Dylan kann man doch nicht...

von Christoph Fellmann

Basel, 8. Februar 2013. Sechs Minuten und dreizehn Sekunden dauert "Like A Rolling Stone". Nicht viel länger brauchen Tomas Schweigen und Far A Day Cage in Basel nun, um alles zu sagen, was sie an ihrem Abend über diesen Song von Bob Dylan zu sagen haben.

Es ist ein Tag im Juni 1965, ein geschlossenes Tonstudio hebt sich aus dem Bühnenuntergrund, darin eingelassen die Band und ihr Leader, der hip wie die Hölle am Klavier sitzt, raucht und assoziiert. Im folgenden Re-Enactment der (teilweise überlieferten) Aufnahmesessions werden ihre Stimmen von weiteren Schauspielern an Mikrofonen lippensynchronisiert. Dann geht im schalldichten Studio die Musik los, und im Theater hört man nichts. Eine großartige Szene. Einer der bekanntesten Songs der Popgeschichte wird zu Stille, und sichtbar wird die Mythologie, die ihn umgibt. Der "magische Moment" im Studio, die Geburt eines Fetischs. Ein paar hastig hingeworfene Akkorde und Zeilen, die seither von ihren Exegeten tausendfach überschrieben worden sind.

Telekolleg mit Buhrufen

Leider dauert der Theaterabend dann doch 90 Minuten. "Like A Rolling Stone" ist die zweite Arbeit, welche die freie Schweizer Theatergruppe "Far A Day Cage" im Theater Basel zeigt, zu dessen Ensemble sie seit dieser Saison gehört. Eingerichtet hat sie einen Telekolleg über Bob Dylan und die Sechzigerjahre, der in seinem theatralischen Handwerk gut unterhält, der aber analytisch wenig bis nichts zu bieten hat und einfach nochmals mitgroovt mit den Greatest Hits der Dylanologie. Wir sehen Woody Guthrie und Allen Ginsberg, hören nochmals die "Buhs" der Folkies von Newport, als Dylan erstmals mit einer elektrischen Gitarre auftrat, und hören den "Judas"-Ruf, der ihn 1966 in Manchester aus dem gleichen Grund ereilte. Das alles spielt sich ab in einer hübsch klischierten "amerikanischen Landschaft" aus Stauden und Horizont: Hier kommen bald auch Joan Baez und John Lennon vorbei, Edie Sedgwick und Andy Warhol sowie die Journalisten, die Dylan so unvergleichlich blasiert auflaufen ließ. Und, klar, Tote wie John F. Kennedy, Martin Luther King und ein unbekannter Vietnam-Soldat sorgen für die nötige Sixtiesdringlichkeit.

rollingStone3 560 JudithSchlosser uAmerican Dreamland © Judith Schlosser

Man tut diesem Theaterabend also nur ein bisschen unrecht, wenn man sagt, dass man dafür auch zu Hause bleiben kann – und ein paar lehrreiche Stunden verbringt mit den DVDs von D.A. Pennebakers "Don't Look Back" und Martin Scorseses "No Direction Home". Außerdem ist dort die Musik besser: Das Ensemble hält sich in Basel zwar wacker mit eigenen Versionen von "Lost Highway" (von Hank Williams), A Change Is Gonna Come (von Sam Cooke), Cross Road Blues (von Robert Johnson) oder Move Over (von Janis Joplin), aber ach, auch auf der Tonspur gibt's das, was man schon kennt, in schlechteren Versionen. Keine Interpretation, kein theatraler Zugriff, und schon gar keine Idee, was der Rolling Stone dem Internauten des 21. Jahrhunderts zu erzählen hätte. Ein bisschen Square Dance ist – zum Beispiel – alles, was dem Ensemble zu Hank Williams' todtraurigem Countrysong einfällt, der auch Dylans "Like A Rolling Stone" in den Knochen steckt.

