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Ich. Deutscher. Leidend.

von Sophie Diesselhorst und Esther Slevogt

Berlin, 25. Februar 2012. Für eine Geisterbeschwörung herrscht genau das richtige Wetter – regnerisch und windig ist es draußen vorm Maxim Gorki Theater. Drinnen im Warmen geht es um 16 Uhr los mit einer szenischen Lesung der Tagebücher des Universalkünstlers Einar Schleef, die, von 1953 bis 2001 chronologisch vorgehend, in 30 Szenen ungefähr acht Stunden dauern soll.

"Lyrik ist halt mit Vorsicht zu genießen"

von Sophie Diesselhorst

Kleine Vorbemerkung: Die diesen Anfang schreibt, ist eine Nachgeborene. Sie hat Schleef weder erlebt noch eine seiner Inszenierungen gesehen oder seine als "Tagebücher" verkleidete Autobiografie en detail studiert, auf der die Mini-Inszenierungen dieser "Langen Nacht" im Maxim Gorki Theater basieren. Zu welchem Zweck veranstaltet man so eine Lange Nacht? Für eine fundierte Auseinandersetzung mit Schleef ist eine Viertelstunde pro Regisseur, in diesem Reigen werden sie "Paten" genannt, wohl zu kurz. Also wozu: um (sich) zu erinnern, um einen Geist, den Geist zu beschwören?

schleefnacht1 280 bettina stoess uSchleef-Leser vom Gorki-Ensemble
© Bettina Stoeß
Diese Idee führt Gorki-Schauspielerin Aenne Schwarz in ihrem Beitrag zum Jahr 1981 ad absurdum. In ein aufwändiges Vogelkostüm gefedert, tapert sie auf die Bühne und liest Schleefs Brief an eine Möwe vor, die er im Schlosspark Charlottenburg verletzt aufgelesen hat. Dieser Möwe, die er Arthur tauft, klagt Schleef wie sonst seinen Lieben oder sich selbst sein aktuelles und sein ewiges Leid. "Von Herzen, Einar" endet der Brief an das Vogeltier – das in Gestalt von Aenne Schwarz anschließend aufsteht und mit bewundernswürdigem Mut zum Spleen ausgiebig vorführt, wie es nicht fliegen kann. Die seltsame Performance endet mit einem trockenen Schulterzucken, mit dem Schwarz die Idee, sich auch nur Schleefs Möwe anzuverwandeln, wegtut.

So einer, der Einar

Vor dieser Grenzziehung sind einige der "Paten" der Versuchung erlegen, Schleefs selbstentäußernden Texten in ein Close-Up nach dem Motto "So einer war er, der Einar" zu folgen. Zum Beispiel Hilke Altefrohne, die in Schleefs Schulzeit getaucht ist und ein riesiges, buntes Gemälde voller barbusiger Nixen mitgebracht hat: Die Reproduktion eines Jugendwerks, das Schleef zum Schmuck des Schulgebäudes malte.

Mit Hilfe des Autors Holger Hof, der im selben Jahr wie das Originalbild, also 1961, das Licht der Welt erblickte, und ihres Schauspielerkollegen Andreas Leupold trägt Altefrohne elegant-rasant die tragische Geschichte des Nixentableaus vor, das Schleef im letzten Moment vor dem zensierenden Eingriff der prüden Schuldirektion gerettet und später in Einzelteilen weiterverkauft haben will. Der Clou der ganzen Sache ist das P.S., in dem ein anonymer Zeuge des Ganzen zitiert wird, der sich anders erinnert, die Nixenbrüste seien einfach übergemalt worden. Schleef konnte demzufolge nur "Nein, nein" schreien – und die ganze Geschichte in seinem Tagebuch um-erinnern.

Erotische Eskapaden

Auf verwandter Fährte ist Jorinde Dröse unterwegs, die ihren Schleef-Darsteller Albrecht Abraham Schuch erst still vor sich hinleiden und schließlich Johnny Cashs "Hurt" anstimmen lässt, während auf einer Leinwand im Hintergrund die Erinnerungen an die unglückliche Nicht-Affäre mit Florian Havemann schriftlich reproduziert werden. Auf Schleef und den Sex kapriziert sich auch Julischka Eichel, die im monotonen Stakkato Tagebuch-Berichte erotischer Eskapaden aus dem Jahr 1967 verliest, die der Autor mit dem Überdruss an seiner Dauer-Freundin rechtfertigt. Schleef, das ganz normale A...?

