Mordende Monarchen

von Tilman Strasser

Bonn, 3. Oktober 2014. Schließlich watet Heinrich V. zwischen Schaumstoffschädeln hindurch und streckt lakonisch Franzosen nieder. Als sich die Körper wieder erheben, metzelt der König sie erneut mit Blutfontänen aus seinem Feuerlöscher. Der anschließende Heiratsantrag an Prinzessin Katherine gerät reichlich nüchtern, vermutlich sehnt sich seine Hoheit zurück in die Arme des Suffgenossen Falstaff. Doch persönlicher Wille muss zurückstehen, wenn die Krone, jene "Schlampe, die nur Ärger macht", ein neues Territorium erschließt.  

Gefühlsplünderer

Diese Krone: All ihre Träger treibt sie im Laufe des Abends an ihre Grenzen. Am Tag der Deutschen Einheit, in der Stadt, die als Wiege der bislang friedvollsten Demokratie hierzulande gelten darf, bringt Hausregisseurin Alice Buddeberg ein Lehrstück über mörderische Monarchie auf die Bühne. "Träume" fasst vier der Shakespeare'schen Königsdramen in eine Inszenierung, es plündern, intrigieren und leiden außerdem Richard II. und Heinrich IV. unter dem Joch der Macht. Doch ausgerechnet über ebenjenen Heiratsantrag, der einen vorläufigen Endpunkt des Hauens und Stechens markiert (bevor es in der Folgeproduktion "Trümmer" mit den nächsten vier Königsdramen weitergeht), schrillt aus den Boxen ein gerade noch schmerzhaft hörbarer Piepton.

knigsdramen3 560 thilo beu uSchwere Krone, viel Blut am Kragen: Hajo Tuschy als Heinrich V. © Thilo Beu

Ein kleine technische Panne, aber eine mit Symbolgehalt: Schrill auch Robert Höllers Ballett tanzender Dauphin, schrill Alois Reinhardts Percy, wenn er minutenlang einen zuckend-röchelnden Tod stirbt, ausnehmend schrill Daniel Breitfelders Richard II. in Union-Jack-Boxershorts. Der springt, tobt und robbt über das kahle Bühnenrund, wirft Ascheflocken und Rosenblätter um sich, kennt nichts außer Raunen und Schreien.

Schaumstoffgötzen im Nebel

Der Irrsinn hat System, die Überzeichnung Methode, und sei es nur, die schiere Textmasse der gerafften Stücke ansprechend zu transportieren. Dennoch gewinnt das Geschehen wohltuend an Zwischentönen, wenn der anfangs verbannte Bolingbroke den glücklosen Richard vom Thron stößt und sich zu Heinrich IV. ernennt. Agiert er als Herrscher kaum glücklicher, darf Sören Wunderlich doch mehr Facetten zeigen und eine Entwicklung durchlaufen, vom beinahe schüchternen Revoluzzer zum harschen, am Ende verzweifelten Despoten.

Auch Hajo Tuschy kann seinen Prinz Heinrich vielschichtiger anlegen: Ein Trunkenbold mit homoerotischer Neigung, den die Umstände letztlich zu einem genormten Kriegsfürsten zwingen. Auf dem Weg findet er Raum für differenziertes Spiel und die Erkenntnis, dass das Amt allein kein Allheilmittel ist: "Und was haben denn Könige, was der einfache Mann nicht hat / Außer Prunk und Zeremonie?" Tja, nur Ärger, eigentlich.

knigsdramen2 560 thilo beu uHeinrich V. und sein Hofstaat © Thilo Beu

Entsprechend klappt, kaum dass Heinrich V. die Leiden der Schlaflosigkeit erfahren hat, eine Holzwand wie eine riesige Kinnlade in das reduzierte Bühnenbild, entlässt Nebelschwaden und die an Götzenbilder erinnernden Schaumstoffschädel, um für den Showdown das Schlachtfeld von Azincourt nachzustellen.

Lust am Klamauk

Dabei entfaltet die Aufführung ihre größte Wirkung, wenn sie sich auf bescheidenere Mittel beschränkt. Hilft Richard seiner gespielten Trauer um den Tod von Bolingbrokes Vater nach, indem er kurzerhand mit den umherstehenden Wasserflaschen Tränen simuliert, entsteht ein einprägsames Bild, und wenn die auf der Auswechselbank sitzenden Darsteller über die Wand aus Holzplanken scharren oder abschätzig-zischend ihre Bierdose öffnen, gewinnt ein Monolog an Spannung.

