Digitaler Frankenstein

von Christian Muggenthaler

Regensburg, 22. September 2013. In seinem Buch "Dialoge" sinnierte der polnische Philosoph und Science-Fiction-Autor Stanislaw Lem über die Möglichkeit, das Steuern menschlicher Gehirne dereinst Computern zu überlassen. Ein alter Traum im Kampf gegen das Damoklesschwert Tod: die "cybernetic organisms", Wesen, halb Mensch, halb Maschine. Cyborgs also, oder noch kürzer und mit Star-Trek-Gütesiegel: die Borg. Lems Fazit nach vielem Hin und Her: Da wird nix draus. Widerstand ist zwecklos.

Im Utopien-Seminar

Aber allein das Nachdenken über derlei am Horizont aufschimmernde Möglichkeiten ist ein gefundenes Fressen für die Vorstellungskunst gewiefter Autoren. Im Kino ist das längst eine große Sache. Ob das auch für das Theater gilt, bleibt nach der Regensburger Uraufführung von Konstantin Küsperts "Mensch Maschine" eher offen. Zu passiv ist der Text, um das Gedankenexperiment "digitaler Frankenstein" tatsächlich raumgreifend Theater werden zu lassen. Regisseurin Sahar Amini hat's versucht, heraus kam ein zur Reflexion freigegebenes Utopien-Seminar.

menschmaschine3 560 quadrat jochen quast uIn der Cyborg-Klinik: Die Mediziner (Clemens Giebel und Pina Kühr) und ihr Opfer (Sebastian Ganzert) © Jochen Quast

Ein Mann hat, leichtsinnig und offenbar schwerst alkoholisiert, in einer Kneipe das Zugriffsrecht auf sein Gehirn an einen Arzt verkauft. Der entführt ihn nun flugs aus seinem Zuhause, trennt mithilfe von Mitverschworenen das Hirn vom Körper, um ihm digital eine neue Realität zu suggerieren. Das führt zu Komplikationen (wie es sich bereits bei Lem andeutete). In aseptischem, gefliestem Sanitätsraum (Ausstattung: Anna Schurau) bleibt die Handlung monothematisch spröde. Eine Horror-Klinik ohne Horror.

Simulationen können nicht leidenschaftlich küssen

Der Einzug matrixartiger Videoinstallationen (von Michael Deeg) ist zunächst pittoresk, nutzt sich jedoch schnell ab. Schwer tut sich die Regisseurin, in den Text Rhythmus, Bewegung, Dramatisches zu bekommen. Es bleibt bei Choreografie, ein Spiel entsteht nicht. Dabei böte der Stoff Anlass genug, sogar für Komik: "Du", der Proband, glaubt rasch nicht an die ihm gelieferte Realität, denn die digitale Wirklichkeit genügt nie. Bei aller Liebe zum Computer: Die Simulation kann eben doch nicht leidenschaftlich küssen. Und einen ordentlichen Kaffee bekommt sie auch nicht hin.

Gunnar Blume, der coole Chef Jupiter, Pina Kühr, die Mitfühlende, und Clemes Giebel, der Nerd mit Zopf, geben sich alle Mühe, ein Forscherteam zu bilden, das bedrohlich wirkt. Ihr Tun aber bleibt eher wirkungslos ausgestellt, weil es ungreifbar, unfassbar ist. Sina Reiß ist "Sie", die Geliebte des Probanden, Sebastian Ganzert "Du", das Opfer der Gehirnmanipulation; beide ein Paar ohne weitere Ausstrahlung.

Wirkung entfaltet das Stück erstrangig auf der intellektuellen Ebene, als Diskussionsbeitrag über das, was die Wissenschaft darf und soll und wo sie ins Kriminelle lappt, wenn sie macht, was sie kann. Bedenkenswert ist es dort, wo es hinterfragt, wo wir alle selbst unsere Autonomie ans soziale Netz abgeben. Ein Schauspiel ist der Uraufführungsabend aber nicht geworden.


Mensch Maschine (UA)
von Konstatin Küspert
Regie: Sahar Amini, Bühne und Kostüme: Anna Schurau, Video und Musik: Michael Deeg.
Mit: Gunnar Blume, Pina Kühr, Clemes Giebel, Sina Reiß, Sebastian Ganzert.
Dauer: 1 Stunde 30 Minuten, keine Pause

www.theater-regensburg.de


Konstantin Küsperts "Mensch Maschine" wurde zuerst auf dem Heidelberger Stückemarkt 2013 vorgestellt, wo Autor und Stück im Rahmen der Festivalberichterstattung von nachtkritik.de porträtiert wurden.

 

Kritikenrundschau

Claudia Bockolt schreibt auf der Website der Mittelbayerischen Zeitung aus Regensburg (23.09.2013, 16:59 Uhr) eine sehr ausführliche und positive Rezension über diesen "anregenden Wirtschaftskrimi mit einigen schwarzen Pointen": Küspert habe ein "Hütchenspiel der Philosophie" in einen "realistischen ökonomischen Kontext" gestellt: "Der Wert der Forschung liegt in ihrer kommerziellen Verwertbarkeit." Regisseurin Sahar Amini und Ausstatterin Anna Schurau hätten eine "äußerst gewitzte Umsetzung für den abstrakten Stoff". Geradezu "genial" die "Interaktion zwischen Computer und Gehirn" animiert von Michael Deeg. Durchweg positiv besprochen von Bockolt werden die SchauspielerInnen.

In der Süddeutschen Zeitung (24.9.2013) schreibt Britta Schönhütl: Konstantin Küspert vereine in seinem Stück "Science Fiction, Wissenschaftskrimi und Komödie". 'Matrix' und 'Truman Show' ließen grüßen. Regisseurin Sahar Amini verwandele den "philosophischen Grundton" in eine "unerbittliche Charakterstudie" der Wissenschaftler. Die Inszenierung schaffe es, den Zuschauer in eine "allwissende Position zu erheben, obwohl man kaum etwas sehen, dafür aber alles hören kann und dieses sogleich hinterfragen muss". Anna Schuraus Bühnenbild wirke "dazu derart kalt und steril, dass jede Emotion sofort daran abprallt": Menschlichkeit werde hier im Keim erstickt. Dass in "Mensch Maschine" das "wirklich Menschliche" nur im sozialen Miteinander existieren könne, sei ein "erfreulicher Aspekt" des Textes.

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