Vergangene Musik, künftiger Rassismus

von Gerhard Preußer

Bochum, 21. August 2019. Leise, ganz leise hört man Klaviermusik, im pianissimo von einem Klavier hinten oben in der riesigen weiten Halle und aus den Lautsprechern. Zum Hinhören wird man verführt, angereizt durch entfernte, unklare, sich überlagernde Klänge. So sichert sich Marthaler von Anfang an die Aufmerksamkeit für sein szenisches Konzert, durch Reduktion, nicht durch Expansion. Musik kurz vor dem Verschwinden, von Anfang an.

Ist das (noch) Tanz?

von Elena Philipp

Berlin, 20. August 2019. Nur in der Informatik kann man What if-Szenarien eindeutige Ergebnisse zuweisen. Zu Überforderung führt das Wenn-Dann-Schema hingegen, wenn man es auf menschliche Interaktionen und vor allem: moralische Fragen anwendet. Allzu zahlreich sind die Entscheidungsoptionen. Wie verhält sich wohl das Gegenüber, wie soll man sich also selbst verhalten? Aufs Komischste befasst sich Nicola Gunn mit diesem Dilemma. Ihr "Piece For Person and Ghetto Blaster" aus dem Jahr 2015 war jetzt beim Festival Tanz im August zu sehen – und ist eines der diesjährigen Festivalbeispiele für die Entgrenzung choreographischer Positionen bis ins Performative, ja Theatrale hinein.

Gegen die Welt wüten

von Valeria Heintges

Zürich, 19. August 2019. Bereits zum 40. Mal ist die Landiwiese Schauplatz des Zürcher Theater Spektakels, das Familien, Flaneure, Freiluftfans und Festivalgäste aller Art am See zusammenbringt. Zum Treffen, Tratschen, Tafeln. Und zum Theaterschauen. Künstler aus aller Welt und allen Genres spielen auf Wiesen und Wegen, auf Gratisbühnen und in festen Häusern. Wer will, zahlt, wer nicht will, kommt auch auf seine Kosten.

Wanderungen durch die Fontane-Stadt

von Esther Slevogt

Senftenberg, 3. August 2019. Von weitem sieht wie eine Westernstadt aus, was auf dem leicht abgewrackten Gelände des Güterbahnhofs Senftenberg zwischen überwucherten Gleisen und maroden Eisenbahn-Zweckgebäuden aufgebaut ist: gemalte Häuserzeilen, Bretterverschläge und andere Bauten, die aber nichts als Freiluftkulissen sind. Doch statt Westernheld*innen und –helden treten hier bald Fontane-Held*innen heraus.

Der kleine Faschist in mir

von Reinhard Kriechbaum

Salzburg, 18. August 2019. Ach wäre es doch bloß eine Leiche im Keller, damit könnte man leben. Diese aber ist peinlicherweise in einer Kiste mitten im Büro der Bürgermeisterin verstaut. Wie ist sie dorthin gekommen? Ein Bruder der Bürgermeisterin ist mit dem Auto in eine Menschengruppe gerast. Selbstmord oder Unfall, ein Attentat gar? Noch ist die Identität des Täters nicht publik gemacht, und so hat die Bürgermeisterin mit Hilfe eines weiteren Bruders die Leiche gestohlen. Negative Publicity wäre das Letzte, was sie mitten im Kommunalwahlkampf braucht.

Alternativer Held mit alternativen Fakten

von Oliver Kranz

Edinburgh, 4. August 2019. Peer heißt Peter. David Hare hat Henrik Ibsens Stück ins heutige Schottland verlegt. Zugleich ist er nah am Original geblieben: Er hat die Struktur des Textes beibehalten, seine Sprunghaftigkeit und Poesie. Ibsen selbst nannte das Stück ein "dramatisches Gedicht" und hielt es für unspielbar. Hätte Edvard Grieg für die Uraufführung 1876 nicht die Schauspielmusik geschrieben, wäre es vielleicht in der Versenkung verschwunden. In seiner Entstehungszeit war der Text viel zu modern.

Im Fegefeuer von #Metoo

von Gabi Hift

Salzburg, 17. August 2019. "Mich hat er auch geschlagen", sagt die verblühte Ringelspielbesitzerin Frau Muskat zur schwangeren Julie. Hinter ihnen liegt die Leiche vom Liliom, der noch kurz vor seinem Tod statt einer Entschuldigung zu ihr trotzig "Wie ich dich geschlagen hab, da hab' ich Recht gehabt!" gesagt hat. Die Muskat will sich nach dem Tod ihres früheren Geliebten mit der Rivalin versöhnen und ihr mit dem Kind helfen.

Korridor des bourgeoisen Horrors

von Georg Kasch

Salzburg, 31. Juli 2019. Die sind ja alle verrückt hier! Zappeln und grabbeln, tänzeln wild, harken mit ihren Fingern die Luft. Krallen sich am Fenster fest, wuseln, taumeln oder hängen schlaff in der Ecke, als wolle jemand alle Hospitalismus-Symptome in ein Bild bannen. Dann wieder geistern sie herum wie müde Zombies, die bei aller Überspanntheit merkwürdig lasch wirken.

