Wie das Rauschen des Meeres

von Georg Kasch

München, 8. Dezember 2007. Warum berührt es einen so, wenn Sandra Hüller aufschreit? Wie das durch Mark und Bein geht! Vielleicht hat es etwas mit ihrem schmalen Körper zu tun, ihrem kindlichen Gesicht, den kleinen Gesten, vor denen sich der existenzielle Gewaltlaut so monumental abhebt. Sicher auch mit den zahllosen Verletzungen, die Steven Scharfs Jason ihrer Medea zufügt. Und mit Stephan Kimmig, der die Ressourcen seiner Schauspieler in Tom Lanoyes "Mamma Medea" an den Münchner Kammerspielen gute drei Stunden lang äußerst ökonomisch dosiert, so dass jeder Ausbruch wie eine vulkanische Eruption wirkt.

Medea huscht zwischen Rigips

Die Geschichte ist die alte, neu zugespitzt: Griechenland gegen Kolchis, prollige Herrenmenschenprosa gegen federnde Jamben, Berechnung gegen Leidenschaft. Es hätte dieser Aktualisierung nicht bedurft, denn was der Niederländer Lanoye herausarbeitet, steht stilistisch packender schon bei Franz Grillparzer und Hans Henny Jahnn. Doch macht er die Konflikte um Fremde und Asyl, um Ehe und Ehebruch leicht verständlich und bringt mit seiner Mixtur aus hohem Ton und Alltagssprache Tempo und Witz in die Sache. Einen Witz freilich, bei dem einem oft genug das Lachen in der Kehle stecken bleibt.

Schnörkellos, voller Zurückhaltung entfaltet sich in den Kammerspielen die Erzählung. Erst allmählich werden die Figuren lebendig, schnell ziehen sie sich wieder in ihre emotionalen Schneckenhäuser zurück: Hier die vermeintlich zivilisierten Griechen in Lederjacken und Springerstiefeln, dort die barfüßigen, zurückhaltenden Kolcher. Hans Kremers Aietes regiert mit dem Handrücken oder dem Krümmen eines Fingers, Medea selbst huscht wie ein Tier zwischen den Rigipsplatten umher, die Katja Haß als Wandversatzstücke vereinzelt auf die Drehbühne gestellt hat.

Natürlich ist der Gefühlspragmatiker Jason aus der anything goes-Gesellschaft nichts für die emotionale Bombe Medea mit ihren klaren Vorstellungen von moralischen Regeln und Ehrgeboten. Ihre Beziehung bleibt ein Missverständnis. Er vermag durchaus einen virilen Charme zu entwickeln, wenn er nur will, behandelt sie aber wie ein sonderbares Kind; sie umschleicht ihn, quittiert seine Worte mit einem scheuen Lächeln und liebt ihn mit einer kreatürlichen Unbedingtheit, die sich stärker in Blicken als in Berührungen äußert.

Leichen pflastern ihren Weg

Jeder Gewaltakt tritt scharf hervor, auch wenn er gleichsam geflüstert wird: Ungeheuerlich das Bild, wenn Aietes nach Medeas Flucht seine Enkel wie Lämmer schlachten will, mit der einen Hand die Halsschlagader fühlend, mit der anderen das Messer haltend, während die Jungs mit nacktem Unterkörper still, mit aufgerissenen Augen ihres Schicksals harren. Jason seinerseits rammt Medeas Bruder das Messer in den Bauch, versucht, ihn mit aller Leibeskraft zu erwürgen und schneidet ihm schließlich, nachdem dieser seine Schwester um Gnade anfleht, unter beruhigenden Sch-Geräuschen die Gurgel durch.

Hier wirkt nichts ausgestellt, demonstriert, vorgespielt. Auch kommt Kimmig nicht auf die Idee, aktuelle Kindermorde oder Immigrantenschicksale auf die Bühne zu hieven. Sie sind schon lange da, aufgehoben im Mythos, dem Kimmig seine archaische Größe lässt. Antike Zauberkunst und bürgerlicher Ehekrieg, Konsum und Fanatismus, Nichtzurückkönnen und Nichtankommendürfen der Einwanderin gehen hier unspektakulär zusammen in einer Erzählung, die an- und abschwillt wie das Meeresrauschen.

