Fette Welt

von Michael Stadler

München, 7. Dezember 2012. Manche Stücke verdünnisieren sich ziemlich schnell nach ihrer Uraufführung, verschwinden im Bauch der Theatergeschichte, weil sie dem Autoren nicht recht gelungen, gar unförmig gestaltet sind. Eine pralle Anzahl der Inszenierungen kann Frank Wedekinds "Franziska" nicht aufweisen. Die Premiere im November 1912 in den gerade eröffneten Kammerspielen konnte aber durchaus Aufsehen erregen, da Wedekind selbst die Rolle des mephistophelischen Verführer Veit Kunz übernahm und seine Frau Tilly die (auf ihren Leib geschneiderte?!) Titelrolle spielte.

Nach Wedekinds Tod 1918 kam seine feminisierte "Faust"-Variante eher selten zur Aufführung, vielleicht auch deshalb, weil diese sich nicht nur wild in alle Richtungen ausbreitet, sondern stark mit dem Autor verbunden ist, mit seiner Vorstellung vom Künstlertum, seinen Kämpfen mit der Zensur. So versank "Franziska" in verdiente Vergessenheit.

Ein Moment für die Theaterewigkeit

Und wird nun wieder ins Bühnenlicht gerückt. Grund: das 100-jährige Bestehen der Kammerspiele. Und wer könnte am besten den eh schon fülligen Textkörper mit frischen Ideen anfetten, wenn nicht der ranke Theaterzauberer Andreas Kriegenburg? Selten gespieltes Stück? Pfff. Mit Elf aus dem Ensemble macht er sich an die Jubiläumssause und bläht seinen Wedekind schon rein optisch auf, indem er alle Darsteller in Fat Suits steckt.franziska2 560 judith buss xBrigitte Hobmeier, die Spinnenfrau: "Ich will leben!" © Judith Buss

Bis auf eine. Brigitte Hobmeier. Der schenkt Kriegenburg schnurstracks einen wunderbar beseelten Moment für die Theaterewigkeit. Die Hobmeier mit gespreizten Beinen zu Beginn sitzend auf dem schrägen Bühnenboden. Eine Spinnenfrau, die uns mit ihrem Charme in ihr Netz locken wird. Sie haucht ein Wort in den Raum, dehnt es, krächzt es immer wieder: "Leeeeben!" Ein Mantra wird daraus: "Ich will leben!" Sie steigert es zum Crescendo. Bis sie ihre Lebensgier in noch mehr Worte gießt. "Wollust" zergeht auf der Zunge. Der Boden senkt sich in die Geraden. Hinten in der linken Öffnung steht Annette Paulmann. Franziskas Fat-Suit-Mami. Großartig.

Jeder Großstädter bekommt sein Fett weg

Mit dem Mann-sind-die-Dickmann-Look treibt Kriegenburg das Stück noch mehr in die knallige Farce, und diese entfaltet sich gar nicht träge, sondern in höchst sportlichem Tempo. Es ist, als ob der Regisseur und sein Team von Beginn an in den Turbo schalten, um jeglichen Zweifel an der Qualität des ollen Wedekind-Stücks zu überrollen. Gegen die Wohlstandsbauch-Gesellschaft steht Jungspund Franziska schlank im Hemdchen, turnt und tänzelt, hebt ihren ersten Lover Dr. Hofmiller (Wolfgang Pregler) mit den Beinen munter in die Luft. Nachdem sie ihren sinnlichen Dammbruch hinter sich gebracht hat, wünscht sie sich, dass eine (sexuelle) Erlebnisflut auf sie einbrechen möge. Ihre Sehnsucht verspricht der chaplineske Anzugträger Veit Kunz zu stillen. Als Mann verkleidet soll Franziska ihr Grün hinter den Ohren in zwei Jahren schon loswerden. Dafür will Kunz dann ihre Seele.

Der Akt-Struktur Wedekinds folgt Regisseur Kriegenburg auf dem Teufelspferdefuße und lässt zunächst, zum Vergnügen des Publikums, eine "Det is Berlin"-Clique der Prostituierten und Lebemänner auf Franziska/Franz einbrechen. Hier bekommt aber jeder Großstädter sein Fett weg, selbstverständlich auch die Münchner, wenn Franz als Nächstes im schicken Schwabing in einer Unglücksehe ankommt (mit dem talentierten Neuzugang Christian Löber als Gattin Sophie).

Nostalgische Heiterkeit

Oder wenn noch später Wolfgang Pregler einen Polizeipräsidenten als biertrinkende Lach-und-Schießfigur hingrantelt. Der gestrenge Ordnungshüter unterbricht ein von Kriegenburg hinreißend inszeniertes, "freizügiges" Laienspiel-im-Spiel von und mit dem heroischen Herzog von Rotenburg (Marc Benjamin ist zum Kugeln). Wedekinds andauernder Zwist mit der Zensur, von dem Autor einst schon ironisiert, erzeugt heute nostalgische Heiterkeit. Wie nett: der "nackte" Busen und tüchtige Schamhaarwuchs der schauspielernden Herzoggeliebten Gislind von Glonntal (wieder Annette Paulmann).

Der Abend ist, ohne Modernisierungsdrang ins politische Heute, eine überdrehte, oft saukomische Gaudi mit gehöriger Länge (drei Stunden) und einer unerhört antreibenden Brigitte Hobmeier, die sich zusammen mit dem Ensemble in die Spiellust hemmungslos hineinwirft – immerhin federn eine rote Sackwurst als sich schlängelnde Raumdekoration sowie die Fat Suits jeden beherzten Stunt ab.