Die Stunde der Burn-Out-Clowns

von André Mumot

Berlin, 17. August 2019. Einer macht nicht mit. Weil Arbeit stresst. Die die Unterhaltungsarbeit ganz besonders. Während um ihn herum die berufsbedingte gute Laune eskaliert, hat sich Mazen Aljubbeh mit Paketband den Mund verklebt und das Gesicht mit Mullbinden eingewickelt, aus denen nur die rote Aufsetznase hervorsticht. Dafür liegt er aber umso entspannter mitten auf der Bühne, während seine Clownskolleginnen und -kollegen um ihn herumwuseln und mit dem überemphatischen Ausperformen ihrer Clownshaftigkeit beschäftigt sind.

Leichen pflasterten ihren Weg

von Georg Kasch

Salzburg, 30. Juli 2019. Warum tötet Medea ihre Kinder? Weil ihr Vater Jason heißt, singt Médée. Wenn man sich dann aber diese Szene anschaut, eine Tankstelle im österreichischen Nirgendwo, wo der Wagen offenbar liegengeblieben ist, mit dem Medea ihre Kinder entführt hat, ahnt man: aus Ausweglosigkeit. Oder fährt er noch, lässt Medea es also auf eine letzte Begegnung mit Jason ankommen, nachdem sie schon die eine Hälfte seiner Zukunft – seine Braut und deren Vater – umgelegt hat? Ist es also doch Rache am Ex? Als Endszenen einer bürgerlichen Ehe erzählt Simon Stone "Médée". Diese These ist nicht besonders originell. Aber die Umsetzung! 

Wühlmäuse im Haus

von Michael Wolf

Berlin, 16. August 2019. Nach etwa einer Stunde gebe ich auf. Es ist nicht meine Schuld, beruhige ich mich. Statt mich weiter selbst zu hinterfragen, denke ich über die Gründe nach, warum mir so unklar bleibt, was das da auf der Bühne darstellen soll oder will. Was mag schief gegangen sein? Was ist geschehen? Ich komme auf vier Mutmaßungen.

N wie Nachdenkpause

von Martin Thomas Pesl

Salzburg, 28. Juli 2019. Die erste Frage an jede zeitgenössischen Bearbeitung von Ödön von Horváths Roman "Jugend ohne Gott" aus 1937 lautet: Wie geht sie mit dem N-Wort um? Es taucht im Buch oft auf, als roter Faden und per se ohne herabwürdigende Absicht. Erst muss der Lehrer einem seiner Schüler erklären, die N. seien "auch Menschen", was ihm Beschwerden von dessen Vater einträgt. Aufgrund der Episode wird die Klasse den Lehrer fortan heimlich "den N." nennen.

Boom vorm Brexit

von Oliver Kranz

Edinburgh, 15. August 2019. Die Stadt ist brechend voll. Durch die Festivalbesucher hat sich die Einwohnerzahl verdoppelt – von 500.000 auf mehr als eine Million. In der Altstadt kann man keine 50 Meter gehen, ohne ein Flugblatt in die Hand gedrückt zu bekommen. Schauspieler in fantasievollen Kostümen werben für die Shows, in denen sie abends auftreten, Artisten führen Kunststücke vor, Rockbands und Dudelsackspieler kämpfen um Aufmerksamkeit.

Wieviel Revolution ist möglich?

von Georg Kasch

Bayreuth, 25. Juli 2019. Mit diesen Kunstrevoluzzern würde man gerne mal durch die Welt brausen: eine coole, schöne, selbstbewusste Frau Venus am Steuer, neben ihr Clown Tannhäuser, der aussieht, als hätte Ronald Macdonald zu viel gefeiert, hinten die schwarze Dragqueen Le Gateau Chocolat und der Blechtrommler Oscar. In jenem kastenförmigen Citroën, in dem einst Marina Abramovic und Ulay jahrelang unterwegs waren, bringen sie Plakate und Flyer mit den Wagner-Worten "Frei im Wollen, frei im Tun, frei im Genießen" unters Volk und nieten dabei auch schon mal einen Jägerzaun um. Oder einen Polizisten. Das ist der Tabubruch, bei dem Tannhäuser aussteigt in Tobias Kratzers Inszenierung von Richard Wagners "Tannhäuser und der Sängerkrieg auf der Wartburg".

Ein Leben als Sohn

von Christian Muggenthaler

Bayreuth, 13. August 2019. Ach ja, die Geschichte kann ein ganz schöner Dreckhaufen sein. Sowohl die einer ganzen Nation als auch die ganz persönliche. In der Bayreuther Uraufführung des Monologs "Siegfried" von Feridun Zaimoglu und Günter Senkel wandelt Siegfried Wagner, dessen Leben da ausgeleuchtet werden soll, auf einem Geviert aus Erde herum, wankt und stolziert im eigenen Grab, während oben kreisrund der Heiligenschein alles Wagnerianischen leuchtet, des großen Vaters Richard und der "Cosimamma", wie es im Text anmutig heißt. Diese Bühne (Ausstattung: Ramallah Sara Aubrecht) in einem alten, aufgelassenen Kino wird ansonsten nur noch geprägt von weißen Tüchern, einem Sessel, viel Wasser und der spröden Betonverschalung des Bühnenraums hinter der einstigen Leinwand: das Leben, ein Film?

