Soll man ihn freisprechen?

von Gabi Hift

Berlin, 10. Februar 2019."Reptil!", "Hersteller künstlicher, eitler und unnützer Bücher!" – so und noch ärger hat Bertolt Brecht über Thomas Mann gelästert. Vor 15 Jahren stand dieses Reptil im Zentrum eines Dreiteilers "Die Manns – Ein Jahrhundertroman", der so erfolgreich war, dass die Familie Mann seitdem als so etwas wie die deutsche Königsfamilie gilt. Und nun hat sich der Schöpfer dieses Dokudramas, Heinrich Breloer, für sein neues Projekt ausgerechnet den ausgesucht, der seinen ersten Helden so gehasst hat.

Der Sommer kurz vor dem Kometeneinschlag

von Sophie Diesselhorst

Berlin, 6. November 2018. Der Regisseur Kirill Serebrennikow steht in Moskau vor Gericht, er soll als künstlerischer Leiter des Moskauer Gogol Center Geld veruntreut haben. Stichhaltige Beweise liegen nicht vor, die jetzt angelaufene Gerichtsverhandlung wurde lange hinausgezögert. Es riecht nach Schauprozess, und Serebrennikow ist längst zu einer Symbolfigur geworden. Der Hashtag #FreeKirill kursiert – zumindest im Westen, wo natürlich auch gerne Unfreiheit und Schurkentum auf Russland projiziert werden.

Einmal in dem tristen Leben einem Mann mich hinzugeben

von Gabi Hift

11. September 2018. "Siehst du den Mond über Soho?"– "Ich seh ihn, Lieber". – Keinen Pappmond, der von oben herunterfährt, sondern einen, der über dem Wasser aufsteigt, denn wir sind nicht im Theater sondern im Kino. Die Liebesleute, Mackie Messer und seine minderjährige Braut Polly, fahren Boot. Von einer Brücke schaut Brecht, gespielt von Lars Eidinger, auf seine Geschöpfe hinunter und erklärt seinem Begleiter, dem Filmproduzenten Nebenzahl, wie er sich die Szene vorstellt: "Am Ruder: sie", sagt er, und: "Ein oder zwei Monde genügen." Sofort geht pflichtschuldig ein zweiter Mond auf – da ist also hinter der Kamera jemand am Werk, dem dran liegt, Brechts Phantasien akkurat umzusetzen. Man kann ja dran zweifeln, ob Brecht das mit den zwei Monden so wortwörtlich gemeint hat, aber als gleich drauf eine Balletttruppe in weißen Gewändern auf dem Gehweg auftaucht und eine schreckliche Verliebt-im-Mondlicht-Choreographie aufs Pflaster zuckert, gibts nichts mehr zu zweifeln: das kann Brecht nie und nimmer gewollt haben!

Tränen in den Augen

von Nikolaus Merck

Berlin, 8. September 2013. "Lontano. Die Schaubühne von Peter Stein" heißt ein 90-Minuten-Film des Dokumentarfilmers Andreas Lewin, der schon die Schauspieler Klaus Kammer und Thomas Holtzmann sowie den Regisseur Fritz Kortner filmisch portraitiert hat. "Lontano" ist italienisch und heißt "fern", als musikalischer terminus technicus bezeichnet es die Musik, die von hinter der Bühne kommt.

Ich hasse diesen Heimatkram

von Elena Philipp

Berlin, 22. März 2018. Vater und Sohn im düsteren Wirtshaussaal. Die Mutter ist gestorben, letzte Gäste kehren dem Leichenschmaus den Rücken. Neben Tortenresten und einem Haufen Fotos sitzen der Seewirt Pankraz und sein Erbe Semi, trinken, rauchen – und steigen hinab in den Schacht der Erinnerung. Auf seinem Grund: alte Schuld.

Begrabt mich, wo ich scheiterte

von Elena Philipp

Berlin, 13. August 2013. Sieben sind's, die sich Glück und Gold entgegen mühen. Ein Häuflein deutscher Auswanderer in den Weiten des kanadischen Nordens. Zusammengeführt hat sie eine Anzeige: Gegen Bares bietet der Geschäftsmann Wilhelm Laser den Deal, sie vom nördlichsten Bahnhof Kanadas auf der Landroute an den Klondike River zu führen. Dorthin, wo das Goldfieber grassiert. Eine Strapaze, die nur eine Einzige von ihnen durchstehen wird: Emily Meyer, zäh und stoisch, schweigsam, aber handfest.

In der Badewanne

von Michael Stadler

Berlin, 22. Februar 2018. Es ist eine prächtige Weltpremiere im ost-prächtigen Berliner Kino International. Gezeigt wird "Partisan", ein Dokumentarfilm über die Frank-Castorf-Ära an der Volksbühne. Einige Weggefährten schauen mit, darunter Herbert Fritsch, Alexander Scheer, Henry Hübchen. Einer ist nicht da, der Chef selbst. Castorf war ja oft nicht bei seinen Theaterpremieren anwesend, kam erst zum Schlussapplaus. Das übliche Duckmäusertum, scherzt Henry Hübchen, und erzählt nach dem Film dem Publikum, wie er an einem Premierentag um 17 Uhr im größten innerlichen Stress mit seinem Regisseur Castorf telefoniert habe. Der lag in irgendeiner Badewanne.

