Shame on me, shame on you

von Dorothea Marcus

Mülheim an der Ruhr, 26. Februar 2013. Schuhe putzen. Gläser polieren. Knöpfe zählen. So sehen die Strafen aus, wenn man etwas getan hat, für das man sich schämen sollte. Verordnet wurden sie dem jungen Ensemble des Theaters an der Ruhr vom Regisseur Albrecht Hirche und Dramaturg Sven Schlötcke. In "Skulpturen der sozialen Bestrafung" im Foyer verkünden die sieben Darsteller murmelnd ihre Straftaten (sie sind auf Bildtafeln auch noch verewigt) und verrichten zugleich die Buße dazu.

Thomas Schweiberer hat seinen Schulfreund, einen Roma, an die Lehrerin Frau Braun verraten. Nils A. Lange hat einen Frosch aufgeblasen, bis er platzte. Autos zu Schrott fahren, Zigarettenautomaten aufbrechen – Jugendsünden, für die man sich später schämt, ähneln sich offenbar. Im Programmheft – einem orangen Schulheft – haben die Mitwirkenden auch noch "Scham-Klassenarbeiten" geschrieben, in denen sie selbst über so unangenehme Themen wie Anzahl der Sexualpartner und Jahresgehalt Auskunft geben.

Im Klassenzimmer der Jugendsünden

Dann ertönt ein Schulgong, und das Publikum begibt sich mit den Darstellern auf die Reise in den Theatersaal, wo auf der Bühne schon eine Schulklasse mit Pulten und Bänken aufgebaut ist. Denn die "Scham", die Regisseur Albrecht Hirche zu untersuchen angetreten ist, ist vor allem ein Gefühl aus Schule und Pubertät – übermächtig bricht sie aus dem in sich ruhenden Kind hervor. Vor wem schämt man sich so plötzlich, oder besser gefragt: für wen?

Was zunächst die Eltern sind, ist später Deutschland oder gar die Religion – bellend wird aus dem Off gefragt, für wen wir uns schämen. Wie unterschiedlich die Antworten bei jedem auch ausfallen mögen: In den seligen Zustand vor der Scham findet man nie wieder zurück. Schön, daraus einen Theaterabend für öffentlichkeitssüchtige Jugendliche von heute zu machen – schließlich hat auch Scham mit Zurschaustellung und Verstecken zu tun. Was wiederum zum Theatervorgang an sich führt.

scham2 560  a koehring u© A. Köhring

With God on our Side

Nachdem sie ihre privaten Scham-Geschichten erzählt haben, ziehen sie sich klinisch weiße Kleidung an und der Abend weitet sich zum heterogenen, dissonanten Stimmengewirr, in dessen Verlauf die Gesichter der Darsteller zunehmend schamesrot geschminkt werden. Auf dem Bühnenboden ist eine Wohnung mit Klebebändern markiert, mit Papp-Wanne und Papp-TV. Eine Casting-Show ermittelt darauf "God", es ist der großartige schwarze Musiker "Lord Bishop" aus New York, der im Publikum die Anzahl der Schwarzen ermittelt (keiner), seinen gewaltigen Körper entkleidet, auf seiner E-Gitarre brachiale Punk-Riffs abfährt oder überraschend liebliche Songs über die allgegenwärtige "Shame" singt – während die Fernsehfritzen ihr geschäftiges Inside-Geplapper absondern, projiziert auf Großbildleinwand.

Auch für unser Fernsehprogramm sollte man sich schämen. Oder für die Deutsche Bank, deren Symbol auch auf den Boden geklebt ist. Oder für die Schokoküsse ("Neger-Küsse"), die Lord Bishop genüsslich auf Leinwand mampft. Fremdschämen für anderer Leute Peinlichkeit, Scham über körperliche Erscheinungsformen und Sexualität, möglichst schamlose Sprüche und Witze werden bunt durcheinander kombiniert.

Anjorka Strechel berichtet live in die Kamera, wie sie ihre erste Periode bekam und den Schmerz in Alkohol ertränkte, in Pidgin-Englisch oder bayerischem Dialekt stellen sie durcheinanderplappernde Familienvarianten nach oder kalauern sich möglichst schamlos durch die Gegend ("Wer ist Grieche und mag keinen Feta? Peter!")

