Gott spricht durch einen Hund

von Isabel Winklbauer

München, 15. November 2013. Der afrikanische Kontinent hat so viele Gesichter, dass einem schwindlig wird, wenn man sich damit beschäftigt. In den Arbeiten von Monika Gintersdorfer und Knut Klaßen wird ein gutes Stück dieser Diversität eingefangen, Bilder des Afrikas von heute. "La Nouvelle Pensée Noire" heißt ihr neues Werk, mit dem sie das Münchener Spielart-Festival (15.11.-30.11.13) eröffneten: "Das neue schwarze Denken". Die Vorstellung begann am späten Nachmittag. So ein Kontinent braucht so seine Zeit – und Nerven.

Jeder ist ein Boss

Als "Chefferie" stellen sich die Darsteller und Tänzer aus Elfenbeinküste, Kongo und Rwanda dem Publikum vor. Jeder ist der Boss irgendeiner Gruppe in seinem Land, sei es im Journalismus, im Tanz oder als Stand-up-Comedian. Ein sympathischer Ansatz. Afrikaner tauchen im Theater sonst ja meist im Migrationskontext auf und üben hochwertige Sozialkritik. Bei Gintersdorfer/Klaßen ist das anders. Hier gibt es urbane Chefs von dort! Und alle sprechen von ihrer Heimat als von einem Zuhause.

la nouvelle pensee 560 knut klassen uUrbane Bosse: die Tänzer als Chefferie © Knut Klaßen

105 Minuten lang gibt es in "La Nouvelle Pensée Noire" unglaublich viel zu erzählen, zu tanzen und zu singen. Richtig, die Truppe badet munter im Klischee, fängt alle Nase lang an zu springen und zu skandieren, einer zieht sich die Hose eng um den gepolsterten Schritt. Aber aus dem Posieren heraus stoßen sie flugs zum Wesentlichen vor: In unabhängig aufeinander folgenden Szenen malen die Protagonisten Stück für Stück ein Bild des schwarzen Kontinents. Da ist Nadia, die aus der verrufenen Stadt Abobo bei Abidjan stammt. "Hund frisst Hund. Wir sind gestapelt wie Sardinen, das ist die Siedlung aus Müll in allen Sorten", erzählt sie. Heute lebt sie als Tänzerin teils in Montpellier. Ohne Besitz, aber auch ohne Angst. "Quand j'ai vue onze, c'est pas neuf qui m'effraye", heißt ihr Lied: "Ich hab die Elf gesehen, da schreckt mich die Neun nicht mehr!"

Hervé Kimeyi und Michael Sengazi stellen ihrerseits am Körperbeispiel eines Mittänzers (Gotta Depri) die "Vision 2020" vor, das politische Programm Rwandas: Die zukünftige Heimat soll stark sein wie trainierte Arme, entschlossen wie ein Künstlergesicht, stabil wie ein breitbeiniges Plié. Und natürlich reich, wie die dicken Taschen von Depris Pluderhose. "Da Rwandas Taschen leer sind, wird 'Vision 2020' natürlich von Euren Steuergeldern finanziert", verkünden sie zuletzt würdevoll. Papy Maurice Mbwiti dagegen räsoniert über Gott. "Gott hat die Wahl. Er kann durch einen Hund sprechen oder durch ein Pferd. Er spricht bestimmt nicht nur durch eine Art von Mensch. Eines Tages werden die Schwarzen weiß sein."

Die westliche Heilung

Und so geht es Szene für Szene weiter, vom unausrottbaren Glauben an Zauberei und den christlichen Kirchgang, über die Kultur des Sub aus Brazzaville und Modespinner in Abidjan bis hin zur Kultur des "Kill", die mit schlimmsten Gräueltaten allen Segen aus Bildung und freien Wahlen zunichtemacht. In vielen Szenen übersetzt der Schauspieler Hauke Heumann die französischen Passagen simultan. Eine Wahnsinnsleistung, zumal Heumann nebenbei den verkopften Europäer gibt, der philosophiert, warum die westliche Heilung in Kirche, Neurologie und Psychotherapie aufgespalten ist, während ihm gleichzeitig ein Medizinmann die Haare vom Kopf frisst.

Die Tour ist so erholsam wie ein Fußmarsch durch Nairobi. Doch nach 70 Minuten ist der Zuschauerkopf so weich geknetet, dass der Geist mit fließt. Plötzlich sind diese Afrikaner da vorne Freunde. Da muss man jetzt mit. Monika Gintersdorfer und Knut Klaßen haben ein buntes, gelungenes Chaos geschaffen, ohne vordergründige moralische Ambitionen, aber mit viel Raum für den Ernst der Sache, den ihre Darsteller vorbringen.


La Nouvelle Pensée Noire
Regie, Konzept: Monika Gintersdorfer, Ausstattung, Konzept: Knut Klaßen, Produktion: Gabriel Loebell Herberstein.
Mit: Nadia Beugre, Patrick Boyoka alias Dinozord, Thijs Bouwknegt, Gotta Depri, Hauke Heumann, Hervé Kimenyi, Chiku Lwambo, Papy Mbwiti, Pierette Mondako, Michael Sengazi, Eric Parfait Francis Taregue alias Skelly, Franck Edmond Yao alias Gadoukou la Star.
Dauer: 1 Stunde 45 Minuten, keine Pause

Koproduktion: SPIELART Festival München, KVS Brüssel, Kampnagel Hamburg, FFT Düsseldorf, Theater im Pumpenhaus Münster, Hebbel am Ufer Berlin

www.spielart.org
www.kampnagel.de
www.forum-freies-theater.de
www.pumpenhaus.de
www.hebbel-am-ufer.de
www.kvs.be

 

 Mehr zu den Arbeiten von Gintersdorfer/Klaßen finden Sie im nachtkritik.de-Lexikon.

 

Kritikenrundschau

"Ein gelungener Auftakt im Energie- und Chaosmodus Afrikas", befindet Christine Dössel in der Süddeutschen Zeitung (22.11.2013). "Das 'neue schwarze Denken' ist zwar nicht unbedingt zielführend im Sinne einer Theorie oder Definition, aber es macht in all seiner klischeefreudigen Widersprüchlichkeit ungeheuer viel Spaß."

"In loser Nummernfolge" entstehe "ein Bild des heutigen Afrika, aber auch einer möglichen Zukunft", lobt Michael Stadler in der Abendzeitung (18.11.2013), kritisiert aber zugleich etwas "zu viel Laisser-faire" an diesem Abend. "Die Performer nehmen mit Witz und starker Haltung für sich ein, aber das, was sie sagen, geht im Durcheinander von Dauerübersetzung (nimmermüde: Hauke Heumann), impulsiv eingespielter Musik (Skelly) und Hyperaktivität immer wieder verloren."

Kommentar schreiben