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Theoretische Sommernachtsträume

von Ralph Gambihler

Chemnitz, 29. September 2011. Wenn es so einfach wäre mit der "wahren Liebe", hätte diese sanfte Komödie nicht geschrieben werden können. Man hätte von einem Irrtum sprechen können und der Fall wäre erledigt gewesen. Der russische Theatergründer, Regisseur und Dramatiker Iwan Wyrypajew, 1978 geboren und hierzulande mit seinen Dramen "Sauerstoff" und "Juli" kein Unbekannter mehr, hat es sich aber nicht so einfach gemacht. Sein Vier-Personen-Stück "Illusionen" schreitet unbekümmert einen Kreis aus, in dem die Kategorien "Wahrheit" und "Liebe" schroff aufeinander treffen. Und nicht nur das: die Menschen, die Wyrypajew ins Rennen schickt, fragen auch noch treuherzig und hartnäckig nach der "wahren Liebe". Etwas anderes interessiert sie gar nicht mehr.

Letzte Bekenntnisse
Zwei Paare jenseits der 80, beide seit Ewigkeiten verheiratet, zugleich untereinander befreundet, auch seit Ewigkeiten. Die Jahrzehnte sind verflogen, das Leben war schön und geht nun zu Ende. Zeit für Bekenntnisse und letzte Wahrheiten - auch unbequeme. Danny ist der erste, der auf dem Sterbebett liegt. Er dankt seiner Frau Sandra überschwänglich und schwer pathetisch für die große wunderbare Liebe, mit der sie ihn beschenkt habe. Nur in der Liebe habe er sich überwinden können, seinen Egoismus, seine Faulheit, seine Angst. Danach gesteht er ihr, dass er manchmal scharf auf Margret gewesen sei, die Frau seines besten Freundes und Trauzeugen Albert. Es sei aber nichts passiert.

Nach Dannys Tod stirbt Sandra, und auch sie muss in ihrer letzten Stunde etwas enthüllen. Gegenüber Albert bekennt sie, dass sie heimlich nur ihn geliebt habe, bei allem Glück mit ihrem Mann Danny. Albert gerät nach dieser Beichte in eine präsenile Herzensverwirrung. Er glaubt auf einmal zu erkennen, dass er doch nicht seine Frau Magret liebt, sondern eigentlich Sandra – eine späte Einsicht. Als dann auch Margret der Tod bevor steht, eröffnet die Sterbende ihrem Mann Albert, dass sie ihn die ganze Zeit mit Danny betrogen habe. Und verschweigt, dass es sich bei dieser Beichte um einen Scherz handelt. Margret ist, wie es rückblickend heißt, "eine Frau, die Humor hatte".

Sanft schlingernd
Große Gefühle also, Trugbilder der Liebe auch noch im hohen Alter, "Illusionen" eines verpassten oder vielleicht auch nur theoretischen Sommernachtstraums, gefasst und eingepasst in eine Zwei-Paare-Story. Das ist eigentlich der Stoff, bei dem die Fetzen fliegen. Iwan Wyrypajews Text, ein Auftragswerk für das Chemnitzer Theater, der nun, zur Spielzeiteröffnung, in der neuen Zweitspielstätte Ostflügel uraufgeführt wurde, arbeitet indessen ohne dramatischen Funkenflug. Weitab von den Wohnzimmerschlachten Edward Albees oder Yasmina Rezas und auch viel leiser als in seinen bisherigen Stücken umkreist der Autor sein Thema mit sanften Schlingerbewegungen, leise ironisch, wortreich, leicht verdaulich, nicht sehr russisch, eher britisch.

Der wichtigste, im Grunde leitmotivische Satz hat einen philosophischen, sentimentalen und womöglich auch beziehungspraktischen Drall: "Wahre Liebe beruht immer auf Gegenseitigkeit!", lautet er. Er wird beschworen und in Zweifel gezogen. Er ist der viel zitierte und negierte Glaubenssatz des Abends. Wyrypajew thematisiert mit ihm die Sicht der Dinge in Amors großem Garten, blickt auf all die kleinen sozialen, ideellen, sittengeschichtlichen oder vielleicht auch nur kitschigen Zutaten in Amors Garten. Neudeutsch gesprochen, geht es ihm um die Frage, ob die Liebe eine Konstruktion ist oder nicht.

