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Limonade aus Rammstein

von Martin Krumbholz

Mülheim an der Ruhr, 21. November 2012. Das leicht reduzierte Ensemble ist übersichtlich wie auf einer Hühnerleiter auf der Empore aufgereiht, nach sozialem Status getrennt. Links also die treuherzige Musikantenfamilie Miller, der derbe Musikus, der seinem Weib gerne mal das Violoncello an den Gehirnkasten werfen würde, weil's partout das Maul nicht halten kann, die Millerin und Töchterchen Luise; rechts das blasierte Aristokratengschwerl, der Präsident von Walter, der Sekretarius Wurm und die (an diesem Abend verstummte) Lady Milford.

Nur der verliebte Ferdinand hat sich verirrt. Er sitzt linksaußen. Alle in historischen Kostümen und grell geschminkt – das allerdings nicht im Dienst einer korrekten geschichtlichen Rekonstruktion des Stoffs, sondern zum Zweck eines notorisch übertourten Schiller-Comic-Strips, wie er aufgeweckten Pädagogen heutzutage hoffentlich gefällt (Regie und Ausstattung: Jo Fabian).

Comic-Strip für Leistungskurse

Es ist also weniger die von Rüdiger Safranski so benannte "soziale Maschine", die in dieser Koproduktion des Mülheimer Theaters an der Ruhr mit dem FFT Düsseldorf in Gang gesetzt wird; es ist vielmehr eine theatrale Wirkungs- und Effektmaschine, die munter vor sich hin schnurrt. Schillers starke und befremdliche Sprache wird systematisch mit Alltagsphrasen durchmischt ("Wie verbleiben wir denn jetzt"), das gibt regelmäßig einen Lacher an der richtigen Stelle und schützt gewissermaßen den stürmerisch-drängenden Originalsound davor, allzu sehr anzuecken bei heutigen empfindlichen Ohren.

Kabale2 560 AndreasKoehring uSchiller für Schüler: mit Boris Schwiebert, Matthias Horn, Gabriella Weber, Marion Mainka und Marco Leibnitz. © Andreas Köhring

Vermutlich nennt man derlei im postdramatischen Theater "Ironie". Denn mit dem riskanten Pathos, den heißkalten Emotionen, den Sprachkaskaden scharf am Rand der unfreiwilligen Komik, mit denen dieses bürgerliche Trauerspiel so verschwenderisch aufwartet, will die Inszenierung nichts zu tun haben. Der Schiller-Leistungskurs-Comic-Strip ist ein patentes, gefälliges, wirkungssicheres und ein wenig denkfaules Instrument, den vielen lachlustigen Schülern im Publikum die Rokoko-Perücken auf den müden Kopf zu stülpen.

Blasmusikpop statt Pathos

Doch das Pathos macht bei Schiller nun mal die Musik. Hier gibt's stattdessen eingängigen Blasmusikpop und als besonderen Knaller zwei, drei Stückchen aus "Rammsteins" Gruselkabinett. Die stumme Lady Milford darf dazu neckisch die Lippen bewegen. Der perfekt gestylte Wurm (er sieht mit seiner runden Sonnenbrille eigentlich weit sexier aus als der bleiche Struwwelpeter Ferdinand, und intelligenter ist er ja sowieso) schwenkt unermüdlich ein künstliches Blumenbukett, Miller poltert, seine Frau schaut dumm aus der Wäsche, und der Präsident fängt pantomimisch Fische.

Überhaupt tendiert die Aufführung, nachdem die Regie irgendwann die Lust an den komplizierten Intrigenverläufen ganz und gar verloren hat, entschieden ins Choreographische. Eine Zeitlupen-Pantomime gegen Schluss, bei der die Figuren teilweise mit bizarren Masken erscheinen, hat beinahe etwas von einer unfreiwilligen Parodie der Ciulli-Ästhetik. Doch weit entfernt von jeder wirklichen Subversion ist und bleibt das ganze Spektakel platt wie eine Flunder, die von Walter an der unsichtbaren Angel hat.

Die grüne Limonade, die hier spaßeshalber einmal alle Sieben austrinken müssen, ist viel zu süß: Sie reißt keine Abgründe auf, evoziert keinen Taumel, keinen Schrecken, sondern nur einen wohligen pubertären Schauder. Rammstein eben.


Kabale und Liebe
von Friedrich Schiller

Regie, Bühne, Kostüme: Jo Fabian, Dramaturgie: Sven Schlötcke, Licht: Jochen Jahncke, Requisite: Sarah Kornettka, Regieassistenz: Immanuel Bartz.
Mit: Thomas Schweiberer, Boris Schwiebert, Annegret Thiemann, Matthias Horn, Marion Mainka, Gabriella Weber, Marco Leibnitz.
Dauer: 1 Stunde 40 Minuten, keine Pause

www.theater-an-der-ruhr.de


Kritikenrundschau

Beim Onlineportal Der Westen (22.11.2012) ahnt Arnold Hohmann, dass sich die Studienräte ins Zeug legen müssten, um ihre Abiturienten nach dieser Aufführung wieder auf den Boden des Schillerschen Originaltextes zurückzuholen. "Denn was der Regisseur, Bühnen- und Kostümbildner Jo Fabian ihnen da jetzt im Theater an der Ruhr als 'Kabale und Liebe' anbietet, das ist ein Cocktail, der zuvorderst Spaß machen soll; dafür werden die Figuren verjuxt und die Antriebskräfte der Handlung so recht nicht erkennbar." Zwar verstellten possierliche Einfälle auch den Blick auf das Drama, aber besonders die Traumsequenz in Zeitlupe funktioniere.