Mozärtlicher Elefant und Sohn

von Esther Slevogt

Berlin, 23. Juli 2013. Das zumindest hat dieser Film geschafft, einen vergessenen Großschauspieler noch mal auf die Bühne der Gegenwart zu holen: Heinrich George, Theater- und Filmstar der 1920er bis 1940er Jahre, dessen animalische Wucht auch nach über sieben Jahrzehnten noch regelrecht aus dem dokumentarischen Material hervorwuchert, das Joachim A. Lang in sein Fernseh-Doku-Drama "George" montiert hat.

Gerichtstag über die Ausbeuter der Erde

von Sophie Diesselhorst

14. November 2017. Mit wehendem Haar sitzt Milo Rau auf einem Auto, das über die Schotterpisten der ostkongolesischen Provinz Süd-Kivu holpert – da, wo der Erdboden am reichsten ist, und die Menschen am ärmsten. Schnitt. Wir sehen jubelnde Menschen, die sich in einem Dorf vor ihren Häusern versammelt haben und ihre hoffnungsbrennenden Gesichter dorthin zu richten scheinen, wo eben noch Milo Rau saß. Einen kleinen Moment lang wird dieses Missverständnis in der Luft hängen gelassen und dann aufgelöst – es ist nicht Rau, den sie feiern, sondern der oppositionelle Präsidentschaftskandidat Vital Kamerhe, mit dem zusammen Rau unterwegs ist und der in der nächsten Szene eine Ansprache hält, in der er um Unterstützung für Raus "Kongo Tribunal" wirbt.

Lebenslänglich für Cassius

von Sophie Diesselhorst

3. Januar 2013. "Jetzt ist aber Schluss", sagt der eine Wärter zum anderen. "Jetzt müssen sie  wieder rein." Die beiden stehen in einer Galerie und schauen hinunter auf einen der Höfe im Gefängnis Rebibbia (bei Rom). Dort unten schüttelt Antonius gerade die blutigen Hände der Verschwörer um Brutus und bittet darum, Julius Caesars Leiche aufs Forum bringen zu dürfen. "Lass sie doch die Szene noch zu Ende spielen", sagt der angesprochene Wärter. Während Antonius also, nun alleine mit Caesars Leichnam, einen Racheplan ausheckt, kommt oben noch ein dritter Wärter hinzu, der die anderen beiden darauf aufmerksam macht, dass "sie" jetzt wieder reinmüssen. Auch er lässt sich dann aber vom Spiel im Hof faszinieren, es folgt oben auf der Galerie noch eine kleine Diskussion darüber, ob Antonius ein sympathischer Charakter ist ("Ja, er ist doch kulant") oder nicht ("Er ist ein Hurensohn!").

Was in uns lügt, mordet, stiehlt

von Nikolaus Merck

Berlin, Oktober 2014. Was heißt das: Schauspielen? Was treibt einen auf die Bühne? Welcher Preis ist dafür zu bezahlen? Welche Wirklichkeit teilt man mit Zuschauern und Kollegen? So lauten einige der Fragen, die der Schauspieler und Sektionschef der Darstellenden Kunst in der Akademie der Künste Ulrich Matthes sich selbst und neun Kolleginnen* (vier Männer und fünf Frauen) hat vorlegen lassen. Zehn halbstündige Interviews vor leeren Zuschauerräumen versammelt die Doppel-DVD "Spielweisen", die die Akademie im Rahmen ihres Großprojektes Schwindel der Wirklichkeit herausgegeben hat.

Überwirkliche Wirklichkeit

von Georg Kasch

Berlin, 4. Dezember 2012. Es ist nur ein Gesicht, schwarz und weiß fotografiert, das vor nachtfinsterem Grund pulsiert zwischen Klarheit und Unschärfe: Mal glaubt man, deutlich die dunkel glänzenden Augen zu erkennen unterm vollen, dunklen Haar und den sinnlichen Mund, dann wieder verschwimmen die Konturen. Ein treffendes Bild, das die Macher des Dokumentarfilms "Alexander Granach – Da geht ein Mensch" im Abspann gefunden haben für das Bemühen, eine Person lebendig werden zu lassen, die seit über 65 Jahren nicht mehr lebt. Zumal einen Schauspieler, von dem – immerhin! – ein paar Kinofilme existieren (darunter legendäre wie Murnaus "Nosferatu" und Lubitschs "Ninotschka") und wenige Tonaufnahmen, Fotos natürlich und Briefe.

Porno fürs Konto

von Eva Biringer

30. September 2014. Geld oder Liebe, kann es so einfach sein? Es kann. Thomas Melle, Schriftsteller, Dramatiker, Gegenwartsanalyst, weiß um die Verlogenheit unserer hehren Ideale. 2011 war sein erster Roman "Sickster" für den Deutschen Buchpreis nominiert, der Nachfolger "3000 Euro" steht erneut auf der Shortlist. Geliebt wird der Autor für seine rohe Sprache und seinen in-your-face-Humor, der in besonders sozialdystopischen Momenten an den norwegischen Berufszyniker Matias Faldbakken erinnert.