Spannender wird es, wo die Selbst- und Lebensstilisierung nicht nur mit den Mitteln der Kunst geschmückt, sondern selbst für Kunst genommen wird – zum Beispiel im Beitrag von Antú Romero Nunes. Da skandiert ein Senioren-Chor Schleefs Erinnerung an den 17. Juni 1953; die künstliche Sprache der lange Jahre später erinnerten kindlichen Verunsicherung wird weiter verfremdet, gesamplet und rhythmisiert. "Erinnerung ist Arbeit!" rufen die "Golden Gorkis".

Auf Schleef-Erkundung in Südtirol

Erinnerung kann auch peinlich sein – wie zum Beispiel die an das Jahr 1968, das Noch-Gorki-Chef Armin Petras bespielt. Die Peinlichkeit der Schleefschen Selbstbezogenheit in einem Jahr der gesellschaftlichen Umbrüche wird schmerzlich spürbar, wenn Petras gemeinsam mit Berit Jentzsch die tschechische Flagge tanzt. In blau und rot winden sich die beiden um die weiß gekleidete Julischka Eichel herum, die, ungerührt sitzend, von Schleefs Theaterkomplexen berichtet.

In die Top Three der Aufforderungen zum Fremdschämen (die diese Nachgeborene hier vor allem beeindruckt haben) gehört schließlich – neben den Szenen von Aenne Schwarz und Armin Petras – der Film-Beitrag von Michael Klammer. Der Gorki-Schauspieler bekennt zunächst freimütig, dass der Name Einar Schleef ihm gar nichts gesagt habe, als er gefragt wurde, ob er etwas zur "Langen Nacht" beisteuern möchte.

Auf Schleef-Suche ging er dann in seinem südtirolerischen Heimatdorf, wo er, wenig überraschend, auf Co-Ignoranz stieß. Also setzte er seinen Nachbarn und Freunden Schleef-Texte vor und ließ sie vor der Kamera vorlesen. Herausgekommen ist eine kleine Sammlung von Schleef-Erstbegegnungen bar jeden falschen Respekts. Habt ihr denn Lust, euch jetzt weiter mit Schleef zu beschäftigen? fragt Michael Klammer im Anschluss seine Vorleser. Und einer bringt es auf den Punkt: "Lyrik ist halt mit Vorsicht zu genießen."

 

Der mit dem Schleef tanzt

von Esther Slevogt

Dass man von sich sagen kann, man hat Schleef erlebt, hilft natürlich auch nicht weiter. Erlebt auf der Bühne zum Beispiel als einen gegen den Orkan der Publikumsablehnung seinen Brechttext anschmetternden Puntila in der eigenen (und ziemlich epochalen) Inszenierung von "Puntila und sein Knecht Matti" im Februar 1996 am Berliner Ensemble. Oder als verlorenen Kämpfer im endlosen Weiß des Bühnenraums seiner letzten Arbeit "Verratenes Volk", die ein Jahr vor seinem Tod im Deutschen Theater Berlin herauskam.

Denn trotzdem bleibt man Nachgeboren. Westgeboren dazu, von wo aus man besonders schmerzlich aus dem eigenen dürftigen Leben nach "drüben" schaute, seit man selber zu denken begonnen hatte, irgendwann Mitte, Ende der 1970er Jahre. Dorthin, wo das Leben irgendwie noch historisch kontextualisierbar schien. Nicht lediglich konsumierbar. Weshalb man die Teilung des Landes in eine Ostzone und eine Fußgängerzone als Jugendliche besonders schmerzlich empfand – (besiegelt übrigens auch an einem 9. November, als 1953 in Kassel die erste Fußgängerzone der BRD eröffnet wurde, weswegen das Jahr 1953 auch ganz anders besetzbar wäre als mit dem 17. Juni, der im Westen dann lange als der "Tag der Deutschen Einheit" galt).

Die historischen Signaljahre

Aus diesem Reflex heraus, dass mit Schleef also einer spricht, der zu Lebzeiten mit dem Gestus auftrat, er verkörpere sozusagen leibhaftig die deutsche Geschichte (und zwar in ihrer ganzen Wucht) und das Leiden daran erst recht, folgt man in dieser Schleef-Nacht, die um 16 Uhr erst mal als konsumentenfreundlicher Schleef-Nachmittag beginnt, besonders aufmerksam, wenn die historischen Signaljahre "dran" sind. 1953 eben, wenn die Tagebuchaufzeichnungen beginnen. 1961, als die Mauer gebaut wird. Um dann recht schnell wieder von diesem selektiven Wahrnehmungsverfahren abzukommen, merkt man doch, wie schon Schleef selbst sich mit großer Gewalt dazu zwang, sein Individuelles ins Allgemeine zu pressen, sich selbst im Prozess des Erinnerns zum paradigmatischen Fall zu stilisieren. Ich. Deutscher. Leidend.