Inkommensurabel wie ein Schrei der Hüller

In Griechenland wirken die Bühnen-Wandfragmente wie eine ruinenhafte Stadtlandschaft. Sie ist mit schwarzen Ascheflocken übersät; in diesem Dreck liegt Medea lethargisch in türkisener Jogginghose und grauem Kapuzenpulli. Bis Jason kommt und ihr die Scheidung nahelegt. Sie steht auf und schmettert ihm leise und deutlich ihre angestaute Wut entgegen, manchmal zögerlich, als müsste sie sich stark konzentrieren.

Als Lena Lauzemis Kreusa im weißen Kostüm auftaucht, klammert Medea sich zunächst krampfhaft an die Strickjacke der Dienerin, die Lasse Myhr als trippelnde, wackelnde Alte spielt, wird dann selbst zum cocktailschlüfenden Girlie, nur um aus diesem Hinterhalt schärfer schießen zu können. Wenn sie Jason das tödliche Kleid für Kreusa andreht, liest sie ihr falsches Friedensangebot vom Spickzettel ab.

Anders als bei Euripides ff. bringen die Ausländerin und der Karrierist ihre Kinder gemeinsam um. Am Ende sitzen sie an der Rampe, Medea lehnt sanft ihren Kopf gegen Jasons Schulter, und was wäre das für ein idyllisches Bild, wüsste man nicht um die Morde und den verzweifelten Hass. Kimmigs "Mamma Medea" ist, mehr als "Szenen einer Ehe" oder "Wer hat Angst vor Virginia Woolf?", eindringlich und inkommensurabel wie ein Schrei Sandra Hüllers: schmerzlich klar, und zugleich eine Chiffre, die sich nicht vollständig entziffern lässt. 

 

Mamma Medea
von Tom Lanoye
Deutsch von Rainer Kersten
Regie: Stephan Kimmig, Bühne: Katja Haß, Kostüme: Anja Rabes, Licht: Björn Gerum, Musik: Michael Verhovec. Mit: Sandra Hüller, Steven Scharf, Hans Kremer, Sebastian Weber, Lasse Myhr, Lena Lauzemis, Caroline Eber, Jonas Schmid, Simon Kirsch.

www.muenchner-kammerspiele.de

 

Kritikenrundschau

Vom Stück hält Christopher Schmidt, wie er in der Süddeutschen Zeitung (10.12.2007) schreibt, nicht viel. Tom Lanoye bringe Figuren "zum Reden, aber nicht zum Sprechen". Stephan Kimmig hingegen hätte Potential: "Kimmig ist kein Konzeptregisseur, sondern einer, der induktiv arbeitet (...) Auf der Suche nach einem Gefühlstheater der erzählerischen Unmittelbarkeit hängt die Beweiskraft seiner Feldversuche davon ab, wie stark die Ströme sind, die zwischen den Schauspielern fließen." Und in München flössen sie stark. Die "präzise emotionale Seismographie" der Darsteller entfalte im zweiten Teil "tragische Wucht". Mit Steven Scharf und Sandra Hüller als kindermordenden und verzweifelt übereinander herfallenden Hauptdarstellern hätte Kimmig "die Geschichte nicht ins Kleinbürgerliche heruntergebrochen, sondern die Antike unterm Wohnzimmerteppich hervorgeholt."

