Null-Revolution der dementen Schmetterlinge

von Esther Slevogt

Berlin, 5. Januar 2013. Auf dem Boden liegt links der zuckende Schauspieler Thomas Lawinky. Er trägt lange Feinrippunterhosen und ein langärmeliges Unterhemd. Outfits dieser Art werden auf deutschen Bühnen meistens fällig, wenn mal wieder vom Theatersessel aus in soziale Abgründe geblickt werden soll. Ferner treten auf Cristin König, der ein Fatsuit bald ein enormes Körpervolumen verleiht, das sie dauernd unterm scheußlich geschmacklosen Kleid irritiert betastet. Auch die schöne Aenne Schwarz trägt bald so einen Fatsuit, den sie aber eher wie ein Tütü spazieren führt, während sie unter einer strubbeligen, grauen Plastikperücke versonnene Gesichter macht. Peter Kurth schaut verstört in die Gegend. Und Michael Klammer versucht unterm Fahrradhelm noch dämlicher auszusehen, als man mit einem Fahrradhelm ohnehin schon wirkt. Rundherum ein grüner Samtvorhang, der der Szene die Anmutung eines Behandlungsraums in einer veralteten Arztpraxis gibt. Dazu live der Störgeräusch-Sound von Musiker Miles Perkin: Poch. Poch. Schnarr. Dröhn. Dann sehen und hören wir Demenzkranken, ihren Angehörigen, Pflegepersonal oder Vermittlern statistischer oder sonst wie informativer Texte zum Thema zu.

1. Demenz-Schmetterlinge über der Wiese des Lebens

Wir befinden uns in Teil eins des neuen Stücks von Fritz Kater, das im Maxim Gorki Theater nun von Katers regieführendem Alter Ego Armin Petras uraufgeführt wurde. "Demenz Depression und Revolution" ist es überschrieben und der Untertitel kündigt eine "Studie zu drei Mythen der Gegenwart" an. Dabei handelt es sich um drei ausgesprochene Medienphänomene, die dieser Autor nun ins Poetische transzendiert und Roland-Barthes-mäßig zu Mythen des Alltags erklärt. "Die Welt muss romantisiert werden," hat immerhin schon der Romantiker Novalis gefordert. Denn wer will schließlich bloß aus der Zeitung vorlesen? Und so hat Kater/Petras also eine kleine Recherche betrieben, in Demenzstationen hineingehört und etwas Literatur zum Thema gelesen. Alsdann hat er Fetzen von Gedanken und Informationen, Krankenberichten und Angehörigenstatements zu einer Textcollage zusammengeschnitten, die von der Zumutung, aber auch der Verheißung erzählt, das Bewusstsein von sich selbst langsam loszuwerden. Einzutreten in einen Transitraum zwischen Leben und Tod, in dem man allem utilitaristischen oder sonstwie rationalen Zweckdenken entzogen ist.

demenzdepressionrevolution1 560 bettina stoess uIm Fatsuit über die Bühne kullern: Teil eins der Trilogie  © Bettina Stöß

Und unserer bösen kapitalistischen Gegenwart damit schwuppdiwupp natürlich auch. Damit die Tristesse nicht überhand nimmt (Achtung: Romantisierung!), webt Kater/Petras ein hübsches Dichtermotiv ein, das die Demenzkranken zu Schmetterlingen über der Wiese des Lebens erklärt. In der Inszenierung breiten die Schauspieler dann am Ende ihre Arme zu unbeholfenen Flatterbewegungen aus – Petras hat ja in den letzten Jahren eine nicht immer ganz glückliche Liebe zur Choreografie entwickelt. Vorne skandiert unterdessen Thomas Lawinky die Namen sämtlicher bekannter Schmetterlinge in alphabetischer Reihenfolge, als sei's ein Protestmanifest gegen die Auflösung aller Erinnerung (und des dazugehörigen Organs im Schädel gleich mit).

Doch es fällt schwer, diesen Ausbruch nachzuvollziehen, nach der Narrenparade, die hier zuvor vorbeigezogen ist. Denn statt sich auf die eigene Poetologie der Demenz einzulassen oder sie wirklich als Fluchtbewegung zu beschreiben (was der Text noch ansatzweise versucht), wischt die Inszenierung mit ihren Brachialklischees allen Feinstaub aus dem Text mit dem Feudel fort.

