Gesucht ist Zukunft mit Vergangenheit

von Jens Fischer

Bremerhaven, 24. Mai 2014."78 % haben lange schon keine Furcht und kein Mitleid mehr gehabt." "99 % der Mütter würden ihre Töchter nicht Klytaimnestra nennen." "67 Prozent denken bei Chrysothemis an Blumen." "Über 60 Prozent finden, Demokratie ist langweilig." In solchen Statistiken spricht der Chor Mykenes, das Kollektiv der Stimmen, denen Regisseur Thomas Oliver Niehaus diese karikierend kommentierenden Texte unterschiebt, die vom Zugedröhntsein mit Informationen handeln, vom Desinteresse am öffentlichen Diskurs. Aber auch vom Glauben an normierte Meinungen und scheinbar objektivierende Zahlen künden. Gegeben wird Sophokles' "Elektra".

Was prima in die Bremerhavener Stadttheaterspielzeit passt, die thematisch um die Gegenwärtigkeit des Vergangenen angelegt ist und von diesem skurrilen Mechanismus erzählt, mit Urteilen, Gefühlen, Empfindungen assoziierte Gedächtnisinhalte in die Erinnerung zurückzurufen und im Bewusstsein tagesaktuell neu zu konstruieren. Untersucht wird, wie das funktioniert – und wie man fremd wird im eigenen Leben, wenn es nicht funktioniert: man vergisst, dass man vergisst. Nach einem Festival über den Umgang mit Demenz nun Sophokles' Stück über den Umgang mit dem Nicht-vergessen-Können.

Raus aus der Geschichts-Schleife

Stehtheater im Gothic-Party-Design auf schwankenden Planken überm Orchestergraben. Die dafür stilecht schwarz belassene Bühnenhöhle ist das Reich des Todes. Im Zentrum thront eine Glasvitrine, darin als Kultobjekt ein mit Blumen bekränzter Zinkeimer – voller Blut. Erinnerungsstichwort: Atridenfluch. Gewalt gebiert Gegengewalt, Mord folgt auf Mord, die Historie: ein Schlachtfest. Aber es ist doch auch mal gut? Stichwort beispielsweise: ständiges Wiederkäuen der deutschen Holocaust-Geschichte. "Wir wissen schon genug", "es reicht", "wir haben schon so viel Geschichte, da ist kein Platz für Zukunft" – so grummelt fantasielos der Chor.

Elektra2 560 JensRillke uDer Chor spricht, und zwar am liebsten in Zahlen: "Elektra" © Jens Rillke

Anders Elektra. Sie kann das Stillhalteabkommen daheim nicht ertragen. Der Bruder ist abwesend, die Schwester will Spaß haben in erbuckelten Freiheitsnischen, eine Erzieherin predigt "Besonnenheit". Gesucht wird Zukunft ohne Qual der Vergangenheit. Wir erinnern uns: Elektras Mutter ließ Elektras Vater ermorden, der Elektras Schwester für sein Kriegsglück opferte. Als Trophäe gönnt sich Klytaimnestra (Sascha Maria Icks) auf ihre alten Tage nun den Mörder-Jüngling als Jagdtrophäe in ihrem Bett: Aigisthos ist ein gülden bemalter, mit Geweih gekrönter Dümmling.

Hohn auf Geschichtsvergessenheit

Elektra kann dazu wie Hamlet nicht schweigen. Sie höhnt die Geschichtsvergessenheit, will an die Notwendigkeit des Erinnerns erinnern. Ständig ist sie auf Konfrontationskurs. Zum Dämonenweib oder Hassmonster bläht Jennifer Sabel die Rolle aber nicht auf, ist ganz Trauernde, empört Vermissende, wütend erfüllt vom Verlust – und beflügelt von der nervösen Hast des Aufbegehrens. In ihrer pubertären Kompromisslosigkeit will sie das Recht und die Rache zusammenzwingen. "Elektra, die nervt seit Jahren mit derselben Leier", so der Chor. "Klytaimnestra hat im Moment 38 Likes." "Elektra 8." "Keiner mag sie, keiner hört ihr zu, keinem macht sie Vergnügen." "Ihr Theater ist leer gespielt." "Die Auslastungszahlen im Schauspiel liegen bei 65 %." "Komödien mit glücklichem Ende haben durchschnittlich 90 %." "Tragödien nur 45 %." Und selbst die scheinen in Bremerhaven schwer erreichbar. Dabei gab es sogar eine Uraufführung zu erleben.

