Jutta Lampe!

von Georg Kasch

13. Dezember 2017. Wie von vielen großen Schauspielerinnen, so sind auch von Jutta Lampe gleich mehrere Geburtsjahre im Umlauf. Das Lexikon sagt: 1943. Wir aber wissen: Jutta Lampe wird heute 80 Jahre alt!

31. Oktober 2015

Lieber Dieter Dorn,

zu Ihrem Geburtstag habe ich Ihnen ein Bekenntnis zu machen und eine Dankesanzeige abzustatten. Sie werden heute 80 Jahre alt, hoffentlich bei guter Gesundheit, ich war 25 Jahre, als ich 1982 in Ihre "Was ihr wollt"-Inszenierung in den Münchner Kammerspielen geriet.

Die wahre innere Reaktion ...

21. März 2015. In Peter Brooks "Der leere Raum" – einem der wahrsten Bücher, die je über das Theater geschrieben wurden – gibt es eine Stelle, die sich mir besonders tief eingeprägt hat. Und es ist nicht jene (auch sehr schöne) über die Kritiker: "Ein Kritiker dient dem Theater immer, wenn er eine Unzulänglichkeit ausfindig macht. Wenn er fast die ganze Zeit mosert, hat er fast immer recht."

 

12. August 2013. Wenn sie spricht, wird es hell um sie herum. Dabei klingt ihre Stimme unverkennbar schnarrig, mit der sie dann immer tief aus dem Inneren der Figuren spricht, die sie sich aneignet. In Einar Schleefs "Verratenes Volk" agierte sie als Revolutionärin eine halbe Stunde lang mit dem Rücken zum Publikum, und dann waren es Dimiter Gottscheffs Inszenierungen, in denen sie beispielhaft zeigte, was es heißt, einen Text unverstellt körperlich zu machen. "Über sie zu sprechen und von ihr zu schwärmen ist eins", hat Regisseur Nicolas Stemann einmal gesagt. Seit 1965 ist sie am Deutschen Theater Berlin engagiert, feiert dort also bald ihre 50-jähriges Jubiläum. Heute wird Margit Bendokat aber erstmal 70 Jahre alt. Wir gratulieren.

 

Es gibt wenige Schauspieler, deren Namen Stücktitel zieren. Ilse Ritter ist – neben ihren Kollegen Kirsten Dene und Gert Voss – nicht nur darin eine Ausnahmeerscheinung auf den deutschsprachigen Bühnen, auf denen sie weit herum gekommen ist zwischen Hamburg und Wien. Allein ihre kunstfertige Sprachbehandlung! Textaufsagen? Niemals! Sowie sie die Lippen öffnet, gurrt und singt sie, zirpt und grollt, haucht und tobt auf atemberaubend schöne Weise.

villaverdi 280 thomasaurin hIlse Ritter in "Villa Verdi", Volksbühne Berlin
© Thomas Aurin
Alles an ihr flirrt und flirtet, über ihr bebt das blonde Lockenhaupt, in ihr toben die Leidenschaften, ironisch distanziert, ein Dauererdbeben im Salonformat. Davon haben Peter Zadek profitiert und Claus Peymann, Luc Bondy und Jossi Wieler. Eine "wundervolle Kunstfigur" hat man sie genannt, ein "Vielzweck-Eroticum", und das stimmt auch jetzt noch, wo sie, man staune, 70 Jahre alt geworden ist. Wir gratulieren herzlich! (geka)

 

walter schmidinger2 280 zeitzeugen-tv com© www.zeitzeugen-tv.com28. April 2013. Walter Schmidinger hat einmal in einer Filmdokumentation die wunderbare Joana Maria Gorvin nachgeahmt: "Nun sind wir in Madriiid", mit einem genussvoll-elegischen langen i – und schon möchte man Schmidinger stundenlang beim Gorvin-Imitieren zuhören. Er sagt dann noch über sie, sie habe über eine Sprache verfügt, "von der man im wahrsten Sinne des Wortes sagen muss, sie war Musik". Da hätte Schmidinger auch über sich selbst sprechen können!