2. Die Depression bleibt eine subjektive Tragödie

Dann folgt Teil 2, "depression" überschrieben und erzählt entlang der Lebenslinie des Nationaltorwarts Robert Enke, der sich 2009 das Leben nahm, die Geschichte vom "schwarzen Hund", den einer auf dem Rücken durchs Leben schleppt, bis er zusammenbricht: der Depression als Krankheit zum Tode nämlich. Vor einem enormen Zellstoffvorhang, der sich am Ende – vom stetig tropfendem Regenwasser in seiner materiellen Substanz ausgehöhlt – mühelos zerreißen lässt, treten Michael Klammer und Aenne Schwarz in Anzug und Abendkleid als echtes Traumpaar auf. Erzählen eine ergreifende Geschichte von Liebe und Leid, die für das Mannsmassiv, als das Klammer hier mit ziemlicher schauspielerischer Energie in Erscheinung tritt, tödlich endet. Klammer und Schwarz switchen sehr suggestiv zwischen Posen des Begehrens, der Angst, öffentlicher Hochglanz-Glücksinszenierung und den Abgründen der Hoffungslosigkeit hin und her. Zwar inszeniert Petras hier ausgesprochen konkret und auf den Punkt. Und doch stellt sich der Effekt, die Depression als Symptom des kapitalistischen Effizienz- und Glücksdrucks (und Fluchtversuch daraus) zu begreifen, angesichts der sehr im subjektiven Schicksal verharrenden Tragödienenergie nicht her.

demenz 280 bettinastoess uMichael Klammer und Aenne Schwarz
© Bettina Stöß

3. Als Revolutionen noch sexy waren

Nach der Pause geht es noch mal zurück in Zeiten, als Revolutionen noch sexy waren: in den Prager Frühling des Jahres 1968 nämlich. Anhand eines einst real existierenden (allerdings schon 1989 verstorbenen) tschechischen Filmregisseurs geht es hier um die Unvereinbarkeit von Leben und Revolution: weil das Private eben niemals Politisch sein kann, sondern dem Politischen immer im Wege steht – was ja eigentlich eine sympathisch antitotaliäre Einsicht ist. Das Motiv ist einem bereits in der langen Nacht der Schleeftagebücher begegnet, in der Petras sich anhand von Einar Schleefs Tagebucheintrag von 1968 mit dessen Schwierigkeiten im Umgang mit der Tatsache auseinandersetzte, dass der junge Schleef zu dem Zeitpunkt, als sowjetische Panzer den Aufstand beendeten und der Student Jan Pallach sich aus Protest dagegen verbrannte, mehr mit seinem Liebesleben beschäftigt war.

Gestern also nun die extended Version. Statt Schleef steht der vergessene Filmer Pavel Juracek (mit seinen Tagebüchern) als Künstler Modell, der an einem Film ("Gullivers letzte Reise") arbeitet, von seiner Frau verlassen wird und einer todkranken italienischen Gräfin geliebt und ausgehalten wird. Cristin König, Thomas Lawinky und Svenja Liesau spielen das mit wechselnden Rollen: Juracek, seine Tochter und die Gräfin. Wieder macht sich hier vor allem der Drang des Abends zur schrillen Perücke bemerkbar. Im Hintergrund flimmert über ein Bettlaken dokumentarisches und extra produziertes Filmmaterial. Viel Kunstnebel wird versprüht, Lieder gesungen und große Worte wie diese gemacht: "es ist nicht geschichte was wir erleben es ist die karikatur von geschichte..... alles ist metapher und wirklichkeit zu gleich". Auf der die Drehbühne dreht sich ein gigantischer bunter Hocker als Vehikel für diese Reise durch die Zeit und durch die Lüge, unsere Hoffnungen und ihre fürchterlichen Enttäuschungen. Jeder Satz ein Mahnmal. Jede Geste aber seine Widerlegung in der Farce. "kunst ist revolution oder nichts", heißt es noch mal dick aufgetragen am Ende. Wer wollte hier widersprechen.

 

demenz depression und revolution. studie zu 3 mythen der gegenwart (UA)
von Fritz Kater
Regie: Armin Petras, Bühne: Annette Riedel, Kostüme: Patricia Talacko, Choreografie: Berit Jentsch, Musik: Miles Perkin, Video: Rebecca Riedel, Dramaturgie: Sibylle Dudek.
Mit: Michael Klammer, Cristin König, Peter Kurth, Thomas Lawinky, Aenne Schwarz, Svenja Liesau, Miles Perkin.
Dauer: 3 Stunden 40 Minuten, eine Pause.

www.gorki.de

 

Inzwischen prüft Robert Enkes Witwe Teresa juristische Schritte gegen die Verwendung der Geschichte ihres Mannes als Material für das Stück: hier die entsprechende Meldung. Daraufhin strich das Maxim Gorki Theater bis zur Klärung des Sachverhalts den strittigen Teil aus der Inszenierung: siehe Meldung.

Und hier ein Kommentar zur Causa.

 

Kritikenrundschau

"So schöntraurig schreibt Fritz Kater, das Autoren-Ego von Armin Petras, über das Sterben," schreibt Ulrich Seidler in der Berliner Zeitung und der Frankfurter Rundschau (7.1.2013). Aus Sicht dieses Kritikers ist Katers Trilogie kein Stück im klassischen Sinn, "sondern eher eine Materialsammlung". Schwarze Fakten und Zahlen stünden neben Erzählungen, Monologen, abgründigen Blödeleien, angerissenen Situationen und lyrischen Passagen, "die ihrerseits auch mal schwarzfaktisch ausfallen". Ebenso "angerissen, sammelsurisch, stolper-ästhetisch" findet Seidler Armin Petras' Inszenierung. "Ohne dramaturgisches Getue, ohne falsche Scham und ohne Furcht vor Pop, Ulk, Kitsch und Pathos wird auf Herzquetsch- und Seelenaufblüh-Bilder hingearbeitet, dargeboten teilweise in rührend-beknackten Kostümen (Patricia Talacko), mit albernen Brillen, sperrigen Wanst- und Arschpolstern und verrutschenden Perücken." Harmloser wird es aus seiner Sicht dadurch nicht.

