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Moralischer Tsunami in der Erregungsgesellschaft

von Harald Raab

Heidelberg, 27. April 2012. Was waren das noch für romantische Zeiten, als die 68er-Generation eines Joschka Fischer unter dem Pflaster den Strand vermutete – paradiesisch, hedonistisch, das ganze Leben eine einzige Woodstock-Party, Flower-Power, freie Liebe satt. Und heute, ein halbes Jahrhundert später? Ach, wären die Strände doch gepflastert. Öl aus havarierten Tankern und lecken Bohrinseln ließe sich ganz einfach wegspülen, samt allen anderen Themen, die in der deutschen Empörungsgesellschaft hohe Wellen schlagen.

Zynische Untergangsrhetorik

Die Generation des österreichischen Theatermachers Stephan Lack weiß, wie mit Schweröl verdreckte Strände aussehen. Darüber das Ozon-Loch. Loch der Löcher. Die liebe Sonne wird zum Feind allen Lebens. Sterbende Natur: Apokalypse now. Doch the show must go on. Genau davon berichtet Lacks neues Stück "Die Verfassung der Strände", vom Marketing der falschen Hoffnung und des trügerischen Designs, von Tätern und Opfern und Opfern, die im Herdentrieb zu Tätern werden.

Zynische Untergangsrhetorik allenthalben. Die Lage ist katastrophal, genießen wir sie. Ein Wortrausch der Befindlichkeiten und schönredender Beschwichtigungen schwappt über die Bühne. Die Katastrophen der Welt – nur ein semantisches Problem? Sie schwätzen sich Gegenwart und Zukunft zurecht, diese namenlosen, austauschbaren Figuren, die der Autor auftreten lässt, Hauptcharakterzug aller: eine mordsmäßige Logorrhoe.

verfassungderstraende2 280 klaus froehlich uFriedrich Witte und Jonas Schlagowsky
© Klaus Fröhlich

Das germanische Angstgebirge

"Die Verfassung der Strände" eröffnete als Uraufführung den 29. Stückemarkt in Heidelberg (hier zum Festivalportal von nachtkritik.de). Gastland ist Ägypten. Die Gäste mögen sich wohl gedacht haben: Sorgen haben diese Deutschen. Autor Stephan Lack hat das germanische Angstgebirge aufgetürmt und ein Monster von einem Text geschaffen – moralisch-geschwätziges Allerweltsgebrabbel und zynische Rechtfertigung derer, die ansagen, wo es langzugehen hat. Alles bekannt, immer wieder durchgenudelt, mit hohlem Tremolo. Man kann es eigentlich nur noch in die Tonne treten. Und irgendwie macht Autor Lack das ja auch mit dem Lieblingstalk unserer Erregungsgesellschaft. Doch er hat so manche Widerhaken eingeführt: Ironie, Witz und Overkill. Vorgeführt wird die Larmoyanz der Wohlstandsmenschen und zugleich ad absurdum geführt.

Die entscheidende Frage ist: Wie legt man so einen sprachlichen wie gedanklichen Rundumschlag an? Eine Sternstunde für die Regisseurin Marie Bues. Sie hat die nötige Phantasie in überbordender Fülle, diesem Brocken von einem Text Struktur, Bilder und spielbare Dramatik zu geben.

Tanz auf dem Wohlstandsmüll

Die Bühne (von Johanna Fritz), ja was ist die eigentlich? Eine Baustelle, die Rückseite von Kulissen, ein Balkengeviert auf einem Dachboden? Oben noch eine zweite Spielebene mit einem Netz, in dem der ganze Wohlstandsmüll landet, der schließlich auf den imaginären Strand gekippt und ins Meer gespült wird. Hier zu agieren, erfordert Trittsicherheit und akrobatische Balance. Die fünf Akteure, zwei Frauen und drei Männer, stecken in Strumpfhosen mit Slip oder Unterhosen darüber, treten in schwarzen Grufti-Monsterkostümen auf, führen ihre Seelchen und im fliegenden Wechsel ihre manipulativen Machtgelüste vor, im Chor und als Solisten.

Regisseurin Bues fordert von Nicole Averkamp, Benedikt Crisand, Evamaria Salcher, Jonas Schlagowsky und Friedrich Witte eine breite Skala rasch wechselnder Ausdrucksmittel: die kleine fast unmerkliche Geste, große, raumgreifende Expressivität, Schiller'sche Dramatik, Slapstick-, Comedy- und Revue-Elemente. Immer wieder ein doppeltes Spiel: Posse und Ernst, laut und leise, Lächerlichkeit und ein Anflug von Würde, Trauer gar. Souveränität in der Handhabung der von der Regisseurin geforderten Mittel durch Schauspielerinnen und Schauspieler ist gesichert.

verfassungderstraende1 560 klaus froehlich uEvamaria Salcher, Friedrich Witte, Nicole Averkamp, Benedikt Crisand und Jonas Schlagowsky
© Klaus Fröhlich

Von Raubbau bis Supergau

Danse macabre der Irrungen und Wirrungen durch die modischen Aufregerthemen Ölpest, Raubbau durch Urlaubsimperialismus, Supergau im Atomzeitalter, Piraten, die eine boomende Traumschiffidylle stören, Soldaten auf Auslandsmission, erfolglos auf einer Insel gestrandet. Zu schlechter Letzt stehen die Jungs und Mädel im braven Anpasser-Outfit da, Sakko und Schlips, Röckchen und Bluse. Nach uns die Sintflut – schön wär's. Genug gejammert. Lasst uns endlich Taten sehen. Die Wahrheit im Theater verändert noch lange nicht die Wirklichkeit. Das wenigstens kann man vom Gastland Ägypten beim diesjährigen Heidelberger Stückemarkt in Erfahrung bringen.