Und statt zu bemerken, wie sehr Schleef (und irgendwie ja auch wir, wenn wir das nun hören und auf erlösende, gültige Worte warten) der ideologischen Aufladung dieser Daten schon im Moment, als sie sich ereignen, auf den Leim geht – dass er sich immer stärker stranguliert, sich das Lebensrecht streitig macht, in dem er die eigene Biografie nur in diesem ideologisierten historischen Resonanzraum zu dulden in der Lage ist – würgt er im Laufe seines Lebens immer massiver am eigenen Relevanzwahn, bis er schließlich daran erstickt. Und wir schauen zu.

So ist dann einer der schönsten Schleef-Splitter dieses Abends das Jahr 1966. Schleefs ganzes deutsches Potenz-Kunstproduktions-Stoffdurchdringungspathos wird von Pate Johann Jürgens wunderbar melancholisch auf Cello und Klavier verklimpert, in sinnliche kleine Kitschportionen verpackt und auf Schauspielercharmewolken ins Publikum versprüht. gertrud 280 bettina stoess uDie vier Frauen in Armin Petras' Inszenierung von "Mütter", Schleefs anderer tagebuchhafter Herkunftsbefragung © Bettina Stöß

Schön immer wieder auch Momente (zum Beispiel bei Hilke Altefrohne), die herrlich ironisierte deutsche Tableaus von den Zumutungen liefern, die das Großziehen eines Genies für eine deutsche Spießerfamilie bedeutet haben mag. Und damit dieses Genie-Selbstbild von Schleef selbst als Ausgeburt allergrößten Spießertums dem leisen Gelächter ausliefert.

Tanz im Prager Frühling

Eindringlich auf den Punkt bringt das Dilemma, dass das Private nun mal nicht gänzlich zu politisieren ist (Gott sei dank!) auch Armin Petras an Hand der Signaljahre 1968/69: Als in Prag der Student Jan Palach brennt, der sich aus Protest gegen die Niederschlagung des Prager Frühlings durch Sowjetische Panzer angezündet hatte, und Schleef zur gleichen Zeit für Anne brennt. In einem wunderbaren ausdrucks-tänzerisch gedruckstem Pas de deux tanzt also Armin Petras mit der Tänzerin und Choreografin Berit Jentzsch zu Schleefs Worten (und Michael Klammers Gesang), während Julischka Eichel vorne an der Rampe mit einer tschechoslowakischen Flagge auf dem Schoß lakonisch von Schleefs Liebes- und Politleid berichtet.

Auf eingespielten historischen Videobildern sind irgendwann brennende Prager Panzer und blutgetränkte Fahnen zu sehen, zu denen Armin Petras mit Berit Jentzsch im Duett eine scheiternde Liebe protokolliert. Der mit dem Schleef tanzt. Als Gegenbild dazu kann man Robert Kuchenbuchs Interpretation des Jahres 1964 lesen: der eine Portion der martialischen Springerstiefel-Melancholie seines Prinzen von Homburg (aus Armin Petras' Kleist-Inszenierung von 2007) mitbringt, als er Schleefs jugendliche und klaustrophobische Ausbruchsfantasien aus dem Elternhaus liest.

Reise durch ein radikales Leben

Insgesamt hört man viel Text an diesem Abend, wenn man ihn hören will. Reist und rast durch ein radikales Leben, das schon im Moment seines Gelebt-werdens zu Kunst gerinnen wollte, erlebt mal distanziertere, mal anverwandelndere Zugriffe, die immer wieder auch mit Schleefscher Theaterästhetik spielen. Teils mehr, teils weniger gelungen. Es gibt leise und lautere Ironisierungen des tödlichen Eigentlichkeitswahns dieses Künstlers. Sibylle Dudeks und Peter Baurs Filmbeitrag über Schleefs Arbeit 1999 am Wiener Burgtheater zum Beispiel, der in Schleef auch eine materialistische Bürokratenseele erahnbar macht.

Oder Regine Zimmermann, die Schleefs Chorgeist im Männerchor "Eintracht e.V. Berlin-Mahlsdorf" sucht, der biedermeierliches Liedgut zum Besten gibt – "Ännchen von Tharau" zum Beispiel, und keine Zeile Schleef. Aber damit freundlich augenzwinkernd zu denken gibt, dass die brüllenden stampfenden Schleef-Chöre dem gleichen repressiven politischen Klima entstammen, wie die sanft säuselnden Männerchöre an sich. Dass beides Formen des deutschen Heimatliedes sind.


Lange Nacht der Schleef Tagebücher (1953-2001)

Dramaturgie: Sibylle Dudek, Rebecca Lang, Ausstattung: Natascha von Steiger, Produktionsleitung: Johanna von Rigal.

