In der Melodram-Arena

von Martin Krumbholz

Oberhausen, 1. Februar 2014. Die Atridensage bzw. die Orestie des Aischylos – ist das nicht die Geschichte von einem Mann, der nach zehn Jahren aus dem Krieg heimkehrt, für den er seine eigene Tochter geopfert hat, um guten Wind zu haben, der nach der Heimkehr von seiner Frau ermordet wird, einerseits wegen der geopferten Tochter, andererseits aber auch, weil die Frau inzwischen einen Liebhaber hat, der der Vetter des Kriegsheimkehrers ist, dessen Ermordung später vom Sohn des Ehepaares gesühnt wird, indem er die Mutter und deren Liebhaber tötet, wofür die Rachegeister, die Erinyen, ihn zur Rechenschaft ziehen wollen, was zuguterletzt aber von den Zeus-Kindern Apollon und Pallas Athene verhindert wird, die erstmals ein demokratisches Urteil über eine Bluttat erzwingen und damit endlich den fatalen Reigen aus Mord und Widermord stoppen?

Intendanzgrößen wie Reese und Lilienthal sind angereist

Ja, so ungefähr muss es gewesen sein. Nicht, dass man enttäuscht wäre, wenn der Regisseur Simon Stone diese altbekannte Geschichte nicht erzählt – es mag schließlich gute Gründe geben, einen überlieferten Stoff neu und anders zu erfinden. (Ob zu diesen guten Gründen auch der Umstand zählt, dass man einem heutigen Publikum die komplexe – und ja erst mühsam in ein einigermaßen verständliches Deutsch zu übersetzende – Sprache eines Aischylos nicht mehr zumuten will, steht auf einem anderen Blatt.)

orestie 280h thomasaurin uEhekrise am Wannenrand: Torsten Bauer als Agamemnon und Anja Schweitzer als Klytaimnestra © Thomas AurinDer noch nicht ganz 30 Jahre alte Australier Simon Stone – 1984 allerdings in Basel geboren, des Deutschen mächtig, nach Gastspielen in Wien, Oslo und Amsterdam bereits derart gehyped, dass seinetwegen Intendanzgrößen wie Reese und Lilienthal bis nach Oberhausen reisen – möchte den politisch und demokratietechnisch expandierenden Stoff gern familiär und krimimäßig engfassen und vor allem ins Hier und Jetzt verlegen, wo die Demokratie ja längst etabliert ist und ihre Urschöpfung also keine eigentliche Rolle mehr spielt.

Kammerspiel rückwärts

Zu diesem Zweck lassen Stone und die Bühnenbildnerin Alice Babidge das Ganze in einem Boxring auf der Bühne spielen, der von vier Tribünen umgeben ist und für die ungezählten Short Cuts des Abends jeweils von einem Gehäuse ummäntelt wird, auf dem als Zwischentitel in roter Laufschrift für die Alphabeten unter den Zuschauern der Inhalt zusammengefasst ist. Stones Kammerspiel spult sich rückwärts ab.

Es beginnt also nicht mit der Verwandlung der rasenden Erinyen in vernünftige Eumeniden (die spielt ja keine Rolle mehr), sondern mit der Tat des Orest, der seine Mutter abknallt. Klytaimnestra hat sich verraten, indem sie in geistiger Verwirrung ihren Sohn mit ihrem Gatten verwechselte – hier greift die Dramaturgie ins Psycho-Fach. Die Freunde Orest und Pylades erörtern die Lage beim Kickern. Menelaos, der Onkel, ist ein Schwätzer, der mit Cashcards um sich wirft.

Die Rettungsringe des Agamemnon

Im zweiten Akt erleben wir Agamemnons Ermordung mittels Giftcocktail in der Badewanne. Der arme Kerl hat im Krieg Fett angesetzt – "Rettungsringe" nennt er es, Töchterchen Elektra findet aber, das mache ihn "zugänglicher" – und stinkt. Also ab in die Wanne (mit schönen Armaturen). Torsten Bauer, der den Agamemnon mit bräsiger Selbstironie versieht, ist immerhin schauspielerisch ein Lichtblick des Abends – ansonsten erweist Stones Personenregie sich als arglos. Aigisth zum Beispiel ist nur ein Gimpel. Beiläufig kriegt er auch mal seine Stieftochter ins Bett – hier greift die Dramaturgie ins Sex-sells-Fach.

