Der Krise mit Theater trotzen

von Ute Nyssen

Paris, Januar 2013. Das erste Drittel der Saison neigt sich dem Ende zu. Nach der Pause zum Jahreswechsel heißt es wieder neues Spiel, neues Glück. Ist der Lack ab in Paris, in der Krise? Vor den Ausstellungen sind die Schlangen so lang wie eh und je, gefühlte 500 Meter bei Dali. Aber im Gastgewerbe lauert Krisenangst, wird es bei der Anzahl der Touristen bleiben, der aus Italien, Spanien? Die Hotelpreise schießen trotzig in die Höhe. Teure Events im Restaurant allerdings fallen schon länger flach und damit auch einige hundert Euro Trinkgeld, erzählt ein Garcon. Doch niemand klagt.

alt

Breitenwirkung für die zeitgenössische Dramatik

von Ute Nyssen

April 2012. Unter den hunderten Pariser Theatern, oft wunderschöne alte Häuser mit Goldverzierungen, Rängen und Logen, sticht das Théâtre de la Colline heraus, als Gebäude und dank seines Programms, vielleicht besonders für einen deutschen Beobachter. Denn trotz der grundlegenden strukturellen Unterschiede gleicht es am ehesten einem großstädtischen deutschen Stadttheater. Einem wagemutigen in Bewegung, das sein individuelles Gesicht maßgeblich einem Intendanten verdankt, unabhängig von dessen Handschrift als Regisseur.

alt

Was durch schmale Schlitze dringt

von Ute Nyssen

Paris, Mai 2011. Joël Pommerat hat den Quantensprung geschafft. Die französische Tageszeitung "Libération" widmete seiner letzten Theaterarbeit im März vier volle Seiten. Das sprengt bei "Libé" jeden Rahmen. Die Aufführungsserie seines neuesten Stücks "Ma chambre froide" am Théâtre de l'Odéon war ab der zweiten Vorstellung ausverkauft. Mit diesem Stück wurde nicht allein die Probe aufs Exempel erbracht, dass Frankreich wieder einen bedeutenden zeitgenössischen Dramatiker vorzuweisen hat, sondern ebenso die, dass das französische Subventionssystem bei seinem Werdegang hilfreich sein konnte. Denn es unterstützt und bevorzugt das Theatermodell Schauspieltruppe, und Pommerat als Bühnenautor und Regisseur nutzte dieses Angebot: er ist Gründer einer eigenen Truppe, der Compagnie Louis Brouillard, und sein Durchbruch verdankt sich auch deren Leistung. Seine Schauspieler wurden im Odéon mit enthusiastischem Beifall bedacht. Im April 2011 schließlich folgten Auszeichnungen mit dem "Molière" für das beste Stück und zum ersten Mal für den 1963 geborenen Pommerat als Dramatiker.

Obrigkeitsstaatliche Rechnung ohne Wirt gemacht?

von Ute Nyssen

Paris, 13. Oktober 2008. Ein bedenklicher administrativer Anschlag auf das Theater MC93 in Bobigny (einer der heiklen "Banlieue" von Paris) kann möglicherweise vereitelt werden. Das wäre ein Grund zum Feiern auch für die deutsche Theaterszene.

alt

Was Orgon in den Ruin treibt

von Ute Nyssen

Paris, Januar 2011. Gibt es ein dem deutschen vergleichbares französisches "Regietheater"? Nein. Gibt es keine eigenwilligen Regisseure mit überzeugendem Zugriff auf den Text? Doch. Aber sie repräsentieren keine Strömung, müssen sich als Einzelkämpfer durchschlagen. Ich möchte auf drei aufmerksam machen: Gwénaël Morin und Francois Orsoni, die sich schon einiger Erfolge erfreuen und Thomas Jolly als Beginner. Ihre Ästhetik lässt sich nur individuell beschreiben.

Wo die Worte zünden

von Ute Nyssen

Paris, Juli 2008. Welche Rolle spielen "Klassiker" in Paris? Quantitativ erscheinen sie in den Spielplänen so häufig wie im deutschsprachigen Bereich, füllen aber besser noch als dort die Kasse. Was sich vielleicht daraus erklären lässt, dass hier, a priori, die Klassiker qualitativ die Vergangenheit als Gütesiegel tragen. Das ist eine zusätzliche Facette der ungebrochenen Hochachtung gegenüber jeder geistig-schöpferischen Leistung – keineswegs nur der von gestern oder nur der von Franzosen -, wovon auch die auffallend vielen Pariser Straßen zeugen, die nach Künstlern und Wissenschaftlern benannt sind, sowie die unzähligen Denkmäler von Geistesgrößen aller Art.

Das Theater und die Nachfahren der französischen Revolution

von Ute Nyssen

Paris, Juni 2010. In Frankreich existieren unzählige Theatertruppen, allein in Paris und Umgebung wird, auf Basis einer Umfrage durch die "Association Opale" von 800 gesprochen. Dass aber die des Regisseurs Sylvain Creuzevault, "d'ores et déjà" (Hier und Jetzt), nicht allein zuhause Furore macht, sondern gleich mehrfach ins Ausland eingeladen wird, ist ungewöhnlich. In diesem Sommer wird d'ores et déjà beim Young Directors Project der Salzburger Festspiele zu sehen sein, 2007 war die Gruppe bereits bei den Wiener Festwochen zu Gast. In Paris werden sie regelmäßig zum renommierten Festival d'Automne eingeladen.

Das Handy ist der beste Bauchredner

von Ute Nyssen

Paris, Juni 2008. Will man in Paris ins Theater, so empfiehlt es sich, über die zahllosen Streiks auf dem Laufenden zu sein, sonst passiert es immer wieder, dass man vor geschlossenen Métrogittern steht. Das kann lästig sein für die Besucher, aber schlimmer noch: ans Eingemachte gehen bei den Theatern, denn ihren Einnahmeausfall bei leeren Häusern gleicht keine Subvention und keine Versicherung aus.

Gegen den Ausverkauf der Ideale

von Ute Nyssen

Paris, Juni 2009. Vor einiger Zeit sorgte in Frankreich ein Artikel in der europäischen Ausgabe des Magazins "Time" für Furore, mit der tendenziösen Frage, was von der französischen Kultur übrig geblieben sei ("Que reste-t-il de la Culture Française?") und der ebenso tendenziösen Antwort: praktisch nichts. Nach Meinung des amerikanischen Journalisten Donald Morrison lässt sich nur totales Abdriften des französischen Geistes ins Mittelmaß diagnostizieren; egal, ob Film, Literatur, Schulsystem, Philosophie, bildende Kunst, Photographie, alles im Eimer. 2008 ist der Artikel leicht ausgewalzt auch als Buch erschienen.

Französische Gartenpflege deutscher Dramatik

von Ute Nyssen

Paris, Mai 2008. Deutschsprachige Autoren können sich in Paris nicht über mangelndes Wohlwollen beklagen, obwohl das französische, erst recht das Pariser Publikum, insbesondere aber das Theatersystem so ganz anders ist als in Deutschland. Der Weg zur Métro, in das Théâtre des Abesses am Montmartre zu Ernst Tollers "Hop là, nous vivons!" (Hoppla, wir leben!) in der Inszenierung von Christophe Perton, führt durch den 370 Jahre alten Jardin des Plantes. Wenn man die aufwendige Pflege dieses zauberhaften Lehrgartens beobachtet, begreift man, dass das Verhältnis zur Vergangenheit und deren Schönheit ebenfalls ein anderes ist.