Bibel, Babel, Blasphemie

von Martin Thomas Pesl

Melk, 19. Juni 2019. Da soll also ein himmelhoher Turm draus werden, aus diesen kubenförmig angeordneten, gegeneinander verschiebbaren Stahlgerüstmodulen. Vielversprechend. Aber weil wir in Babel oder "Babylon" sind, wird es letztlich nur ein Bühnenbild. Das sich gegen das durchaus vollendete Bauwerk dahinter sowieso bescheiden ausnimmt. Denn da thront das Stift Melk über der Donau.

Wider die Immersion

von Martin Thomas Pesl

Salzburg, 17. Juni 2019. Salzburg hat – also bei jüngeren Menschen von anderswo – jetzt nicht sooo den guten Ruf: museal, kitschig, teuer, ein aalglattes Disneyland der "Sound-of-Music"-Freaks. Dass es auch hart und dreckig kann, zeigte Adrian Goiginger 2017 im Kinofilm "Die beste aller Welten". Liebevoller schaut jetzt die bewährte lokale Performance-Gruppe ohnetitel gleich in sehr viele Alltagsecken dieser Stadt, in der, wer hätte das gedacht, auch vor und nach den Festspielen echte Menschen leben und arbeiten. Die mehrtätige unkonventionelle Stadtrundfahrt hat große literarische Vorbilder: James Joyce, dessen Protagonist Leopold Bloom 24 Stunden lang durch ein ganz normales Dublin streifte, und Homer, dessen "Odyssee" wiederum Joyces Roman "Ulysses" seinen Namen gab.

Im Garten der Geister

von Sascha Westphal

Amsterdam, 17. Juni 2019. Das längst verlorene Paradies ist eine hölzerne Plattform, nur ein paar Zentimeter hoch. Wer sie betritt, kommt in einer anderen, dem Untergang geweihten Welt an. Ringsum liegt Kunstrasen. Im Hintergrund erhebt sich ein Rundhorizont, auf den mal Negativbilder kahler Bäume, mal das Panorama einer von Strommasten und -Leitungen durchzogenen Landschaft projiziert werden. Aber das Herzstück dieser Szenerie ist und bleibt die kleine Holzbühne, auf der die Tschechowschen Figuren ganz zu sich selbst finden und sich gerade deshalb verlieren. Hier kann der Kaufmann und Aufsteiger Steven von seiner Jugend träumen, in der er sich in die für ihn unerreichbare Gutsbesitzerin Amanda verliebt hat, und dann eben diesen Traum mit der Wirklichkeit verwechseln.

Reich mir die Hand, liebes Publikum!

von Martin Thomas Pesl

Graz, 12. Juni 2019. Jede Zeit hat ihre Themen, und das Top-Theater-Thema diesen Juni sind offenbar Souffleusen. Gerade erst ließ Tiago Rodrigues seine ganz konkrete Stammsouffleuse bei den Wiener Festwochen poetisch ihre Lebensgeschichte flüstern, jetzt tritt in Graz ihre ironisch abstrahierte Kollegin vor den Vorhang. In Gestalt Hanna Binders gibt sie sich so schüchtern, dass ein Premierengast "Lauter!" ruft. Dann verrät sie, dass sie immer da ist und dass sie auf ihren Textbüchern heimlich Beobachtungen aufschreibt. Und ihr dann Dinge einfallen, wie dass das Theater wie Kaugummi ist und das Leben auch.

Zur Gehorsamkeit verdammt

von Shirin Sojitrawalla

Wiesbaden, 16. Juni 2019. Auch wer nicht wüsste, dass Johanna Wehner die Regisseurin des Abends ist, könnte es merken: An der Art, wie die Schauspieler*innen zuweilen ihren Körper nach links und rechts biegen, an den tropfenden Geräuschen, der Unwirtlichkeit und Düsternis der Bühne, am splitterndem Text sowie am trostlosen Gestus des Ganzen. Für Weltuntergangsstimmung auf dem Theater scheint Johanna Wehner ein Faible zu haben.

