Ich bin nicht Hamlet

von Eva Biringer

Berlin, 25. September 2014. Es wäre anzunehmen, dass der Theaterbetrieb als Aufklärungsanstalt sensibel ist für neue gesellschaftspolitische Belange. Immerhin ist mit der Blackfacing-Diskussion die Frage nach multiethnischen Ensemblezusammensetzungen virulent geworden; Anfang dieses Jahres legte Murali Perumal in einem offenen Brief pointiert die Situation von Akteuren mit sogenanntem "Migrationshintergrund" am Theater dar. Als in Bonn geborener Schauspieler mit indischen Wurzeln hat er eine solide Ausbildung und Engagements an namhaften Häusern vorzuweisen. Nichtsdestotrotz werde er stets als "der Ausländer" besetzt, genau wie all seine Kollegen nicht-deutscher Herkunft. Nicht "bio-deutscher" Herkunft, müsste es eigentlich heißen, lebt doch ein Großteil von ihnen in zweiter oder dritter Generation in Deutschland. Welche Vorurteile und Stolpersteine Diskussionen über Migration mit sich bringen, eruieren Podiumsgespräche wie jenes vergangene Woche im Ballhaus Naunynstraße.

Der eurozentristischen Blick entlarven

Reden hilft, spielen auch. Den Blick von außen auf den abendländischen Dramenkanon kennt man von Gintersdorfer/Klaßen, etwa von ihrem exemplarischen "Othello, c'est qui", dem Überraschungserfolg des Duos beim Impulse Festival 2009, oder auch 7% Hamlet am Deutschen Theater Berlin. Indem der westafrikanische Tänzer Franck Edmond Yao die Shakespearefiguren im wahrsten Sinn des Wortes anprobiert, ohne in der Rolle aufzugehen, findet er einerseits Parallelen zu seiner eigenen ivorischen Kultur und entlarvt andererseits den eurozentristischen Blick, der über des Deutschen liebsten Reclamhelden schwebt.

hauptrolle4 560 heikomarquardt frischefotos uAus Burkina Faso: Ahmed Soura kam mit Christoph Schlingensief nach Deutschland.
© Heiko Marquardt / Frischefotos

Einen ähnlichen Ansatz wie Gintersdorfer/Klaßen verfolgt nun der Choreograph Christoph Winkler. Seine Soloperformance "Hauptrolle" entstand in Zusammenarbeit mit dem aus Burkina Faso stammendem Tänzer Ahmed Soura. Seit seiner Teilnahme an Schlingensiefs Via Intolleranza II pendelt Soura zwischen den Kontinenten. Jetzt, am Berliner Ballhaus Ost, verarbeitet er Konfliktmomente seiner Künstlerbiographie. Während er tanzt, erzählt er in französischer Sprache von ganz ähnlichen Erfahrungen wie Murali Perumal; dass er, egal ob in Stuttgart, Konstanz oder Bern, immer der einzige nicht weiße Darsteller gewesen sei.

Mit Moonwalk und Disco-Fever

Wo Hauptrollen gespielt werden, braucht es rote Vorhänge und Lichtkegel. Abgesehen davon ist die Bühne leer. Ahmed Soura durchmisst den Raum, macht ihn sich hopsend, stampfend, trippelnd zu eigen. Ballettähnliche Elemente werden durch Hockhopser und andere kurz angerissene athletische Bewegungen gebrochen. Soura zollt der Popkultur in Form eines angedeuteten Jackson-Moonwalks und Disco-Moves im Geiste von "Saturday Night Fever" Respekt. Manches – Zumba! – lässt sich durch die begleitende Musik entschlüsseln (Zumba, war das nicht jene Sportart, mit der die Girls in Es sagt mir nichts, das sogenannte Draußen am Gorki Theater das innere Gleichgewicht beschworen?). Vieles bleibt jedoch im Ungefähren.