Als eine "episodische Folge, die Punktlichter von unterschiedlicher Tiefe setzt," beschreibt Katrin Bettina Müller in der tageszeitung (7.1.2013) den Abend, der aus ihrer Sicht "zwar nacheinander drei Diskurse aufmacht, in jedem Kapitel aber eng bei einer Sache bleibt".

Von "zäher Betroffenheitsdramatik mit Trauerrand, aus der die anderen verständlicherweise kein darstellerisches Kapital zu schlagen vermögen", spricht Irene Bazinger in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (7.1.2013). Armin Petras' Ansinnen, "Ängste als überwindbar zu zeigen, indem sich die Akteure diese stellvertretend für die Zuschauer einverleiben", sei therapeutisch vielleicht interessant, "inszenatorisch allerdings ausgesprochen unergiebig und manchmal in akuter Kitschgefahr", so Bazinger. Erst nach rund dreieinhalb Stunden befreit sich die Aufführung aus ihrer Sicht "von ihrem trockenen Rechercheballast samt theatralischem Frontalunterricht": und zwar als am Schluss die Truppen des Warschauer Pakts den Prager Frühling beendet haben und der Schauspieler Thomas Lawinky im Frauengewand an der Rampe sein ganzes Gesicht mit einer lehmartigen Masse bedecke, auf die ihm schwarze Augen gemalt werden, "die sofort zerlaufen und als leere Höhlen erscheinen, als wolle er, wie Ödipus, die Welt nicht länger sehen". Aber da sei der Abend dann "auch schon aus und vorbei und letztlich kümmerlich verpufft."

"Das ist manchmal zum Verzweifeln komisch, anrührend und voller Schmerz erzählt", gibt Michael Laages in der Sendung "Kultur heute" auf Deutschlandfunk (6.1.2013) über den Demenz-Teil zu Protokoll. Dessen "finstere Poesie" hingegen vermisst er in Teil zwei. Teil drei ist aus seiner Sicht ein "eher fahrig-wurschtiger Happening-Versuch".

"Es hätte dieser buntschrille Abend manche Kürzung vertragen", schreibt Katrin Pauly in der Welt (7.1.2013). Aus ihrer Sicht hätte dem Abend womöglich auch eine verbindende Regieidee gut getan. "Aber er ist faszinierend in seinem Mut, diese ganz großen Themen anzugehen, er besticht mit der ausschweifenden Vielfalt seiner Mittel und Stile – und damit, felsenfest in der Gegenwart verankert zu sein".

Während Petras in Berlin noch inszeniere, bereite er in Stuttgart bereits seine erste Spielzeit vor", schreibt Gunnar Decker im Neuen Deutschland (7.1.2013). Anders ist für ihn diese "anfangs befremdlich-uninspirierte, unkonzentriert-zerfahrene Arbeit nicht zu erklären. An diesem Abend wird deutlich, dass es ein Problem sein kann, wenn jemand als Intendant sich selber als Regisseur einsetzt und bevorzugt seine eigenen Stücke, die er unter dem Namen Fritz Kater schreibt, inszeniert."

"Mir will kein deutschsprachiger und auch noch satisfaktionsfähiger Theatermacher einfallen wie Petras, der es wagen würde, drei aktuelle und dicke Dossiers auf einmal auf die Bühne zu bringen," stellt Tobi Müller in der Sendung "Fazit" des Deutschlandradios (5.7.2013) fest. Aus Sicht dieses Kritikers ist der Abend ein überzeugendes Beispiel für das Veränderungspotential der Kunst, das der Text selbst einfordere:"Weil er für drei große Themen, die zwar alle von Störungen im Kapitalismus handeln, ansonsten aber disparat sind, weil er dafür jeweils ebenso disparate Formen gefunden hat. Das ist im Theaterbetrieb selten und zeugt von angenehmer experimenteller Intelligenz. Oder schlichtweg von thematischem Einfühlungsvermögen."

"Der Abend ist so ungleichgewichtig, aber auch so frei von Zynismus und getrieben von der Freude daran, etwas über die Menschen rauszukriegen, wie es die gesamten sieben Jahre der Gorki-Intendanz von Armin Petras waren", gibt Peter Laudenbach in der Süddeutschen Zeitung (7.1.2013) zu Protokoll.

Das Kater-Petras-Theater findet Christine Wahl vom Berliner Tagesspiegel (7.1.2013) von diesem Abend "noch einmal geradezu archetypisch präsentiert: In größtmöglicher Stilvarianz und mit allem Polarisierungspotenzial, das ureigenen Handschriften naturgemäß innewohnt."

 

Kommentar schreiben