"Brutale Aktualität" wird auch auf Spiegel online (9.12.2007) konstatiert. Wolfgang Höbel freut sich über "Stephan Kimmigs packende, klare und böse funkelnde Inszenierung" einer "scheußlich aktuellen" Sache: der Kindstötung. Wobei es auch um mehr als das gehe: "Ganz leicht, ohne pathetische Verrenkungen und grelle Effekte macht Stephan Kimmig aus dieser Geschichte ein modernes Melodram mit Migrationshintergrund, in dem Liebe eine böse Krankheit ist." Es sei "die Balance zwischen Komik und blutigem Irrwitz, die diesen Theaterabend zu einem Ereignis macht, und es ist die Kunst der Sandra Hüller: das kalte Fieber, in dem ihre Lippen bibbern, ihr oft zwischen halbgeschlossenen Lidern fast verborgenes Augenflackern (das manche aus dem Kinofilm "Requiem" kennen), das ständige Herumgezupfe ihrer großen Hände am eigenen Pulloversaum, ihre mitunter sonderbar quäkende Stimme."

Teresa Grenzmann in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (10.12.2007) ist gleichfalls beeindruckt. "Nicht in der Konfrontation, sondern in der Verbindung eines handfesten, zeitgemäßen Ehedramas mit einem Tausende Jahre alten Mythos" hätte Stephan Kimmig eine "tiefgehende, zeit- und ortlose Variationen von Fremdheit, Entfremdung, Fremdbestimmung" fixiert. Steven Scharfs Jason halte sein Ego "zwischen arroganter Heuchlerei und gezügelter Aufrichtigkeit aufrecht", Sandra Hüller als Medea konzentriere "das Autoritätsdilemma ihrer störrisch impulsiven, aber auch grüblerischen Protagonistin erst in einem mädchenhaft zerbrechlichen Charme, dann in einer derb und dreist gebrochenen Scham". Das Bühnenbild von Katja Haß bestehe aus "zwei fast verwechselbar abstrakt antikisierenden Ruinenstädten aus weißen Paletten" – Heimat und Fremde seien für Jason und Medea, die ewigen Flüchtlinge, austauschbar.

Gleichklang auch in der Münchner Boulevardpresse: Gabriella Lorenz schreibt in der az (10.12.2007) Stephan Kimmig lasse "die Gefühle gefährlich unter der kühlen Oberfläche brodeln, die Leidenschaften sind glaubwürdig durch Intensität ohne Geschrei." Die tz titelt weihnachtlich: "Ein neuer Stern am Himmel", und meint damit Sandra Hüller, die "wunderbar heutig", so Rolf May, "zu Beginn ein selbstbewusstes junges Mädchen im Aufruhr ihrer ersten Liebe," spielt, "später eine desillusionierte Frau, die ohne jedes Tragödinnen-Heulen ganz fein, quasi gläsern flimmernd, im Wahnsinn zerbricht."
Auf den Kindsmörderinnen-Zug springt keines der beiden Blätter auf. "Die billig sich andienende Schein-Aktualität der Kindermorde von Darry oder Plauen mag in den Schlagzeilen den Finger erheben" schreibt May (tz). "Die Medea-Tragödie spielt anderswo. Vielschichtiger ist da schon das Motiv der Fremdenfeindlichkeit, das Lanoye aber sehr klug, nur als Denkanstoß in die Debatte wirft, nicht als Leitartikel zur Migrations-Problematik.

In der Frankfurter Rundschau (11.12.2007) schreibt Judith von Sternburg, dass in Stephan Kimmigs Inszenierung die Tragödie auf die Niederungen der Zweierbeziehung treffe. "Beides kommt scheinbar unaufwändig daher, und alles hängt an den großartigen Schauspielern, die sich wie Fische im Gewässer des Textes bewegen". Sandra Hüller als Medea zeige "wie die Liebe aussieht und die Ernüchterung danach", Steven Scharf als Jason "einen bornierten Schwächling". "Alles geschieht sparsam, lässt die Sprache auftrumpfen und fordert Zeit (drei Stunden). Am Ende wird Medea ihren Kopf auf Jasons Schulter legen. Vorher haben sie ihre Kinder erschossen, sie das eine, er das andere. Schockiert hätte es sie nur, wenn er sich selbst umgebracht hätte."


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