Sarah Kane is back

von Stefan Schmidt

Mannheim, 31. Mai 2014. Simon Stone opfert den Mythos. Dabei passt der Zugriff des australischen Shootingstarregisseurs durchaus zu seinem Stoff – schließlich haben wir es in diesem Stück mit einem Schlachtopfer zu tun: "Thyestes" ist die Geschichte eines gestürzten Königs gleichen Namens, dem seine Söhne als schmackhafte Willkommensdelikatesse serviert werden. Und zwar vom eigenen Bruder. Die Dramatisierung der verwickelten Rache- und Inszeststory von Seneca wird im deutschsprachigen Raum (nicht ganz zu Unrecht) selten gespielt. Was der antike Albtraum einem 29 Jahre alten Bühnenfreak von Down Under zu sagen hat, war jetzt beim Mannheimer Festival Theater der Welt zu besichtigen.

Alkoholikertyrannentum

Er sagt ihm ziemlich viel. So viel, dass der Regisseur seinen Stoff auf der inszenatorischen Schlachtbank fein säuberlich seziert, ihn in bekömmliche Häppchen zerteilt, Szene für Szene, Bild für Bild. Dazwischen senken sich immer wieder die schwarzen Prospekte, die den engen, schmalen, gleichwohl raffinierten Bühnenkasten von Claude Marcos zu den Zuschauern hin abschirmen. In die Dunkelheit hinein erscheint dann jeweils eine Schrift, der der geneigte Leser fix und bündig entnehmen kann, welcher Teil der alten Geschichte im Folgenden zu neuem Leben erweckt werden soll. Und dann wird Smalltalk gehalten, gesoffen, Tischtennis gespielt, gesoffen, auf einem Flügel geklimpert, gesoffen, mit Schimpfwörtern um sich geworfen, gesoffen, in Kindheitserinnerungen geschwelgt, gesoffen, Roy Orbison verehrt, gesoffen, fremdgegangen, vergewaltigt, gemordet und – gesoffen. Was Brüder eben so machen, wenn sie dabei sind, sich gegenseitig das Leben zu ruinieren. Atreus und Thyestes sind hier keine mythologischen Könige mehr, sondern durchpsychologisierte I-Pod-User und Twitterer.

thyestes 560 geoff busby uMit Sonnenbrille, Sekt und Sex-Appeal – Simon Stone vergegenwärtigt Senecas
"Thyestes".  © Geoff Busby

Erstaunlicherweise geht diese assoziative Horrorrevue frei nach Seneca genau da in die menschliche Tiefe, wo der antike Ursprungsstoff nur noch fürs eloquent Intellektuelle taugt. Während man etwa gerade noch dabei ist gedanklich nachzuvollziehen, wie es jetzt wieder kommt, dass Atreus aus dem Exil (fragen Sie nicht, wie er dorthin gelangt ist!) wieder zurückkehren kann zu seiner Frau, die sich in der Zwischenzeit mit Thyestes vergnügt hat (fragen Sie nicht, warum!), geht auf der Bühne schon ein ganz anderer Film ab, ein Psychoschocker, um genau zu sein: Der Heimkehrer Atreus thront auf einem Sessel, seine Frau, gespielt von einem Mann (Chris Ryan), kniet vor ihm, soll ihn augenscheinlich oral befriedigen, aber er stößt sie weg, bemängelt mit einem Anflug von Wahnsinn in der Stimme "a slight change in technique". Klar, schließlich hat sie's unterdessen dem Bruder besorgt. Zur Strafe wird die Untreue mit Klebeband fixiert, mundtot gemacht und ist damit hilflos der psychopathisch eifersüchtigen Aggression ihres Mannes ausgeliefert. Die Szene kulminiert darin, dass sie sich wimmernd einen Dildo umschnallen lassen muss, an dem er sich dann explizit und ausgiebig vergnügt.

