Im Echoraum des Jürgen Gosch

von Sascha Westphal

Bochum, 20. September 2014. Gleich zweimal kurz hintereinander verkündet die gelangweilte und aus Unentschlossenheit grausame Elena Andrejewna: "Dieses Haus hat etwas Desolates". Damit spricht sie genau das aus, was das Publikum weiß, seit es den Saal betreten hat. Schließlich wird Oliver Helfs Bühnenbild von einem großen und recht weitläufigen Gerüst dominiert, auf dem nur ein paar Holzbalken liegen und eine Art Dach andeuten. Eine Pfütze, in der in einer Szene gleich drei Figuren auf einmal ausrutschen werden, komplettiert das traurige Bild des Verfalls. Dieses Haus hat wahrhaft etwas Desolates.

Sie wollen raus aus ihrer Haut

Aber nicht nur das Haus ist in Stephan Kimmigs Inszenierung von Tschechows "Szenen aus dem Landleben" in einem schrecklichen Zustand. Auch seine Bewohner und Gäste sind unverkennbar Gezeichnete. Die Leiden und die Leere ihrer Existenz haben sich tief in ihre Körper und ihre Psyche eingeschrieben. So kann der von Felix Rech gespielte Arzt Astrow schon bei seinem ersten Auftritt weder Füße noch Hände stillhalten. Ständig verdreht er den einen oder den anderen Fuß. Und wenn seine Hände mal nicht weitausholend gestikulieren, dann schiebt er Hemd und T-Shirt nach oben, um sich am Bauch zu kratzen. Genau dieses obsessive Kratzen wird dann später auch Therese Dörrs Elena befallen. Sie halten es in ihrer Haut einfach nicht mehr aus.

onkelwanja3 560 arnodeclair uTherese Dörr als Elena: weitgehend ein hysterisches Modepüppchen © Arno Declair

Kimmig nimmt das Stück auf überaus irritierende Weise wörtlich. Jede noch so kleine Bemerkung, die Tschechows Figuren über sich und ihr Aussehen machen, greift er geradezu gierig auf. Der Idealist und Alkoholiker Astrow trägt wirklich einen gigantischen Schnurrbart. Eine riesige Brille mit extrem dicken Gläsern entstellt die eher schmalen Gesichtszüge von Minna Wündrichs Sonja. Und dem ehemaligen Gutsbesitzer Telegin (Torsten Flassig), der von allen nur Waffel genannt wird, hat die Maske tatsächlich unzählige künstliche Pockenarben und Pickel verpasst.

Unter Einfluss

Alles an diesem Abend ist erschreckend offensichtlich, aber nichts ist offensichtlicher als der Einfluss von Jürgen Goschs berühmtem Onkel Wanja. So greift Kimmig nicht nur auf Angela Schanelecs sprachlich sehr direkte Fassung des Stücks zurück, die seinerzeit für die Inszenierung am Deutschen Theater entstand. Jener Astrow-Schnurrbart, er zierte damals Jens Harzer. Auch Oliver Helfs Bühne weckt trotz des großen Gerüsts Erinnerungen an den von Lehm bedeckten Kasten, den Johannes Schütz für Gosch baute.

Wie in Berlin gibt es auch in Bochum kein Entkommen aus dem geschlossenen Bühnenraum. Das Ensemble tritt vom Saal aus auf die Bühne und bleibt die ganze Zeit dort. Wer in einer Szene gerade nicht dabei ist, sitzt vor der hinteren Wand auf einem schlichten schwarzen Stuhl. Die Kostümwechsel finden im Hintergrund statt. Nur beraubt die Größe der Bochumer Bühne diese Konstellation ihrer Wucht und ihrer Dichte. Es sind zwar immer alle anwesend, aber sie verlieren sich in der Tiefe des Raums. Was zunächst noch wie ein Zitat erscheint, erweist sich damit bald als Echo, das schon fast verklungen ist.

