Kohlenmunk is coming home

von Verena Großkreutz

Stuttgart, 22. Februar 2014. Umsonst ist nix im Leben. Erst recht nicht der Reichtum. Wilhelm Hauffs Kohlenmunk, der im Märchen "Das kalte Herz" auszieht, sein tristes, armseliges Köhlerdasein zu beenden und endlich zu den Reichen und damit Mächtigen zu gehören, muss es wissen. Mit ehrlicher Arbeit nicht zu schaffen, denkt er und wendet sich an die Waldgeister. Da hat er im sagenumwobenen, finsteren Schwarzwald der Romantik die Auswahl: Zunächst soll ihm das Glasmännlein helfen, doch er verspielt seine Chance. Dann der böse Holländermichel. Der überschüttet ihn mit Geld, aber dafür muss er ihm sein Herz lassen und bekommt eines aus Stein verpasst.

Der Kohlenmunk, nun Holzhändler und Wucherer, wird immer reicher, geiziger, grausamer und am Ende gar zum Mörder seiner Gattin. Die Moral von der Geschicht': Geld macht glücklich nicht – und versaut den Charakter.

Armin Petras hat das Märchen jetzt auf die Bühne des Stuttgarter Schauspielhauses gebracht. In Stuttgart ist es schließlich auch zuhause. Der jung verstorbene Schwabe Wilhelm Hauff ist eine der wenigen Dichterkoryphäen, mit denen sich Stuttgarts Friedhofskultur schmücken kann. Und wo würde Hauffs Märchen besser hinpassen als ins reiche, wohlständige, wirtschaftsstarke Schwabenland, wo es doch so plastisch die negativen Auswirkungen des Frühkapitalismus auf den Schwarzwald darstellt – sei es in Sachen Alkoholismus oder Familienzerstörung. Zudem sehr drastisch zeigt, was die Produktionsverhältnisse und die Gier nach Geld aus den Menschen machen können.

Volkstümliches auf der Lauer

Es ist eine bunte Mischung aus Revue, epischem Theater und durchaus kritischem Volksstück geworden – freilich ohne Dialekt oder einer entsprechenden Kunstvariante. Revue, weil der Abend lustvoll Szenen, Tableaus und Musiknummern aneinanderreiht. Episch, weil er das Publikum auf emotionale Distanz hält. Volksstück, weil er sich um die Verankerung in der regionalen Kultur bemüht: Petras hat dafür eine 30-köpfige Volkstanzgruppe aus Balingen mit an Bord geholt.

Das Herz der Inszenierung ist ein wilder Ringelreihen-Tanz zu Polka-Rhythmen. Die Tanzenden tragen schwarzwälderisch rot-weiß-schwarze Kostüme, aber nicht den berühmten Bollenhut. Und die maskierten Narren aus der alemannischen Fasnet, die sich unters Volk mischen, holen Zuschauer auf die Bühne. Folklorismus, der nicht ironisch gemeint ist, sondern ganz saftig und real das Theater mit Leben füllt. Das macht Spaß. Für solcherlei Aktion ist stets viel Platz auf der Bühne, über die auch immer wieder Geister mit wirrem, strohigem Kopfschmuck schleichen. "So ist halt der Schwarzwald" – und einer zerschlägt einen Stuhl. Im vermeintlich Volkstümlichen lauert wie bei Horvath immer auch die Gewalt. Das kündet schon das "Spiel mir das Lied vom Tod"-Mundharmonika-Solo zu Beginn an.

daskalteherz2 560 ju ostkreuz uWenn das Stündlein schlägt: Lokalkolorit in "Das kalte Herz" © JU_Ostkreuz

Meistens sorgen Videoprojektionen à la mode für Kulisse: Wald, Wald und wieder Wald, mittendrin schweben unheimliche Gespensterungetüme. Der Wald ist in der Romantik eben ambivalent: Hort der Geborgenheit, andererseits finsterer Ort der Einsamkeit, wo der Tod lauert. Das Bühnenbild ist aber enttäuschend: Videoprojektionen ersetzen wieder einmal gute theatrale Ideen, die rar sind an diesem Abend, wie die surreal riesige Kuckucksuhr, die auf die Bühne geschleppt wird und später zum Sarg umfunktioniert wird. Wirkungsvoll minimalistisch ist dagegen die Bühnenmusik, mit der der Multiinstrumentalist und Komponist Miles Perkin meist selbst das Geschehen untermalt ­– auf Kontrabass, E-Gitarre oder Kalimba.

