Heißkaltes Blut- und Bilderbad

von Georg Kasch

Berlin, 17. November 2012. Vaterliebe kann etwas Wunderbares sein. Einmal steht Peter Kurth links an der Rampe vor einem Mikro und imitiert Vogelstimmen. Er zwitschert und pfeift und keckert sie, ein Megafon-Lautsprecher spuckt sie wieder aus, etwas krisselig, leise, wie von fern. Während auf der Leinwand schwarzweiße Bilder von Bäumen und Ästen flimmern, redet Kurths Bahnwärter Thiel mit dessen Sohn Tobias, erklärt ihm, warum der Eichelhäher der Polizist unter den Vögeln ist und müht sich, auf dessen Wunsch auch eine Schlange zu imitieren.

Flammende Distanziertheit

Dann vollendet er das Abendritual mit etwas, das er Schlafwolf nennt: Zärtlich jault Kurth die tierischen Laute, heult sie leise, sehnsüchtig als Liebeserklärung an den Sohn. Da vollzieht sich das Wunder des Theaters: Man sieht den kleinen Jungen mit den großen Augen vor sich, man weiß, mit welchen Gesten dieser große grobe Mann die Bettdecke des Sohnes richtet, wie er einen letzten Blick auf ihn wirft, bevor er das Licht löscht. Kurz ist Gerhart Hauptmanns Novelle "Bahnwärter Thiel" Bühne und Bild geworden, obwohl kaum etwas passiert; kurz hat Armin Petras aufblitzen lassen, was möglich gewesen wäre mit diesem Stoff, diesem Schauspieler.

 thiel 560 thomasaurin uPeter Kurth ist Hauptmanns Bahnwärter Thiel © Thomas Aurin

Allein: Jenseits von Momenten wie diesem entfacht Petras bei seinem Versuch, die Nacht- und Schattenseiten dieses auf den ersten Blick so kühl rhythmisierten Textes sichtbar zu machen, den visuellen und interpretatorischen Overkill.

Klar steckt mehr in der Novelle des Jubilars (zwei Tage zuvor ward sein 150. gefeiert) als das naturalistische Protokoll einer Katastrophe: Mit flammender Distanziertheit beschreibt Hauptmann, wie die äußerst irdische Zweitfrau des titelgebenden Bahnwärters seinen Sohn aus erster Ehe misshandelt, erzählt vom Unfall, bei dem der kleine Tobias unter die Schnellzugräder gerät und vom kalten Blutbad, das der wahnsinnig gewordene Thiel daraufhin an Frau und zweitem Sohn verübt. Ein wirkungsvolles Stück Literatur, in dem auch die kleinsten Naturdetails als Boten des Vor- und Unbewussten erscheinen, weil sonst alles so preußisch präzise durchgetaktet ist. Ein Rhythmus, den Petras nie aufnimmt.

Schattenbilder als Seelenbilder

Stattdessen räumt er das gesamte Bühnenportal für die Triebe, das Irrationale, die Seele frei: Vorne rechts steht ein Lichttisch, von dem aus zunächst schöne Schattenbilder auf die Leinwand projiziert werden. Bald kommen Federn, Spreewald-Fotos, Blutstropfen hinzu. Später flackern Negativbilder von Blättern vorüber, von spielenden Kindern, von Fabelwesen einer Laterna magica. Vor diesem zuweilen verstörend assoziativen Bildersturm müssen gegen Kurths stämmigen, knorrigen Thiel (natürlich im preußischen Dienstrock und mit Schirmmütze) gleich zwei Frauen ran, um das herrsch- und zanksüchtige Weib auszupinseln, das hier mal monströs und hexenhaft, oft aber nur billig erscheint.

BwThiel2 hoch ThomasAurin u Zwischen preußischen Megären: Regine Zimmermann, Peter Kurth und Diane Gemsch 
© Thomas Aurin
Regine Zimmermann (als Schauspielerin) und Diane Gemsch (als Tänzerin) tragen beide blonde Perücken, demonstrieren die erotische Macht, die sie über Thiel besitzen, an Poledance-Stangen, sehen aber ein paar Farb- und Erd-Orgien später bereits aus, als hätten sie den armen Tobias bei lebendigem Leib zerfleischt.

Massakerbericht in kippendem Holzrahmen

Derlei visuelle und akustische Eindeutigkeiten mehren sich. Die Geschichte, die zu weiten Teilen halbwegs linear erzählt wird, zerbröselt unter der Last der Bilder, Einfälle und Assoziationen: Kurth singt herb Bachs Ich habe genug, um Thiels jenseitsgerichteten Pietismus zu demonstrieren, scratcht das "Heidenröslein" auf Vinyl (klar: hier wird nicht die Blume, sondern der Knabe gebrochen), dann brüllt Zimmermann eine Runde ordinäres Berlinerisch und Gemsch lässt sich gegen den rohen Holzrahmen knallen. Der kippt bei der Unfallerzählung langsam nach rechts, beim Massakerbericht zurück und weiter in eine Linksschräge, womit auch dem letzten vorillustriert wird, dass hier was aus dem Lot geraten ist.