Oh, erhabenes Zelluloid!

von Janis El-Bira

Berlin, 12. Juni 2019. Ein Kuss unter Teenager-Jungs und ein Kugelhagel umklammern diesen Abend. Der Kuss wird gespielt, die Schüsse kommen vom Band. Beide jedoch stammen aus einem anderen Kunstwerk, einem anderen Medium. "This is from Gus Van Sant's 'Elephant' – a film about teenage mass shootings in America", heißt es am Anfang und am Ende. Zu sehen ist von diesem "mass shooting" nichts, bloß zu hören. Und vom Rest von "Elephant" bleibt nur dieser wimpernzarte, sekundenkurze Kuss auf die Wange.

Die schwebende Schwere

von Andreas Wilink

Bochum, 15. Juni 2019. Der Geist spricht nicht mit Hamlet. Er spricht aus ihm. Hamlet im Dialog mit sich selbst. Sein vielfach wiederholtes "Du bist hier" wird zur um Bestätigung ringenden Selbstbefragung. Hamlet, die wund laufende Denkmaschine. "Mein Gehirn ist eine Narbe", sagt er mit Heiner Müller, aus dessen knappen Stückseiten hier im Schauspielhaus Bochum, das gegenüber vom William-Shakespeare-Platz liegt, einiges dem Text beigefügt wird.

Auf Nimmerwiedersehen

von Christian Rakow

Berlin, 11. Juni 2019. Wer auf das malerische Küchenbühnenbild im Foto unten schaut, mit seinen blütenfrohen Tapeten samt Meisen im Geäst, der möge sich vorstellen, dass es geraume Zeit an diesem Abend im Theatersaal nach Gas riecht, dass fiese Feedbacks aus der Tonspur über die Szenerie fiepen, dass Sirenengeheul und anderes Gemeines am Gehörgang kratzt. Denn die auf den ersten Blick seidig zarte Ansicht ist auf Abgründigkeit und Schmerz angelegt.

Unglücklichster Tag des Lebens

von Anna Landefeld

München, 15. Juni 2019. Eine Kopie von einer Kopie von einer Kopie. Eine steril-grell ausgeleuchtete Erinnerung im leeren Raum an etwas, was man sich immer wieder und solange erzählt hat, bis nichts übrig bleibt außer Abgeklärtheit, Nüchternheit. Toderzählt. Ein Protokoll über nichts weiter als den Untergang der Welt, aufgefüllt mit Detailfetzen, die einem halt so sinnlos hängen bleiben im Gedächtnis: über etwas in seiner ganzen so unheimlichen Unvorstellbarkeit und ja, auch in seiner ganzen unheimlichen Schönheit. Felix Rothenhäusler distanziert sich mit seiner Bühnenfassung von "Melancholia" größtmöglich von Lars von Triers bildüberwältigender Film über die weltentrückte Justine, die sich die Kollision des blauen Planeten Melancholia mit der Erde herbeisehnt, die Erlösung im Tod – getragen von Richard Wagners leitmotivisch verwendetem Vorspiel zu "Tristan und Isolde". Bei Rothenhäusler ist das nur noch ironischer, gesprochener Kommentar, ein netter Fakt, für alle die den Film mal gesehen haben.

Risse in der Welt

von Michael Laages

Berlin, 8. Juni 2019. Fair ist das nicht, und auch nicht produktiv: den Ist-Zustand von heute zu messen an vergoldeter Erinnerung, die mittlerweile ein Vierteljahrhundert auf dem Buckel hat. Wer so vergleicht, tappt stets in die eigene Falle. Und doch, nur hier und heute und jetzt: Mit der Erinnerung an "Autorentheatertage", wie sie das Team um den Theatermacher Ulrich Khuon vor 25 Jahren am hannoverschen Schauspielhaus in die Erfolgsspur gesetzt hatte, hat die jüngste Ausgabe des verdienstvollen Festivals nurmehr ein paar strukturelle Grundvereinbarungen gemein: dass eine Jury eingesandte Theatertexte liest und drei (oder auch mal vier) davon für das Finale eines Festivals auswählt, das ansonsten prallvoll ist mit herausragenden Neuigkeiten von anderen Bühnen.

