Noch hält die gläserne Decke

von Verena Harzer

2. August 2019. Die Originaltonaufnahme knistert und rauscht. Es ist eine Stimme, die an diesem Abend im New Yorker Helen Hayes Theater fast jeder Zuschauer erkennen dürfte, der sich den Überraschungserfolg "What the Constitution Means to Me" von Autorin und Schauspielerin Heidi Schreck am Broadway anschaut. Die Stimme vom Band gehört der 86jährigen Ruth Bader Ginsburg. Sie ist eine Ikone des liberalen Amerikas und der Frauenbewegung und ist seit ewigen Zeiten Richterin am Supreme Court, dem obersten Gericht der USA. Neun Richter richten am Supreme Court. Drei davon sind Frauen. Wann endlich genug Frauen im Supreme Court sitzen würden, wird sie in der Tonaufnahme gefragt. "Wenn es neun sind", antwortet sie. Also alle. Und erntet dafür in Abwesenheit Jubelrufe und spontanen Applaus im Theatersaal. Es ist ein Moment, der viele Zuschauer rührt, einige wischen sich Tränen aus den Augen. Das ist natürlich eine radikale Forderung. Viele Theatermacherinnen in New York wären schon froh, wenn die Hälfte oder wenigstens 40 Prozent der wichtigsten Posten mit Frauen besetzt wären. Aber: Es bewegt sich etwas. Allerdings nicht überall im gleichen Tempo.

Frischer Wind am Broadway

von Verena Harzer 

27. Juni 2019. New York – Samstagabend, Booth Theatre am Broadway. Der Theaterraum ist gut gefüllt. Hier haben schon Bette Midler und Bradley Cooper Erfolge gefeiert. Jetzt steht Broadway-Star Nathan Lane auf der Bühne und prügelt Stoffleichen Fürze aus dem Leib. Minutenlang. Mal mit der Handkante, mal mit dem Ellbogen, mal mit groben Fußtritten. Und nochmal drauf und nochmal drauf. Furz, Furz, Fuuuuuuuuurz. Das Stück, in dem er auftritt, heißt "Gary: A Sequel to Titus Andronicus". Eine wirkliche Handlung ist kaum zu erkennen. Dafür gibt es philosophische Gedankenspiele, Stoffleichenberge auf der Bühne und ein Männerballett mit mechanisch tanzenden Penissen. Es geht um die Frage, wer den Dreck wegmacht, nachdem die Mächtigen ihre Schlachten geschlagen haben. Eine alles in allem wahnwitzig intelligente Politsatire.

Right here, right now

von Jan Lazardzig

Chicago, 1. Mai 2011. Historische Reenactments waren die längste Zeit in den Händen von heißblütigen Freizeithistorikern, kriegsverliebten Kostümfetischisten und national gestimmten Memorabiliensammlern. Nun machen sich in Pittsburgh (Howling Mob Society) und Chicago (Pocket Guide to Hell) Akteure der Freien Szene daran, die vielleicht amerikanischste aller Theaterformen (neben American Football) für ihre Zwecke umzuwidmen.

Verpönt, anarchisch, spektakulär

von Sascha Just

New York, Juni 2010. Chaos zelebrieren, Selbstbilder hinterfragen – das ist es, was derzeit in der New Yorker Off-Szene betrieben wird. Passend für eine Zeit, in der Amerika von Ökologie bis Ökonomie mit Krisenbewältigung beschäftigt ist.

Körperkunst nach den Katastrophen

von Sascha Just

September 2010. In diesem Sommer, als sich wie alljährlich der New Yorker Theaterbetrieb von Broadway bis Off-Broadway in der Sommerpause oder bei Freiluftshows wie "Shakespeare in the Park" erholte, wollte die politische Bühne nicht zur Ruhe kommen. Zwischen Teaparty und der aus Opposition gegründeten Coffeeparty, der Kontroverse um das Islam Kultur Zentrum nahe Ground Zero und den Immigrationsgesetzen in Arizona lag Amerika mit sich im Streit. Für konkrete Antworten von Theatermachern auf diese Themen ist es zu früh, doch ein Blick auf die Off-Off Theaterszene illustriert, wie weit kulturelle Welten in den USA auseinanderklaffen können.