Die Hassbürger greifen an

von Sascha Westphal

Köln, 18. Oktober 2014. Da sind sie, diese Sätze, die jeder nur zu gut kennt. Sei es nun aus Gesprächen im Büro und der Kneipe, oder – und dort fallen sie mit schauriger Regelmäßigkeit – aus den Kommentarspalten im Internet. Sätze wie: "Ich bin ein verdammt normaler Bürger, und ich habe nie ein Vorurteil gehabt. Aber ich habe doch Augen im Kopf." Oder drastischer: "Man muss die Frage stellen dürfen, ob Schwule und Lesben überhaupt Öffnungen haben, die diese Bezeichnung verdienen. Und ob sie das Recht haben, ihre Perversionen an unsere Kinder weiterzugeben." Oder auch: "Wir verstehen, dass ein paar Juden und Russen immer mehr Geld haben und wir sind egal."

Was gesagt werden muss

Die, die diese Sätze in Sibylle Bergs neuem Stück von sich geben, sind in jeder Beziehung durchschnittliche Repräsentanten des sogenannten Mainstreams. Vielleicht waren diese weißen und heterosexuellen Männer sogar mal recht erfolgreich. Doch mittlerweile bröckeln die Fassaden wie auch die Fundamente ihrer Mittelschicht-Existenz. Das erzeugt Frust und einen Hass auf alle, die nicht wie sie sind. Also füllen sie Kommentarspalte um Kommentarspalte mit dem, "was gesagt werden muss." Doch das reicht Frau Bergs ewig unverstandenen und stets ungerecht behandelten Hassmännchen nicht mehr. Also haben sich einige von ihnen bei einem "General" zur Musterung eingefunden. Aus den Schlachten im Netz soll zu guter Letzt ein Krieg in den Straßen werden: "Wir wollen endlich Ruhe schaffen, / Und wenn es sein muss, dann mit Waffen."

vielgutessen2 560 davidbaltzer uAllein unter den Hassbürgern: Yuri Englert als Mann in der Küche © David Baltzer

Dieser Chor der zum Mord wie zum eigenen (Opfer)Tod Bereiten unterbricht in "Viel gut essen", einem Auftragswerk für das Schauspiel Köln, immer wieder den Monolog eines einzelnen Mannes. Auch er ist einer dieser weißen Normalos. Aber die Ruhe, die er zumindest im Moment noch sucht, ist eine andere. Statt sich zu bewaffnen, kocht er ein edles Menü für seine Frau und seinen Sohn und erzählt dabei seine Lebensscheiterngeschichte.

Der Einzelne und die anonyme Masse, das sind in Sibylle Bergs Abrechnung mit dem männlichen Geist der Zeit noch zwei Pole. Sie haben zwar viel gemein, aber der letzte Schritt, der den Mann in der Küche im Heer der Vielen verschwinden ließe, ist erst einmal noch nicht getan. Also fordert die Autorin in ihren Regieanweisungen zwei Bühnen oder zumindest eine deutliche Teilung des Raums. Rafael Sanchez ist mit seiner Uraufführungsinszenierung noch einen Schritt weiter gegangen. Er teilt nicht nur den Raum, sondern auch das Publikum.

Der General bei der Musterung

Sara Giancane hat simple weiße Bühnen in die Halle Kalk gebaut. Sie stehen Rücken an Rücken und bilden eine Art Burgwall, auf dem immer wieder der von dem Punk-Musiker und Schauspieler Jens Rachut verkörperte "General", ein agitierender Provokateur mit karottenfarbenen Haaren und Army-ähnlicher grüner Jacke, auftaucht. Je nachdem auf welche Seite des Walls man sieht, erblickt man entweder den von Yuri Englert gespielten Einzelnen oder die Musterung von vier verdrucksten Typen um die 30, die man sich eigentlich eher als verhasste Hipster denn als vom Hass zerfressene Durchschnittsbürger vorstellen würde.

