Kannibalistischer Akt

von Martin Krumbholz

Düsseldorf, 25. September 2014. Wer diesen ungewöhnlichen, anspruchsvollen und gegen Ende sich suggestiv steigernden Abend beobachtet und zu beschreiben versucht, dem stellt sich die Frage, ob er tatsächlich – der übliche Vorgang beim Schreiben einer Kritik – eine Art Hierarchie konstruieren soll in der Konfrontation mit einer Arbeit, die gerade das nicht tut und deren Thema letztlich die Entgrenzung ist, also die Vermeidung jeder Festlegung auf einen geographischen oder weltanschaulichen Ort.

"Abandonned Zones", aufgegebene Zonen heißt das Schlüsselwort, es bezieht sich einerseits auf postkoloniale Territorien in Afrika und anderswo. Andererseits aber auch auf abgeschriebene ästhetische Positionen wie die Trennung Bühne/Zuschauerraum, Schauspieler/Tänzer und letztlich, zumindest in der Idee, die zwischen Akteur und Zuschauer.

Fremdes Territorium

Der Schauplatz ist die "Botschaft" am Worringer Platz in Düsseldorf, ein "aufgegebenes" Theater und Lichtspielhaus mit einer wunderbar zerklüfteten klassisch-modernen Architektur. Für das FFT mit seinen sonst äußerst bescheidenen Räumlichkeiten muss diese temporäre Kolonie als ein Wunsch-Exil, wenn nicht gar als das Paradies schlechthin erscheinen, und die Performerin Claudia Bosse hat sich den Ort mit ihren fünf Performern – Tänzern, Sprechern, Körperobjekten – souverän angeeignet. Das Publikum folgt den Spielern nach dem Rattenfänger-von-Hameln-Prinzip, hinein in eine Landschaft aus Projektionsflächen, Mikrofonen/Lautsprechern, unsichtbaren oder sichtbaren Barrieren, die wiederum von den Zuschauern selbst errichtet und von den Spielern durchbrochen werden, in einem Kreislauf sich steigernder Attraktionen.

catastrophic-paradise2 560 claudia-bosseGöttliche Botschaft mit Quark verpackt: "Wer mein Fleisch isst und mein Blut trinkt, der
hat das ewige Leben" © Claudia Bosse

Zurück zur Eingangsfrage: In ihren, nun ja, Prolegomena artikuliert Bosse ihre Absichten nicht in der Form einer Dramaturgie, sondern in der eines provisorischen Konzepts oder, noch besser, eines Assoziationsflusses. Da werden Inspirationsquellen benannt, vor allem aber Fragen gestellt wie diese: "Können Sie sich vorstellen, einen Menschen zu verzehren?" Aus der "Sintflut" wird eine "Sinnflut" abgeleitet, und diese wild wuchernde Sinnflut bestimmt auch den Verlauf des Abends, von dem kaum genau sagen kann, ob politische, soziologische, ästhetische oder spirituelle Momente seinen eigentlichen Kern ausmachen, oder ob es einen solchen überhaupt gibt.

Adam und Eva

Zwei Nackte durchstreifen den Raum einschließlich seiner Empore und zitieren aus der Genesis: "Da gingen (Adam und Eva) die Augen auf…" In Filmen sieht man Tiere auf Nahrungssuche, Kojoten in der Steppe, Löwen, die ein Zebra zerreißen, Schlangen. In einer Super-slow-motion sind die Köpfe von sprechenden oder stummen Menschen zu sehen, einige scheinen entstellt zu sein. Wiederholt fallen die Begriffe "tabula rasa" oder "reset!, verbunden mit der Frage: "Wenn Sie eine neue Gesellschaft aufbauen sollten, was würden Sie vernichten/was nicht?" catastrophic-paradise3 560-robert-puflebMit Strümpfen und Ear-Plugins ins "catastrophic paradise" © Robert Pufleb

Passagen, in denen erregt und schnell gesprochen wird, wechseln mit solchen, in denen man nur die Atemgeräusche der Spieler hört. Ihre Schatten werden zusammen mit den Filmen projiziert wie in einer Doppelbelichtung. Tierstimmen, die wie Kinderstimmen oder Kinderstimmen, die wie Tierstimmen klingen. Es wird von der Phantasie eines Mannes erzählt, der in Afrika auf schöne Frauen traf, ihrem Reiz erlag und die Vorstellung nicht abschütteln konnte, es seien Kannibalinnen.

Entgrenzung oder Kannibalismus?

Eine Frau zieht sich aus, wird von einer anderen mit Quark oder Sahne eingeschmiert, gefedert, dann kommen wieder andere und schlecken sie ab. Dazu, in einem Loop, mit herausfordernd entblößten Körperpartien das passende Bibelzitat: "Wer mein Fleisch isst und mein Blut trinkt, der hat das ewige Leben."

Schließlich ein kultischer (oder esoterischer) Bühnenzauber: Alle sollen sich an den Händen fassen und einen Kreis bilden. Unwillkürlich und ganz freiwillig wiegt sich die Menge in den Hüften, und den Applaus, zu dem die Spieler sich in den Kreis einreihen, spenden sich alle Anwesenden zugleich auch selbst.

Hokuspokus – oder großes entgrenztes Theater? Der Kritiker denkt sich, ganz en passant, dass auch die Kritik letztlich nichts anderes sein könnte als ein kannibalistischer Akt.

catastrophic paradise
Regie / Choreografie / Installation: Claudia Bosse, Sound / Videoediting: Günther Auer, Dramaturgie: Kathrin Tiedemann, Technische Leitung: Marco Tölzer, Assistenz: Constantin Schädle, Produktionsleitung: Stella Reinhold.
Mit / von: Nathalie Rozanes, Alexandra Sommerfeld, Florian Tröbinger, Elizabeth Ward, special guest: Ilse Urbanek.
Dauer: 2 Stunden 30 Minuten, keine Pause

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Kritikenrundschau

"Was soll das?", fragt Max Kirschner von der Westdeutschen Zeitung (26.9.2014) für sich und fürs Publikum. "Ein bisschen viel Wahnsinn und genug der Katastrophe denken manche und nehmen Reißaus." Distanziert berichtet der Kritiker über "das mühevolle Stöhnen" der Performer, über "Übungen in Press-, Stoß- und Schnapp-Atmen" sowie die "obszön aufgeladenen Sprachtiraden über Gewalt, Sex und Christus". Angesichts der nicht englischen Passagen und der erklärungslos eingesetzten Filmvorlage sei eine "gewisse Arroganz" in der Performance nicht zu übersehen.

Über verquaste theoretisch Erklärungen und das ausgiebige Englisch ärgert sich auch Michael S. Zerban auf opernnetz.de (24.9.2014). "Theater soll erklären, nicht das babylonische Sprachgewirr vorantreiben." Die Akteure suchten nach "Vorformen der Bewegung": Von "Atemmeditationen über amphibische Bewegungsmuster bis hin zur Aufgabe jeder Bekleidungsvorschrift" ließen sie sich "ins Archaische fallen".

Die Aufführung nehme sich "Zeit für ihre Aussagen, ihre Botschaften" in einer "komplexen Themenwelt", lobt dagegen Pamela Broszat in der Neuen Ruhr Zeitung (26.9.2014) und beschreibt: "Nach und nach weicht die intellektuelle Auseinandersetzung des vielschichtigen Geschehens aufsteigender Emotionalität. Sich einlassen auf Raum, Zeit, Ort – und Inhalt."

 
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