Erzählen und erzählen lassen

von Julia Stephan

Aarau, 22. Oktober 2014. Es gibt Theaterabende, nach denen man es als Kritkerin bitter bereut, den Bühnenstoff wie eine Musterschülerin vorbereitet zu haben. So passiert bei der Uraufführung des "Argentiniers", einer Novelle des Schweizer Schriftstellers Klaus Merz aus dem Jahr 2009. Der Lakoniker Merz, der 1997 mit dem Fast-Roman "Jakob schläft" international bekannt wurde, zeichnet im "Argentinier" in zarten Skizzen die Lebensgeschichte eines Schweizers nach, der in der Nachkriegszeit nach Argentinien auswandert, um Gaucho zu werden, in Buenos Aires eine Karriere als Tango-Tänzer startet, und schliesslich für seine Jugendliebe in die Schweiz zurückkehrt. Dort fristet er bis zum Tod ohne weitere Ausreisser ein sehr mittelmässiges und sehr schweizerisches Leben als Dorfschullehrer. Trotzdem bleibt er in den Augen der Dorfbewohner auf Lebenszeit ein Fremder, der die volle Integration in das sozialen Gefüge des Dorflebens geschickt vermeidet.

derargentinier2 560 andreaszimmermann uIm Guckkasten: Diego Valsecchi und Newa Grawit © Andreas Zimmermann

In der Novelle erfährt man die Lebensgeschichte des „Argentiniers“ von dessen Enkelin Lena. An einem Klassentreffen rekapituliert sie sein Leben vor einem namenlosen Ich-Erzähler. Und natürlich geht es hier – die Merz’schen Sätze deuten es an – um mehr als um geteilte Erinnerung. Es geht um eine neue Liebesgeschichte zwischen der Erzählerin und ihrem Zuhörer, die sich an der alten entzündet. "Erzählen und erzählen lassen", das sei eigentlich alles, was es brauche, um die Welt und einander auf diesem behutsamen Weg bereits erfahren und besser begreifen zu lernen, lautet einer der Schlüsselsätze des Textes, der "das Leben in der Möglichkeitsform" (so die NZZ) als gleichwertige Alternative zur Orientierung an der harten Realität anbietet.

Tänzeln, innehalten, fortschreiten

Seit Ende 2012 hat die Schweizer Theatergruppe Theater Marie ein neues Kernteam. Nach der Bearbeitung rasanter Erzählstoffe wie etwa Alex Capus' Roman "Glaubst du, dass es Liebe war?" und der gelungenen Umsetzung des "Grossen Gatsby" von F. Scott Fitzgerald wagt sich das Team um das Brüderpaar Oliver Keller und Patric Bachmann zum dritten Mal an eine literarische Vorlage. Der "Argentinier" ist ein Text, der nicht atemlos plappert, sondern in sich selbst ruht, und sich dem erfüllten Leben seines Protagonisten nicht linear, sondern in konzentrischen Kreisen nähert.

Für das unspektakuläre Grundgerüst des Textes steht auf der Bühne des Theaters Tuchlaube in Aarau eine aus einfachen Holzplatten gezimmerte Guckkastenbühne (Bühne: Erik Noorlander, Linda Rothenbühler). Die darin eingelassene kreisrunde Plattform dreht sich von Zeit zu Zeit als Metapher für den zirkelförmigen Erzählgestus. Auf ihr rekapitulieren Lena (Newa Grawit) und der namenlose Ich-Erzähler (Diego Valsecchi) tänzelnd, innehaltend und fortschreitend die Lebensgeschichte des Argentiniers. Zwischen ihnen steht eine Kamera mit Stativ, mit der sie sich gegenseitig filmen.   

In warmes Licht getaucht

Der Respekt vor Klaus Merz, der am Premierenort geboren ist, muss gross gewesen sein. Das Marie bringt die Novelle naturbelassen, ohne dramatische Eingriffe. Das ist schade, denn auf der Bühne will dieser Novellenton nicht so recht mitreissen. Die Schauspieler wirken im Erzählstrom gefangen, bleiben auf der Bühne hinter ihren Möglichkeiten zurück. Auf was der Flirt mit der Kamera, den die Zuschauer auf einem Röhrenbildschirm mitverfolgen, schliesslich hinausläuft – nämlich auf die Entstehung einer neuen Geschichte aus der Reibung zwischen Erzähler und Zuhörer –, ist ein oft gesehener dramaturgische Kniff, der kaum zu überraschen vermag.

derargentinier 560 .andreaszimmermann ujpgErgänzung zum Guckkasten: die leerstehende Reithalle als Ort der Sehnsucht,
der Weite und der Erinnerung © Andreas Zimmermann

Man hätte sich gewünscht, das Team vom Theater Marie hätte noch etwas mehr seinen eigenen Erzählqualitäten vertraut, als nur erzählen zu lassen. Die Intimität zwischen den zwei Hauptdarstellern, die in warmes Licht getaucht ist und der Humor der Merzschen Sätze, die ohne Bitterkeit und ziemlich selbstverständlich vom Leben und Sterben erzählen, treffen den Zuschauer unmittelbar. Wäre da nicht das Gefühl, einer Lesung beizuwohnen, dessen Text – welch ein Pech! – man gerade erst gelesen hat.


Der Argentinier
nach der gleichnamigen Novelle von Klaus Merz
Regie: Olivier Keller, Bühne, Kostüm: Erik Noorlander, Linda Rothenbühler, Musik: Pascal Nater, Dramaturgie: Patric Bachmann.
Mit: Newa Grawit, Diego Valsecchi.
Dauer: 1 Stunde 30 Minuten, keine Pause

www.tuchlaube.ch

 

 
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