Ein Satz der Goethe'schen Iphigenie – die sie, natürlich in der Regie ihres Ehemanns Hans Neuenfels, vor mehr als drei Jahrzehnten verkörperte – ist ihr besonders lieb: "Doch immer bin ich, wie im ersten, fremd." Nein, eine Vertrautheitsspielerin ist Elisabeth Trissenaar nicht. Sie sucht in den ihr aufgegebenen Figuren nicht das Alltägliche auf, nicht das Natürliche, sondern das Ferne, Fremde und Künstliche. Vom Fremden in sich aber wird sie, wenn sie Fräulein Julie, Penthesilea, Medea oder all die anderen großen Frauenrollen spielt, regelrecht durchtobt. Ihr sprachlicher Duktus nähert sich dabei dem hohen Ton, dem sie jedoch alles Elegische und alles Kulinarische ausgetrieben hat. Sie kann schrecklich sein, schrecklich spitz, schrecklich schrill, schrecklich ironisch und schrecklich schön. Und manchmal hält man sie kaum aus. Doch immer bleibt sie dabei, wie im ersten, fremd – und groß.

3. März 2011. Sie war "Karla" im verbotenen Defa-Film 1965 und sie war toll. Sie spielte "Fräulein Julie" unter Einar Schleef und B.K.Tragelehn am Berliner Ensemble und wurde nach zehn Aufführungen, in denen sie im disziplinierten Ostberlin von 1975 über die Sitzreihen turnte, verboten. Sie spielte bei Benno Besson, Horst Schönemann, bei Peter Zadek, Luc Bondy und Dieter Dorn fast alle großen Frauenrollen. Sie war der Star von Defa-Regisseur Egon Günther und bekam 1972 für ihre Rolle im Film "Die Dritte" den Preis als Beste Darstellerin auf dem Filmfest von Venedig. Sie unterschrieb 1976 gegen die Biermann-Ausweisung und ging 1982 selber in den Westen, wo sie in den neunziger Jahren noch zweimal die Muse ihres wichtigsten Regisseurs Einar Schleef wurde. Zuletzt spielte sie die Polizeiruf-Kommissarin Wanda Rosenbaum. Und jetzt vermissen wir sie die meiste Zeit. Jutta Hoffmann wird heute 70 Jahre alt. Wir gratulieren von Herzen.

Wenn man in Berlin in einer Theaterpremiere sitzt und sich umdreht, dann sitzt in der Regel Christoph Hein hinter einem. Na ja, vielleicht ist das eine Übertreibung, sicher aber ist, dass kaum ein deutschsprachiger Schriftsteller von Rang so rege am Theaterleben Anteil nimmt wie Christoph Hein. Und das begann früh, sehr früh. Hein, der bereits als 14-Jähriger aus dem Osten nach West-Berlin floh, um sich am Tag des Mauerbaus durch einen unerlaubten Dresden-Besuch unversehens als DDR-Bürger wieder zu finden, ging zunächst als Regieassistent zu Benno Besson ans Deutsche Theater und folgte ihm später als Dramaturg an die Volksbühne.

22. März 2011. Er ist gebürtiger Zürcher und ganz offiziell der "bedeutendste und würdigste Bühnenkünstler des deutschsprachigen Theaters", weil er Träger des Iffland-Ringes ist, den ihm 1996 Josef Meinrad vermachte, der vorher der ausgewiesen größte Schauspieler war. Aber auch ohne das Meinradsche Vermächtnis zählt Bruno Ganz zu den Größten unter den Großen, mit ihm in den Hauptrollen stiegen alle auf zum Ruhm: Peter Stein und Claus Peymann, Wim Wenders, Klaus Michael Grüber und Luc Bondy. Er war Tasso und eine Zeitlang der Faust (bei Peter Steins 19-Stunden-Version 2000 in Hannover), er war Engel bei Wim Wenders und er wäre gerne Tatort-Kommissar geworden beim Fernsehen, aber es reichte nur für den besten Film-Hitler aller Zeiten, der ihm, ausgerechnet, weltweit Lob und Ruhm eingetragen hat. Wir gratulieren von Herzen zum 70. Geburtstag.

Er erfand in Deutschland das multikulturelle Theater, lange bevor Shermin Langhoff in Berlin ein postmigrantisches Theater etablierte oder Johan Simons die Münchner Kammerspiele internationalisierte: 1980 gründete Roberto Ciulli das Theater an der Ruhr in Mülheim, zusammen mit dem Dramaturgen Helmut Schäfer. Ein sehenswertes, auratisches Gespann, hier der albinohaft draculaartige Schäfer, der den Texten den Saft aussaugte, dort Ciulli, der schicke Italiener in Businessanzügen sowie seine schöne, viel zu früh verstorbene Freundin Gordana Kosanović, nach der der Preis benannt ist, den das Theater vergibt.

