alt... und auf der Drehbühne verdorrt die Ernte

von Rudolf Mast

Berlin, 5. April 2012. Derzeit wird mal wieder über das Theater debattiert, leider nur im Zusammenhang mit Geld. Dabei gäbe es durchaus Wichtiges zu diskutieren, wie sich auch Deutschen Theater in Berlin zeigt. Zum Ensemble gehören Schauspieler, mit denen sich die Theaterwelt aus den Angeln heben ließe. Doch in künstlerischer Hinsicht herrscht allzu oft Tristesse.

Dass der Spielplan aleatorisch wirkt, kann nicht der alleinige Grund sein, denn manche Inszenierungen kommen so altbacken daher, dass sie sich mühelos jenem gleichmacherischen Kulturbegriff subsumieren lassen, laut dem es "von allem zu viel und überall das Gleiche" gibt. Und dass viele dieser Vorstellungen ausverkauft sind, spricht wohl eher für als gegen dieses Argument.

Theater als "Reader's Digest"?

In die vom "Kulturinfarkt" geschlagene Kerbe droht auch die Arbeit des Autors und Dramaturgen John von Düffel zu stoßen, der regelmäßig Werke des bildungsbürgerlichen Literaturkanons auf Bühnenformat komprimiert. Ob das Theater als "Reader's Digest" Erfüllung findet, darf bezweifelt werden, zumal dann, wenn, wie nun in Berlin, mit "Joseph und seine Brüder" von Thomas Mann eine Tetralogie herhalten muss, die selbst auf einer Vorlage beruht: dem Buch Genesis. Prompt beginnt die Inszenierung bei Adam und Eva und einem Exkurs, in dem Josephs ältester Bruder Reuben (Peter Moltzen) die Familiengenealogie erklärt. Dafür benutzt er einen kleinen weißen Vorhang als Wandtafel, obschon der dafür völlig ungeeignet ist.

Das ist nur der erste von zahlreichen Effekten, die Alize Zandwijk wichtiger sind als eine stringente Regie. Für die Holländerin, die schon in Hamburg unter Ulrich Khuon arbeitete, ist "Joseph und seine Brüder" die erste Arbeit in Berlin, jene Geschichte des biblischen Peer Gynt, der sich vom Vater gesegnet glaubt, von den Brüdern für seinen Hochmut bestraft und von Kaufleuten nach Ägypten gebracht wird, wo er zum Oberwesir aufsteigt, ehe er seine Familie wiedertrifft, den erhofften Segen aber auch nach über 20 Jahren nicht erhält.

Schattenspiele und Kothurne

Die ersten beiden der vier Teile lässt Zandwijk auf einer Bühne spielen, die Thomas Rupert ganz in Schwarz und Weiß gehalten hat: ein weiß ausgelegter Boden und zwei weiße Vorhänge heben sich vom schwarzen Bühnenhaus ab, und schwarzweiß sind auch die Kostüme (Johanna Pfau). Der große weiße Vorhang dient dabei als Leinwand, vor den die Spieler treten, ihren Text sprechen und wieder abtreten. So mechanisch wirkt es über weite Strecken. Das ändern auch die Schattenspiele nicht, zu denen sich die Darsteller immer dann hinter die Leinwand begeben, wenn Zeitsprünge oder delikate Szenen wie die brutale Bestrafung Josephs darzustellen sind. Der Effekt ist jedesmal wichtiger als der Beitrag. Potenziert gilt das für die Musik, die ständig Emotionen schürt, für die es szenisch keinerlei Entsprechung gibt.

Mit der Ankunft in Ägypten ändert sich das Bild: Es dominiert die Farbe Blau, und der Kaufmann, dem Joseph sein Leben verdankt (Christoph Franken), bietet Luftballons und Sonnenbrillen feil. Die Spielweise bleibt jedoch gleich, sieht man davon ab, dass Natali Seelig den Zwerg auf Knien gibt und Peter Moltzen als Diener auf Kothurnen steht. Der flapsige Unernst Jörg Poses als Jaakob und Potiphar beißt sich aber weiterhin mit dem angestrengten Ernst Thorsten Hierses als Joseph. Immerhin bringt Judith Hofmann in diversen Rollen sprachliche und gedankliche Klarheit ein.

Schäfchenwolken am Bühnenhimmel

Die scheint der Regie abhanden gekommen, denn nach der Pause ist Ägypten plötzlich rot. Nur dass die Kostüme sich wieder dem Schwarzweiß des Anfangs nähern, lässt das nahe Ende erahnen, zu dem sich Josephs Brüder in Zeitlupe an die Rampe vorarbeiten. Der Auftritt gerät zum technischen Großeinsatz: Der schwarze Rundhorizont senkt sich und legt die weißen Wände frei.