Unterdrückte Homosexualität als eine Ursache für neurotisches Alkoholikertyrannentum – diese Erklärung deutet die Inszenierung motivisch wiederkehrend an, ohne dass es platt wirkt. Auch wenn man sich zwischenzeitlich in einen Schwulenporno versetzt fühlen kann, so körperlich explizit (und teils halbnackt) macht Toby Schmitz als Atreus mit und an Chris Ryan in seinen wechselnden Rollen herum. Das Wenigste davon steht natürlich so bei Seneca, und doch zielt das Motiv der ungeheuerlichen sexuellen Gewalt genau auf den Kern der Vorlage. Simon Stone übersetzt es für unsere Zeit.

HBO, Privatfernsehen oder einfach richtig gutes Theater?

Vielleicht liegt es an seiner konzentrierten Fokussierung auf eskalierende Alltagssituationen unserer Gegenwart, dass der Regisseur immer wieder (wohlmeinend) in die Nähe qualitativ hochwertiger US-amerikanischer TV-Serien à la HBO oder (geringschätzend) in die Ecke des seicht berieselnden Privatfernsehens gestellt wird. Vielleicht hat das auch mit der schnörkellosen Sprache seiner Inszenierungen zu tun. Und vielleicht spielt außerdem eine Rolle, dass bei ihm starke Schauspieler (hier besonders der immer wahnsinniger spielende Toby Schmitz und Chris Ryan als das mit geringen äußeren Mitteln wandelbare Daueropfer) mimetisch agierend im Zentrum stehen, wie es auf den deutschen Trendbühnen vielfach außer Mode gekommen ist.

Gleichwohl ist "Thyestes" nichts anderes als richtig gutes Theater, hat mehr von Mark Ravenhill oder Sarah Kane als von "True Blood", "Breaking Bad" oder "Game of Thrones". Das macht schon ein Kunstgriff des Bühnenbildes deutlich: Auf beiden Seiten des nach hinten wie nach vorne offenen Spielkastens sitzen Zuschauer. Das Publikum schaut sich also gegenseitig beim voyeuristisch-schaurigen Beobachten der ausgestellten Schrecklichkeiten zu. So gruselig nah kann nur Theater gehen.

Stringenter wäre die Inszenierung allerdings, wenn der Regisseur konsequenter die Ehrfurcht vor dem Gegenstand seiner zeitgenössisch kultischen Beschäftigung aufgegeben hätte: Wen etwa interessiert angesichts des Gezeigten noch ernsthaft, ob das antike Mykene zu Beginn einer bestimmten Szene in Schutt und Asche liegt, wie die Schriftprojektion beflissen mitteilt? Da wäre insgesamt noch weniger noch mehr gewesen. Wenn man einen Mythos so schlüssig wie überzeugt der Gegenwärtigkeit opfert, dann doch bitte gleich richtig. Dennoch: Simon Stones Schlachtritual dürfte den Göttern gefallen. Kein Wunder, dass der Mann ab der Spielzeit 2015/16 Hausregisseur in Basel wird und dass auch andere namhafte deutschsprachige Häuser schon ihre Finger nach ihm ausgestreckt haben.

 

Thyestes

nach Seneca
in der englischen Fassung von Thomas Henning, Chris Ryan, Simon Stone und Mark Winter
Regie: Simon Stone, Bühne und Kostüme: Claude Marcos, Musik und Sounddesign: Stefan Gregory, Licht: Govin Ruben, Dramaturgie: Anne-Louise Sarks.
Mit: Thomas Henning, Chris Ryan, Toby Schmitz.
Dauer: 1 Stunde 30 Minuten, keine Pause

www.hayloftproject.com
www.belvoir.com.au
www.theaterderwelt.de

 

Mehr zu den Klassiker-Bearbeitungen von Simon Stone: Bei den Wiener Festwochen 2013 sorgte seine Wild Duck nach Ibsen für Aufsehen. Und in Oberhausen verheutigte er im Februar 2014 die Orestie.

