Neues, das anknüpft

von Sabine Leucht

München, 19. Mai 2020. Als Avatare sehen Barbara Mundel und Viola Hasselberg ein bisschen ungelenk aus. Schön aber ist, dass die virtuellen Doubles der künftigen Intendantin der Münchner Kammerspiele und ihrer Chefdramaturgin barfuß sind und die vergnügten Original-Stimmen ihre Steifbeinigkeit vergessen lassen. Eine Handvoll Schauspieler*innen aus dem künftigen Ensemble sagen kurz via Zoom "Hallo" und man kann in dem gigantischen Mosaik gerade noch viele alte Bekannte und eine vordergründige Diversität ausmachen, da schaltet der Vimeo-Livestream (nachzuschauen hier) schon in die Kammer 1, von der aus Barbara Mundel und Team die Pressekonferenz ins Virtuelle senden.

Wir haben ein Ensemble hier, und das wird spielen

von Sascha Westphal

16. Mai 2020. Manche Schlagworte erklingen überall in der deutschsprachigen Theaterwelt, vor allem wenn ein neues Team ein Haus übernimmt und seine Pläne vorstellt. Auf eine Handvoll Formulierungen könnte man dann fast schon Wetten abschließen. Denn welche Intendantin, welcher leitende Dramaturg würde nicht verkünden, dass man "Theater für die Stadt machen will". Und schon sind Begriffe wie "Labor" und "Agora" auch nicht mehr fern. Überaus beliebt ist zudem noch die (Selbst-)Vergewisserung, dass das Theater der ideale, wenn nicht gar der einzige Ort sei, an dem unsere Gesellschaft Perspektiven für Gegenwart und Zukunft entwickeln kann. Gegen all das ließe sich kaum etwas sagen, wenn die Arbeit an dem Haus in der Folge sichtbar von diesen Gedanken und Ideen geprägt wäre. Nur offenbart sich oft recht schnell eine auffallende Kluft zwischen vorherigem Anspruch und tatsächlicher Wirklichkeit.

Zurück aus dem Netz

12. Mai 2020. Acht Wochen nach der Theaterschließung heißt es in Hessen, NRW und Sachsen: Es darf wieder geöffnet werden – unter strengen Hygienevorschriften. Spielen ist erlaubt, mit mindestens 1,5 Metern Abstand, die Körper-Kontakt-Kunst geht auf Distanz. Nur: Welches Theater ist unter diesen Bedingungen möglich? Wird das nicht "ein Theater zum Abgewöhnen", wie der Intendant der Berliner Schaubühne, Thomas Ostermeier vermutet? Oder doch eine Chance, etwas Neues zu versuchen? Darüber sprechen Susanne Burkhardt und Elena Philipp im Theaterpodcast #25 mit der Theater-Kritikerin Cornelia Fiedler und dem Schauspieler Martin Wuttke.

Theaterpodcast 2020 05 StadionDerWeltjugend 2016 06 28 1 560 ConnyMirbach uFreilichtspiel: "Stadion der Weltjugend" von René Pollesch, 2016 im Autokino Kornwestheim bei Stuttgart © Conny Mirbach

Das Verschwinden der Welt und das Theater der Diskursfetische

von Lynn Takeo Musiol und Christian Tschirner

8. April 2020. Am 27. Mai 1918 meldete die spanische Nachrichtenagentur Agencia Fabra: "Eine merkwürdige Krankheit mit epidemischem Charakter ist in Madrid aufgetreten. Diese Epidemie verläuft harmlos, keine Todesfälle bisher gemeldet." Die Krankheit reist auf Kanonenbooten, Truppentransportern, Eisenbahnen in alle Welt, kriecht in die vom Krieg geschwächten Körper. Im Herbst 1918 schließt St. Louis Schulen, Kinos und Bibliotheken, Berlin die Post und den öffentlichen Nahverkehr.

