Die Revolution ist ein exotischer Schmetterling

von Cornelia Fiedler

München, 10. Oktober 2014. Die Frage, ob die Welt verrückt ist, oder der Einzelne, der darin nicht klar kommt, scheint eindeutig beantwortet. Schließlich ist der Revolutionär Karl in der Psychiatrie gelandet, während die Mehrheit frei herum läuft und allen möglichen Unsinn erzählen darf: Etwa dass die Regierung dem Volke diene, dass sozial sei 'was Arbeit schafft' – zum Beispiel die örtliche Giftgasfabrik –, oder dass man sich nur ruhig verhalten müsse, dann würde bald alles besser.

Wie von George Grosz

All das ist ganz normal und "normal, normaal, normaaal", das grölen auch die Stützen der Gesellschaft, während sie auf der Bühne des stuck- und schnörkelbeladenen Münchner Cuvillés-Theaters einen Cancan des Irrsinns tanzen: Unternehmer, Bankiers, Politiker, Juristen – Militaristen, Nationalisten, Antisemiten. Sie alle sehen aus, als wären nicht Sibylle Wallum fürs Kostüm und Lena Bader und Gisela Dlugos für die Maske verantwortlich, sondern George Grosz: Schrille, bleiche Karikaturen mit zu roten Backen und aufgemaltem Lachen, fehlt nur die abnehmbare Schädeldecke, unter der Stroh und Scheiße hervorquellen.

hopplawirleben4 560 foto thomas dashuber uPyramide der Klassen, aufgestapelt von Bühnenbildnerin Judith Oswald
© Thomas Dashuber

Regisseurin Anne Lenk und ihr Team setzen in ihrer Inszenierung von "Hoppla, wir leben", Ernst Tollers bitterem Zeitgemälde der Weimarer Republik, auf starke Symbolik. Die Klassengesellschaft, in die Karl nach acht Jahren Psychiatrie zurückkehrt, ist auf Judith Oswalds hoch aufragender Bühne streng in vier Etagen gestaffelt: ganz unten das Proletariat, mal in Gefängniszellen, mal am Arbeitsplatz, ganz oben die Mächtigen aus Politik und Justiz. Der Ausbruch aus dem System ist verbaut, ebenso wie schon auf der Bühne der Uraufführung des Stücks durch Erwin Piscator 1927, die Oswald als Inspiration diente. Neu sind die Pyramidenform und die Verkleidung mit Spiegelglas. Diese erlaubt schnelle Szenenwechsel, indem einzelne Räume komplett ein- oder ausgeblendet werden, geht aber auf Kosten der Akustik, so dass die Stimmen trotz der Mikrofone manchmal schwer verständlich sind.

Drift in Richtung Nationalsozialismus

Der Handlungsspielraum ist also bewusst eingeschränkt, für die Figuren wie auch für die Schauspielerinnen und Schauspieler. Gesprochen wird ausschließlich in Richtung Publikum, als stünde dort das Gegenüber, das de facto in der Zelle nebenan ober eine Etage höher ins Dunkel starrt.

In diesem hoch formalisierten Szenario entsteht erstaunliche Intensität. Besonders Valerie Pachner als Eva gelingt das Spiel mit dem direkten Blick ins Publikum, der ja zugleich ein Blick in die Augen ihres von der Realität überforderten Exgeliebten und Genossen Karl ist – ein Blick voller Verstehen, ein bisschen Zärtlichkeit und Genervtheit zugleich. Eva kämpft noch immer, nur in kleineren Schritten, als Gewerkschafterin gegen Lohnkürzungen und unbezahlte Überstunden. Andere Mitstreiter von früher haben resigniert oder wie Wilhelm Kilman (streberhaft jovial: Arthur Klemt) die Seiten gewechselt: Er, der mit Karl und den anderen nach der Niederschlagung des Aufstands 1919 im Knast saß und nur knapp der Hinrichtung entging, ist jetzt Innenminister und lässt Streiks niederknüppeln. Wie in einem Panoptikum trifft Karl, den Franz Pätzold mit Strubbelfrisur und naivem Kampfgeist spielt, auf immer abstrusere Vertreter und Dulder der neuen Ordnung – die, nicht nur bei René Dumonts Psychiater mit Goebbels-Touch, bereits sichtlich in Richtung Nationalsozialismus driftet.