Derweil werden zig Holzleisten mit blühenden "Getreidepflanzen" aufgebaut, die im Hintergrund sichtbar auf ihren Einsatz warteten. Dann wird die Drehbühne angeworfen und zu pathetischer Musik so bewegt, dass die Ernte im Nu verdorrt, derweil sich die weißen Schäfchenwolken am Bühnenhimmel schwarz verfärben. Die Erkenntnis, dass ihm die väterliche Gunst dauerhaft versagt bleibt, kommt Joseph nach dreieinhalb Stunden dann im kalten weißen Licht von vorn.

Was diese Inszenierung motiviert, ist nicht erkennbar. Immerhin macht sie mit ihren vielen Effekte etwas her, und dem Bildungsauftrag ist allein schon mit dem Titel gedient. So wird künftig wohl auch über diesen Aufführungen "ausverkauft" stehen. Dann aber sollte sich das DT verkneifen, das Label als Ausdruck des Erfolgs zu nehmen.

 

Joseph und seine Brüder
nach dem Roman von Thomas Mann in einer Bearbeitung von John von Düffel
Regie: Alize Zandwijk, Bühne: Thomas Rupert, Kostüme: Johanna Pfau, Musik: Florentijn Bodendijk, Remco de Jong.
Mit: Christoph Franken, Sven Fricke, Thorsten Hierse, Judith Hofmann, Ingo Hülsmann, Peter Moltzen, Jörg Pose, Natali Seelig.

www.deutschestheater.de

 

John von Düffels Bearbeitung von "Joseph und seine Brüder" wurde erstmals 2009 von Wolfgang Engel in Düsseldorf inszeniert – hier die Nachtkritik.

 

Kritikenrundschau

Auf der Webseite des Deutschlandfunks (7.4.2012) schreibt Hartmut Krug: "Szenisch-darstellerisch sorgfältig ausgemalte Einfälle", die "effektvoll, aber nicht sonderlich sinnstiftend oder gar notwendig" erschienen, durchzögen Alize Zandwijk "bilderbuchartige Schnittmuster-Inszenierung". Als Schattenspiel hinter dem großen Vorhang etwa: die "gezoomte Geburt von Joseph, bei der sein Vater Jaakob dessen Kopf zwischen den hochragenden Beinen Rahels hervorzieht und, die Nabelschnur um die Hand gewickelt, diese mit großer Schere kappt". Kam beim schmunzelnden Publikum gut an: als "netter Effekt". Meist bebildere die Regisseurin die Situationen äußerlich, die Inszenierung liefere "Effekte statt Emotionen", zeige "Stand- und Schreithaltungen statt dramatischer Handlungen". Zandwijk liebe "wenig belebte Standbilder". Die teils sehr guten Schauspieler verrichteten ihr Handwerk "ordentlich". Aber auch sie könnten mit ihrem Spiel nicht erklären, warum die Regisseurin dieses Textkonvolut "überhaupt inszeniert" hat.

Als "dickpinselig, geheimnis- und gefahrlos" empfand Dirk Pilz in der Berliner Zeitung (7.4.2012) diese Inszenierung. "Vielleicht muss zu Zeiten, in denen diese Geschichten nicht länger geläufig sind, das genau so inszeniert werden," räumt er ein. "Aber muss es deshalb auch so matt, müde irgendwie sein? Und woher diese Seelenstumpfheit?" Pilz' Kritik gilt auch der "gut verdaulichen Wohlschmeckhäppchendramaturgie" der Spielfassung von John von Düffel. "Also sieht man dreieinhalb Stunden Figuren, die geflissentlich aneinander vorbeidialogisieren." Es gebe schöne Bilder und Momente, auch insgesamt sei der Abend schön anzuschauen. "Wenn aber am Ende (...) Joseph wieder vor seinen Vater tritt, voll der Vorfreude auf den Segensspruch, übersprudelnd vor Wiedersehensglück, der Vater aber nicht ihn, sondern Juda segnet, und wenn man dann sieht, wie Joseph die Arme vom Leibe hängen und die Augen nach innen klappen und auch Jaakob nicht weiß, ob er sich an die Stirn schlagen oder heulen soll, weiß man, was es heißt, von Glaubenssachen in gottfernen Zeiten zu spielen: Die Figuren stehen verdattert vor dieser Geschichte, als käm' sie vom Mond. Das macht nichts, aber man braucht sie dann auch nicht zu spielen."