Zumindest entfaltet sich die im Text angelegte: Der Bonner Autor Thomas Melle, aktuell mit seinem Roman 3000 Euro auf der Shortlist für den deutschen Buchpreis, stellt in seiner Neuübersetzung klassisch anmutende gegen teils flapsige, teils poetisch weitergedachte Formulierungen auf. Allzu oft aber gehen diese Nuancen unter, triumphiert die Lust an der Überzeichnung – und am Klamauk, der sich in unmotiviert eingestreuten Dialekten und Pointenhatz Bahn bricht. Der Spielplan verspricht eine Fortsetzung, in der mit Richard III. "der größte und skrupelloseste Schurke der Weltliteratur" ans Zepter drängt. Er wird dabei hoffentlich subtil zu Werke gehen.

 

Königsdramen 1 – Träume
nach den Rosenkriegen von William Shakespeare, neu übersetzt von Thomas Melle
Regie: Alice Buddeberg, Bühne und Maskenköpfe: Sandra Rosenstiel, Kostüme: Petra Winterer, Musik: Stefan Paul Goetsch, Licht: Guido Paffen, Dramaturgie: Lothar Kittstein.
Mit: Daniel Breitfelder, Sören Wunderlich, Bernd Braun, Hajo Tuschy, Robert Höller, Alois Reinhardt, Mareike Hein.
Dauer: 3 Stunden 30 Minuten, eine Pause

www.theater-bonn.de

 

Kritikenrundschau

Formbewußtsein wird der Regisseurin von Gunhild Lohmann im Bonner Generalanzeiger (6.10.2014) bescheinigt. Die treffsichere Sprache der Neuübersetzung von Thomas Melle komme "so bildhaft wie möglich und so klar wie nötig". Doch leider wird aus Sicht der Kritikerin das komplexe Beziehungsgeflecht der Figuren durch die radikale Verkürzung so überdehnt, "dass sich einige unlogische Brüche auftun und das Muster nur noch verstümmelt zu sehen ist. Persönliche Entwicklungen beleuchtet die Inszenierung nur in wenigen Schlaglichtern - alles dazwischen muss man sich selbst zusammenreimen." Doch unterm Strich lieferten die Schauspieler eine tolle Vorstellung. Zunächst beherrsche Daniel Breitfelder als exaltierter Zierkönig Richard II. das Geschehen. "Zwar ist alles an ihm Pose, aber er zelebriert sein hohles Herrschergebaren mit einer Virtuosität, die alle anderen Figuren zu Stichwortgebern seiner Launen macht."

Ob "die poetisch selbstbewusste Neuübersetzung von Thomas Melle ihre zweite Chance erhält", bleibt für Andreas Rossmann von der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (6.10.2014) die einzige Frage des Abends. Aus seiner Sicht muss sie in Bonn dafür herhalten, "sich mit Shakespeare zu blamieren, bis auf die Unterhosen". Die Herausforderung, die großen Themen der elisabethanischen Stücke so szenisch auszufalten, dass sie auch heutige Fragen und Konflikte formulieren, werde gar nicht erst angenommen. Daniel Breitfelder als Richard erweise sich "als das Kreuz der gesamten Unternehmung: ein effeminierter Jüngling mit fliegenden, schulterlangen Haaren, der schreit und scherzt, tobt und trampelt, plärrt und sich plustert, eine milde Mischung aus jungem Otto Waalkes und blonder Conchita Wurst, ein Matador der Charge und eine Memme als Scharlatan – albern, selbstgefällig, bar jeder Melancholie und von keiner Regie geführt oder gezügelt." Die anderen Protagonisten der Königsdramen, einem sich mörderisch drehenden Schicksalsrad um Macht und Rache, Krone und Land, Ehre und Verrat, würden an den Rand gedrängt.

Der erste Teil dieses Theatermarathons "Königsdramen" habe "mehr für Irritationen als für uneingeschränkte Begeisterung gesorgt", berichtet Thomas Kölsch in der Rhein-Zeitung (6.10.2014). Alice Buddeberg habe ihrer Inszenierung in einer "inzwischen Bonn-typischen Art" einen "fast schon aufdringlich grellen Anstrich verpasst"; sie "hat die Ernsthaftigkeit der zentralen Reflexionen mit Klamauk übertüncht", bemängelt der Kritiker. Die "Monarchen, deren Seele man eigentlich offenlegen wollte" mutierten "zu wahlweise der Lächerlichkeit oder der Belanglosigkeit preisgegebenen Gestalten".

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