1. April 2011. Und bestünde seine Lebensleistung nur aus dem Drama "Der Stellvertreter", mit dem er die Rolle des Papstes während der Nazi-Zeit und somit den Umgang der Deutschen mit ihrer Vergangenheit skandalisierte, aus der tätigen Mithilfe beim Sturz des furchtbaren Marine-Richters Hans Filbinger als Ministerpräsident von Baden-Württemberg und der jahrelangen, grotesken Komödie, die er mit Claus Peymann um das Berliner Ensemble aufgeführt hat – dafür alleine wäre das Leben von Rolf Hochhuth, der heute 80 Jahre alt wird, ein sinnerfülltes gewesen. Wir gratulieren.

Frido Solter attestierte ihr einst eine "lyrisch schwingende Sinnlichkeit wie Anna Magnani", heute gehört sie zu den größten Charakterdarstellerinnen, die Bühne und Film in Deutschland haben: Christine Schorn ist zum Niederknien. Allein diese Stimme! Klar schimmernd wie Messing, gleitet sie ganz nach Belieben ins Nölige oder Derbe, klingt schnell weinerlich oder aristokratisch und doch immer enorm Schorn’sch. Selbst wenn man sie optisch kaum erkennt wie in Jürgen Goschs immer noch laufendem Onkel Wanja (tief vermummt und gekrümmt als Marina) – ihre Stimme verrät sie.

4. April 2011. Ihre erste Filmrolle spielte sie mit 17. Ihre erste Theaterrolle bei Helene Weigel, der Frau vom Brecht, im Berliner Ensemble mit 20. Unsterblich geworden in Deutschland ist sie aber als Paula in Heiner Carows Film "Legende von Paul und Paula", von 1973. Herzlichen Glückwunsch Angelica Domröse zum 70.

a winkler 280 ruth walz hAngela Winkler                           © Ruth Walz Wir gratulieren ...
Das sagt sich so leichthin, und meist ist es nur eine dahingestotterte Phrase, dass da jemand ein Geheimnis behüte, oder bewache, oder herbeispiele. Aber wie diese Schauspielerin damals in Wien den Hamlet in Peter Zadeks gedanken- und sinnumstülpender Inszenierung (1999) gab, wie sie die Silben zum Fliegen verführte, dass es war, als strebten sie fernsten Himmeln zu, um sie dann aber sanft, fast zärtlich, auf die Erde herunterholte, als ob sie unterwegs den Glauben an alle Himmel verloren hätten; wie sie bei Robert Wilson am Berliner Ensemble in der "Dreigroschenoper" (2007) von der Leidenschaft tremolierte und Verzückungsspitzen dazwischenstreute, dass man nicht wusste, wo sie so blitzesplötzlich herkamen und doch wirkte, als könne es in diesen sonderbaren Augenblicken nichts anderes geben als eben das; wie sie in Christoph Schlingensiefs "Kirche der Angst vor dem Fremden in mir" (2008) in Duisburg auf der Bettkante saß, sprach, als spräche nicht sie, sondern schwebe ein Engel vielleicht, oder ein Dämon, durch sie hindurch; wie sie immer spielt, als würde sie im Moment des Spiels erst entdecken, dass es das Spiel überhaupt gibt; wie sie stets zugleich ungemein glücklich und zutiefst erschrocken über diese Entdeckung zu sein scheint: Das alles wirkt, als trage sie ein Geheimnis durch ihre Figurenwelten, und es macht, dass man meint, einzig unter ihren Spielhänden ginge es nicht verloren. Das ist ihr Spiel-Geheimnis, und das Geheimnis des Spielens.

Im Frühjahr 2007 sollte Peter Zadek in Thessaloniki der Europäische Theaterpreis überreicht werden. Seine Inszenierung von Ibsens "Peer Gynt" gastierte vor Ort, aber Zadek war nicht da. Er war krank. Man wollte ihm deshalb den Preis nicht geben. Vor dem Gastspiel wurden Briefe verlesen, wurde gestritten und gezankt – bis Angela Winkler dazwischenging: Sie wolle lieber spielen als Rechtfertigungen hören.

Heute wird Angela Winkler 70 Jahre alt. Wir gratulieren aufs Herzlichste!