Im dritten Akt schließlich erfahren wir, wie die schöne Helena sich auf der Toilette von einem Fremden vögeln lässt, wie Menelaos sich darüber gewaltig ärgert und wie Agamemnon sich insgeheim über seinen Bruder lustig macht. Dafür muss er ja dann auch lange in den Krieg. Seine aus Troja mitgebrachte Beute Kassandra spielt übrigens nur eine marginale Rolle. Stattdessen erfindet Simon Stone eine Bonus-Story, in der Iphigenie – um ihren Opfergang irgendwie zeitgemäß plausibel erscheinen zu lassen – sich infolge einer tödlichen Erkrankung für den Suizid entscheidet. Hier greift die Dramaturgie ins Melo-Fach, was das Publikum prompt mit Erschütterung und tiefer Betroffenheit quittiert und dem Laufband die Gelegenheit gibt, ein erlösendes Wörtchen aufflimmern zu machen, das da heißet: "Ende".

 

Die Orestie (UA)
von Simon Stone nach Aischylos
Regie: Simon Stone, Bühne und Kostüme: Alice Babidge, Mitarbeit Textfassung: Brangwen Stone, Dramaturgie: Tilman Raabke.
Mit: Elisabeth Kopp, Anja Schweitzer, Lise Wolle, Torsten Bauer, Sergej Lubic, Henry Meyer, Moritz Peschke, Jürgen Sarkiss, Eike Weinreich, Michael Witte.
Dauer: 2 Stunden, keine Pause

www.theater-oberhausen.de

 

 

Kritikenrundschau

Jens Dirksen schreibt auf Der Westen, dem Online-Portal der Westdeutschen Allgemeinen Zeitung (2.2.2014, 16:49 Uhr), Simon Stone lasse bei der Übersetzung von Aischylos "wenig mehr übrig als die Namen und einige Handlungsfetzen". Übrig bleibe eine "Familientragödie, aus der sich eine TV-Serie fürs 21. Jahrhundert schmieden ließe. Stones "f-wortreiche Psycho-Familiensaga der sexuellen Doppelbindungen" gewinne dabei eine "sarkastische" Note. Die von "fast allen doppelten Böden und komplexen Konflikten befreite Handlung" biete "die Rampe" für "gutes bis exzellentes Schauspielertheater". "Langer, langer Beifall."

"Ist das noch Drama, Kino oder schon TV?", fragt Vasco Boenisch in der Süddeutschen Zeitung (3.2.12014). Die Uraufführung von Stones neu geschriebener Fassung mache aus der "kruden" antiken Familiensage eine "komplexe Fernsehsaga amerikanischer Güteklasse" - "mit allem Für und Wider, ein neues Level moderner Klassikeradaption". Im "Schlaglichter-Galopp" fege Stone in zwei Stunden durch von hinten nach von gestülpte Version des Rachespiels – und schaffe doch immer wieder "innige Momente". Texttafeln erklärten den Sagenkontext, so könnte "davon losgelöst agiert" werden. Die Aktualisierung wirke nie "krampfhaft", gerade im "banalen Wortschwall" würden die Figuren "plastisch und plausibel", das Ensemble spiele "geradezu filmisch". Man folge einer "unglaublichen Geschichte als glaubhafter Story". Der "bildungsbürgerliche Background" eröffnet dazu die "zweite Ebene". Diese "Orestie" erzähle "ernstaft, nicht ironish" vom "Jetzt". Simon Stone sei "die Antwort des Regietheaters auf HBO".

In der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (3.2.2014) widerspricht Andreas Rossmann: Simon Stone situiere seine Fassung, die von der Handlung wenig übrig lasse, "irgendwo zwischen Halbwelt und Neureichenmilieu, im Hier und Heute an". Ein "ebenso vermessenes wie eitles Unterfangen". Der "nassforsche Neuerer" interessiere sich nicht für "die Gegenwart des Mythos", sondern nur für eine "flotte und originelle" Paraphrase. Alles "Fremde" an dem zweieinhalb Jahrtausende alten Stoff lasse "das Update über seine stumpfe Klinge springen". Auf diese Weise habe sich Simon Stone "eher für eine Vorabendserie des Privatfernsehens empfehlen" können.

 

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