Schuld and the City

von Christoph Fellmann

Zürich, 20. September 2014. Nur noch Zombies glauben an eine bessere Welt. In St. Petersburg, wo diese Geschichte spielt, wird gerade das Begräbnis des Titularrats Marmeladow abgehalten, als die Toten mit den Lebenden den Kontakt aufnehmen. "Schafft Frieden!", sprechen sie durch die zuckenden Münder der Trauergemeinde, "Liebt euch! Räumt alle ökonomischen Schranken beiseite! Überwindet die Grenzen der Rache und des Neids!"

Das sind alte, leblose Worte, die nichts bedeuten außer, dass die Zukunft schon bessere Zeiten gesehen hat. Da gleicht die Welt von Fjodor Dostojewskij in "Schuld und Sühne" (wenigstens an diesem Abend) aber aufs Haar der unseren, da wir angesichts der dumpf dräuenden Metakrise aus Hybridkrieg, Klimakatastrophe und den Stunts der Wallstreet auch nicht mehr recht daran glauben mögen, dass es die Dings doch noch richten wird. – Weltgemeinschaft, war das das Wort?

Willkommen im Themenpark für gefährdete Demokratie

Sebastian Baumgarten setzt den Romanstoff aus dem Jahr 1866 im Schiffbau des Zürcher Schauspielhauses nun im Russland unserer Zeit aus. Unter den im Halbrund angeordeneten Tribünen für das Publikum tut sich ein recht prekäres Unterschichtenpanorama auf – karge Behausungen, ein Bus mit erlöschten Menschen drin, und irgendwo steht ein uraltes Mütterchen hinter einem alten Herd. Es wird viel Wodka getrunken, denn so ein Schluck macht die Welt "glasklar", wie es wie in einem Refrain heißt; und die Methode wirkt, denn die häufigste Todesursache hier ist der Selbstmord. Aber das ist noch nicht alles: Als säßen wir in einem Themenpark für gefährdete Demokratie, ist in ein Tribünenteil ein Militärfahrzeug eingelassen, lassen über uns immer wieder Helikopter die Suchscheinwerfer kreisen, und ziehen am Bildschirm in der Bar die russischen Hilfs- oder doch Waffenkonvois in die Ukraine vorbei.

schuldus1 560 tanjadorendorftutAusgeburt seiner City: Raskolnikow, schön intensiv gespielt von Markus Scheumann
(zweiter von links). Mit ihm am Tisch: Anne Ratte-Polle, Nils Kahnwald, Julian Boine.
© Tanja Dorendorf

Dies alles geschieht darum, weil uns Baumgarten seinen Raskolnikow, den Studenten, Mörder und Helden des Romans, als Ausgeburt seiner City zeigen will, und mehr noch, als Trigger für die Frustrierten. Markus Scheumann spielt ihn schön und intensiv als Borderliner zwischen schmerzhaftem Autismus und überragendem Sendungsbewusstsein. Und doch, als er die verhasste Pfandleiherin umbringt, die ihn und andere gedemütigt haben soll, ist er noch nicht viel mehr als ein Verlierer, der Amok läuft. Viel unheimlicher ist, welche Wirkung er mit seiner Tat erzielt und mit seinen Traktaten, in denen er sich für den Mord programmiert hat – und wo es heißt, ein "außergewöhnlicher Mensch" habe das Recht, "seinem Gewissen zu erlauben, bestimmte Hindernisse zu überschreiten, allerdings nur in dem Fall, wenn die Verwirklichung seiner Idee es erfordert". Man stelle sich vor, Anders Behring Breivik hätte mit seinem Massenmord auf Utöya und seinem wirren Manifest tatsächlich eine politische Wirkung erzielt: Hier ist es der Fall, der Ausraster eines Niemands erweist sich als erstaunlich nützlich.

Der neue Mensch stampft

Gerne wäre man mit Sebastian Baumgarten dieser Spur gefolgt. Bestünde sie nicht aus ein paar wenigen Abdrücken von der Größe eines Elefantenfußes. Der Befehlston des Polizeivorstehers (Nils Kahnwald) wird halt schärfer, und Staatsanwalt Petrowitsch (Norbert Stöss), der eben noch Lollipops lutschte und überhaupt zum Schneid wenig talentiert schien, trägt jetzt Uniform.

Genau, so schnell und bildhaft ist eine Gesellschaft militarisiert und brutalisiert, und wohin das alles führt, sieht man in der letzten Szene, die es bei Dostojewiskij nicht gibt, für die er mit seinen allerletzten Sätzen nur die Vorlage schrieb: "Hier beginnt eine neue Geschichte, die Geschichte der allmählichen Erneuerung eines Menschen. (...) Das könnte das Thema einer neuen Geschichte werden – aber unsere jetzige Geschichte ist zu Ende." Baumgarten entwirft ein letztes Bild, acht Jahre sind seit dem Mord vergangen, und Raskolnikow ist zurück aus dem Gefangenenlager: Die Stadtbewohner haben sich hinter ihm zur Miliz formiert und stampfen zur Musik von Laibach, einer Band, die ab den 80er-Jahren mit einer faschistoiden Ästhetik kokettierte.