Und auch das ist zu lernen: Das große Ziel des Stückemarkts, Uraufführungen zu fördern und zu kreieren, die nachgespielt werden, das ist nicht leicht. Zu Stephan Lacks Textbuch "Die Verfassung der Strände" müsste der Verlag eine Regisseurin vom Format der Marie Bues dazu liefern. Sonst könnte das Spektakel leicht im Klamauk mit moralischer Überfrachtung stecken bleiben. Politisches Theater soll ja wieder im Kommen sein. Aber gut gemeint, das reicht zur Sichtbarmachung einer krisengebeutelten Weltsicht mit Hang zur Hysterie noch lange nicht, schon gar nicht in unserer Republik der Rechthaber, Tugendbolde und Panik-Apostel.


Die Verfassung der Strände (UA)
von Stephan Lack
Regie: Marie Bues, Bühne: Johanna Fritz, Kostüme: Floor Savelkoul, Musik: Anton Berman, Dramaturgie: Petra Thöring
Mit: Nicole Averkamp, Benedikt Crisand, Evamaria Salcher, Jonas Schlagowsky, Friedrich Witte.

www.theaterheidelberg.de

 

nachtkritik.de begleitet in diesem Jahr den Heidelberger Stückemarkt mit einem eigenen Festivalportal


Kritikenrundschau

"Bei dieser rasanten Theaterfahrt wird der Zuschauer hin und her getrieben, hin und her gerissen – seine Gefühlslage angesichts des drohenden Untergangs: hinten Stromschnellen, vorne eine Wasserfall", so würdigt Heribert Vogt diesen Abend in der Rhein-Neckar-Zeitung (30.4.2012). Ein "globales Untergangsszenario" entwerfe der Autor Lack in seinem Werk, "auf dessen Textfläche die Wogen infolge von Wortakrobatik und Sprachwitz hoch gehen, was nicht selten an den österreichischen Grotesk-Magier Ernst Jandl erinnert." Der "Taumel" werde auf der Bühne "gekonnt in Szene gesetzt" mit "durchweg sehr guten Schauspielerleistungen", sodass "ein turbulenter, ebenso verwirrender wie klarsichtiger Wildwassertrip" entstehe.

Natalie Soondrom schreibt in der Frankfurter Rundschau (30.4.2012): Lacks Text winde eine "Girlande abgeschmackter Kalauer, in denen sich das Ensemble wie ein archaischer Chor ergeht". Diese "unerbittliche Suada saugt aus, weicht das Hirn auf." Marie Bues' Regie lasse sich mit "Lacks Worterguss in fünf Teilen von der Sprache treiben". Das kritische Potenzial dieser Machart wird in der Rezension betont: "So widerlich die Sprache auch ist, gerade wenn sie zu haltlosem Gekicher reizt, so sehr entlarvt sie, wie Politik, Medien und Wirtschaft es schaffen, unsagbare humanitäre und ökologische Aus- und Unfälle in leicht verdauliche Sprache zu überführen. Der tiefe Ton der Wahrheit, er ist im Vergleich eine große Erleichterung."

Lack "reiht eine Katastrophe an die andere", schreibt der Autor/die Autorin mit dem Kürzel job im Darmstädter Echo (30.4.2012). "Und er tut es in einer geschliffenen Sprache, die der Finsternis einen kalauernden Wortwitz entgegensetzt." Die Regie von Marie Bues zeige "großen Einfallsreichtum in der szenischen Bewirtschaftung dieser Wortfelder: Sie knüpft die fünf autonomen Szenen geschickt aneinander, findet präzise den Tonfall knapp oberhalb der Irritationslinie, formiert das Ensemble in wechselnden Formationen." Während der Aufführung steige der "Beklemmungspegel beständig".

Im Rahmen eines Festivalberichts zum Heidelberger Stückemarkt schreibt Jürgen Berger in der Süddeutschen Zeitung (3.5.2012) über die Aufführung: Der Autor Stephan Lack "liebt das über den Binnenreim sich fortpflanzende Sprachspiel, wechselt aber nicht wie Elfriede Jelinek die Ebenen und Haltungen", sondern "verhakt sich im kalauernden Wortspiel". Der Regie bleibe nicht mehr zu tun, "als mit schauspielerischer Qualität Untiefen der Textfläche zu umschiffen. Das klappt so weit ganz gut." Die Aktionen auf dem Gitterraster wirkten, "als turne ein Katastrophenchor auf den syntaktischen Verstrebungen des Textes". Auswärtigen Gästen dürfte sich trotz der gefälligen Präsentation die Frage stellen, "ob mitteleuropäische Autoren keine anderen Sorgen haben".

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