Herzen abjagen

Johann Jürgens spielt den Kohlenmunk als recht tumben, grobschlächtigen Kindmann, der gegen den Verführer Holländermichel keine Chance hat. Während das Glasmännlein als freundlich-ironisch distanzierte Fee erscheint (Berit Jentzsch), ist Wolfgang Michaleks Holländermichel ein echter Mephistopheles, der den Ausgang des Dramas längst kennt: "Du wirst mir nicht entgehen", ruft er dem Kohlenmunk nach, der nur einmal fliehen kann. Nicht das glückliche Ende blüht dem Kohlenmunk wie bei Hauff, sondern die Höllenfahrt.

daskalteherz3 280 ju ostkreuz uCaroline Junghanns als Lisbeth
© JU_Ostkreuz

Das Märchen-Happyend – in dem der Kohlenmunk dem Holländermichel sein Herz wieder abtricksen kann – wird klug und ironisch gebrochen in einer alten, knisternden Hörspielfassung nachgetragen, im Halbdunkeln, mit dem Holländermichel auf leerer Bühne. Aus dieser Mord-Geschichte kam der Kohlenmunk nicht mehr heraus.

Michalek ist in seiner unverschämt charismatischen Differenzierungskunst immer der spielerische Katalysator auf der Bühne. Während der Saal tanzt, steht Michalek an der Rampe und improvisiert: legt einen jungen, überraschten Studenten flach, lupft den Damen den Rock, steckt sich obszön eine Wurst in den Schritt und zieht schauderhafte Grimassen. Und ist selbst in solcherlei Plattitüden saulustig. Auch wenn er mit dem Glasmännlein eine kesse Sohle aufs Parkett legt und Lou Reeds "I'm waiting for my man" ins Mikro raunt.

Armut macht nicht glücklich

Das übrige Ensemble muss sich (zu) oft heiser schreien, etwa Rahel Ohm als Kohlenmunk-Mutter. Prosapassagen des Märchens werden dagegen von Caroline Junghanns in bestechend schöner und präzise artikulierter Sprache eingebaut. Als Kohlenmunks Frau Lisbeth kann sie im Song "Dein Herz, an meinem sollt's erwarmen / Auf hundert Grade Celsius!" auch zeigen, dass sie eine wunderbare Singstimme besitzt. Lisbeth – selbst vom Eros des Geldes getrieben – bleibt stets Objekt auch des Tanzbodenkönigs (sehr fein und präzise gespielt von Christian Schneeweiß), der noch über ihren toten Körper herfällt – Männerphantasien, Macht, Ausbeutung der Frauen.

Eine der wenigen zaghaften Versuche, mit denen Petras an die genauere Analyse der schlichten Moral geht, dass Geld nicht glücklich mache, bittere Armut aber auch nicht. Ein großes Kreuz als Symbol für den pietistischen Arbeitsethos, der den Menschen dazu verpflichtet, Besitztum zum Ruhme Gottes zu vermehren, ist ein weiterer. Ansonsten bleiben viele Fragen offen – in einem freilich sehr unterhaltsamen Abend.

Das kalte Herz
nach der Erzählung von Wilhelm Hauff
Regie: Armin Petras, Bühne: Olaf Altmann, Kostüme: Katja Strohschneider, Video: Rebecca Riedel, Musik: Miles Perkin, Licht: Kevin Sock, Dramaturgie: Bernd Isele, Jan Hein, Choreografie: Berit Jentzsch.
Mit: Johann Jürgens, Rahel Ohm, Caroline Junghanns, Wolfgang Michalek, Christian Schneeweiß, Berit Jentzsch, Manja Kuhl, Miles Perkin, Schauspielstudierende der Staatlichen Hochschule für Musik und Darstellende Kunst Stuttgart, Volkstanzgruppe Frommern Schwäbischer Albverein.
Dauer: 2 Stunde 30 Minuten, eine Pause 

www.schauspiel-stuttgart.de

 

Volkstänze wie etwa den "Schwarzwälder Fastnachtstanz" gab es jüngst auch in Jochen Rollers Trachtenbummler bei Tanz im August zu sehen.

 

Kritikenrundschau

Armin Petras' Inszenierung des "Kalten Herzes" sei "ganz sicher kein Abend für die ganze Familie", meint Tim Schleider in der Stuttgarter Zeitung (24.2.2014) und der Berliner Zeitung (25.2.2014). "Hier ist nichts beschaulich, possierlich, angenehm gruselig oder anderweitig nett." Immer, wenn man als Zuschauer glaube, "endlich verstanden zu haben, welche Form der Regisseur seiner Erzählung denn nun geben will, zerschlägt er sie auch schon wieder und ruft: Denk doch gefälligst selbst!" Es werde "improvisiert und gealbert, parodiert und genervt, dass sich die Fichten biegen. Ständig ist man deshalb kurz davor, das ganze Projekt verloren zu geben. Aber dann kommt plötzlich wieder ein Bild als Ruhepunkt, ein Augenblick, der alles klärt, der vor allem dieses ganze Panoptikum einfängt und ordnet." Das alles sei "weder rund noch in sich geschlossen. Es ist kantig, eckig, sperrig, scharf, so, wie es Petras in seinem Theater will und wie er es immer bis zum kritischen Punkt ausreizt." Und Schleider berichtet, auch jenen "kostbaren Theatermoment" erlebt zu haben, "da man meint, etwas Wichtiges im Kern erfasst zu haben".