Ein Dostojewski zwischen "Sherlock" und "Tatort"

So plakativ ist das vermutlich darum, weil Sebastian Baumgarten an diesem vierstündigen Abend nicht nur einen Klassiker der russischen Literatur und ein politisches Stück inszenieren musste, sondern noch ganz andere Dinge. Zum Beispiel einen Fernsehkrimi nach dem Vorbild von "Sherlock", einer Serie, die für ihre steilen Tempo- und Perspektivenwechsel bekannt geworden ist, für Zeitrafferszenen und fast psychedelische Klangeffekte: Im Schiffbau wird das, wie es so schön heißt, mit theatralen Mitteln nachgespielt, und es ist der Geräuschemacher Gil Schneider, der das Zuklappen eines Buches oder einen Tritt auf den Boden punktgenau live produziert und verstärkt. Dazu tickern Passagen aus dem Roman über die Leinwände, spritzt Blut wie in einem Splatterfilm in die Kamera und läuft durchgehend der suggestive Soundtrack von Andrew Pekler.

schuldus2 560 tanjadorendorftut.jpgHenrike Johanna Jörissen (als Awdotja) und Markus Scheumann (als Raskolnikow)
im Bühnenbild von Barbara Ehnes. © Tanja Dorendorf

Das unterhält ganz gut, wird in der anfänglichen Dichte aber nicht einmal eine Stunde durchgehalten und setzt darum für die folgenden drei Stunden einen falschen, viel zu schrillen Ton: Das Ensemble spielt und spricht mit einem Überdruck, der in der einzelnen Folge einer Fernsehserie funktionieren mag, hier aber schnell ermüdet. Die Figuren sagen "Oh mein Gott" und "Da wird schon nix anbrennen", als seien sie aus einem Groschenheft gesprungen und fleischig und farbig und kreischig geworden. Das Profil, auf das sie später im Stück angewiesen wären, wo dieses plötzlich politisch sein will, ist früh verschleudert.

"Die gesellschaftlichen Verhältnisse spielen bei den meisten Verbrechen eine sehr große Rolle", heißt es einmal. Und man weiß nicht, ob man sich bei Dostojewskij befindet oder nicht doch in just another "Tatort".

 

Schuld und Sühne
nach Fjodor M. Dostojewskij
Bearbeitung: Sebastian Baumgarten und Ludwig Haugk
Regie: Sebastian Baumgarten; Bühne: Barbara Ehnes; Kostüme: Marysol del Castillo; Musik: Andrew Pekler; Geräusche: Gil Schneider; Licht: Frank Bittermann; Video: Chris Kondek.
Mit: Markus Scheumann, Susanne-Marie Wrage, Henrike Johanna Jörissen, Norbert Stöss, André Willmund, Lukas Holzhausen, Anne Ratte-Polle, Lisa Bitter, Nils Kahnwald, Julian Boine, Liubov Titova.
Dauer: 4 Stunden, eine Pause

www.schauspielhaus.ch

 

Dostojewskijs Schuld und Sühne anderswo: Karin Henkel konzentrierte sich am Schauspielhaus Hamburg erstmal auf den ersten Teil (Februar 2014). Martin Laberenz inszenierte ohne Lokalkolorit und spielerisch emphatisch in Leipzig (Dezember 2012). Der finnische Regisseur Kristian Smeds gab im Oktober 2012 in München die Manege frei für den "Imaginären sibirischen Zirkus des Rodion Raskolnikow".

 

Kritikenrundschau

In der Neuen Zürcher Zeitung (21.9.2014) schreibt Barbara Villiger Heilig, der Regisseur mokiere sich eher über moraltheologische Kategorien. "'Versprechen und Rache' würde zu Baumgartens Unternehmen nicht schlecht passen, bei dem schliesslich der historische Verlauf alle gutmenschlichen Ideen zertrampelt." Als "schrill-grelles, hyperdynamisches Actionkino mit Gruseleinschlag, das überdreht wie ein Live-Zeichentrickfilm daherkommt, Spezialeffekte inklusive" beschreibt die Kritikerin den Abend. Doch mit der DDR-Referenz schließe der Regisseur den Abend "mit einer Eindeutigkeit, die das lustige Treiben abrupt beendet. Aber erst im Nachklapp."

"Sebastian Baumgarten versucht es auf die dekonstruktivistische Tour", so Klara Obermüller in der Welt (23.9.2014). Er zerlege die Handlung zeitlich, indem er den Abend mit dem Mord und der Verurteilung Raskolnikows beginnen lässt, zerlege sie räumlich, indem er das Geschehen in der großen Halle auf Podeste, Treppen und schiefe Ebenen verteilt. "Es wird ein Aufwand getrieben, der an Grenzen geht und den Darstellern das Letzte an Körpereinsatz und Bühnenpräsenz abverlangt." Warum allerdings in diesem an philosophischer Reflexion reichen Stück der existenzielle Ernst immer wieder dem Jux Platz mache und warum durchs Band weg statt gesprochen gebrüllt werde, bleibt schleierhaft.

 

 

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