Elektra1 280 JensRillke uJennifer Sabel als Elektra © Jens Rillke

Die Übersetzung von Simon Werle ist eine Auftragsarbeit des Theaters. Und eine sehr gelungene. Statt mit romantisch wabernden Wortwolken, modischem Formulierungspep oder psychoanalytischer Interpretation das Archaische zu verkleinern, erfindet er eine in ihrer Kargheit kraftvolle Kunstsprache, die mit poetischer Klarheit den zu formulierenden Gedanken folgt, in der Fremdheit einem doch sehr nah. Ein Duktus, an den auch Niehaus als Regisseur andockt, setzt er doch konzentrierend lieber auf die Sprechakte des Seelengrolls denn auf seine Taten. Der antike Mythos wird so aus sich selbst heraus lebendig.

Kraft der Statistik

Musiker Patrick Schimanski tuschwirbelt zwar akustische Ausrufezeichen, grundiert aber meist so dezent wie einfühlsam mit perkussionierten Filmmusikeffekten. Bis der Bluteimer aus der Vitrine geholt wird und Schurkenheld Orest auftaucht: als Lichtgestalt angekündigt, als depressiver Schuldengel erschienen und den Killer gebend. Er mordet Klytaimnestra. "56 % sind für die Todesstrafe." Auch Aigisthos wird gemeuchelt. "58 % meinen, das hat er verdient." "78 % meinen, ich verdiene nicht genug." So satirisch ratlos schließt der Abend. Erfrischend unentschieden wurden die Umgangsformen mit der Vergangenheit verhandelt – ebenso nachvollziehbar fair, bis auf Aigisthos, alle Figuren behandelt: von einem beeindruckend homogenen Ensemble. Bewundernswertes Engagement für ein geschätztes halbes Dutzend Aufführungen. Danach wird die Produktion abgespielt sein, das steht schon jetzt fest. Mehr Zuschauer sind in Bremerhaven mit einer solchen Arbeit nicht möglich.

Elektra
von Sophokles, Übersetzung von Simon Werle
Regie: Thomas Oliver Niehaus, Bühne: Geelke Gaycken, Kostüme: Mona Ulrich, Musik: Patrick Schimanski, Dramaturgie: Lennart Naujoks.
Mit: Jennifer Sabel, Franziska Schlaghecke, Sascha Maria Icks, Isabel Zeumer, Martin Bringmann, Sebastian Zumpe, Kay Krause und Patrick Schimanski sowie den Kindern: Leonie Bransi, Arwen Lyn Eagles, Lea Lakawe, Thalke Martens, Marten Kaufmann, Merle Rose, Alea Rose, Leonie Witte.
Dauer: 1 Stunde 30 Minuten, keine Pause

www.stadttheaterbremerhaven.de

 

 
Kritikenrundschau

Einen "großartigen Theaterabend" und eine "Sophokles-Show, die die alten Griechen auch Einsteigern schmackhaft macht", bisweilen gar "unter die Haut" geht, hat Anne Stürzer für die Nordsee-Zeitung (26.5.2014) gesehen. "Wenig soll ablenken vom reinen Wort", wobei die Übersetzung als "recht eingänglich" modern gewürdigt wird. Sophokles' Stück "setzt Anpassung und Terror einander gegenüber, ohne eine ausgleichende Mitte zuzulassen. Die Inszenierung zeigt die völlige Hilflosigkeit der Menschen die dem Schicksal nicht entfliehen können."

Einen "wohltuend kompakten Abend" mit einer "sehr konzentriert, kraftvoll und stimmgewaltig" auftretenden Protagonistin hat Hendrik Werner vom Weser-Kurier (26.5.2014) erlebt. Nicht vollends haben den Kritiker die statistischen Einschübe und Aktualisierungen der Regie überzeugt: "Bisweilen mutet das gewitzt und schlüssig an, öfter indes bemüht, ja störend, weil es ohne Not den überraschend eingängigen Antike-Textfluss zerschießt."

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