Was dem Wissenden nichts nützt

von Dieter Stoll

Nürnberg, 11. Oktober 2014. Eine bühnenbreite Bretterwand, Fichte lackiert, trennt den zornigen König Ödipus vom pestverseuchten Alltag seiner Stadt Theben. Die Götter strafen einen ungeklärten Mord und der angeschlagene Herrscher muss auf Weisung des blinden Sehers Teiresias die Wahrheit wie ein Detektiv ergründen: Er selbst wurde ohne es zu wissen zum Vatermörder und gar zum Gatten der eigenen Mutter, mit der er Kinder zeugte. Nun will er heulend in den Schoß zurückkriechen, der ihn geboren und befriedigt hat. Mehr Gram pro Familie geht eigentlich nicht, aber die antike Dichtung kennt im Gegensatz zu ihrer Enkelin, der Soap, keine Schmerzgrenze – zumal, wenn sie die gestauchten Erkenntnisse aus vier Dramen an einem Abend unterbringen soll.

In John von Düffels Bearbeitung, die im Herbst 2012 fürs Deutsche Theater Berlin zwei Sophokles-Stücke wie eine Klammer um Aischylos und Euripides spannte, entsteht die vereinigte Chronik jener Labdakiden, die vor und nach Ödipus wie in Sippenhaft dem Schicksal ausgeliefert waren und bis zum bitteren Ende der Antigone noch viele Opfer ertragen müssen. Schicksal, der Sammelbegriff fürs eigene Versagen, ist zur Herausforderung allzeit bereit.

oedipusstadt3 560 marionbuehrle uÖdipus (Stefan Willi Wang) und Iokaste (Julia Bartolome) vor der Sperrholz-Wand
© Marion Bührle

Wenn die nächste Generation zum Machtrausch antritt, kippt in der Nürnberger Aufführung die Wand zur Rutschbahn, auf der niemand dauerhaft festen Tritt haben wird. Erst Antigone, die dem Unrecht eines rachsüchtigen Staatsgebots mit Agitation widersteht, darf es auf sicherem Boden versuchen – bis sie aus der wieder in die hermetische Ausgangsposition hochgefahrenen Kulisse ins Nichts stürzt: "Keine Zukunft, nur noch Vergangenheit". Die überlebende Ismene, die "unpolitische" Schwester, steht für das Gegenmodell, sie hat einfach "nicht den Mut zu sterben".

Unparfümierte Kernseifenoper

Regisseur Klaus Kusenberg sagte vor der Premiere, er sehe in dem "verblüffend aktuellen" Stück "andauernd, wie Politiker auf Krisen reagieren und dabei versagen". Seine Inszenierung hütet sich davor, auf dieser Spur tief zu graben, auch wenn zumindest am Ende klar ist, dass weniger die hier in rascher Folge einschlagenden Skandale als das morsche Gerüst der ganzen Gesellschaft interessieren. Ausstatter Günter Hellweg ergänzt die bescheidene Symbolik der Bühne mit Charakter-Kostümen, die schon in der Farbe (weiß, knallrot, tiefschwarz) vorwegnehmen, was man erst im Spiel erfahren sollte. Es ist ein gut funktionierender Denk-Raum für Sprache, in dem sich Dialoge und Blicke immer scharfkantiger kreuzen als die draufgesattelten Bewegungen. Die unabweisbar drängende Frage, ob es sich hier um ein ätzendes Dramen-Konzentrat oder um unparfümierte Kernseifenoper handelt, muss mit einem entschiedenen "Ja" beantwortet werden.

Das Volk schweigt

Thomas Nunner ist als Kreon die eindeutige Mittelpunkt-Figur und füllt deren Widersprüche in Wort und Mimik präzise aus. Der verschlampt zaudernde Berater von der Verwaltungsebene, der im entscheidenden Moment die Uniformjacke zuknöpft und nach der Pappkrone greift, mutiert zum besinnungslos schwadronierenden Tyrannen auf Rachefeldzug. "Zwickt dich die Rede oder dein Gewissen?" fragt Volkes Stimme in Person eines Wächters (Pius Maria Cüppers blitzt mit gleißender Satire in düstere Stimmung), den man auch als Repräsentanten des gestrichenen Chores sehen kann. Die großen Reden gehen direkt ans Publikum, aber das kann nur bedingt richtig sein, denn hier schweigt das Volk.