1953
Pate: Antú Romero Nunes
Mit: Antú Romero Nunes und Mitgliedern der "Golden Gorkis"

1954-58
Pate: Albrecht Abraham Schuch
Mit: Albrecht Abraham Schuch

1959
Patin: Anne Müller
Mit: Anne Müller

1960
Pate: Daniel Wild
Mit: Mitgliedern des Jugendclubs "Die Aktionisten"

1961
Patin: Hilke Altefrohne
Mit: Hilke Altefrohne

1962
Pate: Paul Schröder
Mit: Paul Schröder und Julia Plickat

1963
Patin: Cristin König
FILMBEITRAG

1964
Pate: Robert Kuchenbuch
Mit: Robert Kuchenbuch

1965
Patin: Regine Zimmermann
Mit: Regine Zimmermann und dem Männerchor Eintracht e.V. Berlin-Mahlsdorf

1966
Pate: Johann Jürgens
Mit: Johann Jürgens und Gina-Lisa Maiwald

1967
Patin: Julischka Eichel
Mit: Julischka Eichel und Kilian von Keyserlingk

1968/69
Pate: Armin Petras
Mit: Armin Petras und Julischka Eichel, Berit Jentzsch, Michael Klammer, Video: Rebecca Riedel

1970-72
Paten: Wolfgang Hosfeld und Chiara Galesi
Mit: Wolfgang Hosfeld und Chiara Galesi u.a.

1973-75
Pate: Ronald Kukulies
Mit: Ronald Kukulies, Video: Hannes Zieger

1976
Paten: Sebastian Baumgarten und Ralf Fiedler
Mit: Sebastian Baumgarten und Wilhelm Eilers, Johann Jürgens

1977
Patin: Anja Schneider
Mit: Anja Schneider und Enno Reinelt, Holger Ziems

1978
Patin: Jorinde Dröse
Mit: Albrecht Abraham Schuch

1979
Patin: Ruth Reinecke
Mit: Ruth Reinecke

1980
Pate: Michael Klammer
Filmbeitrag

1981
Patin: Aenne Schwarz
Mit: Aenne Schwarz, Video: Jim Rakete

1982-84
Patin: Sabine Waibel
Mit: Sabine Waibel und Matti Krause

1985-88
Pate: Andreas Leupold
Mit: Andreas Leupold, Matthias Leupold und Hilke Altefrohne

1989
Pate: Matti Krause
Mit: Matti Krause

1990
Pate: Berndt Stübner
Mit: Berndt Stübner

1991- 94
Pate: Juri Morasch
Mit: Gunnar Teuber und einem Flash-Mob (der Fash-Mob kam nicht zustande)

1995
Pate: Gunnar Teuber
Mit: Gunnar Teuber

1996-98
Pate: Wilhelm Eilers
Mit: Wilhelm Eilers

1999
Paten: Sibylle Dudek und Peter Baur
Filmbeitrag

2000
Patin: Jana Milena Polasek
Mit: Studenten der Abteilung Puppenspiel / HfS "Ernst Busch"

2001
Pate: Peter Kurth
Mit: Peter Kurth

www.gorki.de


Kritikenrundschau

"Goldrichtig" findet es Doris Meierhenrich in der Berliner Zeitung (27.2.2012), dass das Gorki Theater "diese ausufernden Tagebücher" zum Zentrum einer theatralischen Auseinandersetzung machte. Allein: es verwundert die Rezensentin, "wie wenig Fantasie und Kühnheit die meisten der dreißig Szenen enthielten, in die sich der achtstündige Tagebuch-Marathon fächerte". Allenfalls die Hälfte der Beiträge sei über das "kleinmütige, gestaltlose Dahinplätschern von Textlesungen" hinaus gekommen. "Kamen sie aber darüber hinaus, wurde es zwar nie schleefartig groß, doch hintersinnig und gewitzt." So etwa in den Beiträgen von Armin Petras und Matti Krause, die Meierhenrich zum Schluss lobend erwähnt.

"Gemessen am Theater des Regisseurs Schleef war das Format der szenischen Lesungen wahrscheinlich eine Verkleinerung", schreibt Katrin Bettina Müller in der taz (28.2.2012). Der einfache und dennoch anrührende Zugang aber, der so zu Schleef geschaffen wurde, macht aus ihrer Sicht jedoch solche Nachteile wett. Denn die Empathie der Tagebuch-Interpreten galt ihrem Eindruck zufolge "vor allem dem Menschen Schleef, auch gerade dort, wo der mit seinen Schwächen ins Gericht ging." Auch der Blick von außen, beispielsweise Schauspielern, die Schleef und sein Werk kaum kannten, tue dem Abend gut, "relativiert er doch den Gestus der Überhöhung".

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