Reise zu den Geschmacksgrenzen

Eine Bestandsaufnahme des pubertären Bewusstseins wird hier durchdekliniert, die zugleich auch eine Reise zu den Geschmacksgrenzen ist, an die Scham stets stößt. Zwangsläufig beinhaltet Scham auch Ekel, Reue, Schuldbewusstsein. Nach dem starken Beginn zerfasern die Assoziationen und Aspekte des Themas in verwirrende Gleichzeitigkeit und Heterogenität und mündet schließlich in eine Meta-Analyse des Theater-Tuns – schließlich wird Scham vor allem durch Selbstreflexion ausgelöst. Und ist doch wiederum ein ganz intuitives, unwillkürliches Gefühl, wenn man sich zuviel getraut hat.

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"Ich habe den Plan, den Blick der anderen standzuhalten", sagt eine trotzige Anjorka Strechel zum Schluss und spendet zum ersten Mal eine Art von Trost. Währenddessen stimmt Lord Bishop den Song "Helden der Scham" an – und fordert die Zuschauer auf, mitzusingen, die sich zunächst auch erst schamhaft umgucken müssen, ob nicht der Sitznachbar guckt.

"Scham" ist also trotz aller Interview-Arbeit im Vorfeld – auch eine Menge Schüler wurden befragt – keine Analyse eines Gesellschaftsphänomens, sondern eher ein assoziatives Konglomerat aus Gefühlen, Aspekten, Assoziationen und Musik. Das ist unterhaltsam, vielschichtig, schnell und geschmeidig gespielt und nimmt sich eines aufregenden Themas an, das so noch nicht für das Theater untersucht wurde. Aber am Ende hätte man sich aber trotz aller Bekenntnisse noch eine echte persönliche Betroffenheit dazu gewünscht.


Scham
Ein Projekt von Albrecht Hirche und Sven Schlötcke
Regie: Albrecht Hirche, Dramaturgie: Sven Schlötcke, Bühnen und Kostüme: Albrecht Hirche, Requisite: Sarah Kornettka, Licht: Jochen Jahncke, Regieassistenz: Immanuel Bartz.
Mit: Thomas Schweiberer, Gabriella Weber, Marco Leibnitz, Anjorka Strechel, Nils. A. Lange, Denis Schmidt, Lord Bishop.
Dauer: 1 Stunde 45 Minuten, keine Pause

www.theater-an-der-ruhr.de


Kritikenrundschau

Steffen Tost schreibt auf derwesten.de, dem Internetauftritt der Westdeutschen Allgemeinen Zeitung (28.2.2013, 00:18 Uhr) von einem "eindruckvollen Theaterabend", aus dem der 50jährige Rockmusiker Lord Bishop aus New York herausgeragt habe, gerade weil er ein Fremdkörper im Ensemble geblieben sei. Die anderen Schauspieler täten Buße für Jugendsünden, bevor sie noch einmal die Schulbank drücken und "über ihr Reinlichkeitsverhalten, erlebte schamhafte Situationen, Intimitäten" Auskunft geben müssten. "Scham" hätten Albrecht Hirche und Sven Schlötcke, der das junge Theater betreut, haben "mit dem Ensemble durch Improvisationen" erarbeitet. Das Premierenpublikum bestünde aus "zahlreichen Achtklässlern". Dann folge eine "überdrehte Familien-Soap in sieben Teilen", die kein Klischee auslasse. Hirche habe eine Kunstsprache mit "starkem bajuwarischem Einschlag kreiert", die für "einige Irritation" sorge. Bei all der "temporeichen Kolportage hätte man sich einige ruhige und eindringliche Momente mehr gewünscht."

Stefan Keim sagt in Mosaik auf WDR 3 (27.2.2013), es sei eine großartige Idee sich mit dem Thema Scham auseinanderzusetzen, komödiantisch auf der Grenze zu balancieren zwischen Scham und Schamlosigkeit und Unverschämtheit ... für ein Jugendtheaterstück eine grandiose Idee. Aber ... im Theater musste Keim dann einen "schamvollen Abend" erleben. Bis zum assoziativen Sprechchor, dachte Keim "schöner Aufriss, jetzt wird's spannend", aber dann folgte die Parodie auf eine TV-Soap "Vatta, Mutta, Kind", in der es darum gehe, dass einer in die Wanne gekotet habe und dass es jetzt im Haus stinkt. Und so sei es weitergegangen. Indem man den Blödsinn einfach wiederhole, wenn auch grotesk gesteigert, schaffe man noch keinen "Mehrwert". Dazwischen noch viel mehr abgedrehte Sachen. Das Potential auf der Bühne und im Thema sei nicht genutzt worden.

 

 

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