Mehr Kunst wagen

von Michael Wolf

25. Juni 2019. Am letzten Donnerstag las ich kurz hintereinander zwei Interviews: René Pollesch sprach mit dem Freitag, Jens Harzer mit der Neuen Zürcher Zeitung. Beide sind sie gefeierte Theatermacher auf dem Höhepunkt ihres Ruhms, und doch könnte man meinen, sie wären in völlig anderen Branchen tätig. Polleschs Lieblingsvokabeln: "Arbeit", "Arbeitsweise", "Arbeitspraxis". Das Wort Kunst nimmt er nicht ein mal in den Mund. Jens Harzer hingegen nennt seinen verstorbenen Kollegen Gert Voss einen "Theatergott", spricht vom Spielen als "Nichteinverständniserklärung mit der Welt", von Verwandlung als einem "emanzipatorischen Akt", vom "Urgefühl Angst".

Der Kanon? Die Kanon? No Kanon!

von Michael Wolf

24. April 2019. Auf der Bühne haben sie zerfledderte Reclamhefte aufgebahrt. Requisiteure legen Blumenkränze vor ihnen nieder. Ihr süßer Duft klebt im Raum. Die Inspizientin läutet ein Glöckchen und der Intendant, gefolgt von pausbäckigen Hospitanten, zieht an den Klassikern vorbei und liest mit belegter Stimme die Titel vor. Mit jedem Namen blasen Bühnentechniker dichte Schwalle von Nebel über die Szene. Und – Horcht! – im Parkett schmettern die Dramaturgen ihr Glaubensbekenntnis.

Rechtschaffene Rituale

Von Michael Wolf

19. März 2019. Letzte Woche haben die Kulturminister der deutschen Bundesländer verkündet, dass sie das Grundgesetz weiterhin super finden. In einer Abschlusserklärung "bekennen" sie sich dazu, "die kulturelle Vielfalt einer freien und offenen und demokratischen Gesellschaft zum zentralen Maßstab ihrer Entscheidungen zu machen". Ich finde es gut, dass unsere Minister die freiheitlich demokratische Grundordnung nicht angreifen wollen, hätte dergleichen aber auch nicht erwartet. Woher rührt der Bekenntniszwang? Ich glaube, die Damen und Herren Kulturpolitiker bedienen einen Trend.

Elfriede for president

von Michael Wolf

24. April 2018. Vor kurzem ist mir aufgefallen, welche politische Entscheidung mein Leben am stärksten geprägt hat: das Dosenpfand. Ohne Jürgen Trittin käme ich nie auf die Idee, mein leeres Wegbier neben einen Mülleimer zu stellen, statt es hineinzuwerfen.

Böses Foul von Macbeth!

von Michael Wolf

19. Februar 2019. Auch Kritiker haben Vorbilder. Meine heißen aber nicht Alfred Kerr oder Gerhard Stadelmaier, sondern Sabine Töpperwien und Manni Breuckmann. Die beiden werden einige von Ihnen aus der legendären ARD-Schlusskonferenz der Fußball Bundesliga kennen. Als Kind hing ich jeden Samstag am Radio und hoffte auf ihren Ruf: "Tor in Dortmund!"

Kuscheln mit der Community

von Michael Wolf

21. März 2018. Meine erste Theatererfahrung hatte ich als dritter Hirte beim Krippenspiel. Ich war noch zu klein, mir den Text zu merken. Mein Part bestand darin, hin und wieder auf den Bauch eines Stofflamms zu drücken, woraufhin es "Mäh" machte. Die Kirchengemeinde liebte mich blasphemisch. Ich bekam mehr Applaus als Jesus.

Macht mal Pause!

von Michael Wolf

15. Januar 2019. Oft höre ich, man solle Regisseure nicht mehr als Genies betrachten. Diese Forderung mag berechtigt sein, aber sie geht an den Produktionsbedingungen des Theaters weit vorbei. Nicht wenige Regisseure inszenieren 4 bis 6 Arbeiten im Jahr. Schon aus zeitlichen Gründen müssen die Musen ihnen da unter die Arme greifen. Ohne Hilfe von oben ist so ein Pensum gar nicht zu schaffen.

Unbespielte Herzen

von Michael Wolf

6. Februar 2018. Man sieht es dem grimmigen Blick auf dem Foto nicht an, aber ich bin ein sentimentaler Typ. Meine schönsten Momente im Theater waren jene, in denen ich mich berühren ließ. Ich erinnere mich auch viele Jahre später noch genau: an den Ruf "Ich hänge am Leben" in einer der letzten Inszenierungen von Jürgen Gosch; an den hoffnungslosen Blicktausch am Schluss einer Ostermeier-Inszenierung, in dessen Verlauf sich ein Paar so verzweifelt liebte wie hasste; wie zärtlich und verwirrt ein Besucher die Haare einer SIGNA-Performerin streichelte ...

