Messdieners Popel im Paradies

von Sascha Westphal

Dortmund, 17. Oktober 2014. Natürlich wäre es maßlos übertrieben, jetzt zu behaupten, die Literaturgeschichte müsse noch einmal neu geschrieben werden. Aber ein wenig kann man schon in Versuchung geraten. Schließlich entführt einen der Filmemacher und Autor Wenzel Storch mit seiner ersten Theaterarbeit in eine wundersame, exotische Welt, die von der offiziellen Literaturgeschichtsschreibung sowieso immer nur ignoriert wurde. Und selbst die katholische Kirche breitet mittlerweile lieber den Mantel des Schweigens über sie.

Doch das war nicht immer so. In den 1950er bis 70er Jahren wurden die von schwülen, erotisch aufgeladenen Metaphern geradezu überquellenden Jugendromane des Schriftstellers, Kampffliegers und Päpstlichen Ehrenprälaten Berthold Lutz von katholischen Teenagern teils begeistert gelesen. Schließlich lockte Lutz seine jungen Leser, wie es einmal in "Komm in meinen Wigwam" heißt, "in ein magisches Reich voll frischgrüner Stengel und nickender Kelche!"

Zwischen Mystik und Pop

Und genau diese Welt beschwören der anarchische Exzentriker Wenzel Storch und seine Ausstatterin Pia Maria Mackert nun noch einmal herauf, in Form eines "bunten Abends". Dafür haben sie eine Art Gemeindesaal mit niedriger Bühne, einem die ganze Breite des Raumes einnehmenden violetten Vorhang, einer schlichten Kanzel und einer wie ein Bild gerahmten Leinwand geschaffen. Der ideale Ort für eine Inszenierung, die fortwährend zwischen launigem Vortrag und absichtlichem Laienspiel, zwischen religiöser Mystik und profaner Pop-Kultur hin und her schwankt.Wigwam2 560 BirgitHupfeld uDer Dramaturg als Privatgelehrter: Thorsten Bihegue © Birgit Hupfeld

Einiges davon könnte wahrscheinlich sogar tatsächlich in einem katholischen Gemeindesaal stattfinden. Der herrlich pathetische Ton, den Ekkehard Freye in der Rolle des offensichtlich in den 1970er Jahren hängengebliebenen Conferenciers anschlägt, hat auf jeden Fall etwas klassisch Sakrales. Der geradezu heilige Ernst, mit dem er von dem Autor von Jugendromanen mit so blumigen Titeln wie "Die leuchtende Straße" und "Das heimliche Königreich" schwärmt, wirkt sogar ansteckend. Und mit seiner geradezu absurd linkischen Darstellung des enthusiastischen Privatgelehrten Baldrian, in dem sich auch ein satirisches Selbstporträt Wenzel Storchs versteckt, würde der Dramaturg Thorsten Bihegue perfekt in ein kirchliches Provinz-Kulturprogramm passen. In jeder seiner voller Übereifer eingeworfenen Sentenzen halten sich intellektuelle Anmaßung und entwaffnende Naivität die Waage.

Ein aufreizendes Paradies

Im Vergleich zu Storchs wüst-grotesken Filmphantasien geht es in diesem von Schlagern wie Heinos "Komm in meinen Wigwam" und religiösem Pop wie dem "Lied der Dornenvögel" von den Kastelruther Spatzen begleiteten Ausflug ins Reich der katholischen Sexualmystik fast schon maßvoll zu. Hier verstümmelt sich, anders als noch in seinem Debütfilm "Der Glanz dieser Tage", kein Priester selbst. Und auch von den phantastischen Exzessen, denen er noch in "Die Reise ins Glück" gefrönt hat, ist dieser Theaterabend weit entfernt – kein riesiges Schneckenschiff fällt über eine kleine Kapelle her und ergießt sich direkt in den Beichtstuhl. Dabei wäre gerade diese irrwitzige Szene wie geschaffen für eine Hommage an die von verdrängten Trieben und poetischen Ergießungen erfüllte Welt des Berthold Lutz. Aber die Collagen-Technik der Inszenierung, die Lieder mit kurzen Spielszenen, eine herrlich krude Kasperle-Theater-Nummer mit Dias von ausgeschnittenen Zeitungsbildern mischt, ist eher Wenzel Storchs Essays und Büchern verpflichtet.Wigwam1 560 BirgitHupfeld uFrischgrüne Stengel, nickende Kelche, phantastische Blüten. © Birgit Hupfeld

Was nicht heißen soll, dass hier kein Platz wäre für wahrhaft berauschende psychedelische Momente. So ist eben nicht nur von frischgrünen Stengeln und nickenden Kelchen die Rede. Einmal kommt der achtköpfige Chor dazu passend in extrem bunten, äußerst phantasievoll gestalteten Blumen- und Blütenkostümen auf die Bühne. Aus dem kleinen Gemeindesaal wird so ein aufreizendes Paradies, wie es sich die katholischen Anstands- und Aufklärungsliteraten nicht prächtiger hätten ausmalen können.