Eigentlich ist nichts gegen die Inszenierung zu sagen," schreibt Andreas Schäfer im Berliner Tagesspiegel (7.4.2012). "Die Geschichte wird auf verständliche Weise vorgespielt. Genau deswegen spricht aber nicht viel für den lauwarmen Abend, bei dem zum Schluss noch einmal die Theatertechnik zeigen darf, was sie kann: Vergebungsshowdown unter schwarz werdenden Schäfchenwolken und geheimnisvoll vertrocknendem Plastikblumenmeer." Über die Wucht mythischer Zusammenhänge erfahre man, so Schäfer, man in jedem Kammerspiel mehr.

"Ein Hauch vom Welt-Theater, wie es Ariane Mnouchkine vor vierzig Jahren erfunden hatte, um große Epen mit leichter Hand zu erzählen, liegt über den Bildern," schreibt Katrin Bettina Müller in der tageszeitung (7.4.2012) All diese Mittel würden helfen, die Geschichte, im Roman über 1.300 Seiten stark, stringent zu erzählen. Aber sie reichen aus Müllers Sicht nicht aus, um mehr als die Fabel zu transportieren. "Vom Erlebnis des Thomas-Mann-Lesens, vom Abtauchen in entlegene Zeit-Räume, von der Selbstbeobachtung des Erzählers beim Erzählens, von seinen Unterredungen mit dem Leser, seiner Verteidigung seiner Figuren, und schließlich vom Witz, der aus diesem offenen Ringen des Autors mit seinem Handwerk und seinen Zielen entsteht, weiß die Dialogfassung nichts. Sie setzt aber auch nichts eigenes an dessen Stelle."

Peter Laudenbach schreibt in der Süddeutschen Zeitung (10.4.2012), Alize Zandwijk und John von Düffel verwechselten Thomas Manns Roman mit seiner Inhaltsangabe, die "komplizierteren Schönheiten" dieser Literatur wischten sie mit "bemerkenswerter Gleichgültigkeit" beiseite. Manns lange Satzperioden schrumpften zu "kernigen Aussagesätzen". Ein Satz wie 'Lass uns ihn kaltmachen', beschreibe die Haltung, die sich von Düffel offenbar für Manns "etwas anstrengenden Stil" vorgenommen habe. Die inszenierung sei dem ebenbürtig. Sie setze auf "eine durchaus kraftvolle, gekonnt naive, unmittelbar direkte Erzählweise, wie man sie aus dem besseren Kindertheater" kenne – "effektverliebter Oberflächenregie" vom "Erschrecken so weit entfernt wie von der Erkenntnis". Allerdings: gelinge der Inszenierung "im Nacherzählen des Plots eine schöne Deutlichkeit mit immer wieder überzeugenden darstellerischen Leistungen".

In der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (10.4.2012) weist Irene Bazinger darauf hin, dass John von Düffel bereits vor drei Jahren eine Fassung von "Joseph und seine Brüder" geschrieben habe. Damals für Düsseldorf mit dem Schwerpunkt auf dem "mythologischen Bereich". Dagegen liege diesmal der Akzent "eher auf dem Themenkomplex Familie", offenbar sei von Düffel "da – 'Wie hätten Sie's denn gern?' – ganz offen". Die aktuelle Fassung lasse sich jedenfalls, "unbekümmert um Thomas Manns intellektuelle wie ästhetische Ansprüche, geradezu beiläufig weglesen". Und weil die Regisseurin ihre "eigenen Ausdrucksmittel nicht beherrscht", sei das Deutsche Theater "gerade im Begriff, sich ziemlich lächerlich zu machen". Die Aufführung radebreche sich an Josephs Biographie entlang und verunglimpfe sie als einfältiges Rührstück ohne erkennbare konzeptionelle Idee. Das Ensemble für dieses "Himmelfahrtskommando" könne "einem" nur leidtun.

Elmar Krekeler schreibt in der Tageszeitung Die Welt (10.4.2012): John von Düffel habe seine Fassung für Berlin "geradezu zu einen dramatischen Hungerhaken von schlappen dreieinhalb Stunden Gesamtumfang" verschlankt. Diese sehr eigene Josephs-Geschichte, die sich daraus ergebe, werde "auch noch sehr hübsch bebildert". Warum allerdings man den "biblischen Geschichtenschatz" nun hebe, wüsste man nach Alize Zandwijks Inszenierung nicht zu sagen. Mit Tüchern werde gespielt, "lustige Wattewolken" hingen herum, die sehr finster werden könnten, zu beinahe jeder Szene sei Zandwijk etwas Nettes eingefallen, "zum großen Ganzen leider so richtig gar nichts". Man sitze "ein wenig rätselnd davor, ob man das nun alles wirklich ernst nehmen soll, was man sieht". Allerdings: "Was man hört, muss man allerdings unbedingt ernst nehmen. Das ist ein Fest der Sprache. Da hat John von Düffel, Deutschlands Chefliteratureindampfer, große Arbeit geleistet."

 

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