Noch immer hungrig

Etwas Melancholie lauert bei Kriegenburg wie üblich dennoch an allen Fettecken und Enden, verdeckt unter den Polstern überdrehten Spaßes. Der famose Oliver Mallison legt zuletzt sein Kostüm ab, der verkappte Romantiker Veit Kunz liebt Franziska und will sich ob ihrer Bindungsunlust erhängen. Doch der Tod ist ihm nicht vergönnt, der Freiherr von Hohenkemnath (Walter Hess) nimmt ihn mit von der Bühne, auf der die blutsaufende Franziska zurückbleibt.

Den letzten Akt hat Kriegenburg zu Gunsten einer dann doch schlankeren Version gestrichen: Die alleinerziehende Mutter probiert Franziska als Lebensentwurf nicht aus. Stattdessen sieht man eine Frau allein, befreit von Männern, weiter hungrig ("Ich will leben!"), den Zuschauern winkend. Die sind satt und erschöpft. Herzlicher Applaus.

 

Franziska
von Frank Wedekind
Regie und Bühne: Andreas Kriegenburg, Kostüme: Andrea Schraad, Licht: Jürgen Tulzer, Dramaturgie: Matthias Günther.
Mit: Marc Benjamin, Walter Hess, Brigitte Hobmeier, Marie Jung, Christian Löber, Oliver Mallison, Stefan Merki, Annette Paulmann, Wolfgang Pregler, Cigdem Teke, Edmund Telgenkämper.
Dauer: 3 Stunden, keine Pause

www.muenchner-kammerspiele.de

 

Etwas präsenter auf den Schauspielbühnen als "Franziska" ist ihre männermordende Kollegin Lulu: Nachtkritiken zu den Inszenierungen von Robert Wilson (Berliner Ensemble), Volker Lösch (Schaubühne Berlin) und Stephan Kimmig (Frankfurt).


Kritikenrundschau

"Was von Frank Wedekind in seinem Stück 'Franziska' schon als böse Persiflage einer dekadent-giersüchtigen Gesellschaft angelegt ist, wird nun in der Münchner Inszenierung von Andreas Kriegenburg zu einem ungeheuer spaßfreudigen Karikaturenpark", findet Sven Ricklefs im Deutschlandfunk (8.12.2012). Allerdings: Was "als urkomischer Parforceritt" beginne und auf einem hohen Tempo lange Zeit durchgehalten werde, werde "irgendwann dann doch Opfer eines sich vor allem wohl auch in konkreten Zeitbezügen und in wirren Handlungssträngen verheddernden Stückes". Fazit: "Vielleicht hätte man die künstlerische Potenz von Andreas Kriegenburg und eines großartigen Ensembles trotzdem woanders mit mehr Gewinn investieren können."

Nach "drei Stunden wahrlich fetter Theatersause" ist Christine Dössel von der Süddeutschen Zeitung (10.12.2012) doch ernüchtert: "Gefehlt hat dieses selten gespielte Stückwerk auf der Bühne nicht. Zumindest nicht, wenn es inhaltlich so hohl, wirr und unausgelotet bleibt wie in der spaßwütigen, ganz auf den Schau- und Showeffekt des Stoffes zielenden Inszenierung von Andreas Kriegenburg." Mit "zirzensischer Lust an Stummfilmkomik, Maskentheater und Körperakrobatik" biete der Regisseur zwar "wirklich brüllend komische Szenen –, aber da Kriegenburg inszenatorisch buchstäblich zu dick aufträgt, ächzt der Abend zunehmend unter seinem Übergewicht."

Einer "furiosen und großartigen Revue, in der Wedekinds Gesellschaft das eigene Monströse über den Kopf wächst", wohnte Paul Jandl von der Welt (10.12.2012) bei. "Andreas Kriegenburgs Rummel-Revue mit ihrer Jahrmarktsmusik und manchen apokryphen und das Original karikierenden Textpassagen ist die wohl einzig mögliche Antwort auf das angestaubte politische Pathos der Vorlage." Als "lüsterne Femme fatale oder als zarter Clown" bewege sich Brigitte Hobmeier "virtuos zwischen den wedekindschen und kriegenburgschen Knallchargen, und sie hat dabei die einzige echte Rolle. Mit jeder Bewegung und jedem Wort ist sie der Spiegel, in dem aus dieser grotesken Welt wieder die Wirklichkeit wird."

"Wedekinds Protest-Machwerk kann man beim besten Willen nicht ernst nehmen", schreibt Gabriella Lorenz in der Abendzeitung (10.12.2012). Daher verzichte Kriegenburg auf eine Interpretation und "macht es parodistisch zur artifiziellen Lachnummern-Revue, indem er die Schauspieler mit wahnwitzigen Fatsuits zu grotesken Stummfilmfiguren aufbläht." Man sehe "lauter fette, watschelnde, groteske Comic-Typen, geschminkt wie Stummfilmfiguren. So spielen sie auch: Expressionistisch ausgestellt, überlaut schreiend". Kriegenburgs Bilder seien dabei "immer wieder großartig". Doch: "Mit der Zeit nervt die ständige Turnerei allerdings genauso wie das Dauer-Gebrüll."

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