Weshalb ich Achille Mbembe für einen Vortrag bei der Ruhrtriennale eingeladen habe

von Stefanie Carp

7. Mai 2020. Die drei Kölner Vorlesungen von Achille Mbembe im vorigen Juni in brechend vollen Sälen vor Tausenden junger Menschen, mit denen er bis Mitternacht diskutierte, die ihn nicht gehen lassen wollten, waren eine große Beglückung und Bereicherung. Am dritten Abend verabschiedete er sich schon um 22 Uhr etwas erschöpft: And now we go to dinner.
Hätte sich in diesen Sommerabenden in Köln irgendjemand vorstellen können, dass der gleiche Mann kein Jahr später wegen eines für Bochum angekündigten Vortrags öffentlich in Stücke gerissen würde.

Produktivitätsdruck in der Krise

7. April 2020. Das Coronavirus herrscht, die Theater sind geschlossen. Aber zum Stillstand sind sie nicht gekommen: Ihre Bühnen sind ins Internet verlegt worden. Häuser wie die Berliner Schaubühne oder die Münchner Kammerspiele streamen Vorstellungsmitschnitte, Schauspielerinnen rezitieren Hamlet oder melden sich aus dem Familien-Wohnzimmer, Intendanten singen "Das Lied der Viren".

100 Millionen Fass Öl

von Lynn Takeo Musiol und Christian Tschirner

#am Ende des Textes könnt Ihr die Zukunft befragen 🌱


6. Mai 2020. Als im Februar der erste Text unserer Reihe erschien, sah es so aus, als sei Corona ein auf die chinesische Provinzhauptstadt Wuhan beschränktes Phänomen. Inzwischen ist die öffentliche Debatte von der Frage dominiert, wie mit dem Virus umgegangen werden soll. Während viele Virolog*innen und Epidemiolog*innen mit Hinweis auf die Gefährlichkeit des Virus voreilige Lockerungen der Bewegungs- und Begegnungseinschränkungen kritisieren, wird inzwischen in unserem Kolleg*innenkreis auf eine schnelle Rückkehr zur Normalität gedrängt. Sogar von Bevormundung und Diktatur der Wissenschaftler*innen ist die Rede – eine bemerkenswerte Verdrehung von Ursache und Wirkung.

Kunst, die aus Karenz entsteht

Nicolas Stemann und Benjamin von Blomberg im Interview mit Elena Philipp

3. April 2020. Live-Präsenz ist im Theater derzeit strengstens untersagt, dafür wird verstärkt telekommuniziert. Woran arbeitet ein geschlossenes Theater, wenn die üblichen Arbeitsweisen unterbrochen sind und vorerst alles brach liegt? Davon berichten Nicolas Stemann und Benjamin von Blomberg, die Intendanten des Schauspielhaus Zürich, im Zoom-Gespräch.

Schon live kompliziert genug

von Rolf Bolwin

Köln, 27. April 2020. Plötzlich streamt das Theater im Netz. Corona macht's möglich. Zwar gab es einzelne, vor allem größere Opernhäuser, die hatten sich schon zuvor auf dieses Terrain gewagt. Man wollte das Feld nicht der Metropolitan Opera oder Covent Garden mit ihren Kinoübertragungen überlassen. Aber das Schauspiel? Nein, hieß es meist, wir spielen live und dabei bleibt es.

Der Corona-Reflex

von Katja Grawinkel-Claassen

Düsseldorf, 30. März 2020. In Zeiten von Corona und "social distancing" explodiert die Zahl der digitalen kulturellen Angebote. Bei Theatern war am Anfang noch das Streaming hoch im Kurs, die Live-Übertragung von Vorstellungen. Besonders diskursive Formate wie Vorträge oder Gesprächsrunden können mit überschaubarem Aufwand gestreamt werden, wenn die Ensembles nicht mehr zusammenkommen können und "Geister-Vorstellungen" – ohne Zuschauer*innen, nur für den Stream – nicht mehr möglich sind. Hier kommen im Theater ähnliche Technologien zum Einsatz wie in Schule, Universität oder Unternehmen, die aufgrund der sozialen Isolation zur Eindämmung des Virus auf "home office" umgestellt haben.