So eklektisch wie die Bewegungen des Solisten, ist bis auf wenige Ausnahmen (Zumba!) auch die Musik. Bässe, Synthesizer, Trommeln, allerdings nie auf eine folkloristische "Afrika! Afrika!"-Art-und-Weise, sondern anschlussfähig-global. Ganz zu Anfang tönt Richard Wagner mit seinem Nibelungenhelden Siegfried und findet in einem afrikanischen Büffel-Märchen, von Soura augenrollend und weitausholend dargebracht, ein Gegenformat vom gleichen Pathos. Jede Epoche habe ihre Krieger, heißt es. An einer anderen Stelle setzt das Lied "Wo ist die Euphorie" der jungen Diskursband Trümmer ein. Unverständlicherweise geht in diesem Moment der Vorhang auf und gibt die Sicht frei auf einen Löwenkopf (gemalt von Malena Modeer) und zwei weiße Palmen mit Glitzerwedeln.

hauptrolle6 560 heikomarquardt frischefotos uAhmed Soura tanzt den Dramenkanon von Wagners "Siegfried" bis Goethes "Faust".
© Heiko Marquardt / Frischefotos

Bevor sich dieses theatrale Zeichen entschlüsseln lässt, wird schon der nächste Held durch den Critical-Whiteness-Wolf gedreht. Runtergebrochen auf ihren Wesenskern verhandeln die großen Dramen alle dieselben Themen: Liebe, Tod, Spiritualität. Soura zitiert den "Faust" an, auf Französisch, als lockere Erzählung einer Suche nach "L'amour". Er speist auf Deutsch Heiner Müllers "Hamletmaschine" ein: "Ich bin nicht Hamlet, ich spiele keine Rolle mehr". Die Kritik an der Besetzungspolitik der Bühnen ist nicht ohne Kritik des Dramenkanons zu haben.

Welche Untiefen auch abseits des deutschen Stadttheaters für den hier angestoßenen Diskurs liegen, illustriert zur Hälfte der etwas mehr als einstündigen Performance ein skurriler Tonband-Einspieler eines Interviews zu Nuran David Calis' "Woyzeck"-Adaption für ZDF Kultur. Munter parlieren da die Produzenten des Films: Man habe Berlin-Wedding seines Schmelztiegelpotentials wegen als Drehort gewählt und den Tambourmajor "sozusagen als Ausländer" mit einem Deutschtürken besetzt, um seine Fremdheit zu illustrieren. Ah ja. Offenbar ist der Weg bis zur post-migrantischen Sendeanstalt mindestens so weit wie der zum post-migrantischen Theater. Ahmed Soura derweil tanzt.


Hauptrolle
Konzept: Christoph Winkler, dramaturgische Assistenz: Agathe Chion, Technik: André Schulz, Produktionsdramaturgie: Ehrliche Arbeit – Freies Kulturbüro, Kostüme: Lisa Kentner.
Von und mit: Ahmed Soura.
Dauer: 1 Stunde 10 Minuten, keine Pause

www.ballhausost.de

Der Choreograph Christoph Winkler ist mit "Das wahre Gesicht – Dance is not enough" (Ballhaus Ost Berlin) für den Faust-Theaterpreis 2014 nominiert.


Kritikenrundschau

Als "überaus eindrucksvoll" empfindet Volkmar Draeger vom Neuen Deutschland (27.9.2014), wie Ahmed Soura diesen Abend mit Christoph Winkler ("der politische Seismograf unter Berlins zeitgenössischen Choreografen") erarbeitet habe. Soura tanze etwa "die Siegfried-Geschichte zu Afro-Gesang und mit afrikanischer Bewegungssprache, intensiv, raumgreifend, erdverbunden, geschmeidig, körperplastisch". Es sei ein "Abend für einen wandlungsfähigen, agilen Tänzerdarsteller, der seine grazilen Hände auf eine Wunde legt".

In der taz (29.9.2014) lobt Annett Jaentsch den "lockeren Zuschnitt der Inszenierung" im Umgang mit dem Dramenkanon. Ahmed Soura "stülpt sich nichts über, sondern fahndet vielmehr nach kulturellen Schnittstellen und zeitgemäßen Anknüpfungen" und biete tänzerisch ein "Amalgam aus zeitgenössischem Vokabular, Zitaten afrikanischer Tänze, Breakdance und Krump. Geschmeidig, kraftvoll und gleichzeitig geerdet fabuliert sein Körper entlang der angedeuteten Geschichten." Einziger Einwand: "Ein wenig verschenkt" wirke "der Versuch, andere Diskursansätze zum Thema Migration aufscheinen zu lassen."

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