Ankunft mit Hindernissen

von Thomas Irmer

Berlin, 26. August 2013. Eine lärmige Vernissage im Atrium der Deutschen Bank, Unter den Linden Berlin, mit geschätzten 1000 Prosecco- und Campari-Orange-Gläsern in den Händen – und zugleich theatergeschichtlich ein kleines Ereignis. Denn noch nie war das von Jerzy Grotowski 1986 im italienischen Pontedera gegründete Workcenter bisher in Deutschland aufgetreten.

Grotowski hatte seine Arbeit bereits in den siebziger Jahren auf die Erforschung theatraler Grundlagen von Ritualen in verschiedenen Kulturen verlegt und sich von einer herkömmlichen Aufführungspraxis abgewandt. Selbst das, was einmal als Laboratoriumstheater Ende der sechziger Jahre vor allem in Westeuropa und Nordamerika auf alternative und freie Theaterarbeit eindrücklich und vorbildlich wirkte, hielt sich fortan abseits des großen Festivalbetriebs in einer Workshop-Praxis verborgen, die gleichwohl international und vor allem auch über die Verbreitung von Grotowskis Schriften einflussreich blieb.

Basisarbeit in Lateinamerika und in den USA

Um das Theaterland Deutschland hatte der 1999 verstorbene polnische Meister eigenartigerweise immer einen großen Bogen geschlagen. Ein letztes Gastspiel fand 1968 statt. Versuche, später das Workcenter hierher zu lotsen, scheiterten wohl wiederholt daran, dass dieses seine Gastspiele gern mit mehrwöchigen Workshops verbindet. Mit dieser Basisarbeit ist das Workcenter seit vielen Jahren in Lateinamerika und den USA, aber auch in einzelnen europäischen Ländern unterwegs. Meist in kleineren 'kulturfernen' Gemeinden, um dort Neuland zu erschließen und zugleich aus diesem Kontakt Material für die eigene Arbeit zu gewinnen.

electric party songs 560 clemence jussaume uDer Sound des Südens © The Workcenter of Jerzy Grotowski and Thomas Richards, Foto: Clemence Jussaume

Nun taucht die von Mario Biagini geleitete Teiltruppe des Workcenter also ziemlich überraschend zur Eröffnung von "SÜDEN Villa Romana: Art, Music & Performance" auf. Es ist der Neustart der Kunsthalle der Deutschen Bank nach dem Abgang von Guggenheim aus Berlin – mit einem von Angelika Stepken kuratierten Programm, das den Bogen zur Villa Romana nach Florenz schlägt, wo schon vor über 100 Jahren dem Maler Max Klinger mit Bankkrediten eine erste Villa Massimo für Künstlerförderung gelang. Pontedera ist da in der Nähe – eine Chance, das Workcenter nach Berlin einzuladen.

Häppchen und Revolution

Im Gewusel der Gläser und Häppchen wird plötzlich eine Gruppe von singenden Menschen vernehmbar, die zu einer kleinen Bühne schreitet und dabei einen Kreis bildet. Es sind Gesänge aus den amerikanischen Südstaaten, in deren Call-and-Response-Schema noch die Arbeit auf den Baumwollfeldern steckt, der Schmerz der Sklaverei, aber auch eine spirituelle Stärke aus einfachster Rhythmik ohne Instrumente. Auf der Bühne dann vor allem Songs nach Texten von Allen Ginsberg, die Mario Biagini, zwei Frauen und zwei Gitarristen in Arrangements vortragen, die an mit Ethnoeinsprengseln angereicherte Politsongs der siebziger Jahre erinnern. Electric Party Songs? Leider versteht man wegen der schlechten Akustik und der zumeist immer noch plaudernden Menge kein Wort, höchstens mal ein ab und zu durchwaberndes "revolution".

grotowski 560 MathiasSchormann u"Electric Party Songs" im Atrium der Kunsthalle der Deutschen Bank in Berlin © Mathias Schormann

Nach dem ersten Auftritt bilden die Sänger zusammen mit im Publikum verbliebenen Angehörigen des Workcenter wieder eine Gasse durch die Menge, um zu singen und zu tanzen – es ist der fundamentale Vorgang, der sich um jedes Set wiederholen wird. Wir kommen aus dem Publikum und gehen in es hinein zurück. Und tatsächlich gewinnen sie so einen Teil der Herumstehenden zum Zuhören, zum Mitschwingen, zum Staunen, zur Teilhabe.

Körper-Musik als letzte Wende des Theaters

Man kann das als eine Geste der charmanten Beharrlichkeit interpretieren, mit der die insgesamt zehn Performer-Sänger allmählich den widerspenstigen Raum bestimmen, und vielleicht sogar als Symbol dafür sehen, wie dieser Auftritt zunächst irritierend deplaziert wirkt, sich dann aber aus dieser heiklen Situation trotz Amputation zu entfalten vermag. Für den ganz offensichtlich auf feine Akustik eingestimmten Gesang gilt das nämlich bis zum Ende nicht. Gerade dieser Aspekt des Gesangs von Liedern spielt in den gegenwärtigen Diskussionen um Grotowskis Vermächtnis eine wichtige Rolle: Körper-Musik als letzte Wende des Theaters.

Zweifellos werden die folgenden Berliner Auftritte am Donnerstag (29.8.2013) in der DB-Ausstellungshalle und am Samstag (31.8.2013) in Kreuzberg (Galerie ZeitZone) günstigere Bedingungen bieten und sicher auch ein anderes Publikum finden. Dann wird man besser einschätzen können, wie die "Electric Party Songs" als musikalische Erweiterung von Grotowskis Grundlagenarbeit heute zu erfahren und verstehen sind.


Electric Party Songs
mit Texten von Allan Ginsberg u.a.
Leitung: Mario Biagini
Mit: Mario Biagini, Lloyd Bricken, Davide Curzio, Robin Gentien, Agnieszka Kazmierska, Felicita Marcelli, Ophelie Maxo, Alejandro Tomás Rodriguez, Graziele Sena, Suellen Serrat.
Dauer: 4 Blöcke à 20 Minuten, dazwischen Pausen

www.deutsche-bank-kunsthalle.de
www.theworkcenter.org

 

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