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Am Rande des Nervenzusammenbruchs

von Martin Pesl

Wien, 26. Januar 2012. Ella (Hilde Dalik), ist so dumm, dass sie denkt, Autistin sei ein Beruf. Natürlich vergeht nicht viel Zeit, bis sie von ihren Freundinnen im Streit als Blondine beschimpft wird. Das ist witzig, weil sie ja auch tatsächlich blond ist. Nathalie (Alexandra Krismer) kommentiert ihre Freundinnen stets mit zynischer Zunge und sagt über ihr klein geratenes Söhnchen Max: "Mini ist das neue Maxi!" Sobald das Wort "Sex" fällt, schickt sie ihn panisch zum Ententeich spielen.

Vier gute Freundinnen

Auf diesem Spielplatz in Igor Bauersimas Uraufführungsinszenierung des neuen Stückes seiner langjährigen Mitarbeiterin und Koautorin Réjane Desvignes sind die Kinder ohnedies unsichtbar. Ihnen wird nur aus der Ferne gelegentlich etwas zugerufen. Oder sie werden zum Scherz entführt, wie das Baby von Vivi (Silvia Meisterle), die, um ihren Freundinnen einen Streich zu spielen, nach dem Zahnarztbesuch eine allergische Reaktion auf die Spritzen vortäuscht, die sie taubstumm sein lässt. Inès (Sona MacDonald) schließlich ist vielfache Mutter und abermals hochschwanger, bis sie unter Qualen während der letzten fünfzehn Minuten, Unterleib voran in einer Baumhöhle steckend, die Geburt vollziehen muss. "Wenn ich nicht so viele Kinder hätte, würde ich mich aus der Welt zurückziehen", seufzt sie einmal. Darauf das Dummchen: "Ah, ein Spa, das wäre jetzt was!"

Sitcom-Dialoge dieser Art führen durch einen Einakter, in dessen Verlauf auch noch ein New Yorker Komiker namens Zach und ein bekiffter Eisverkäufer namens Jack zentrale Bedeutung erlangen. Letzterer ist auch für den Titel "Jackpot" verantwortlich. Die Frauen lieben, beschimpfen, prügeln einander (wofür sogar ein Kampfchoreograph bestellt wurde), lassen kein Zickenkriegsklischee aus.

Verweis auf die Filmgeschichte

Mit etwas Abstraktionsgabe erinnert diese Farce an eine Folge der "Golden Girls" in jünger, mit viel Wohlwollen an schrille Pedro-Almodóvar-Filme wie "Frauen am Rande des Nervenzusammenbruchs". Grellbunt ist dabei neben Teilen des Kostümbilds vor allem die Spielweise der Damen: Erratisch exerzieren sie innerhalb kürzester Zeit alle Emotionen von Verzweiflung und Rachedurst (Inès: "Etwas Alttestamentarisches ist in mir erwacht!") bis besonnene Weisheit (Vivi: "Faulheit war der Motor deines Lebens, und Jack war die Kühlerfigur.") durch. Obendrein doppelt Bauersima jede der unzähligen, in der Logik der Verfasserin ungeheuer dramatischen Wendungen des Plots mit Filmmusik in der entsprechenden Stimmungslage.

jackpot8 560 erichreismann uKampfkunst in "Jackpot" © Erich Reismann

Das soll vermutlich ironisch überhöhen, aber so ein Augenzwinkern kommt eben nicht an bei einer Geschichte, die derart panisch um Integrität bemüht ist. Als wäre es nicht sowieso an den Haaren herbeigezogen, dass die ganze Zeit ein im Kinderwagen verstecktes Handy alle Gespräche nach New York übertragen hat, fügt Vivi noch hinzu, "die Wand da hinten" habe alles bestens reflektiert. Vivi ist nämlich Physikerin, daher interessiert sie sich für so etwas.

Strapazierter Humor

Gute Frauenrollen sind in der Dramenlandschaft dünn gesät, ein Stück für ein gut gelauntes Damenensemble müsste also auf Dankbarkeit stoßen. Nur hat man sich unter guten Frauenrollen eben nicht durchwegs hysterische, einander hintergehende Klatschtanten, die übers Fernsehen reden und nur Männer und Sex im Kopf haben, vorgestellt. Die Komik hält sich also in Grenzen: Das, was die Freundinnen einander alles verheimlichen, kann auch das Publikum unmöglich durchschauen. Um zu lachen, müssten wir aber schlauer sein (wollen) als die Akteurinnen. So beschränken sich die Lacher auf kuriose Spontangebärdensprache im Umgang mit der angeblich gehörlosen Vivi.

Dem Publikum der Josefstadt, im Besonderen jenem der bekennend boulevardaffinen Kammerspiele, eilt der Ruf voraus, leicht zu unterhalten zu sein. Das wird hier beinhart ausgereizt.

Jackpot (UA)
von Réjane Desvignes, Deutsch von Igor Bauersima
Regie und Bühne: Igor Bauersima, Kostüme: Johanna Lakner, Kampfchoreographie: Martin Woldan, Dramaturgie: Katharina Schuster, Licht: Franz Henmüller.
Mit: Alexandra Krismer, Hilde Dalik, Silvia Meisterle, Sona MacDonald.

www.josefstadt.org

 

Kritikenrundschau

Réjane Desvignes' "Jackpot" sei "an Seichtheit, die bald in Langeweile mündet, kaum zu überbieten", schreibt Norbert Mayer in der Presse (28.1.2012). "Schade um die vier Darstellerinnen, die brav ihre überzeichneten Parts spielen." Leicht Durchschaubares werde umständlich dargeboten, dazu gebe es "Behindertenscherze bis zum Abwinken". Fazit: Es sei "bemerkenswert, wie lange knapp 90 Minuten subjektiv sein können".

Auch Ronald Pohl verharrt im Standard (28.1.2012) überwiegend bei den "ärgerlichen Seiten" des Stücks: "In Desvignes' Schmonzette wird dort weitergemacht, wo Mad Men nicht vom Fleck kommt: Ihr Stück weiß es besser, weil es aktueller ist. Es braucht gar keine auftretenden Männer, um Frauen als notgeil zu denunzieren." Wobei das alles "kein Beinbruch wäre, würden einem Malheurs wie das Platzen der Fruchtblase nicht unausgesetzt als veritable Spaßvergnügungen vor Augen geführt. Gegen die Zumutungen des Textes verblassen die handwerklichen Meriten."