Ritt auf der Retrowelle

von Tobias Prüwer

Leipzig, 15. Juni 2019. "We can be heroes just for one day / We can be heroes..." Licht aus. Der halbe Saal steht, der ganze jubelt. Licht an und auf der Bühne zeigen sich erleichterte Gesichter. Das Ensemble meistert David Bowies "Lazarus" mit handwerklicher Bravour. Hubert Wild gibt einen zünftigen Regieeinstieg in Leipzig. Und das Schauspiel hat sein eigenes Pop-Musical. Alle Erwartungen wurden erfüllt, tschaka, und gemeinsam klatschen Publikum und Schauspielende zum Schlussbild rhythmisch mit, ein Pärchen schwingt Bowie-Shirts wie Fahnen über den Köpfen: Helden für einen Tag.

Unter Fleischergesellen

von Dorothea Marcus

Köln, 7. Juni 2019. Die Dokus zum D-Day tosen noch in den Ohren, da geht's noch einmal zurück, tiefer hinein in die Weltkriegsgeschichte des 20. Jahrhunderts. Mit Bertolt Brechts Fragment "Der Untergang des Egoisten Johann Fatzer" setzt Oliver Frlijć beim ersten Weltkrieg an: Zwölf Feldbetten wachsen im Kölner Depot 2 aus schwarzer Erde, sieben versprengte Soldaten gießen den Boden, dazu läuft eine Abwandlung von Marlene Dietrichs Schlager "Sagt mir, wo die Männer sind".

Die schweigende Mehrheit

von Jens Fischer

Bremen, 14. Juni 2019. Aus einer rassistischen Überzeugung heraus mehr als zehn Jahre unbehelligt Überfälle, Sprengstoffanschläge, Morde begehen. Wie ist das möglich in einem Rechtsstaat? Aus welchem fruchtbaren Schoß krochen die Täter des NSU? Wer machte wie, warum mit, und was hat das mit uns zu tun, die wir lauthals anders denken? Der NSU-Terror lässt das Theater Bremen nicht los. Nurkan Erpulat brachte mit der Dramatisierung des Fatih-Akin-Films "Aus dem Nichts" dem Publikum Selbstjustiz gegen Neonazis wie Beate Zschäpe nahe. Das hat nach ihrem (immer noch nicht rechtskräftigen) Lebenslang-Urteil keinen Deut an Brisanz verloren. Die Verteidigung kündigte Revision an – und gerade gestern publizierte das Hamburger Abendblatt: "Nicht zu fassen – 500 gesuchte Rechtsextreme auf freiem Fuß".

Vor allem nicht sterben. Nicht sterben!

Von Gabi Hift

Wien, 7. Juni 2019. "Sopro" ist portugiesisch und heißt "Hauch" oder das Blasen des Windes. Wind weht auch auf der Bühne. Es hat noch nicht angefangen, aber sie ist schon da: eine kleine grauhaarige Frau, ganz in schwarz gekleidet, mit einem Textbuch in der Hand. Sie inspiziert die Bühne, Gras wächst aus den Ritzen der Bretter, eine einsame rote Chaiselongue steht da im Wind. Il souffle, der Atem, sopro, souffle, das ist sie, die Souffleuse, Christina Vidal, seit 40 Jahren am Teatro Nacional in Lissabon, die Heldin des Stücks von Tiago Rodrigues.

Bewegtes Stillleben

von Gabi Hift

Wien, 13. Juni 2019. "Missing people" – das sind etwa 250 Obdachlose, mit denen Béla Tarr bei den Wiener Festwochen zusammengearbeitet hat. Es sind dem sozialen Leben Verloren Gegangene - und wir, die Besucher werden sie am Ende vermissen. "Missing people" kann ja auch ein Gefühl bedeuten: "How are you?" "I am sad. Missing people". Und dann ist auch Béla Tarr selbst jemand, der von Vielen schmerzlich vermisst wird. Er, der als einer der wichtigsten Filmemacher seiner Generation gilt, hat 2011 verkündet, dass sein Film "Das Turiner Pferd" sein letzter gewesen sei.

Ein Lügengespinst in Nahaufnahme

Von Valeria Heintges

St. Gallen, 7. Juni 2019. Suchend tastet eine Hand, von der Kamera begleitet, die Schränke entlang. Sie zittert leicht, da sucht jemand regelmäßig das Vergessen. Blanche Dubois genehmigt sich ein Glas Whisky. Und wird später noch eines trinken. "Nie mehr als ein Glas", wird sie beim zweiten behaupten. Es ist einer ihrer ersten Sätze. Sie wird noch viele sagen, Blanche Dubois redet gern und viel und nur über sich. Der Satz ist eine Lüge. Auch die erste von vielen.