Augen schließen und sterben

So tippelt der Abend immer geradeaus durch die Sixties, bis er schließlich die Mondlandung und den dylanschen Motorradunfall erreicht und also bald zu seinem Ende kommt. Man muss schon sehr genau aufgepasst haben, um in Gedanken die Szenen zusammenzuführen, in denen dieses Stück den Song wenigstens ansatzweise durchdringt: Das Beatnikmädchen etwa, das am Anfang "die Straße" romantisiert und "brennen, brennen, brennen" will, mit seiner späteren Inkarnation als Janis Joplin, die ihren Schmerz ins Mikrofon schreit. Hier befragt das Stück – so wie der Song, von dem es handelt – den Aufbruch einer Generation, der sich 1965 angekündigt hatte. Und dies recht nahe am Originaltext: "When you ain't got nothin', you got nothin' to lose", heißt es in "Like A Rolling Stone", bevor zum letzten Mail der Refrain steigt wie die Flut: "How does it feel? / To be on your own / With no direction home / Like a complete unknown / Like a rolling stone?"

Es sind kurze lichte Momente. Am Ende aber, schlechte Pointen soll man ausplaudern, gelingt es Far A Day Cage sogar, ihre stärkste Szene zu verraten. "Dylan kann man nicht analysieren", wird der Abend an der Rampe zusammengefasst, und man möchte einwerfen: Doch, kann man. Mehr noch, man kann Dylan interpretieren, beliebig auslegen, verfremden, benutzen, samplen, verwerfen oder überschreiben. Was Theater mit seinen Stoffen halt so tut, wenn es etwas zu sagen hat (siehe übrigens auch "I'm Not There" von Todd Haynes, was aber schon wieder ein Film ist). Hier aber werden zuletzt die Aufnahmen der Stille wieder gelöscht, die man zuvor so wunderbar eingefangen hatte: "Schließen wir die Augen und hören wir einfach den Song", heißt es, bevor Like A Rolling Stone im Original aus den Boxen donnert. Bedingungsloser kann man nicht kapitulieren. Das ist Theater, das sich tot stellt, weil es ahnt, dass es gleich sterben wird.

 

Like A Rolling Stone
von Tomas Schweigen und Far A Day Cage
Regie: Tomas Schweigen, Bühne: Stephan Weber, Kostüme: Anne Buffetrille, Musikalische Leitung: Martin Gantenbein, Licht: Demian Wohler, Choreografie: Thomas Stache, Video: Ger Ger.
Mit: Philippe Graff, Vera von Gunten, Silvester von Hösslin, Martin Hug, Zoe Hutmacher, Jesse Inman, Joanna Kapsch.
Dauer: ca. 90 Minuten, keine Pause

www.theater-basel.ch

 
Kritikenrundschau

"Eines muss man diesem Bühnenessay ganz sicher lassen: Wohl kaum jemand im Zuschauerraum, auch wenn man bis dahin nicht zu den grossen Dylan-Fans gehörte, zweifelt am Schluss daran, dass 'Ilke a Rolling Stone' ein Meilenstein der Musikgeschichte ist", schreibt Dominique Spirgi in der Tageswoche (9.2.2013). Aus dem Songtext irgend eine Geschichte zu basteln, das sei den Theaterleuten zum Glück etwas zu banal gewesen. "Darüber zu diskutieren, was denn auch zwischendurch engagiert getan wird, ist um einiges ergiebiger." Bleibe also ein Blick auf die US-amerikanische Geschichte der 1960er-Jahre, auf die vermeintliche Aufbruchszeit, die mit "Ilke a Rolling Stone" eine Art Inbegriff bekommen hat. "Diesen Strang lebt das Ensemble auf der Bühne mit wunderbarer Spiellust und natürlich mit viel live gesungener und gespielter Musik aus dieser Zeit aus." Die legendenumwobene Aufbruchzeit werde von den Theaterleuten, "die alle der Post-Popgeneration angehören", aus einer skeptisch-ironischer Distanz heraus erzählt. "Die ironische Distanz birgt aber auch die Gefahr, dass das Ganze etwas zu sehr an der Oberfläche haften bleibt und letztlich harmlos wirkt." Nur ab und zu fänden die Theaterleute ein Bild, das auch in tiefere Gefilde zielt.

