"It all comes out on Christmas!"

von Leopold Lippert

Graz, 10. Oktober 2014. Ein Stück "Straight White Men" zu nennen, das klingt nach ironischem Gezwinker. Vor allem wenn man weiß, dass Young Jean Lees letzte Produktion, "Untitled Feminist Show", eine queere Burleske voller nackter, tanzender Frauen war. Und die Bühne, die David Evans Morris ins Grazer Orpheum gestellt hat, sieht auch tatsächlich nach einem schlechten Witz aus: ein in hässlichen Brauntönen gehaltenes amerikanisches Mittelschichtswohnzimmer, mit vollem Bücherregal und beiger Ledercouch, einem klobigen Nussholztisch, leeren Bierflaschen, Fernbedienung, Dartscheibe und Plastikweihnachtsbaum.

Das Spiel der toten Mutter

So realistisch, so gut. Es ist also Weihnachten, und drei Söhne um die vierzig besuchen ihren alten Vater. Jake (Gary Wilmes) ist ein aufbrausender Banker, dem die Krawatte locker sitzt und der selbst nach dem längsten Saufgelage nicht das morgendliche Jogging vergisst. Drew (Pete Simpson) ist ein überalterter Hipster mit Röhrenjeans und Holzfällerhemden, der Bücher schreibt und unterrichtet. Matt (James Stanley) hat zwar einen Harvard-Abschluss, arbeitet aber nur in prekären Jobs und kann seine Schulden nicht zurückzahlen. Matt ist auch nicht wirklich zu Besuch, er lebt aus finanziellen Gründen schon seit längerem wieder im Elternhaus.

straightwhitemen1 560 wolfgang silveri uO, ein Tannenbaum! Eine Vater und seine Söhne beim Spiel "Privilege".
© Wolfgang Silveri

Über der klischeehaften Familienaufstellung schwebt der Geist der verstorbenen Mutter in Form eines überklebten Monopoly-Brettspiels. Um ihren Söhnen die so selbstverständlichen Annehmlichkeiten weißer heterosexueller Identität vor Augen zu führen, hat sie das Spiel in "Privilege" umbenannt, und die Aktionskarten heißen jetzt "Denial Card" oder "Excuses Card". Über ihre Privilegien reden die vier Männer auch durchaus gerne; im Grunde reden sie über nichts anderes. Sie werfen sich gegenseitig vor, nicht politisch genug zu sein, "checkbook activism" zu betreiben, und schlagen mit Binsenweisheiten der Neoliberalismuskritik um sich. Während sie Eggnog trinken und Obstkuchen essen, palavern sie über die Sinnhaftigkeit des optimal vermarktbaren, unternehmerischen Selbsts. Zwischendurch blitzt das Testosteron durch und sie balgen sich wie Teenager, immer ein bisschen zu aggressiv, immer ein bisschen zu nahe an tatsächlicher Gewalt.

Wo bleibt die Pointe?

Es deutet also alles auf eine zugegebenermaßen originelle Versuchsanordnung hin: Man verhandelt die abgedroschenen Einsichten der neuen heterosexuellen weißen Männer im abgedroschensten Format, das das angelsächsische Theater der Nachkriegszeit zu bieten hat: Psychologischer Realismus in drei Akten an drei Weihnachtsfeiertagen, Wohnzimmer, Kernfamilie, Lebenslüge. "It all comes out on Christmas" erklärt Jake programmatisch, und die Zuschauer nicken selig: Das kennen wir nur zu gut!

Aber wo bleibt die Pointe? Am Ende wird man knapp zwei Stunden damit zugebracht haben, den doppelten Boden zu suchen, der das alles irgendwie weniger bedenklich gemacht hätte, der mit dem "Straighten" dieser Ästhetik der Normalität bricht. Doch Young Jean Lee scheint es ernst zu meinen: Selbstgefällig in der realistischen Form, vorhersehbar in der narrativen Entwicklung erzählt sie uns von den Sorgen und Nöten heterosexueller weißer Männer, und löst damit haargenau das ein, was ihr Titel verspricht. Sie gibt ihren Charakteren emotionale Komplexität und setzt auf ungebrochene Identifikation der Zuschauer mit den Protagonisten -und räumt damit den Straight White Men genau jene unhinterfragte Allgemeingültigkeit ein, die deren Privilegien ja von Anfang an erst möglich gemacht hatte.

Hyperkünstlich, hyperrealistisch

Ein berührender Moment dann schließlich trotz dieser problematischen Abbildungslogik: Als die Brüder versuchen, den hochbegabten aber depressiven Matt fit für den Jobmarkt zu machen, beschließen sie, ein Bewerbungsgespräch zu inszenieren, also eine hyperkünstliche Situation innerhalb eines hyperrealistischen Stücks herzustellen. Erst das Artifizielle des kapitalistischen Rituals ermöglicht es den Männern, ihre emotionale Sprachlosigkeit zu überwinden; und so wird gerade die performative Selbstdarstellung des "Job Interviews" der Ausgangspunkt für die erste "wirkliche", ehrliche Konversation, die den ach so selbstreflektierten neuen Männern überhaupt gelingt.

 

Straight White Men
von Young Jean Lee
Regie: Young Jean Lee, Dramaturgie: Mike Farry, Bühne: David Evans Morris, Kostüme: Enver Chakartash, Licht: Christopher Kuhl und Jeannette Yew, Ton: Chris Giarmo und Jamie McElhinney, Choreographie: Faye Driscoll.
Mit: Austin Pendleton, Pete Simpson, James Stanley, Gary Wilmes.
Dauer: 1 Stunde 50 Minuten, eine Pause

www.steirischerherbst.at

 


Kritikenrundschau

Die Thematisierung der privilegierten Existenz des weißen Mannes sei in Setting und Handlung "betont konventionell angelegt", schreibt Ute Baumhackl in der Kleinen Zeitung (online 11.10.2014). Die thematische Auseinandersetzung "käme sehr pädagogisch über die Rampe, wäre das Stück nicht so hervorragend gespielt und – vor allem im ersten Teil – auch wunderbar albern."

Michaela Reichart von der Kronen Zeitung (12.10.2014) sah in Graz eine "lakonische Gesellschaftsanalyse, die tief blicken lässt" und von den vier männlichen Akteuren "unpathetisch gespielt wird".

 
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