Oh solitude!

von Martin Thomas Pesl

Wien, 14. Juni 2019. Der Anfang folgt dem Titel der Festwochen-Frühabendpremiere: Missing People. Während allmählich das Saallicht gedimmt wird, weht Operngesang von irgendwoher, brandet im Hintergrund ein leises Wummern auf, klimpert ein Glockenspiel. Wenn dann noch langsamer ein paar Deckenlampen und Neonröhren angehen, ist Zeit, das verspielte Bühnenbild von Christian Friedländer zu studieren: Drei ganze und zwei halbe Kuben sind da, die Drehtüren mit transparenten Farbfolien bespannt. Sie bergen kleine Universen: einen Dschungel aus Topfpflanzen etwa, einen traurigen Souvenirshop, in dem sogar der Postkartenständer leer ist, einen Einkaufswagen, in den ein ganzes Obdachlosenleben passt. Die fünf Menschen, einer für jede Kabine, tauchen erst auf, wenn Klang und Bild voll zur Geltung gekommen sind.

Vom Donnern der Revolution

von Karin E. Yeşilada

Paderborn, 7. Juni 2019. Die "Revolution" hat schon vor zwei Wochen stattgefunden, als bei der Europawahl ein Drittel der Stimmberechtigten im schwarzen Paderborn die Grünen wählte. Werden die ihr Versprechen halten? Während draußen ein Gewittersturm über Paderborn hinwegtobt, rumst es auch drinnen ganz gewaltig. Das Scheitern und der Verrat an der französischen Revolution werden in Alice Buddenbergs Inszenierung gewaltvoll und leidenschaftlich durchexerziert.

Publikumsumarmung

von Sascha Westphal

Oberhausen, 13. Juni 2019. Der Blick aus der zehnten Etage ist atemberaubend. Vom Oberhausener Bahnhof direkt um die Ecke, reicht das Wohn- und Geschäftshaus an der Friedrich-Karl-Straße über große Teile der Stadt bis nach Essen. In einer seiner 60 in den späten 1950er Jahren entstandenen Einraumwohnungen beginnt –zumindest für einen Teil des Publikums – das Ensembleprojekt "Der Verein – Hobby als Widerstand". Das Zimmer ist bis auf einen Fernseher und einen DVD-Player leer. Hier erzählt Mervan Ürkmez von einem Bild, das er seit einiger Zeit mit sich herumschleppt. Auf ihm ist eine einzelne Frau in einem von Pastellfarben geprägten Raum zu sehen, eine chinesische Königin, die als allerletzte ihres Adelsgeschlechts übriggeblieben ist. Die Bilddetails, die Ürkmez in einem sanften, von einer zarten Melancholie erfüllten Ton vor dem inneren Auge der Zuhörerinnen und Zuhörer nach und nach heraufbeschwört, sind vielleicht sogar noch eindringlicher als der Blick über die Stadt.

Hoppe, hoppe Reiter

von Grete Götze

Darmstadt, 7. Juni 2019. Ein häufig unternommenes, aber nichtsdestotrotz kühnes Unterfangen: Heinrich von Kleists Novelle auf die Bühne zu bringen, die Geschichte des Pferdehändlers "Michael Kohlhaas", der im sechzehnten Jahrhundert wegen eines kleinen ihm widerfahrenen Unrechts eine Eskalation der Gewalt in Gang bringt. Pausenlos, fast absatzlos ist der Text, in dem der Protagonist zum Räuber und Mörder wird, weil der Junker Wenzel von Tronka seine als Pfand erpressten Pferde zu Schanden ritt. Seine Bemühungen um einen fairen Prozess werden durch Vetternwirtschaft torpediert, so trommelt Kohlhaas eine Bande von Plünderern und Brandstiftern zusammen, um sich auf eigene Faust Recht zu verschaffen – Kohlhaas, "einer der rechtschaffendsten zugleich und entsetzlichsten Menschen seiner Zeit".