Entgelt als Abschaltfaktor

eine nicht-repräsentative Umfrage von Rainer Glaap

Bremen, 26. April 2020. Das Streaming-Angebot der Kultureinrichtungen hat mit Beginn der Corona-Pandemie und der damit einhergehenden Schließung von Kultureinrichtungen massiv zugenommen. Die Theater, Opern- und Konzerthäuser reagieren damit auf die versperrten Häuser und möchten ihren Besucher*innen helfen, die vorstellungsfreie Zeit zu überbrücken.

Ist Kunst jenseits der Verschwendung denkbar?

von Lynn Takeo Musiol und Christian Tschirner

25. März 2020. Welche Rolle spielen Überlegungen zu Ökologie und Nachhaltigkeit? Ist klimaneutrales Theater technisch möglich und künstlerisch interessant? Gibt es überhaupt Zeit, sich im Alltagsgeschäft über die obligatorischen Solidaritätsbekundungen hinaus mit der Klimakrise zu beschäftigen? Mit diesen Fragen im Hinterkopf wollten wir uns mit Akteur*innen aus Stadttheater und Freier Szene zu einem Gespräch zusammensetzen, um eine Art Bestandsaufnahme zu machen.

Öffnungs-Szenarien dringend gesucht

Interview mit Marc Grandmontagne von Simone Kaempf und Elena Philipp

24. April 2020. Die Corona-Pandemie hat das deutsche Theatersystem hart getroffen. Vielen Privattheatern droht schon jetzt das finanzielle Aus, freie Künstler*innen bangen um ihre berufliche Existenz. Und die fatalsten Auswirkungen der Krise könnten erst noch anstehen. Wie geht es weiter? Marc Grandmontagne, Geschäftsführender Direktor des Deutschen Bühnenvereins, spricht sich für eine baldige Wiedereröffnung aus und sagt: es muss geprobt werden, es muss in irgendeiner Weise wieder gearbeitet werden können.

Warten auf die große Kunstparty

von Sascha Westphal

21. März 2020. So war das nicht geplant. Eigentlich sollte das vom Netzwerk "Cheers for Fears" gemeinsam mit der Dortmunder Akademie für Theater und Digitalität und dem medienwerk.nrw veranstaltete Symposium "Staging Complexity. Ein Labor zu Kunst und Theater im digitalen Zeitalter" in den Räumen des Theaters Dortmund stattfinden. Außerdem sollte es noch von zwei Präsentationen und mehrtätigen Workshops flankiert werden. Doch in Zeiten von Corona und Social Distancing war das alles natürlich keine Option mehr. Die Workshops sind auf den Herbst verschoben, die Präsentationen mussten bedauerlicherweise ausfallen.

Für die baldige Wiedereröffnung

23. April 2020. Die Corona-Krise stellt den Theaterbetrieb und seine Menschen vor kurz-, mittel- und langfristige Unsicherheiten. Die vielen freien Kulturschaffenden, von denen das Theater lebt, beklagen das schnelle Versiegen der Soforthilfen der Länder, das viele auf die Grundsicherung zurückwirft um ihren Lebensunterhalt zu bestreiten. Die Theater-Institutionen wissen nicht, wann sie ihre Säle wieder für ein Publikum öffnen können. Was sie wissen, ist: Im Jahr 2020 wird wesentlich weniger Geld eingenommen, und mit der Wirtschaftskrise wird die nächste Sparrunde kommen, in der die Kommunen und Länder, die die Theater finanzieren, unter Druck geraten und diesen Druck weitergeben werden. Welche Strategien hat die Kulturpolitik in dieser Situation? Sophie Diesselhorst und Janis El-Bira telefonierten am 16. April 2020 mit der Staatsministerin für Kultur und Medien Monika Grütters (CDU).

