Der doppelt Fremde

von Steffen Becker

Oberammergau, 5. Juli 2013. Eine Fahrt nach Oberammergau – ins katholische Herzland Bayerns – schreit gerade zu danach, die alte Firmungs-Bibel herauszukramen. Christian Stückl, Oberammergauer, Passionsspielleiter und Volkstheaterintendant, inszeniert "Moses". Liest man heute die entsprechenden Bibelpassagen, ist man ganz überrascht, wie brutal und abstoßend dieses Buch sein kann. Bei Feridun Zaimoglu und Günter Senkel beginnt der Stoff mit Sex. Ein ägyptischer Aufseher vergewaltigt eine Hebräerin und will ihren Mann ermorden. Moses tötet ihn – und stolpert in eine Sinnkrise, die ihn zum Propheten werden lässt.

moses1 560 arnodeclair uWas beim Zoom noch wirkt wie Hollywood-Cinemascope... © Arno Declair

Zaimoglu und Senkel haben die Bücher Mose und jüdische Legendensammlungen genau auf Fragen nach völkischer und religiöser Identität, Abgrenzung und daraus resultierenden Konflikten abgeklopft. Folgerichtig präsentiert Regisseur Stückl mit Carsten Lück einen Wanderer-in-der-Wüste-Moses – auf der verzweifelten Suche nach einem inneren Kompass. Lück ist kein weiser Alter mit Rauschebart, sondern ein junger Mann, den sein Außenseitertum aggressiv macht. Hebräer, aber aufgezogen am Hof des Pharao, ist er ein "Fremder unter Fremden". Ein Leben in zwei Welten, ohne Zugehörigkeitsgefühl: das Empfinden eines Einwandererkindes in der zweiten/dritten Generation.

Blutbad im Affekt

Beim Moses in Oberammergau hat das talibaneske Folgen. Nach seinem Erweckungserlebnis im Flammenkreis auf einem abgeschrägten Bühnenrund widmet er sich der Reinheit des Volkes, das sich durch die Vermischung mit den Ägyptern befleckt hat und nur durch Bürgerkrieg und Völkerwanderung Gottes Segen wiedererlangt. Das Bühnenbild verspricht dabei keine Erlösung. Es zeigt das Panorama einer öden, roten Wüste, in der die Israeliten nach dem Exodus landen – und sich nach ägyptischen Lebensverhältnissen zurücksehnen.

Dieses Hin- und-Hergeworfensein charakterisiert auch Moses. Er leidet unter der Mühsal seines Volkes. Klagen über Gott deswegen beantwortet er im Affekt mit einem Blutbad. Lück spielt das zerrissen, gequält, krampfhaft festhaltend am Halt, den Glaube verspricht. Aus einem "Ach ja, noch so ein Bibel-Stück" wird so ein faszinierend aktuelle Darstellung von religiösem Fanatismus und Parallelwelten.

Klagelied einer irreparabel beschädigten Leitkultur

Entsprechend ambivalent sind die Charakterzeichnungen der Gegner Mose. Stefan Burkhart als Pharao zeigt einen robusten, brutalen Herrscher. Aber eben auch eine Vaterfigur, die es menschlich trifft, das das Mündel Moses sich so undankbar zeigt. Und nach durchlittenen Plagen daraus das Klagelied einer irreparabel beschädigten Leitkultur entwickelt. Man hat die Fremden hereingelassen, ihnen zu essen und Arbeit gegeben. Dann haben sie sich vermehrt und sind zum Feind gewachsen, der einem den Wohlstand raubt.

Leider verführt das Stück Regisseur Stückl auch dazu, seinen Hang zu überdeutlichen Ansagen auszuleben. Ausgiebig - und stärker herausgehoben als im Text - inszeniert er etwa die Einlassungen des (ebenfalls mit dem Makel des Migrationshintergrunds behafteten) Magiers am Hofe des Pharao. Als eine Art Gegenmodell legt dieser immer wieder den Finger in die Wunden, die Moses Theologie schlägt. Andreas Richter meistert diese Aufgabe zwar mit Messerschärfe und Süffisanz. Die Konflikte, die sich in diesem Moses zeigen, wären aber auch ohne nochmalige Analyse begreiflich.

moses2 560 arnodeclair u... erweist sich in der Totale als geschickte Zitat-Kulisse. © Arno Declair

Durch solche Dehnungen und Erklärschleifen verliert das Stück an Dynamik und der Zuschauer muss einige Längen verkraften. Dennoch: Biblische Dramatik vor Alpengipfeln und unter dunklen Wolken, Verhandlung von Fremdenhass im Herzen einer urbayerischen Kulisse – zu diesem Setting passt der Regieansatz von Stückl: die Massenaufläufe, die dräuende Musik des (ausgezeichneten) Orchesters, die Flammenwand mitten durch einen Chor, die Orgie beim Tanz ums goldene Kalb.

Wenig plakativ gelingt die Moral von der Geschicht': Moses’ Bruder Aaron (Frederik Mayet) stirbt, der Prophet hadert mit Gott, während das Volk mit ungewissem Ausgang gen gelobtes Land aufbricht. Moses gehört wieder nicht dazu, ein Fremder.

 

Moses (UA)
von Feridun Zaimoglu / Günter Senkel
Regie: Christian Stückl, Bühne und Kostüme: Stefan Hageneier, Musik: Markus Zwink.
Mit: Carsten Lück, Jonas Konsek, Frederik Mayet, Eva Maria Reiser, Stefan Burkhart, Andrea Hecht und vielen weiteren Oberammergauern.
Dauer: 3 Stunden, 1 Pause

www.passionstheater.de

 

Mehr zu Moses? Hier hatten wir die Oberammergau-Pläne von Christian Stückl bereits gemeldet. An Stückls Volkstheater in München lotete vor knapp einem Jahr Regisseur Simon Solberg den Stoff als Moses. Ein Mash-up-Musical aus.