Und das wären auch schon die ersten beiden Missverständnisse dieser Inszenierung. Einmal abgesehen von Jens Rachut, der in seinen bizarren Auftritten dem von Frau Berg gemeinten Typus einen Zerrspiegel vorhält und so die Fratze hinter der bürgerlichen Fassade offenbart, sind alle anderen Darsteller zu jung besetzt. Sprache und Bild kommen einfach nicht zur Deckung. Aber noch fataler ist der Bühnenaufbau. Die Wechselwirkungen zwischen Chor und Einzelnem verpuffen kläglich, wenn man die eine Seite zwar hört, aber nicht sieht.

vielgutessen1 560 davidbaltzer uDulden Homoerotik nur in den eigenen Reihen: Hassbürger bei der Musterung
(Jakob Leo Stark, Simon Kirsch, Mohamed Achour, Thomas Müller) © David Baltzer

Die Dynamik der Eskalation, die Englerts Figur schließlich näher und näher an die Armee der Frustrierten heranrückt, läuft schnurstracks ins Leere. Aber genau das scheint auch Sanchez' Absicht zu sein. Natürlich hat dieser Text etwas Verstörendes und auch Gefährliches an sich. Schließlich gießt Sibylle Berg all die viel zu vertrauten Hasstiraden gegen Frauen und Asylanten, moderne Künstler und Moslems, Juden und Homosexuelle ganz ungefiltert über dem Publikum aus. So geht sie genau dahin, wo es wirklich noch schmerzt.

Mit runtergelassener Hose

In dieser Uraufführung schmerzt allerdings nichts, außer den unzähligen verpassten Chancen. Sanchez hält den Text auf Distanz und flüchtet sich zudem in den Chorszenen in abstruse Albernheiten. So müssen Mohamed Achour, Simon Kirsch, Thomas Müller und Jakob Leo Stark genau in dem Moment die Hosen herunterlassen und mit der Hand an der Unterhose ein gemeinsames Masturbationsritual simulieren, in dem Yuri Englerts Figur auf der anderen Seite davon erzählt, wie sie das erste Mal onaniert hat.

Diese Art der Bebilderung ist derart oberflächlich, dass man es kaum glauben will. Da hilft es auch nicht, dass diese Szene wie fast alle Musterungsspiele die verdrängte Homoerotik, die Teil dieses (para)militärischen Männerbundes ist, so offensichtlich ausstellt. Ein Gag, der auch nur Distanz und keine Erkenntnis schafft. Zum Ende hin greifen die vier dann nicht zu den Waffen, sondern schlüpfen in hautenge hellbeige Ganzkörper-Overalls, setzen sich blonde Pony-Perücken auf und schminken sich die Lippen blutrot. Wollen diese verbitterten Männer in Wahrheit also nur Frauen sein? Wer das glaubt, wird wahrscheinlich einmal böse erwachen.


Viel gut essen
von Sibylle Berg
Uraufführung
Regie: Rafael Sanchez, Bühne: Sara Giancane, Kostüme: Ursula Lauenberger, Musik: Jens Rachut, Licht: Jan Steinfatt, Dramaturgie: Jens Gross.
Mit: Mohamed Achour, Yuri Englert, Simon Kirsch, Thomas Müller, Jens Rachut, Jakob Leo Stark.
Dauer: 1 Stunde 25 Minuten, keine Pause

www.schauspielkoeln.de

 

Kritikenrundschau

Sibylle Bergs neues Stück sei "eine große Nummer", besser als das jüngst zum Stück des Jahres gekürte "Es sagt mir nichts, das sogenannte Draußen", schreibt Tobias Becker auf Spiegel Online (20.10.2014). "Viel gut essen" sei "immer wieder scham- und schonungslos, zynisch und provokant, aber es ist mindestens ebenso oft melancholisch. Es ist brüllend komisch, aber auch todtraurig." Man habe mitunter "Mitleid mit dem rechtspopulistischen Jedermann, manchmal sogar Verständnis für ihn", wenn er "sich von Geschmacklosigkeit zu Geschmacklosigkeit monologisiert" und dazu kocht – "der kleinbürgerliche Groll seines neuen Lebens steht in hartem Kontrast zu den großbürgerlichen Zutaten seines alten". Leider wisse Regisseur Rafael Sanchez "wenig mit der Vorlage anzufangen". Er bringe es "fertig, den so klaren, konkreten, realistischen Text zu verrätseln, zu abstrahieren und mit angestrengtem Kunstwollen zu beladen".