Während Petras sonst oft Konflikte beschreibt, die sich gesellschaftlich erklären und – vielleicht – ebenso lösen lassen, bietet Hauptmanns Novelle ihm zu kaum mehr als der Erkenntnis Anlass, dass die Welt schlecht eingerichtet ist. "There is another world, there is a better world, well, there must be..." hoffen The Smiths im finalen "Asleep", während sich Kurth märtyrer- und fakirhaft mit nacktem Oberkörper auf einen mit Löffeln und Gabeln besteckten Tisch legt. Bei der anderen, besseren Welt dürfte es sich vermutlich um die der Literatur handeln. Die des Theaters jedenfalls fällt aus – für diesmal.

 

Bahnwärter Thiel
nach einer Novelle von Gerhart Hauptmann
Regie: Armin Petras, Bühne: Olaf Altmann, Kostüme: Valerie von Stillfried, Choreographie: Berit Jentzsch, Musik: Thomas Kürstner, Sebastian Vogel, Video: Rebecca Riedel, Dramaturgie: Jens Groß.
Mit: Regine Zimmermann, Peter Kurth, Diane Gemsch, Sophia Krüger, Kajetan Skurski.
Dauer: 1 Stunde 45 Minuten

www.gorki.de


Kritikenrundschau

"Jede Menge symbolschweren Budenzauber" fährt Armin Petras für seine Theatralisierung der Hautmannnovelle aus Sicht von Peter Laudenbach von der Süddeutschen Zeitung (20.11.2012) auf. Doch ist der Bombast "von Bach-Chorälen ('Ich habe genug') bis zu den sexualpathologischen Zuckungen und verschwitzten Tanzeinlagen von Thiels Gattin" aus Laudenbachs Sicht "so konfus wie durchsichtig auf Wirkung kalkuliert: Kraftmeiertheater." Warum man die Novelle, statt sie zu lesen, nun im Theater sehen soll, erschließt sich diesem Kritiker nicht.

Von einer konzentrierten, durchkomponierten Inszenierung, einem "vorzüglichen Ensemble" und einigen wenigen, klug eingesetzten Mitteln "wie Schattenspiel, Musik und Tanz" spricht Irene Bazinger in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (20.11.2012. Ergänzt würden die überzeugenden Erzählmittel der Aufführung "durch die harte Bildebene aus Video, Film und bearbeiteten Fotos, in denen sich die zunehmend zerstörte Realität des Bahnwärters ins zeitlos Psychotische überhöht."

Zwei weniger großartige Künstler als Regine Zimmermann und Peter Kurth wären aus Sicht von Matthias Heine von der Welt (20.11.2012) mit Armin Petras Veräußerlichung der inneren Abgründe der Hauptmann-Figuren "vermutlich gescheitert". Zimmermann und Kurth gelinge es jedoch, "hinter allen gelegentlichen Mätzchen, die Zwänge und Sehnsüchte jener uns eigentlich doch durch die Zeit und die soziale Distanz sehr fern gerückten Menschen fühlbar zu machen." Die Aufführung macht das Gorki-Theater aus Sicht dieses Kritikers daher zu einen Ort, "an dem man in die Gefühlswelten von Menschen aus der fremden Welt des 19. Jahrhunderts einsteigen kann."

"Petras ist kritischer Materialist, er setzt alle Not und Ungerechtigkeit dieser Welt stets den Umständen auf die Rechnung", schreibt Dirk Pilz in der Berliner Zeitung/Frankfurter Rundschau (19.11.2012). "Diesmal aber dreht er den Inszenierungsspieß um – und bohrt tief im Seelenfleisch seiner Hauptfigur." Die Seele mache den Unterschied, an diesem Abend im Maxim-Gorki-Theater besonders. Denn Petras halte sich zwar an die vorgegebene Handlung, erzähle davon, wie Thiel in schlimm sexuelle Abhängigkeit von seiner zweiten Frau gerate und Tobias von ihr misshandelt werde, erzähle vor allem, wie Tobias unter die Räder eines Zuges gerate, sterbe und Thiel seine Frau mitsamt ihrem Kind zerhacke. "Aber von Irrsinn ist bei Petras keine Rede." Vollkommen logisch, ja unausweichlich erscheine es dem Zuschauer nach knapp zwei Stunden vielmehr, dass dieser Thiel zum Gabelspitzenschmerzensmann werde – "der Unterschied, den eine Seele macht, ist auch der Unterschied zwischen Hauptmann und Petras." 

Ein "disparates Sammelsurium" hat Andreas Schäfer für den Tagesspiegel (19.11.2012) gesehen – und mutmaßt, dass es sich um eine "Reste-Inszenierung" handelt, in die Petras all das gepackt hat, was sonst nirgends unterzubringen war. Die Hauptmann-Novelle sei an sich ein dankbarer Stoff. Allein: "Das Impressionistische, den modernistischen Einbruch des Irrationalen, für den die Novelle berühmt wurde, hat Petras als Einladung zu Willkür, Zusammenhanglosigkeit und ausufernder Illustration verstanden." Nur wenn’s ruhig werde, weiche der alberne Aktionismus, "und Peter Kurth, der mit Petras zur nächsten Spielzeit nach Stuttgart wechselt, hat großartige Momente": zum Beispiel, wenn er seinem Sohn vormacht, wie ein Wolf heult. "Mehr Zärtlichkeit, mehr Verlorenheit geht nicht. So still kann das Irrationale auch einschweben."

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