"Die dünne Geschichte – Mensch verkauft Seele gegen Reichtum, bereut und wird gerettet – mit der schlichten, wiewohl wahren Moral (Geld macht nicht glücklich)" werde von Petras "mit einem Wahnsinnsaufwand bebildert, besungen, bespielt", schreibt Nicole Golombek in den Stuttgarter Nachrichten (24.2.2014). "Bei all dieser Überwältigungsdramatik, die das laute, leere Leben bebildert, bei all dem ausgiebigen Schreien, Singen, Tanzen" bleibe indes "wenig Raum fürs rein Spielerische. Umso grandioser ist es, wie sich die Schauspieler dann doch gegen die Macht der Bilder behaupten." Es sei "viel Raserei und Stillstand" zu erleben. "Und ein kluger Schluss, bei dem Ehrfurcht vor Gott, Menschen und Leben als Volkstanztradition eindrucksvoll vorgeführt wird. (…) Keine simple Erlösung, dafür nach zweieinhalb ungestümen Stunden nachdenkliches, kopfschüttelndes Wundern über das sonderbar Menschlein-Geschlecht."

Im Online-Zeitungsportal Morgenweb (24.2.2014) vermeldet Monika Köhler, Armin Petras habe aus dem "Kalten Herz" "einen Klamauk mit Mummenschanz" gemacht, "der die alte Botschaft wie lästigen Ballast mit sich schleppt." Zwar blitze "an einigen Stellen geheimnisvoller Zauber auf", meist aber setze Petras "auf Unterhaltung statt auf Subtilität. Und auf einen Stilmix, dessen Einzelteile kein Ganzes ergeben." Während die Inszenierung "gelegentlich unter zu langen Einstellungen" leide, "Maskenumzüge und Tanzeinlagen überdehnt werden", werde ausgerechnet die Läuterung des Kohlenmunks "rasch abgehandelt, obwohl hier der Kern des Stücks liegt."

Die Inszenierung habe ihre stärksten Momente in der Performanz der Schauspieler, schreibt Katrin Bettina Müller in der taz (25.2.2014). Neben hohe Schauspiel- und Inszenierungskunst setze Petras "viel, das für die Öffnung zu anderen kulturellen Codes und Traditionen stehen will". "Die Volkstanzgruppe bringt zwar Schwung in die Bude, man schaltet um auf ein anderes Level von Energie"; aber es öffnet sich für Müller "kein anderer Blick auf die Erzählung". Das Nebeneinander der Kunstformen bleibe ein Nebeneinander und funktioniere nicht als Fenster in andere Wirklichkeiten und ihre Konstruktionen.

"Das Stuttgarter 'Kalte Herz' ist eine fröhlich-schrille Kreuzung aus kritischem Volkstheater und 'Black Forest Reeder', Lou-Reed-Songs und rußgeschwärzter Köhlerlyrik, Augsburger Puppen- und Regietheater-Rappelkiste", schreibt Martin Halter in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (25.2.2014). "Selbst in der süßesten Schwarzwälder Torte stecken rauhe Kirschkerne, Schnaps, Blut und Gewalt." Manchmal zerhaue ein verarmter Eingeborener seinen Stuhl programmatisch zu Schwarzwälder Kleinholz oder spiele drohend das Lied vom Tod auf der Mundharmonika. "Aber die Tortenmischung stimmt, und die Darsteller sind fast durchweg erste Sahne."

Petras' erste eigene Neuinszenierung im Schauspielhaus des Stuttgarter Theaters sei "ein praller, musikalisch satter, oft rumpelnd lärmender Heimatabend",  schreibt Egbert Tholl in der Süddeutschen Zeitung (25.2.2014). "Es ist ein Abend der bildhaften Überwältigung, kein diskursiver." Aber er bereite kindliche Freude, auch wegen der Darsteller, "wegen Jürgens, Junghanns und Michalek vor allem". Am Ende misstraue Petras der heilen, "bei ihm auch sehr wilden Welt" dann doch: wenn der glückliche Schluss des Märchens als uraltes Hörspiel vom Band komme, werde als eine Nachricht des Abends klar: "Die Erlösung gibt es nur in der Vorstellung, nicht in der Bühnenrealität."

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