Mitten im Geschehen
Regisseur Dieter Boyer und seine vier Spieler nehmen den Text als Partitur und machen aus ihm einen gediegenen, zu Herzen gehenden, etwas brav und konventionell wirkenden Wohlfühlabend, der niemandem weh tut. Als Raum hat Ralph Zeger dafür eine Mischung aus Lounge und Wartesaal kreiert. Die Zuschauer sitzen mitten im Geschehen.

Da der Text eher epischer Natur ist und sein struktureller Hauptreiz in der Spiegelung durch vier Erzählerfiguren liegt, die keine Gewissheiten aufkommen lassen und die Absolutheiten, zu denen der Mensch beim Thema Liebe neigt, verwackeln und in eine multiperspektivische Historiographie zweier Ehen verpacken, stehen Susanne Stein, Laina Schwarz, Michael Pempelforth, Hartmut Neuber vor einer großen darstellerischen Herausforderung. Sie machen ihre Sache gut. Man schaut ihnen gerne zu beim fliegenden Wechsel zwischen Erzählerfiguren und Rollen, beim gestikulierenden Sprechen, beim Singen schmachtender Popsongs von Haddaway, Tom Waits und Joy Division, beim Filmen von Videostandbildern, in denen die Welt des Quartetts im Legoformat wiederkehrt. Und doch mangelt es dem Abend bisweilen an Farbe und Lebendigkeit. Unter dem Gesichtspunkt der Bühnenwirksamkeit ist Wyrypajews Stück ein grober Klotz. Trotzdem: warmer Applaus nach anderthalb Stunden.

Illusionen (UA)
von Iwan Wyrypajew, aus dem Russischen von Stefan Schmidtke
Regie: Dieter Boyer, Ausstattung: Ralph Zeger, Musik: Bernhard Fleischmann, Dramaturgie: Esther Holland-Merten.
Mit: Susanne Stein, Laina Schwarz, Michael Pempelforth, Hartmut Neuber

www.theater-chemnitz.de


Mehr zu Iwan Wyrypajew? 2009 inszenierte Florian Flicker sein Monologstück "Juli" am Schauspielhaus Wien.


Kritikenrundschau

Dieter Boyers Inszenierung unternehme gar nicht erst den Versuch, vier Schauspieler in der Blüte ihres Lebens in über 80-Jährige im Jahr 2022 zu verwandeln, schreibt Marianne Schultz in der Freien Presse (1.10.2011). "Sie dürfen nochmal jung sein, fünfzig Jahre zurückgehen vom Ende auf 'Anfang', die frühen 1970er-Jahre, und ihr Leben aufrollen. Das Inszenierungsteam setzt das Publikum mitten hinein ins Geschehen." Schick verpackt sei das, doch das Stück bleibe im Nebel allzu vieler Worte eine Behauptung von Liebe. "Was nicht heißt, dass die Lust auf der Strecke bleibt, denn das Spiel Auge in Auge gelingt Susanne Stein und Laina Schwarz, Michael Pempelforth und Hartmut Neuber (neu im Ensemble) hervorragend."

Johanna Lemke von der Sächsischen Zeitung (1.10.2011) kommt sich in Boyers Inszenierung so vor, als säße sie "in einer Gruppe von Bekannten und bekäme eine schöne Geschichte erzählt". Darin gehe es "um die wahre, die einzige Liebe, es geht vor allem aber um all die Illusionen, die sich um sie ranken". Die Schauspieler kämen vom Erzählen zur Publikums-Interaktion, projizieren Filme, legen Platten auf "und singen herzzerreißend. Die Bühne wird zum Versuchslabor der Liebe, in dem alle gemeinsam forschen – auch die Zuschauer." Der intime Raum schaffe eine "extreme Dichte, der man sich nicht entziehen kann". Und wenn alle vier "What is love" schmettern, "liegen Kitsch und Schönheit direkt nebeneinander". Das intensive Schauspiel mache "nachdenklich und auf eine stille Art und Weise froh. Ein einnehmender Abend, der nachwirkt."

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