 

Kritikenrundschau

"Die Plötzlichkeit, mit der Alltagssituationen bei dieser Produktion in exzessive, oft durch Drogen befeuerte Gewalt umschlagen, hat manche Theater-Experten schon veranlasst, an die britischen Stücke der Neunzigerjahre zu erinnern", meint Anke Dürr auf Spiegel online (2.6.2014). Zutreffend sei daran vor allem, "dass Stone wie Ravenhill oder Kane mit schonungsloser Direktheit von der Monstrosität des Menschen erzählt." Simon Stone wolle "erschüttern. Und er hat bei aller vermeintlichen Schlichtheit seiner Mittel einen sehr guten Sinn für deren Wirkung." Zum Erfolg des Abends trage aber auch die "direkte, offensive Spielweise der drei Schauspieler" bei.

"Radikal verknappt und mit teilweise sehr drastischer, visueller Direktheit" lege der Stone den "Regiefinger direkt in die psychologischen Wunden der Menschen", schreibt Bernd Mand im Mannheimer Morgen (2.6.2014). Stone finde "die Dramatik in banalen Dialogwegen, spielt mit der unheilvollen Spannung der Beiläufigkeit und verwischt dabei die Grenzen zwischen Geschichte und Realität." Das Ganze sei "ein starkes und kluges Stück Theater, das sich mit düsterem und teils hinterhältigem Humor auf die Suche nach einer zeitgemäßen Bühnensprache gemacht hat – und sich dabei auch die Frage nach den möglichen Wegen heutiger Kunstrezeption gestellt hat. Ein trickreiches Spiel mit den Sehgewohnheiten des Zuschauers in einer Zeit der medialen Überverfügbarkeit von Bildern, das sein Referenzsystem bewusst weit und offen angelegt hat."

Simon Stone lasse Senecas uraltes Werk "wie bei einem Palimpsest durch die Zeitgeist-Überschreibung des Autorengespanns Thomas Henning und Chris Ryan hindurchschimmern", schreibt Volker Oesterreich in der Rhein-Neckar-Zeitung (2.6.2014). Vieles werde "stilisiert und abstrahiert, nicht zuletzt durch den musikalischen Mix aus Klassikzitaten, Chorälen, Techno und Heavy Metal. So grenzenlos die Gewaltbereitschaft auch erscheinen mag – der Bühnenbildner Claude Marcos begrenzt sie dennoch durch einen schlichten, weißen Rahmen". Die Produktion gewinne "eine Sogwirkung, der sich das applausfreudige Publikum nicht entziehen kann."

Stone erzähle die Geschichte aus Kannibalismus, Inzest, sexueller Gewalt und Rache im Hier und Jetzt, so Alexander Jürgs in seinem Festivalbericht in der Welt (8.6.1014). So belebe Stone "die Radikalität, die schonungslose Untersuchung von Brutalität, mit der Sarah Kane oder Mark Ravenhill in den 90er-Jahren schockierten, neu".

Von einem "ebenso adrenalingeladenen wie formvollendeten Kammerspiel" spricht Kerstin Holm in ihrem Festivalresüme für die FAZ (10.6.2014). Mit dem Vokabular zeitgenössischer Partyexzesse erzähle Simon Stone darin "den antiken Mythos von der Autodestruktivität des Erfolgsmenschen" auf packende Weise neu.

Egbert Tholl schreibt in der Süddeutschen Zeitung (11.6.2014), Stone biete mit "Nihilismus in Partyreinkultur" die Geschichte dreier "am wahren Leben" scheiternder "Gewaltmenschen", was für sich genommen gut wäre. "Doch zunehmend drängt er auf die Atridengeschichte, lässt das Trio auch andere Figuren spielen, was nichts bringt außer degoutante Bedeutungsheischerei." Am Ende lasse der Regisseur die alte Geschichte "gar zum Mummenschanz" verkommen, "die Kraft des eigenen Textes geht Stone verloren, und dann kleistert er noch alles mit Musik zu – Passion, Oper, Schuberts Streichquintett, das ist unerträglich, pathetisch, kitschig. Aber anscheinend gerade angesagt."

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