Bekennt euch!

von Michael Wolf

27. November 2018. Ich bin in einem Dorf im Sauerland aufgewachsen. Es gab nicht viel zu tun. In der Grundschule kickte ich einen Ball gegen das Garagentor. In der Realschule auch. Als Gymnasiast war ich dabei betrunken. Ein Stadttheater betrat ich zum ersten Mal mit siebzehn Jahren. Bis dahin kannte ich mich nur mit zwei Inszenierungen aus: mit dem Gottesdienst und NDR-Aufzeichnungen des Ohnsorg-Theaters. Diese Erfahrungen prägen mich bis heute.

Fairness ist keine Kunst

von Michael Wolf

9. Januar 2018. Wenn Sie diesen Text lesen, kennen Sie Theater wahrscheinlich aus dem Parkett. Sie sind ein Zuschauer, kein Theatermacher. Die interessierten sich nämlich nicht besonders für Theater, sofern es nicht ihr eigenes ist. Unter erfolgreichen Regisseuren etwa gilt es als schick, die Inszenierungen ihrer Kollegen zu ignorieren. Wenn Theaterschaffende sich doch mal zusammentun, um grundsätzlich zu sprechen oder Forderungen zu formulieren, dann geht es ihnen nicht um das Theater, das Sie kennen: Die Kunst, also das auf der Bühne. Es geht ihnen um den Betrieb. So auch, als der Deutsche Bühnenverein die Schriftstellerin Sibylle Berg einlud, um sich von ihr die Leviten lesen zu lassen.

Nie wieder Langeweile

von Michael Wolf

9. Oktober 2018. Theater ist ein Glücksspiel. Als Zuschauer gehen wir Abend für Abend Risiken ein. Selbst hochkarätig besetzte Premieren treffen mitunter nicht unseren Geschmack. Mir selbst war oft nach den ersten zehn Minuten bereits klar, dass mich das Bühnengeschehen auch für den Rest der Aufführung nicht mehr interessieren würde.

Ein stummer Schrei nach Liebe

von Michael Wolf

28. November 2017. Ein gefürchteter Journalist hat meinen Beruf folgendermaßen beschrieben: "Ein Kritiker ist ein Zeitungsmann, dessen Mädchen mit einem Schauspieler oder Regisseur durchgebrannt ist." Bei mir trifft das nicht zu. Bei mir war es ein Zimmermann. Bevor Sie fragen: Ich habe es ausprobiert, aber Türrahmen lassen sich nur schwer kritisieren.

Dann lieber wildpinkeln

von Michael Wolf

6. September 2018. Treue Leser dieser Kolumne ahnten es sicher schon: Mein Steckenpferd ist die Hygiene. Ich habe keine Angst vor Krankheiten, vielmehr verstehe ich Reinlichkeit als ästhetische Herausforderung. Mit dieser Haltung stehe ich nicht allein am Pissoir. Immer wieder ist zu hören, dass Zuschauer am Programm ihres Theaters nicht viel auszusetzen hätten. Unzufrieden seien sie hingegen mit den langen Schlangen vor den Bedürfnisanstalten, ihrem Zustand. Werfen wir also einen kritischen Blick in die Herrentoiletten einiger Berliner Theaterhäuser.

Der kleine, dumme Zuschauer

von Michael Wolf

24. Oktober 2017. Im Journalismus gilt das Gebot, sich klar auszudrücken. Mindestanforderung an eine Kolumne ist zum Beispiel, dass die Leser nach der Lektüre verstanden haben, was drin stand. Gleiches gilt für Aufsätze in der Schule, für berufliche E-Mails und Post-Its am Kühlschrank. Nicht aber für das Theater. Sehr oft lese ich mir Beschreibungen von Inszenierungen durch und habe danach keine Ahnung, worum es konkret gehen soll. Der Vorschau-Text auf Internetseiten oder in Spielzeit-Heften hat eine eigenartige Rhetorik herausgebildet.

Fette Beute in Sicht

von Michael Wolf

6. Juni 2018. Theater muss unbedingt politisch sein. Warum, weiß ich auch nicht. Ist halt so. Wenn ein Theater es politisch richtig krachen lassen will, engagiert es Philipp Ruchs Zentrum für politische Schönheit. Wenn ein Theater es nur ein kleines bisschen krachen lassen will, lädt es Jean Peters' Peng-Kollektiv ein.