Rechte und Sicherheiten in Zeiten von Corona

Wir fassen hier die Antworten und Hinweise zusammen, die der Bundesverband Schauspiel (Interview mit dem Justiziar Bernhard Störkmann) und der Verband der Gründer und Selbstständigen Deutschland e.V. geben.

¡Revolución, sí!

Eva von Redecker im Interview mit Christian Tschirner und Lynn Takeo Musiol

22. April 2020. In den ersten Teilen unserer Klimareihe ging es um Möglichkeit und Dringlichkeit gesellschaftlicher Veränderungen. Eva von Redecker, die mit "Praxis und Revolution" eine Sozialtheorie des radikalen Wandels vorgelegt hat, plädiert angesichts der sozial-ökologischen Krise des Kapitalismus für eine Revolution für das Leben.

Die Rückkehr der Großen Erzählung

von Christian Tschirner und Lynn Takeo Musiol

"I've seen penguins, plutonium, pollution and pollen.
But I've never seen Nature at all."
Timothy Morton

11. März 2020. Es gab Zeiten, da war die Zukunft glänzend. Zu Beginn des 16. Jahrhunderts zum Beispiel: Gottes Plan, ein Himmelreich auf Erden zu errichten, stand kurz vor der Verwirklichung. Christliche Sektierer in ganz Europa fühlten sich zu den unterschiedlichsten sozialen Experimenten ermutigt: Die englischen Levellers wollten die Privilegien des Adels abschaffen. Die Diggers oder True Levellers besetzten und bearbeiteten Land, verteilten die Erträge, um Handel und Geldwirtschaft zu beenden. Einige der Täufer und Mennoniten unterstützten die aufständischen Bauern in ihren Forderungen nach Auflösung der Klöster und Armenspeisung. "Natur, du bist mein Gott, dein Recht ist meins", deklariert Bastard Edmund selbstbewusst im "King Lear". Was die Zukunft brachte, war aber nicht das Reich Gottes, sondern die Neuzeit und mit ihr den Kapitalismus.

Klüngeln für eine bessere Welt!

von Felizitas Stilleke

15. April 2020. Ich bin ursprünglich mal eingeladen worden, um über die Zukunft von Festivals zu sprechen. Weil ich Kuratorin bin, nehme ich an. Und was ich jetzt sage, könnte meine Zukunft als Kuratorin im Feld der Freien Darstellenden Künste sofort beenden. Noch schlimmer, was ich jetzt sage, kann und wird gegen mich verwendet werden - vor allem jetzt, wo es im virtuellen Raum gebannt ist für eine undefinierte Ewigkeit.

Egal, ich sage es jetzt einfach, weil es die – oder zumindest meine – Wahrheit ist und diese Wahrheit für mich auch die Zukunft von Festivals und Kuratieren in der heutigen Zeit bedeutet: ICH KURATIERE EINZIG UND ALLEIN MEINE FREUNDE! (und benutze das Wort und seine Bedeutung hier universell). Die Arbeiten, die ich einlade, sind das Werk meiner Freunde. Alle von mir eingeladenen KünstlerInnen, sind meine Freunde. Alle meine kuratorischen Entscheidungen basieren auf Freundschaft. Alle und ausschließlich. Immer. Ausnahmslos.

"Is she hot or not?"

10. März 2020. Nackte auf der Bühne? Gehören für viele längst zum Klischee des zeitgenössischen Theaters. Als die junge Eva Mattes 1976 in "Othello" nackt über die Bühne gejagt wurde, taugte das zu einem echten Theaterskandal. Mit seiner "Blut-und Fäkalien"-Orgie "Macbeth" löste Regisseur Jürgen Gosch noch 2005 die legendäre "Ekeltheaterdebatte" aus. Auf den FAZ-Großkritiker wirkte das Enthüllen damals wie ein "Verbrechen": "Das Theater, das sich mit 'dem Leben' (meist nichts weiter als ein Synonym für Nacktheit) verwechselt, schändet die Phantasie", schrieb Gerhard Stadelmaier.

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