sich noch frisch" (frisch? wieso? naja, Schauspieler). "Das Stück entsteht im Reden darüber", sagt Tomas Schweigen. "Man kann sich total schwer losmachen von all den Starschauspielern, die Hamlet auch schon gespielt haben", sagt Philippe Graff, der nun auch aufgetaucht ist. "Jesse Inman ist unser Quotenengländer", durchaus passend bei diesem Werk.

Und auf die leichteste Weise sind wir mitten in einem Diskurs über "Hamlet" und seine Rezeption, über kollektive Bilder, die sich übers Stück gelegt haben ("zum Beispiel habe ich immer gedacht, Hamlet spricht 'Sein oder Nichtsein' mit dem Totenschädel in der Hand"), über Darstellungstraditionen und die Arbeit des Schauspielers an sich selbst und die Arbeit des Schauspielers an der Rolle.

47 Sekunden für alle Leichen

"Warum 'Hamlet'?", fragt dann einer. Zufriedenes Grinsen in der Runde. Ja, warum nicht? Der 'Hamlet' von Far A Day Cage ist das Spiel der Erwartungen. Es kann ja nicht darum gehen, die Geschichte zu erzählen – in dreißig Sekunden könne das die Produktionsdramaturgin (es sind dann 47 Sekunden, aber alle Toten vollständig aufgezählt).

Es geht um Interpretationen, um Sprache ("Shakespeares Sprache, auf der man so schön surfen kann"), für den Bühnenbildner geht es ganz eindeutig darum, dass er gern mal einen Geist bauen möchte. Es geht um das Theater im Theater im Theater, um das Spiel mit der Fülle des Materials. Was Far A Day Cage interessiert, sind die Riss- und die Schnittstellen. Wo sich Themenkreise überschneiden; wo sich Bühnenfigur, Schauspieler, Zuschauer treffen und Regisseur, Bühnenbildner und Beleuchter obendrein; wo sich Recherche, Fiktion und dramaturgische Realität ineinander spiegeln.

Ein Geist, der aus dem Nebel kam

Wie die Welten vor und hinter dem Vorhang. Denn nun wird Theater gespielt: aus der Backstage-Perspektive. Natürlich ist dies ein attraktiver Kunstgriff, aber nicht nur. Denn im Grunde geht es bei dieser 'Hamlet'-Recherche ja längst schon um das, was der Untertitel kurz und treffend annonciert: das "Theater". Also die Montage des Kunstbauchs, die Nebelproduktion, Rivalitäten und Liebeleien und die Nervosität vor dem großen Monolog (sowie die zugehörigen Ratschläge: "einfach die Worte denken, schön atmen, dich nicht ständig versprechen") – auch da geht Far A Day Cage in die Vollen.

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Silvester von Hösslin kämpft mit dem Dilemma, zwei Rollen gleichzeitig spielen zu müssen, Jesse Inman bringt viel englische Originaltonlage, die Dramaturgin weist auf Schlüsselstellen hin, der Regisseur "kann nur verlieren", hat aber "eine super Inszenierungsidee", nämlich eine Actionszene in Hamlets Kopf, sogleich auch hochkomödiantisch auf der Bühne. Zauberhaft ist das Schattenspiel im Schnürboden, die "Mausefalle", unendlich zauberhaft der Geist von Hamlets Vater, den Bühnenbildner Stephan Weber nun doch noch auf die Bühne fahren darf.

Es ist ein großer Spaß, dies 'Hamlet'-Spielen – wenn auch in den heranzitierten Spielszenen entschieden zu lang. Da konnten sie sich nicht bezähmen; da hätte eine  Viertelstunde weniger gut getan. Bis es zum finalen Showdown kommt, wieder hinreißend grandguignolesk, und zum anschließenden Publikumsgespräch. Diesmal auf der andern Seite des Vorhangs.


Hamlet, anschließend Publikumsgespräch. Theater (UA)
Regie: Tomas Schweigen, Dramaturgie: Anja Dirks, Produktionsdramaturgie: Linda Best, Bühne: Stephan Weber, Kostüme: Anne Buffetrille, Licht und Technik: Demian Wohler.
Mit: Philippe Graff, Vera von Gunten, Silvester von Hösslin, Jesse Inman, Linda Best, Tomas Schweigen, Stephan Weber, Demian Wohler.

www.gessnerallee.ch
www.faradaycage.ch

 

Kritikenrundschau

Während der Diskussion im Stile eines Publikumsgesprächs hege man die Hoffnung, die Gruppe um den Regisseur Tomas Schweigen könnte über den selbstreferenziellen Witz und die Verhandlung von Klischees hinausgehen, schreibt Andreas Tobler im Tagesanzeiger (3.6.2011): "Man hat die Erwartung, aus den im Gespräch gestreuten Hinweisen würde die 'Hamlet'-Inszenierung allmählich entstehen – in der eigenen Vorstellung und damit in jedem Zuschauerkopf anders." Doch Far A Day Cage wechsle vom Spiel ins Spiel, vom inszenierten Publikumsgespräch in die Mausefallen-Szene. "Doch trotz Spiels mit den Ebenen, der Spiegelung und der Rekursion erreicht 'Far A Day Cage' mit ihrem 'Hamlet' kein interessantes Reflexionsniveau, sondern produziert im zweiten Teil ihres Abends nur noch Leerlauf – und Klischees."

In der Printausgabe der Basler Zeitung (3.6.2011) findet Stephan Reuter den Abend sehr gelungen. "Hamlet" sei jetzt kein ungeheuerliches Drama mehr, sondern degeneriert zum Smalltalk-Stoff, und "Far A Day Cage parodieren diese Schrumpfform des Bildungstheaters sehr vergnüglich". Das Ensemble simuliere eine Vorstellung im Off; wir Zuschauer hingegen erleben das Geschehen hinter der Kulisse. Und am Ende sinniere der Regisseur mitten in die pantomimische Schlächterei hinein über das Wesen finaler Theateraction: Meistens gehe der Showdown schief, so wie alle grossen Pläne. Fazit: "Bei Far A Day Cage ist aber gar nichts schiefgegangen. Warum also noch Hamlet? wegen einem Stück mit grosser Geschichte. Und einer Gruppe mit grosser Zukunft."

Barbara Villiger Heilig schreibt in der Neuen Zürcher Zeitung (3.6.2011): Der "Witz" bei dem "charmanten Volkshochschul-Auftakt" im "entspannten Plauderton" sei, dass so einerseits der Inhalt des Stücks "punktuell repetiert" und andererseits auf "Fragestellungen fokussiert" werde, mit der jede "Hamet"-Produktion sich konfrontiert sehe. Bei Far A Day Cage wirke das "postmoderne Spiel mit dem Spiel" locker, wenn auch mehr "pädagogisch als genial". Silvester von Hösslin wechsele "ulkig-behende" zwischen Claudius und Polonius, Philippe Graff zwischen Hamlet und Laertes, nur von Vera von Gunten als Gertrude und Ophelia reiche der "ironische Modus" dann doch nicht aus, sie singe ihren Seelenschmerz ins Mikroon: "eine Verlegenheitslösung".

 
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