oedipusstadt 560 marionbuehrle uDa hat Ödipus schon zugelangt: Stefan Willi Wang mit Thomas Nunner als Kreon,
hier noch Nachlassverwalter der Macht. © Marion Bührle

Wie ein Gespenst aus anderen Welten zieht der geschlechtsneutrale Teiresias von Adeline Schebesch, konzentriert auf die Autorität der Sachverständigen-Ahnung, die tastende Bahn durch den Aufruhr und manifestiert gleich im ersten Anlauf, was auch jenseits des Seher-Berufsbildes gilt: "Schlimm zu wissen, was dem Wissenden nichts nützt". Josephine Köhler gibt der Antigone viel Zunder durch Temperament mit Trauerflor, Julia Bartolomes Iokaste, Mutter und Frau des gleichen Mannes, wiegt sich als Mediatorin ihrer streitenden Söhne ins Zentrum der Albträume. Den Ödipus in weißer Playboy-Freizeitkluft, auf der später bei der Selbstblendung das Blut den denkbar dekorativsten Platz findet, spielt Stefan Willi Wang (in Nürnberg auch Hamlet und Diener zweier Herren) wie einen fleischgewordenen Wutanfall.  Der erste geifernde Ton ist schon der Höhepunkt, die Figur wirkt wie gestanzt.

Man wird mit dieser "Aus vier mach eins"-Dramatik, die einen ganzen Wochen-Spielplan ins Drei-Stunden-Korsett zwingt, irgendwie immer unter eine Girlande des Ungeheuerlichen geraten. Kusenbergs Inszenierung nimmt das entspannt hin und gewinnt am Ende durch den ruhigen Blick auf die Turbulenzen. Das Premierenpublikum applaudierte der zeitlosen Antike kräftig, verdiente Bravo-Rufe für Kreon/Nunner inklusive.

 

Ödipus Stadt
von Sophokles, Euripides und Aischylos
In der Bearbeitung von John von Düffel; Übersetzung von Georg Schreiner
Regie: Klaus Kusenberg, Bühne und Kostüme: Günter Hellweg, Musik: Bettina Ostermeier, Dramaturgie: Katja Prussas.
Mit: Julia Bartolome, Karen Dahmen, Josephine Köhler, Adelische Schebesch, Martin Bruchmann, Pius Maria Cüppers, Julian Keck, Thomas Nunner, Marco Steeger, Stefan Willi Wang.
Dauer: 2 Stunden 50 Minuten, eine Pause

www.staatstheater-nuernberg.de



Kritikenrundschau

Wolf Ebersberger von der Nürnberger Zeitung (13.10.2014) findet John von Düffels Mythenbearbeitung "kompakt und klug eingerichtet", dazu "sprachlich brillant". Auf der Bühne werde daraus "eine der besten Inszenierungen von Klaus Kusenberg am Nürnberger Schauspielhaus". Der Regisseur entwirre die familiären Zusammenhänge und Unglücksfäden und biete zweieinhalb Stunden "Konzentration und Spannung". Zwar drohe Stefan Willi Wang als Ödipus sein "Emotions-Pulver" schon am Anfang zu verschießen; nach der Pause aber ziehe das Stück noch einmal an, wenn Kusenberg es zum "Kammerspiel" macht bzw. "verdichtet".

Der Labdakiden-Mythos werden von John von Düffel mit "viel Mut zur Lücke" wiedergegeben, schreibt Steffen Radlmaier in den Nürnberger Nachrichten (13.10.2014). Und Klaus Kusenberg setze den Text in einer "radikal reduzierten Inszenierung" um, mit Konzentration auf das Wesentliche: den "antiken Stoff und die Sprache". Nach einem "lärmenden und blutigen Auftakt" in der Ödipus-Geschichte, wandle sich der Abend nach der Pause mit der Kreon-Antigone-Handlung zum "leisen Psychodrama". Herausragend ist für den Kritiker Thomas Nunner als Kreon; die anderen Akteure hätten es neben ihm "nicht leicht".

 
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