Die Harmoniesuppe ist alle

von Grete Götze

Darmstadt, 15. November 2012. Es darf gelacht werden!, hieß es an dieser Stelle 2011 anlässlich des Berliner Stückemarktes. Gemeint war damit unter anderem Tilmann Köhlers szenische Einrichtung von Benjamin Lauterbachs Stück "Der Chinese". Lauterbach zeichnet satirisch ein Deutschland der Zukunft ohne Ausländer, in der die Werte Familie, Natur und Gesundheit jedes sinnvolle Leben konterkarieren. In die heile Welt einer Kleinfamilie bricht der von der chinesischen Regierung entsandte Herr Ting ein, um vom deutschen Glück zu lernen. Und die Gesellschaftsfarce kann beginnen. Die Berliner Zuschauer hat es amüsiert.

2012 dürfen sich im Staatstheater Darmstadt auch die Hessen amüsieren, denn dort hat Andrea Thiesen Lauterbachs "Der Chinese" in offizieller Uraufführung auf die Bühne der Kammerspiele gebracht. Und das Stück des 37-Jährigen gleich in der Region verortet. Die Erdbeeren für den gesunden Saftmix, mit denen das Stück beginnt, kommen aus Griesheim, die Bananen aus dem Odenwald. Zwischen zwei multifunktionalen Holzwänden lässt Thiesen die in Leinen gekleidete Vater-Mutter-Kind-Familie in ökofaschistischer Harmonie miteinander leben. Doch schon wenige Stunden, nachdem der Chinese das Haus betreten hat, nützt der von Vater Alex beim Essen mit dem Finger auf den Tisch getippte Kaurhythmus für die ganze Familie nichts mehr, sie gerät außer Kontrolle.

Die Überlegenheit der Kinder
Ein wenig schief sah sie aber schon zu Beginn des Abends aus, denn die Kinderrollen sind durch ältere Schauspieler und die Elternrollen durch jüngere Schauspieler besetzt. Klaus Ziemann und Margit Schulte-Tigges stehen als alte Kinder Niclas und Maria-Lara den jungen Eltern Alexander (Andreas Vögler) und Gwendolyn (Christina Kühnreich) gegenüber – alle tragen blonde Abbaperücken. Dieser Alterstausch ist insofern eine kluge Idee, als dass sich die Zöglinge im Verlauf der Inszenierung als die wahren Erwachsenen erweisen, die das Spiel ihrer Eltern durchschauen, jede Lebenssituation mit Harmoniesuppe zu übergießen, und sie mit ihren eigenen Waffen schlagen.

Die Überlegenheit der Kinder hat Lauterbach dem Stück seit dem letzten Jahr noch hinzugefügt. Ebenso wie den schönsten Moment des Abends, in dem die Eltern ihren selbst aufgestellten Regeln entfliehen und auf dem Wohnzimmer-Boden übereinander herfallen. Besoffen von der Idee, den deutschen Staat an der Nase herumzuführen und einander die Köpfe einzuschlagen, um dem Ausländer die Schuld in die Schuhe zu schieben. "Und dann kniest Du dich hinter den Chinesen, den wir auf einen Stuhl gefesselt haben, und reibst Deinen blutenden Kopf an seinen Händen", raunt die geile Mutter Gwen ihrem Mann ins Ohr. In dieser Szene wird die Bösartigkeit der besonders auf ihre Gutartigkeit achtenden Eltern offenbar, und das Lachen darüber bleibt dem Zuschauer im Halse stecken.

Nicht mehr Teil von Europa
So ist es richtig. Denn das Stück ist ein politisches. Zwar wirkt es durch seine einfachen Dialoge zunächst unterkomplex, so sehr ist man schon an all die zeitgenössischen Autoren, ihre Textflächen und ihren Verzicht auf Interpunktion und Figuren gewöhnt. Aber wenn man näher hinhört, spielt "Der Chinese" etwa auf Griechenland und unser Unbehagen an, uns für andere Staaten zu verbürgen – Lauterbachs Deutschland ist längst nicht mehr Teil von Europa. Auch die Angst der Deutschen vor den übermächtigen Chinesen thematisiert der Abend, schließlich ist Herr Ting im schwarzen Anzug dem trotteligen Vater, der vorgibt Erfinder zu sein, sprachlich und geistig weit überlegen.

Und wenn die Mutter in Filzpantoffeln ihrer Tochter Lara verbietet, mit der mitgebrachten Plastikpuppe zu spielen oder sich ein Brotbrett vor das Gesicht hält, um die Handystrahlen des Fremden abzuwehren, dann denkt man an all die nervigen Bewusstleber, Yogamacher und Frühschlafengeher, die freiwillig vielen sinnlichen Genüssen entsagen. Andrea Thiesen bringt die Zuschauer mit vielen genau gearbeiteten Szenen immer wieder zum Lachen. Schade nur, dass sie es ihnen bisweilen zu sehr ermöglicht, das Stück als vorhersehbare Komödie zu verstehen, nicht als bissige Gesellschaftssatire.

Der Chinese (UA)
von Benjamin Lauterbach
Regie: Andrea Thiesen, Bühne und Kostüme: Kerstin Junge.
Mit: Andreas Vögler (Vater Alexander), Christina Kühnreich (Mutter Gwendolyn), Klaus Ziemann (Sohn Niclas), Margit Schulte-Tigges (Tochter Maria-Lara), Harald Schneider (Der Chinese).
Dauer: 1 Stunde 25 Minuten, keine Pause

www.staatstheater-darmstadt.de

 

Kritikenrundschau

"Ein guter Abend und ein sehr gutes Stück zum Nachspielen," schreibt Judith von Sternburg in der Frankfurter Rundschau (17.11.2012). Der Dramatiker Benjamin Lauterbach packe die deutsche Mentalität "an einer Stelle, an der es wehtut: Beim Streben, das Richtige zu tun, auch was die Gesundheit, das achtsame Leben und die Familie betrifft." Daraus entwickele er geschickt einen neuen Totalitarismusbegriff. Uraufführungsregisseurin Andrea Thiesen setze auf die "Farce ohne Wenn und Aber". Das findet die Kritikerin ebenso lustig wie praktisch: "Kein Biomarkt-Kunde muss sich wiedererkennen in der mit strohblonden Mopp-Perücken ausgestatteten Musterfamilie in ihrem Musterwohnzimmer". Erst auf den zweiten Blick erscheine die Familie nicht mehr als reine Karikatur. Deswegen würde die Kritikerin das Stück nun gerne noch einmal in einer anderen Regievariante erleben.

 

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