Tomas Schweigen und FADC wollten hier "ein Making of im weitesten Sinn" liefern, schreibt Barbara Villiger Heilig in der Neuen Zürcher Zeitung (11.2.2013) und leisteten dabei als Nachgeborene "Vergangenheitsbewältigung". Es habe "etwas Rührendes, wie hingebungsvoll" sie versuchten, "ein Lebensgefühl nachzubuchstabieren. Unter Aufwendung aller postdramatischen Tricks erfindet die Gruppe assoziative Variationen zu ihrem Thema." Einiges sei durchaus "witzig. Doch leider auch langweilig, auf die Dauer. Was man schnell kapiert, wirkt bald nur noch selbstverliebt." Das Unternehmen gleiche "einer Seminararbeit mit integrierten Fussnoten: Alle relevanten Infos (...) werden brav geliefert". Adressaten dieses "szenischen Workshops" seien nicht die Spezialisten, wohl eher die Schauspieler selbst, die "mit kindlichem Entzücken" ihren Stolz mitteilten, auch mal Dylan spielen zu dürfen. "Etwas Reenactment, Sampling und Mash-up, reichlich Name-and-Fact-Dropping für die Eingeweihten: Trotz geballter ironischer Sophistikation bleibt es beim fleissigen Auffädeln der Pop-Historie."

Eine "lustige Geschichtsstunde in Sachen Aufbruchstimmung damals" hat Bettina Schulte von der Badischen Zeitung (11.2.2013) erlebt. Schweigen & Co. hätten sich "offenbar gar keine Gedanken gemacht (...), warum sie erzählen, was sie (...) – erzählen". Von Beginn an pegele sich die Inszenierung "auf das harmlose Witzniveau ein, das sie nicht verlassen wird". Gesungen werde zwar "nicht schlecht", aber "natürlich lange nicht so gut" wie die Vorbilder. Man höre die Songs gern, es gebe bei FADC auch eine tolle Szene (stumme Session im Container), die zeigt, "was vielleicht möglich gewesen wäre, wenn sie sich nicht für die brave Nacherzählung und Bebilderung der Sixties entschieden hätten, wie man sie tausendmal besser aus Dokumentationen kennt". Man sei hier einfach "vor dem großen Bob (...) in die Knie gesunken". Gegen seinen doch noch gespielten Song am Ende "kommt so ein Theater 90 hilflose Minuten lang" nicht an. "CD in den Player!"

Andreas Klaeui vom Schweizer Rundfunk und Fernsehen (11.2.2013) sieht das wesentlich positiver: Diese "historische Spurensuche" sei "die von Sympathie getragene Annäherung an eine Zeit und ihre Träume". Und die Performer "spielen und singen fabelhaft gut!" In den "bewegendsten Momenten" stelle sich "so etwas ein wie eine generationenübergreifende Sehnsucht: nach Authentizität, nach der utopischen Veränderung". Dylan bleibe dabei "klugerweise die Leerstelle, um die herum das Ganze konzipiert ist". Man könne "einwenden, das sei alles doch ein wenig dünn", "eingefleischte Dylanologen" würden "kaum zufrieden sein". Auch weil der Abend "keine eigene Geschichte erzählt", verliere er sich "zwischendurch in der Unübersichtlichkeit des Materials" und büße an Spannung ein; "möglicherweise hätte eine offensivere Selbstbefragung der Rolle als Schauspieler gut getan". "Aber: Sie entführen uns auf die zauberhafteste Weise in eine Epoche, die wir fern glaubten und deren Träume uns doch ganz nah sind."

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