Worte wie Samenkörner

Auch ein Ausschnitt aus Storchs antiklerikalem und doch zutiefst katholischem Debütfilm "Der Glanz dieser Tage" darf nicht fehlen: die berühmt-berüchtigte, an die Animationsfilme der Augsburger Puppenkiste erinnernde "Popel-Ralley", in der die Popel der Messdiener aus aller Welt in den Vatikan gebracht werden. Aber letztlich ist die Aufführung doch eher dem (ebenfalls zitierten) Diktum Hermann Hesses verpflichtet: "Worte sind wie Samenkörner, die nach dem Lesen aufgehen und zu wachsen beginnen." Die schwülstige Poesie eines Berthold Lutz und die hintersinnigen Kommentare Wenzel Storchs, die auch immer wieder auf die Kontinuitäten zwischen der Ideologie des Dritten Reichs und den katholischen Idealen der Nachkriegszeit verweisen, sinken tatsächlich wie Samen ins Bewusstsein ein und treiben dort teils phantastische, teils verstörende Blüten.

 

Komm in meinen Wigwam
von Wenzel Storch
Uraufführung
Regie: Wenzel Storch, Bühne und Kostüme: Pia Maria Mackert, Dramaturgie: Thorsten Bihegue, Licht: Rolf Giese.
Mit: Ekkehard Freye, Thorsten Bihegue, Heinrich Fischer, Jana Lawrence, Finnja Loddenkemper, Leon Müller, Maximilian Kurth, Regine Anacker, Solveig Erdmann, Bärbel Göbel, Lilli Fehr-Rutter, Sabine Kaspzyck, Margret Kloda, Heike Lorenz, Katrin Osbelt, Birgit Rumpel, Anette Struck, Ulli Wildt.
Dauer: 1 Stunde 15 Minuten, keine Pause

www.theaterdo.de

 


Kritikenrundschau

"Storchs Erkundungen im Unterholz altbundesrepublikanischer Mentalitätsverwirrungen" machen "einen Mordsspaß" – im Film wie auch in diesem bunten "Gemeindehaus-Revueabend" am Theater Dortmund, so Thomas Groh in der taz (20.10.2014). Lustvoll beschreibt der Kritiker die lüstern-katholische Bild- und Sinnlichkeit dieser Inszenierung. Aber: "Bei allem Amüsement vergisst Storch nicht, dass im aufgehäuften Material, den blumigen Metaphern, den erotisch angehauchten Ministrantenfotos aus Kirchenzeitschriften und den Berichten vom glückseligen Ball- und Indianerspiel zwischen Kaplan und Knaben ein trauriger Kern steckt." Mit Storchs Methode – "Kenntlichmachung durch Überhöhung und Überaffirmation" – stelle sich "unweigerlich die Frage: Was wurde den Jungs im Wigwam angetan?"

Eine Inszenierung, die "das Zeug zum kultigen Langläufer" habe, hat Arnold Hohmann auf dem Onlineportal der Westdeutschen Allgemeinen Zeitung (20.10.2014) gesehen. Die Arbeit zeige Storch "als hartnäckigen Forscher in Bereichen, über die selbst die Kirche gern den Mantel des Schweigens breitet, und als trefflichen Arrangeur des gefundenen Materials." Fazit: "Am Ende des höchst vergnüglichen Abends hat man das Gefühl, einem Dampfkochtopf unter steigendem Druck beigewohnt zu haben."

Es gehe Wenzel Storch "um mehr als eine Trashparade", so Stefan Keim in der Welt (22.10.2014). "Nämlich um die ehrlichen Träume hinter dem schlechten Geschmack." Bei aller Ironie, die sich natürlich doch immer wieder einstelle, sei Storchs halb dokumentarisches Stück wirklich eine Huldigung an die Sinnlichkeit und Opulenz der katholischen Kirche.

In der Süddeutschen Zeitung (27.10.2014) bezeichnet Cornelia Fiedler "Komm in meinen Wigwam" als "eine absurde Pilgerreise in die schwülstig-schwitzigen Welten der Aufklärungsbücher" von Berthold Lutz. Zwangsläufig werde "das Thema Missbrauch miterzählt, da genügen einige minimal übergriffige Gesten. Dazwischen gibt's sakrales Kasperletheater, ein Pornokrokodil, christlichen Pop und einen LSD-Reigen erotisierter Riesenblumen. Ein urkomischer und treffender Kommentar zur richtigen Zeit."

 

 
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