So verletzlich wie sie

von Sophie Diesselhorst

November 2012. Dieses Lachen. Es ist irgendwo zwischen Grunzen und Würgen und kurz sehr irritierend, dann sehr lustig und ansteckend. Das erste Mal erklingt es nach einem Fotoshooting, für das Marina Abramovic sich in engem Korsett und mit Teufelshörnern auf dem Kopf hergemacht hat. "Künstlerin auf der Höhe ihrer Karriere sucht Single-Mann", albert sie und erklärt, wie es zu den Teufelshörnern kam: Auf einem Foto aus ihrer Kindheit trägt sie solche Hörner, in ihrem elegischen Blick die gesammelte Traurigkeit ihrer lieblosen ersten Jahre. Mit dem neuen Foto, auf dem die 63-jährige die pure Lebenslust ist, werden die Hörner rehabilitiert, wird die Widersprüchlichkeit, die in einem Menschenleben steckt, zelebriert.

Demokratiemangel vorrechnen

von Dirk Pilz

20. März 2014. Die Moskauer Prozesse von Milo Rau bleiben ein ungemein cleveres, streitbares Kunststück. Theater, das zu einer Form von politischer Installationskunst findet, mit der die Bühne keine moralische, sondern eine im besten Sinne intellektuelle Anstalt wird, weil sie die Teilnehmer wie die Zuschauer als Selbstdenker ernst nimmt, nicht zu bloßen Botschaftsempfängern erniedrigt, nicht zu Schulbankhockern macht.

"Spiel doch kein Theater!"

von Sophie Diesselhorst

13. November 2012. Für anderthalb Stunden glaubt man nicht, dass Susanne Lothar und Ulrich Mühe nicht mehr am Leben sind. So wie sie ihre Filmfiguren Claire und Robert, ein sich trennendes Ehepaar, zusammen miteinander und einzeln mit ihrem jeweiligen Figuren-Eigenleben verstricken und dann äußerst lebendig gegen die Verstrickung anzappeln.

Königinnen in Oklahoma

von Georg Kasch

6. März 2014. Es ist die Landschaft, die verblüfft. Wenn man schon einige Versionen von Tracy Letts' Stück "August: Osage County" auf der Bühne gesehen hat, fällt diese Weite besonders auf, die sich im Osage County in Oklahoma öffnet: endlose Horizonte, garniert mit Hügel, Vieh und Strohballen, darüber ein Himmel, der alle Farben kennt. Ziemlich winzig wirkt da der Mensch, und einmal, zu Beginn, sagt Barbara sinngemäß: Für dieses elende Land haben wir all die Indianer abgemurkst?

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Ein Totenmal voller Leben

von Elena Philipp

Berlin, 5. Juni 2012. Christoph Schlingensief bei einer Aufgabe, die ihm "so viel Kraft gibt wie ich, glaub' ich, in den letzten hundert Jahren nicht bekommen habe": beim Bau des Operndorfes Remdoogoo in Burkina Faso. Es ist die letzte und wichtigste Arbeit für den krebskranken Künstler.

Worte gegen Forellen

von Martin Pesl

September 2013. "Ah, ein Theaterspieler", sagt der ältere Herr zu seinem Neffen, den er gerade erst kennen gelernt hat und in dessen Leben er eintreten möchte. Walter, der noch nie im Theater war, geschweige denn im deutschen – arbeitete er doch als Zirkusartist in Italien –, trifft ausgerechnet auf die Vollblutrampensau, den Figurenpsychologieverweigerer und Textedekonstrukteur Philipp Hochmair. Theaterkenner wissen, wer das ist: Der gebürtige Wiener prägte in Nicolas Stemanns Burg-Jahren dessen Jelinek-Inszenierungen und wechselte 2009 ans Thalia Theater Hamburg.

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Vamp mit Wutmotor

vom Matthias Weigel

Berlin, 6. Februar 2012. "Die Unsichtbare" wird es sich wohl gefallen lassen müssen, mit "Black Swan" verglichen zu werden. Letzterer Hollywood-Film von Darren Aronofsky aus dem Jahr 2010 zeigt Natalie Portman als unschuldige Balletttänzerin auf der Suche nach ihrer dunklen Seite, die sie in Tschaikowskys berühmten Ballett nach außen kehren soll. Der 1978 auf Rügen geborene Regisseur Christian Schwochow, der mit seinem Diplomfilm "Novemberkind" (2008) einige Preise abräumte, verfilmte nun mit "Die Unsichtbare" eine Art Pendant zu "Black Swan". Ein Pendant in zweifacher Hinsicht: Schwochows Film dreht sich um die Welt des Sprechtheaters, nicht des Balletts. Und: "Die Unsichtbare" ist ein (geförderter) europäischer Film, keine industrielle Hollywood-Großproduktion. Dabei ist "Die Unsichtbare" in mancher Hinsicht vielleicht viel amerikanischer als ihr Bruder "Black Swan".