 

Kritikenrundschau

"Das Drama ist eine der anspruchsvollsten Bearbeitungen, die es für diese Bühne und ihr Ensemble in den letzten Jahren gegeben hat," schreibt Teresa Grenzmann in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (8.7.2013). Trotzdem handelt es sich aus ihrer Sicht um einen kurzweiligen Theaterabend. "Die sich für dieses Projekt zusammengetan haben, sind grundverschieden und passen doch erstaunlich gut zueinander: In der kritischen wie phantasievollen Beschäftigung mit Glaube und Religionsfreiheit, aber auch mit Volkskultur, Brauchtum, Tradition, mit archaischen Stoffen und Sprachen, mit dem guten Menschen in seiner Wesensgröße und dem schwachen in seiner Ohnmacht erschaffen sie in Oberammergau Nahtstellen zwischen gestern und morgen."

Von einem guten Abend spricht Egbert Tholl in der Süddeutschen Zeitung (8.7.2013). Akribisch hielten sich Günter Senkel und Feridun Zaimoglu in ihrer Bearbeitung an den archaischen, altestamentarischen Klang der Sprache. Aus Thollls Sicht wird der Bibeltext einerseits verschäft andererseits doch menschlicher gemacht. Christian Stückl inszeniere "dicht, fast ohne Scherze, konzentriert. Die Sprache kommt den Laien gut aus dem Mund, die Archaik ermöglicht langsames Sprechen. Dazu reichen dann ein wenig toller Feuerzauber, Markus Zwinks effektvolles Musikamalgam und sechs blanke Busen (keine Oberammergauerinnen!) beim Tanz ums Goldene Kalb." Auch die Hauptdarsteller machen dem Kritiker Freude, "vor allem Stephan Burkharts wüster Pharao und Peter Stückl, der Vater des Regisseurs, als Korah, Moses' jüdischer Widersacher".

Mit einem ganz am biblischen Duktus orientierten archaischen Sprachstil und mit sehr ernstem Gestus erzählen Feridun Zaimoglu und sein Co-Autor Günter Senkel aus Sicht von Sven Ricklefs in der Sendung "Kultur heute" beim Deutschlandfunk (6.7.2013) die Geschichte von Moses: vom Auszug aus Ägypten, von Wüste und Mangel, vom Zweifel des Volkes und von seinem Abfall vom Glauben, vom Tanz um das goldene Kalb und vom blutigen Zorn des alttestamentarischen Gottes." Christian Stückl habe die Geschichte "mit sicherem Zugriff bebildert, wobei ihm ein Laienensemble zur Verfügung steht, das gerade in den tragenden Rollen von Jahr zu Jahr besser wird."

Von einem "imposanten Riesenformat" schreibt Simone Datttenberger auf Merkur-online (7.7.2013). "Da gibt es kräftige Pinselschläge und zugleich Feinzeichnungen: vertrackte Argumentationsketten über Gewalt und Religion, Nationen-Werdung, über das menschliche Verhalten von Neid bis Treue. Über allem steht das Thema Glaube. Ihrem Glauben an Jahwe hängen Moses und sein Bruder Aaron radikal-konsequent an – und die Stämme Juda müssen irgendwie mit." Christian Stückl und sein Team gebe "mit sinnlichen Effekten dem Theater, was des Theaters ist, und bleibt doch intellektuell präzise." Auch die Laienschauspieler werden sehr gelobt.

Als "Manifestation der Leidenschaft für das Theatermachen" beschreibt K. Erik Franzen in der Frankfurter Rundschau (8.7.2013) die Inszenierung. Zwar äußert er Enttäuschung, dass die Sprache nicht modernisiert wurde, sondern altestamentarisch wuchtig blieb. Auch ist der erste Teil dem Kritiker in den Massenszenen zu statisch. Grundsätzlich aber lobt er die Arbeirt als konsequente Weiterentwicklung des einmaligen Oberammergau-Prinzips, "einer wirklich gewachsenen lokalen Theater- und Musikkultur zuzusehen, die viele Grenzen sprengt."

"Was Stückl auf die Bretter (...) gezaubert hat, ist grandios," schreibt Barbara Reitter in der Augsburger Allgemeinen (8.7.2013). Der Regisseur sei ein Rattenfänger, "der sein Publikum mit optischem Zauber zu überzeigen versteht". Auch die meisten der dialogischen Szenen sind der Auskunft der Kritikerin zufolge "emotional hoch aufgeladen".

In dieser Moses-Bearbeitung steckt für Sabine Leucht in der taz (9.7.2013) "eine Erzählung von shakespearescher Auswegslosigkeit", aber auch "die Gluthitze des religiösen Fanatismus, die die Gehirne vielleicht schon in dem Moment verbrennt, wo die Rede von dem einen wahren Gott beginnt. Und auch das große Thema des 'Fremden unter Fremden'! Denn was ist das Findelkind Moses anderes als ein Migrantensohn, der sich - zwischen zwei Welten gefangen – doppelt mühen muss, irgendwo anzukommen: ein Overachiever, ein 'Meister der Bosheit', vielleicht gar ein Terrorist?" Keinen dieser Aspekte rücke Stückls Inszenierung in den Vordergrund, "die in bewährter Weise Volksmassen zu bildschönen – diesmal oft etwas starren – Arrangements gruppiert". Denn alle Aspekte würden niemals so plakativ ausgespielt, "dass es keinen Spielraum mehr ließe für die eigene Fantasie, aber doch so heiß, dass man seine Abwärme noch bis in die dreiundzwanzigste Reihe hinauf zu spüren bekommt."

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