Die Kinder mögen es

von Petra Kohse 

Berlin, März 2007. Der "Räuber Hotzenplotz" ist immer noch die perfekte Kindergeschichte. Zwar verweisen gestohlene Kaffeemühlen, vertauschte Mützen und strafweises Kartoffelschälen heutzutage nur noch bei den Allerkleinsten auf die wirklichen Abgründe des Lebens. Aber die Mischung des Identifikationspersonals und ihrer entsprechenden Prinzipien lässt auch Grundschulkindern nichts zu wünschen übrig: der Gesetzesbrecher (Hotzenplotz), die zu verteidigende Versorgungsinstanz (Großmutter), das schlaue Anführerkind (Kasperl) und der treuherzige Mitmacher (Seppl), die scheinbar unüberwindliche Erwachsenen-Infamie (Zauberer Zwackelbart), die Nutzlosigkeit staatlicher Hilfe (Dimpfelmoser), die skurrile Unberechenbarkeit heiratswilliger Nachbarinnen (Witwe Schlotterbeck) und natürlich das Wunderbare einer echten, hilfreichen Fee (Amaryllis), die aber erst befreit werden muss.

Schlauheit gegen Schlendrian

Ja, auch 45 Jahre nach dem Ersterscheinen des Buches von Otfried Preußler erfüllt der "Räuber Hotzenplotz" noch immer seine systemstabilisierende Funktion, im Dienste der Ordnung Schlauheit gegen Schlendrian zu mobilisieren. Die jüngste, überaus kostümfreudige Verfilmung des Stoffes von Gernot Roll, mit Rufus Beck, Christiane Hörbiger, Armin Rhode und Katharina Thalbach hat die Folklore so fett wie familienunterhaltsam zu nutzen gewusst. Gegen Rhodes dicht ans Kameraobjektiv gepresste Dicknase ist schwer anzukommen, und definitiv versperrt er den illusionistischen Weg damit für die nächsten zehn bis fünfzehn Jahre.

Was das Theater nicht anficht. Zumal das Theater der Gruppe Showcase Beat Le Mot, jener Performer Gießener Schule, die von der Musik bis zum Abwasch immer alles selber machen in ihren Vorstellungen und denen es fern liegt, so zu tun, als wollten sie in so etwas wie eine Rolle schlüpfen.

Das Theater an der Parkaue, Berlins staatliches Kinder- und Jugendtheater, hat – in Koproduktion mit dem Forum Freies Theater Düsseldorf – Nikola Duric, Thorsten Eibeler, Dariusz Kostyra und Veit Sprenger beauftragt, sich den Hotzenplotz vorzunehmen, und so haben die vier Männer in den besten Jahren zusammengesammelt, was ihnen zum Thema einfiel (Kaffeemühle, Säbel, Hotzenplotz-Cassetten), es, figurenweise gebündelt, auf Sperrholzgestelle genagelt und tragen diese zur Kenntlichmachung ihrer jeweiligen Spielhaltungen beim Erzählen der Handlung mit sich herum.

Postmoderne Performance für Kinder

Amerikanische Sandwich-Men und Carrol'sche Spielkarten-Leute zugleich, ein offensiver und ironischer, spielerisch-spielverweigernder Umgang mit der Geschichte der Geschichte. Kindern ist diese Ebene ein Rätsel ("Es war klasse, Mama, aber warum stecken sie in diesen Gestellen?"), die Darsteller aber brauchen dies, weil sie sich die volkstümlichen Codes damit buchstäblich vom Leibe halten können, ohne sie verschweigen zu müssen.

Hotzenplotz an der Berliner Parkaue also, postmodernes Performance-Theater für Kinder, in einem Studioraum des Hauses, über den ersten Hof rechts. In der Mitte eine Art Festung aus Sperrholz, bekletterbar und begehbar, an der rückwärtigen Bühnenwand einige Monitore, um die Festung herum die beschriebenen Sperrholzgestelle und die Darsteller in verschiedenfarbigen, gleichermaßen glänzenden Ganzkörpereinteilern, freundlich und von geradezu antidramatischer Gelassenheit. Sie sind alle ganz bei sich. Wach zwar und jederzeit ansprechbar. Aber so entspannt, als würden sie im heimischen Schrebergarten am Grill stehen. Bloß kein Aufhebens machen. Bloß kein Theater.

Da geht Veit Sprenger langsam zum Großmuttergestell, hievt es auf die Schultern, setzt sich einen riesigen Kaffeewärmer auf den Kopf und singt ein orientalisch inspiriertes Lied. Dann schlendert Thorsten Eibeler heran, nimmt die Mühle weg und kehrt kurz darauf, mit anderem Gestell, seelenruhig als Dimpfelmoser wieder. Es ist lustig, es ist befremdlich, es ist zum Mitmeißeln und doch nicht wirklich leicht zu verstehen.

Er will nicht auf ein Auto spar'n...

Die Kinder mögen es. Sie bringen genug eigene Hotzenplotz-Vorstellungen mit, um die dazugehörigen Elemente noch in der Abstraktion zu erkennen. Sie genießen es auch, ohne emphatisches Erwachsenen-Kind-Gefälle auf Augenhöhe angesprochen zu werden.

Sie können das gelegentliche Grinsen der vier Darsteller wahrscheinlich nicht verstehen, mögen es überflüssig finden, was sich auf den Monitoren zusätzlich in einem Park abspielt, halten sich aber an den echten Kunstfertigkeiten der Gruppe schadlos. Am Hotzenplotz-Ragga etwa (Musik: Miguel Ayala), der das Anarchische der Figur tanzbar macht: "Er will nicht in den Urlaub fahr'n/ er will nicht auf ein Auto spar'n/ will nicht versichert sein gegen Diebstahl, Wasser, Brand/ er will nicht aufräumen/ in den Verkaufsräumen/ er lebt im Wald mit seiner Wumme in der Hand (...)". Oder an den effektvollen Zauberkunststücken, die Sprenger als Petrosilius Zwackelbart vollführt.

Recht und Unrecht haben den gleichen Sound

Auch Nikola Duric als Kasperl und Dariusz Kostyra als Seppl kommen in ihrer weißwurstigen Gemächlichkeit gut an, wobei der durchaus taillenstarke Kostyra die Belastbarkeit des Publikums etwas zu sehr strapaziert, wenn er mit blonder Perücke auch noch Amaryllis sein will. Aber vor der Fee-Szene liegt die Pause, in der die Performer auf der Bühne für alle dänische Hotdogs zubereiten, und da sind die Kinderherzen dann sowieso gewonnen.

Showcase Beat Le Mot erzählen nicht direkt vom Hotzenplotz. Sie erinnern daran, und zwar auf eine Weise, die das Publikum fröhlich und selbstbewusst entlässt und nicht enttäuscht, weil die Sache zuende ist. Und im Gegensatz zum expliziten Aufklärungstheater wird mit den Kindern hier gemeinsame Sache gemacht. Wobei die Moral trotzdem nicht zu kurz kommt. "Isser Böser der Räuber? Jou, isser Böser der Räuber" – wer erfährt, dass Recht und Unrecht den gleichen Sound haben in dieser Welt, hat das Wesentliche zum Thema gelernt.

(leicht gekürzt zuerst erschienen in Theater heute 6/2007)

 

Der Räuber Hotzenplotz
von Otfried Preußler
Von und mit: Showcase Beat le Mot (Nikola Duric, Thorsten Eibeler, Dariusz Kostyra und Veit Sprenger), Musik: Muguel Ayala.

www.showcasebeatlemot.de 

 

 

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