So machst du deinen Sohn zum König und regierst selbst

von Georg Kasch

München, 23. Juli 2019. Macht macht einsam. Eben noch haben alle Protagonisten ins genretypische Jubelfinale eingestimmt. Jetzt sitzt Agrippina allein im Metallkasten, der die Bühne dominiert, während allmählich die Jalousien runtergehen. Aus dem Graben kommt melancholische Instrumentalmusik aus einem völlig anderen Händel-Werk. Müde blickt uns die Kaiserin an. Alles ist erreicht. Und jetzt?

Isn't it ironic

von Falk Schreiber

Hamburg, 11. August 2019. Das Internationale Sommerfestival Hamburg ist treu. Mit bestimmten Künstlern arbeitet man auf Kampnagel kontinuierlich zusammen, so dass von Jahr zu Jahr eine Art temporäres Repertoire entsteht, Stücke, die in Zusammenhang zueinander stehen und die so einen Kontrapunkt zur Beliebigkeit des Festivalzirkus herstellen. Immer wieder dabei ist zum Beispiel der eklektizistische HipHop-Musiker Josh Dolgin aka Socalled. Der Kanadier gibt regelmäßig Sommerfestival-Konzerte, inszeniert aber auch seit 2014 ein fortlaufendes Handpuppen-Musical namens "The Season" in Hamburg.

Zusammen ist man weniger allein

von Cornelia Fiedler

Bregenz, 20. Juli 2019. "Aber nur im Spiel", so lautete früher auf dem Spielplatz das Mantra, wenn die selbstgesponnenen und live gespielten Geschichten zu verrückt, zu wild, zu brutal oder eine Spur zu real zu werden drohten. Nur im Spiel errangen wir Kinder spektakuläre Siege, gerieten in Gefangenschaft, stritten, entdeckten, litten, liebten, – bis die Eltern zum Abendessen riefen. Nur im Spiel sind jetzt in Bregenz zwei besondere Kindsköpfe mit leuchtenden Augen am Start: Ulrich Matthes und Wolfram Koch. Allein auf weiter Bühne denken sie sich als Don Quijote und Sancho Panza nicht nur ihre eigenen Rollen samt Vorgeschichte aus, sondern alles – vom Vogelgezwitscher am Morgen bis hin zur allerblutigsten Schlacht. Wenn einer der beiden sich müde gespielt hat und aussteigen will, weiß der andere genau, welcher Trigger zieht, um ihn ins nächste imaginäre Abenteuer mitzureißen. Eine starke Regiesetzung, dennoch bleibt die prominent besetzte Inszenierung von Jan Bosse seltsam distanziert und ohne Richtung.

Kopf ab, Emanzipation!

von Falk Schreiber

Hamburg, 7. August 2019. Das Bassiani ist einer der Gründe, weswegen die georgische Hauptstadt Tiflis seit einigen Jahren als Mekka des Nightlife gilt: ein Technoclub in einem ungenutzten Schwimmbad nahe des Hauptbahnhofs, der einerseits mit ausgesuchten Resident DJs an den aktuellen Stand elektronischer Musik andockt, andererseits hinreichend subkulturelle Credibility mitbringt. Ein Geheimtipp ist das Bassiani längst nicht mehr, schon vor drei Jahren bezeichnete der Guardian den Club als "the closest thing to Berghain (…) outside of Berlin", wobei sich der legendäre Status tatsächlich nur durch eigene Anschauung überprüfen ließe – im Bassiani herrscht strenges Foto- und Filmverbot. Nicht ohne Grund: Das georgische Nachtleben ist eine Keimzelle der Opposition gegen die konservative Politik des Landes, da ist es sinnvoll, wenn man nicht nachweislich als Clubgänger identifizierbar ist.

Hitler sagt Sorry

von Sascha Westphal

Düsseldorf, 17. Juli 2019. Der direkte Vergleich verbietet sich eigentlich. Schließlich ist die Ruhrtriennale ein mit Millionenbeträgen ausgestattetes kulturelles Großereignis, das sich wie die anderen berühmten Festivals in Avignon und Edinburgh, in Salzburg und Berlin, internationaler Beachtung sicher sein kann. Das Asphalt Festival, das seit 2012 in Düsseldorf stattfindet und in diesem Jahr von Land und Stadt mit insgesamt 200.000 Euro gefördert wird, präsentiert sich dagegen als eher lokales Sommerfestival, das auf jede Form von Pomp verzichtet. Sein zentraler Veranstaltungsort, das "Weltkunstzimmer", ein interdisziplinäres Kunstzentrum, das seine Heimat auf dem Gelände einer ehemaligen Backfabrik gefunden hat, steht vielmehr für eine inspirierende Offenheit. Kunst und Alltag vermischen sich hier nicht nur in dem im Hinterhof gelegenen Festival-Biergarten auf eine verführerische Weise.