12. April 2011. Vor 50 Jahren brachte er die kommunistischen Funktionäre auf die Palme, als er Heiner Müllers Produktionsdrama "Die Umsiedlerin" an einer Studentenbühne uraufführen wollte: Danach wusste auch B.K. Tragelehn Geschichten aus der Produktion zu erzählen, denn er wurde zur Strafe in selbige versetzt – ein Jahr als Kipper in Klettwitz. Und noch vor 15 Jahren stieß er am Berliner Ensemble die kapitalistischen Funktionäre vor den Kopf, indem er sich von der Deutschen Bank das Bühnenbild des Brecht'schen "Galilei" mitfinanzieren ließ und den gestrengen Bankern dann zur Premiere einen leeren Raum präsentierte. Dazwischen produzierte er mit einem Co-Regisseur namens Einar Schleef einige Skandale oder ließ sich vom Schauspiel Frankfurt fristlos entlassen. Bequem hat es sich dieser so entschieden dramaturgisch denkende Regisseur nie gemacht. Und bis heute schenkt er uns die schönsten Übersetzungen des elisabethanischen Theaters. Wir gratulieren B.K. Tragelehn zum 75. Geburtstag.

Jüngst, als ihr Lebenswerk mit dem Theaterpreis "Der Faust" in ihrer Heimatstadt Berlin geehrt wurde und sie aus Krankheitsgründen fehlte, ging ein Raunen durch den Saal, als Gregor Gysi im Video-Einspieler zum Preis für Inge Keller frohlockte: "Wir müssen endlich auch mal die Großen aus der DDR würdigen."

17. April 2011. Seine Figuren haben immer von einer merkwürdig aristokratisch veredelten proletarischen Aura gelebt. Waren rauchzart, um's mal mit der Werbesprache des Westens zu sagen, wo Hilmar Thate, 1931 in Halle geboren, seit 1980 lebte – als er nach wachsenden Schwierigkeiten wegen seiner Unterschrift der Biermann-Petition vom Ostberliner Deutschen Theater mit seiner Frau Angelica Domröse ans Westberliner Schiller Theater gewechselt war. Neben dem Ostlerpaar mit Hollywoodappeal wirkten die Westspieler am Haus dann erst recht wie allermiefigste Provinz. Gelernt hatte Thate das an Helene Weigels Berliner Ensemble, wo er 1972 auch eine seiner berühmtesten Rollen spielte – Richard III. in einer Inszenierung von Manfred Wekwerth: ein charmanter Bösewicht mit melancholischen Zügen, der beim Zuschauer sofort Beschützerinstinkte weckte und so zum Komplizen seiner Mordtaten machte. Das Richard-Echo hallte 1997 noch im Halbweltmogul Rudi Kranzow nach, den Thate in Dieter Wedels Fernseh-Mehrteiler "Der König von St. Pauli" spielte. Heute wird Hilmar Thate, man glaubt es kaum, achtzig Jahre alt. Wir gratulieren.

28. Oktober 2013. Wenn sie sich heute in alten Komödien-Filmen zufällig selber sieht, ist "das doch eigentlich ganz begabt, was die da macht", hat Cornelia Froboess einmal über sich gesagt. Natürlich aus der sicheren Position einer der profiliertesten Schauspielerinnen der Republik: Wer sie einmal in einer Dieter-Dorn-Inszenierung gesehen hat, an den Münchner Kammerspielen oder später am Residenztheater, wird ihren herb-direkten Zugriff nicht vergessen.

30. Juni 2011. Ja, die Stimme! Einmal gehört, nie wieder zu vergessen. Bei Otto Sander klingen die Silben und Worte, als seien sie mit einem Bein himmelwärts auf Reisen und mit dem anderen in Höllengründen versunken. Und ja, die Filme! "Wer spinnt denn da, Herr Doktor?" zum Beispiel. Oder "Das Boot". Oder "Der Himmel über Berlin". Wo Otto Sander dabei ist, wird's immer gefährlich, uneindeutig. "Wie alle großen Schauspieler ist Otto extrem", hat Wim Wenders gesagt. Extrem und maßlos, "in der Begeisterung, im Risiko, in der Selbstüberschätzung, im Selbstzweifel – und in der Verletzlichkeit wie in der Unverwundbarkeit". Und doch, Otto Sander ist vor allem ein Schauspieler der Bühne. An der Schaubühne wurde er groß und berühmt, als Peter Stein ihn 1970 ins Ensemble holte. Er hat mit Klaus Michael Grüber, Luc Bondy, Claus Peymann, Peter Stein gearbeitet, in sehr verschiedenen Rollen, in sehr verschiedenen Inszenierungen. Und doch hat er sich immer seine Sander'sche Spezialität bewahrt: eine Mischung aus Anarchie und Melancholie, aus Zwanglosigkeit und Präsenzschärfe. Einmal gesehen, nicht mehr zu vergessen. Heute wird Otto Sander 70 Jahre alt. Wir gratulieren.

(dip)