Schrecken und Schrillheit

Wie hier über Sinn oder Irrsinn von Demokratie, Diktatur und Revolution geredet wird, ist naturgemäß irgendwann redundant, schließlich muss Karl bis zur finalen Verzweiflungstat erst einmal begreifen, dass er allein und auf verlorenem Posten kämpft. Doch der Schrecken lässt sich in der an sich beeindruckenden Formstrenge der frontalen Mono-Dialoge bald nicht mehr steigern.

hopplawirleben2 560 foto thomas dashuber uSchräge Gestalten und Cocktailkleider, die über Fatsuits verrutschen: Thomas Lettow und Ulrike Willenbacher. © Thomas Dashuber

Für etwas schrille Abwechslung müssen daher die Frauen- und Kinderrollen herhalten. Die altklugen Geschwister Grete und Fritz tragen riesige Pappmaché-Köpfe, drauf statt Gesichtern nur Schwären und Narben um eine offene Mundhöhle – möglicherweise ein Effekt des lokal "zur Selbstverteidigung" produzierten Giftgases. Mutter und Tochter Kilman (René Dumont und Ulrike Willenbacher) zeichnen sich vor allem durch clowneskes Makeup, verrutschende Cocktailkleider über Fatsuits und das Fehlen jedes Anflugs von Intelligenz aus. Korruption und Willkür übersetzt die Inszenierung in Sauf- und Sexorgien im Grand Hotel – als wäre der Mangel an Selbstbeherrschung das Problem der Mächtigen und nicht etwa die Macht selbst.

Einer Auseinandersetzung mit der Bedeutung dieses Revolutionärsdramas heute, in einem weiter entwickelten Kapitalismus, der neue Formen der Normalität beziehungsweise des Irrsinns kennt, weicht die Inszenierung aus. Sie setzt auf die Produktion eingängiger Bilder – die aber bleiben hinter Glas, wie eine Sammlung exotischer Schmetterlinge: weit weg.

 

Hoppla, wir leben!
von Ernst Toller
Regie: Anne Lenk, Dramaturgie: Andrea Koschwitz, Bühne: Judith Oswald, Kostüme: Sibylle Wallum, Licht: Markus Schadel, Ton: Alexander Zahel.
Mit: Franz Pätzold, Oliver Nägele, Valerie Pachner, Arthur Klemt, Bijan Zamani, Ulrike Willenbacher, René Dumont, Gerhard Peilstein, Thomas Lettow.
Dauer: 2 Stunden, keine Pause

www.residenztheater.de

 

Partiell im Glaskasten spielte auch Anne Lenks Inszenierung von Martin Crimps In der Republik des Glücks am Hamburger Thalia-Theater. Eine besonders umstrittene Hinter-Glas-Inszenierung schuf 2010 Karin Beier mit Die Schmutzigen, die Hässlichen und die Gemeinen.

 

Kritikenrundschau

Nach der Wiederentdeckung durch die Regisseurin Anne Lenk wisse man man nun warum, das pathetisch plakative Stück so selten gespielt werde, schreibt Christine Dössel in der Süddeutschen Zeitung (11.10.2014). Es sei "tatsächlich so dramatisch 'dünn'", wie die maßgeblichen Kritiker es nach Piscators Urauuführzung 1927 beschrieben hätten. Die junge Regisseurin hat aus Sicht der Kritikerin zwar "einen entschiedenen, formal beeindruckenden Zugang gefunden, indem sie das Stück als grotesk-komisches Typen- und Gruselkabinett zeigt. Aber belebt, mit Blut versorgt und in die Gegenwart gerettet wird es nicht."

Das auf die Bühne übertragene Gesellschaftsmodell dieser Inszenierung "mit seiner Schaufensterdramaturgie" laufe sich "nach anfänglichem Überraschungseffekt" schnell tot, gibt Sven Ricklefs in der Sendung "Kultur heute" vom Deutschlandfunk zu Protokoll (10.10.2014).Die Figuren blieben "nicht nur durch die Überzeichnung, sondern vor allem auch durch das Plexiglas seltsam fern". Die durch Giftgas verätzten riesigen Köpfe der Kinder oder das blutbesudelte Haupt des Kriegsministers wirken auf den Kritiker "weniger schockierend als unfreiwillig komisch". Und so tut Anne Lenk aus seiner Sicht "mit ihren starken ästhetischen Setzungen dem Stück alles andere als einen Gefallen, sondern klemmt es in ein Korsett, das ihm schnell die ohnehin wenige Luft abschnürt, die es für ein Heute hat, zu sehr ist es der Geschichte und dem Gestus der Weimarer Republik verhaftet."

 

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