alt

Kammer statt Spiel

von Kai Bremer

Osnabrück, 25. November 2011. Aus den Lautsprechern scheppern, nicht besonders laut, Schlachtlärm und Trommelwirbel. Ein Knall – und ein riesiges schwarzes Tuch wird zur Seite gerissen. Es gibt den Blick frei auf einen Quader, in dem drei Kammern oben, drei unten mit stählernen Wänden und Böden symmetrisch übereinander angeordnet sind. Die Kammern sind just so hoch, dass die größeren der drei Männer oben und der drei Frauen unten sich leicht in diesem metallenen Setzkasten beugen müssen, wenn sie stehen wollen. Selbst beim Schlussapplaus wird Regisseurin Anne Lenk ihren Schauspielern nicht gestatten aus dem Quader herauszutreten.

Die Osnabrücker Uraufführung von Ceridwen Doveys Roman "Der Koch, der Maler und der Barbier des Präsidenten" hat so den Begriff des Kammerspiels auf für Schauspieler anstrengende Weise neu akzentuiert (Bühne und Kostüme Judith Oswald). Das bringt einige Folgekosten wie Versprecher und Schwierigkeiten bei den Einsätzen mit sich, was aber nicht nicht sehr stört.

Künstler des Alltags

Anne Lenk stellt sich mit diesem Bühnenbild ostentativ der Herausforderung, die die Erzählperspektive des Romans stellt, denn erzählt wird hier durch innere Monologe. Dem Titel entsprechend, hat er drei Hauptfiguren: den Koch (Thomas Schneider), den Maler (Tilman Meyn) und den Barbier (Alexander Jaschik). Sie alle dienten dem Präsidenten eines totalitären Landes.

Nach dem Putsch nun müssen sich die drei Künstler des Alltags mit der neuen Situation arrangieren, da sie doch dem Präsidenten – wenn auch auf unpolitische Weise – sehr nahestanden. Ergänzend zu ihnen sprechen drei Frauen: die Verlobte des Bruders vom Barbier (Magdalena Helmig), die Tochter des Kochs (Ellen Céline Günther) und die Frau des Malers (Franziska Arndt). Letztlich aber geht es nicht um Alltagsopportunismus, sondern um die Beziehungen der Männer zu den Frauen, um Traumata, Verletzungen und Leidenschaften.

Das Schmachten der Männer

In der Inszenierung wird das abgebildet, indem die Männer in den drei Kammern über den Frauen stehen – alle farblich gut akzentuiert in poppigen Farben wie eine Mischung aus Puppentheater und Cindy aus Marzahn. Andererseits aber durchbricht Lenk die Distanz durch vorsichtige Dialogisierungen. So wird das Schlaglichtartige des Romans ausdifferenziert, und die Beziehungen zwischen den Figuren werden klarer. Gleichzeitig wird den Männern weit weniger Möglichkeit als den Frauen gegeben, sich in dem ohnehin engen Raum zu entfalten.

© UweLewandowski
Der Osnabrücker Setzkasten © UweLewandowski

Tilman Meyns Maler sitzt einen größeren Teil des Abends in seinem Kämmerlein und sehnt sich schmachtend nach seiner schwangeren Frau. Auch Alexander Jaschiks Barbier hat jenseits von einigen lustigen Augenrollern und der Herausforderung, sich auf engem Raum an- und umzuziehen, wenig zu tun. Thomas Schneider als Koch, in der Mitte der drei Männer und damit zugleich die Zentralgestalt der Inszenierung, darf wenigstens sein gut genährtes Bäuchlein reiben und in Erinnerungen an einstige Liebschaften schwelgen, so dass eine Ahnung aufkommt, dass der Mensch unter der großen Kochmütze mehr ist als nur eine Type in einer Haupt- und Staatsaktion.

Der Ekel der Frauen

Im Unterschied zu ihnen dürfen die drei Frauen intensiver ihr Potential zeigen. Besonders beeindruckend ist Franziska Arndt, die lange vom Publikum abgewendet in ihrer Box steht. Als sie aber in die Handlung integriert wird, sprüht aus ihrem Gesicht der Ekel über ihren Mann, der einfühlsam mit ihrer Schwangerschaft umzugehen versucht. Ihr Ekel ist Folge dessen, was ihr andere Männer angetan haben. Schlagartig kann er durch kühle Blicke oder sanfte Augenaufschläge abgelöst werden. Diese Frau weiß, wie sie sich Männer vom Leib hält – bis ihre Fassade zerbröckelt, da sie sich schreiend erinnert, wie der inzwischen abgesetzte Präsident sie vergewaltigt hat, und ihr zugleich klar wird, dass er ihr Vater ist.

Nachdem zu Beginn der Spielzeit Sofi Oksanens latent feministisches Stück Fegefeuer in Osnabrück inszeniert wurde, befragt nun bereits eine zweite Inszenierung die literarische Arbeit einer zeitgenössischen Autorin im Hinblick auf ihr Theaterpotential und ihre gesellschaftliche Position. Allein schon weil es sich in beiden Fällen nicht um wirkliche Bestseller handelt, ist das ein mutiges Unterfangen – zumal beide Autorinnen ein klares Weltbild zum Ausdruck bringen: hier die politisch wie sexuell herrschenden Männer, da die durch sie verstörten oder zerstörten Frauen.

Vor zehn Jahren wäre dem mancher Kritiker vielleicht mit einem coolen Lächeln und einem Judith Butler-Zitat entgegengetreten, um den schlichten Geschlechter-Dualismus auszuhebeln. Er irritiert auch weiterhin. Aber offensichtlich ist es an der Zeit, sich klar zu machen, wie setzkastenartig junge Künstlerinnen die Welt wahrnehmen.

Der Koch, der Maler und der Barbier des Präsidenten
Uraufführung des Romans von Ceridwen Dovey, deutsch von Sabine Roth
Regie: Anne Lenk; Bühne, Kostüme: Judith Oswald; Dramaturgie: Hilko Eilts.
Mit: Franziska Arndt, Ellen Céline Günther, Magdalena Helmig, Alexander Jaschik, Tilman Meyn, Thomas Schneider.

www.theater-osnabrueck.de


Kritikenrundschau

"Atemberaubend genau durchdacht", gar "brillant" findet Christine Adam Anne Lenks Regiekonzept in der Neuen Osnabrücker Zeitung (28.11.2011). Die sechs Darsteller setzten alle mit lebendig sprudelndem Sprachvermögen den Kontrapunkt zur vorzüglichen formalen Konzentration der Ur-Inszenierung. Adams Fazit: "Die noch junge Ära Ralf Waldschmidts fängt an, mit ihrer staunenswerten Vielfalt hochaktueller Inszenierungsstile zu faszinieren - Chapeau!"

Natürlich sei die Adaption eines Romans fürs Theater immer eine riskante Angelegenheit, befindet ein deutlich weniger begeisterter Karlheinz Arndt in den Westfälischen Nachrichten (28.11.2011). Anne Lenk gehe auf Nummer sicher, indem sie die sechs Ich-Erzähler der Romanvorlage monologisieren lasse. Lenk nehme dadurch in Kauf, dass sich die dramatische Geschichte und das Beziehungsgeflecht der Romanvorlage nicht entfalten könnten, "die Texte bleiben meiste plakativ und unverbunden nebeneinander stehen". Ceridwen Doveys Fabel werde so zum knatsch bunten Kuriositätenkabinett verfremdet, "die Sinnlichkeit brodelt nicht, sie plätschert gefällig daher".


Kommentar schreiben