Sibylle Bergs "monologisierende Bestandsaufnahme" der "Krise Mann" habe den "Nerv getroffen", lobt Karin Fischer in der Sendung "Kultur heute" auf Deutschlandfunk (19.10.2014). Das Stück hätte "schnell eine Anhäufung von Klischees werden können, aber Sibylle Berg formuliert so, dass diese Männer immer exakt auf dem schmalen Grat balancieren zwischen der Not, die aus ihren Sätzen spricht, und dem Zynismus, den sie beinhalten". Gekonnt tänzele der Text "auf der Metaebene" zwischen "Das kannst du so doch nicht sagen!" und "Das muss man aber doch noch sagen dürfen!", also auf genau jener "Linie, deren Überschreitung Thilo Sarrazin für einen notwendigen Tabubruch hält und die politisch korrekte Mehrheitsgesellschaft für Rassismus. Ja, vieles klingt reaktionär oder sozialfaschistisch. Trotzdem fällt es schwer, sich davon zu distanzieren."

"Natürlich hagelt es Klischees in dem Stück, das sind die bevorzugten Zutaten, wenn Frau Berg anrichtet", und der Text habe auch "ein paar Längen, aber im letzten Viertel schafft die Autorin es doch, das abgekühlte Interesse an ihrem Unglückshelden neu aufzuwärmen" und "man erschrickt darüber, was für ein unseliges Gebräu von Vorurteilen da ganz schnell überkocht, wenn die appetitliche Kruste einmal geplatzt ist", sagt Ulrike Gondorf in der Sendung "Fazit" auf Deutschlandradio Kultur (18.10.2014). Leider habe Regisseur Rafael Sanchez die Freiheit Vorlage "nicht sehr glücklich genutzt. Er machte aus dem Abend eine Kunstanstrengung, die auf die Dauer ziemlich gezwungen und steril wirkt."

"Rafael Sanchez hat sich klug zurückgehalten und dem starken Text eine klare und dennoch sehr komische Form gegeben", lobt Christian Bos vom Kölner Stadt-Anzeiger (20.10.2014) Regie und Autorin gleichermaßen. Sibylle Berg nehme sich ihr Sujet der Internet-Trolle vor, "indem sie ihren eigenen Ton schonungslos ins Trollige abrutschen lässt und aus den Augen der Erniedrigten und Beleidigten auf die Welt schaut. Das Ensemble übersetzt das überzeugend ins Spiel, Yuri Englerts Solo auf der anderen Seite ist schlicht grandios."

Als "lahmes Hörspiel" kanzelt der Bonner General-Anzeiger (20.10.2014) mit Autorin Sandra Nuy diesen Abend ab (nachzulesen auch in der Kölnischen Rundschau). Bergs "Suada über das Mannsein erweist sich als vielstimmige, aber vollkommen undramatische Feuilleton-Kolumne, der es zu allem Überfluss an Zynismus gebricht. Und so stellt sich ein Gefühl ein, das bei einem Text von Frau Berg (wie sie im Programmheft firmiert) am wenigsten zu erwarten war: Langeweile."

"Eine ironische, tieftraurige, vernichtende Zeitdiagnose, wie man sie von der viel geliebten und gehassten Autorin Sibylle Berg erwartet", so Cornelia Fiedler in der Süddeutschen Zeitung (21.10.2014). Rafael Sanchez habe das Stück nun "formal gewagt, inhaltlich mutlos" inszeniert. Die Schauspieler bilden "eine Art Selbsthilfegruppe für nölende Mittelstands-Würstchen, in der die Ressentiments des Einzelnen zur rassistischen, antisemitischen, frauen- und schwulenfeindlichen Kenntlichkeit zugespitzt werden". Ein derart verführerischer Text verlange eine klare Haltung von Regie und Dramaturgie, "die aber fehlt".

Regisseur Sanchez habe nicht nur alle militärischen Anspielungen des Texts gestrichen, "er nimmt mit der nerdigen Selbsttherapie jede Bedrohlichkeit", schreibt Hans-Christoph Zimmermann in der taz (21.10.2014). Am Ende müsse der Chor auch noch in fleischfarbenen Ganzkörperanzügen herumhopsen. "Der Einzige, der seiner Wut freien Lauf lässt, ist Jens Rachut, der als musikalischer Einpeitscher auf der Demarkationslinie zwischen den Bühnen in lichter Höhe tobt." Der Sinn der Bühnentrennung bleibt letztlich unersichtlich. Sind öffentliche und private Sphäre wirklich derart säuberlich zu trennen? Fazit: So einfach sei Bergs bissigem, zugespitztem Mittelschichtpsychogramm nicht beizukommen.

 

 
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