Pathologisch eindimensional

Aber in Kimmigs Inszenierung geht weit mehr als nur die überwältigende Kraft von Goschs unerbittlichem Schau-Spiel verloren. Auch von Tschechows tiefer Ambivalenz, die dem Lächerlichen immer etwas Tragisches und dem Tragischen immer etwas Lächerliches beimischt, bleibt nichts übrig. Einmal heißt es im Stück, alle seien sie krank, und damit ist alles gesagt. Wer keine Pockennarben hat und auch nicht wie Felix Rech ständig seinen Ticks und Marotten erliegt, muss auf andere Weise seine pathologische Eindimensionalität unter Beweis stellen.

onkelwanja2 560 arnodeclair uWerner Wölbern hebt als Wanja die Pistole – und das alles sieht irgendwie ganz ähnlich
aus wie seinerzeit bei Jürgen Gosch. © Arno Declair

Wanjas Mutter, die bei Henriette Thimig einen deutlichen Zug ins Vulgäre hat, verfällt ständig in eine Art von Totenstarre, als wüssten wir nicht auch so, dass diese Frau in ihren über Jahrzehnte gehegten und gepflegten Ansichten erstarrt ist. Währenddessen darf Therese Dörr wirklich nichts anderes als ein hysterisches Modepüppchen sein. Immer wieder benutzt ihre Elena die Gerüststangen, um sich in eitle Posen zu werfen. Noch prahlerischer und selbstgefälliger ist nur ihr Mann Alexander. Peter Lohmeyer gibt den alternden Professor im Ruhestand als hypochondrischen Narren, der so gravitätisch dahinschreitet und jedes Wort zu einer hohlen Anklage verzerrt, dass man schier verzweifeln könnte – so wie schließlich Wanja.

Nur passt weder der in Pistolenschüssen gipfelnde Gefühlsausbruch noch die stumme Verzweiflung danach zu Werner Wölberns Wanja. Der ist für solche Überspanntheiten und für solchen Schmerz viel zu plump und plebejisch. So stumpf und grob wie Wölbern wirkt, könnte man fast meinen, Lopachin hätte sich aus dem "Kirschgarten" in dieses Stück verirrt.

 

Onkel Wanja
von Anton Tschechow
Deutsch von Angela Schanelec nach einer Übersetzung von Arina Nestieva
Regie: Stephan Kimmig; Bühne: Oliver Helf; Kostüme: Camilla Daemen; Dramaturgie: Kekke Schmidt; Licht: Bernd Felder.
Mit: Peter Lohmeyer, Therese Dörr, Minna Wündrich, Henriette Thimig, Werner Wölbern, Felix Rech, Torsten Flassig, Anke Zillich.
Dauer: 2 Stunden 35 Minuten, eine Pause

schauspielhausbochum.de

 

Auch Tschechows Kirschgarten hat Stephan Kimmig schon inszeniert, am Deutschen Theater Berlin, im Frühjahr 2012. Den Lopachin spielte Felix Goeser.

 

Kritikenrundschau

Ulrike Gondorf befindet in der Sendung "Fazit" auf Deutschlandradio Kultur (21.9.2014): "Stefan Kimmig schafft es, Leere und Langeweile nicht als lähmende Zähigkeit auf Bühne und Zuschauerraum zu übertragen, auch den Humor Tschechows immer wieder aufblitzen zu lassen."  "In den besten Momenten glaubt man die Gedanken der Figuren zu hören." Es gebe viele dichte Szenen, in denen das Ungesagte bei Tschechow mitschwinge. Insgesamt klappe viel an diesem Abend, wenn auch nicht alles. So bleibe die Titelfigur "kaum fassbar, ihr innerer Weg nicht nachvollziehbar".

Stefan Keim schreibt in der Welt (25.9.2014): Kimmig wolle dem "Onkel Wanja", "einem der traurigsten Stücke", alle Sentimentalität austreiben. Und vernichte "Poesie und Gefühl gleich mit". Kimmig benutze das Setting von Gosch und auch die Übersetzung von Schanelec, doch bleibe seine Inszenierung "zäh und oberflächlich", weil er nicht die "Psyche von Tschechows Verlorenen und Verzweifelten" erkunde. Er lasse die Schauspieler "hysterisch überdrehen". Es falle schwer, für irgendjemanden auf der Bühne "Sympathie zu empfinden". Kimmig zeigt "eine Gesellschaft aus nervenden, lächerlichen Menschen". Das sei "einerseits konsequent", aber es schaffe Distanz. Tschechows Stücke seien jedoch "dann verstörend, wenn man sich seine Charaktere nicht vom Leibe halten kann. In Bochum sind sie einem egal."

"Diese Tschechowsche 'Langeweile', in der man sich 'häufig zu gemütlich eingerichtet' habe, war für Kimmig lange ein Grund, einen Bogen um den russischen Dramatiker zu machen", schreibt Cornelia Fiedler in der Süddeutschen Zeitung (27.9.2014). Ein Rest dieses Unbehagens bleibe in seiner Bochumer Wanja-Inszenierung spürbar. "Mit Kürzungen und beschleunigtem Spiel nimmt Kimmig dem Stück die elementare Schwere – ohne sie jedoch durch etwas radikal Neues zu ersetzen."

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