Willkommen im Neandertal

von Falk Schreiber

Hamburg, 25. Oktober 2014. Stumpf starrt die Horde vor sich hin. Mal grunzt einer, mal faucht eine zurück, aber viel ist nicht zu erwarten von diesem Haufen. Und als sich endlich die Erkenntnis verbreitet, nutzen die Figuren das neu gewonnene Wissen als erstes, um einander an die Gurgel zu gehen. Respekt: So schlüssig wie Antú Romero Nunes hat wohl bislang noch niemand die Anfangsszene von Stanley Kubricks "2001" in Richard Wagners "Ring des Nibelungen" hineininterpretiert. Keine Götter und Halbgötter agieren hier, sondern Neandertaler, die sich 30 Minuten lang nicht einmal halbwegs zu artikulieren verstehen – und deren Persönlichkeitsentfaltung als Sprachfindung schon die Richtung der Inszenierung vorgibt.

Action! Inzest! Drachen, Riesen, Zwerge!

Nunes, seit dieser Spielzeit Hausregisseur am Hamburger Thalia, ist abonniert auf die ganz großen Stoffe: Melvilles Moby Dick und Mozart / Da Pontes Don Giovanni schulterte er zuletzt mit Leichtigkeit, auch beim dem "Ring" thematisch nahen Merlin von Tankred Dorst und Ursula Ehler meisterte er die Schwere des Stoffes durch ökonomischen aber wirkungsvollen Einsatz szenischer Phantasie sowie ein gehöriges Maß Unverfrorenheit. Nunes' Regiekonzept für Wagners "Ring" (zunächst sind die ersten beiden Teile "Rheingold" und "Walküre" zu sehen, "Siegfried" und "Götterdämmerung" folgen im Januar) lautet: Musiktheater mit Schauspielern ist uninteressant, also wird die Musik weggelassen. Die Inszenierung orientiert sich inhaltlich (für Nunes' Verhältnisse) recht eng an Wagners Version der Nibelungensage, allerdings wird nicht die Oper gespielt, sondern eine Art Schauspiel nach Wagners Libretto, während Johannes Hofmanns Musik mal die Originalpartitur zitiert, mal in dunkle Gothic-Gefilde mäandert und mal melodramatisch in Streichern schwelgt.

Was ebenfalls außen vor bleibt: eine inhaltliche Auseinandersetzung mit dem Stoff als nordischem Nationalmythos. Sowie eine kritische Position zur Persönlichkeit Wagners – die Vereinnahmung des Komponisten von rechts wird im Programmheft durch einen Aufsatz Peter Bernes recht schnöde abgehandelt: ein Missverständnis. Thema geklärt. Tatsächlich scheint sich der Regisseur in erster Linie für die nackte Story zu interessieren, die er hauptsächlich für spannenden Fantasy-Pulp hält: Action! Inzest! Drachen, Riesen, Zwerge!

Getümmel, Gereimtes, Geleiertes

Nunes ist ohne Zweifel ein Theatermacher, der Action kann. Auch im "Ring" beeindrucken die Massen- und Kampfszenen, ohne dass sie zu Materialschlachten ausarten; viel mehr als eine Drehbühne, etwas Bühnennebel, klugen Licht-Schatten-Einsatz und hochmotivierte Schauspieler benötigt die Inszenierung nicht, um das Publikum in ein Getümmel zu zerren. Was Nunes aber nicht so gut beherrscht, sind stillere Passagen, und von denen gibt es gerade im zweiten Teil, "Walküre", einige. Über weite Strecken verlässt sich die Inszenierung hier darauf, dass der ausgiebige Gebrauch von Stabreimen schon über die streckenweise wenig durchdrungene Handlung trägt, und, ja, "Wie in den Gliedern brünstige Glut mir glüht!", das klingt schon toll, wenn es ein irrlichternder Schauspieler wie André Szymanski als Alberich spricht, "Lüstern lechz' ich nach euch!", herrlich!

rheingold 560a stefanmalzkorn hLisa Hagmeister meditiert als Sieglinde überm Rheingoldklumpen, im Hintergrund:
Neandertaler © Stefan Malzkorn

Allerdings erkennt man hier auch, was das große Problem von Nunes' Regie ist, die die Musikalität von Wagners Vorlage einzig auf die Sprachebene verlegt und sich ansonsten darauf verlässt, dass die Handlung einen schon durch die Geschichte tragen wird: Sie lässt die Schauspieler ziemlich im Regen stehen, auf dass die schon wissen werden, was man mit solch einem Irrsinn von Stück anfangen soll. Das funktioniert bei Marina Galic, die ihre Brünnhilde mit aller Leidenschaft ausstattet, zu der sie fähig ist. Das funktioniert eher weniger bei Alexander Simon, dessen gepflegtes Beiseitesprechen sein Spiel in der Regel mit beiläufiger Ironie auflädt, der hier als Wotan allerdings durch exzessives Alliterieren ins Leiern gerät. Und so passiert etwas, was man von Nunes' Inszenierungen eigentlich nicht gewohnt ist: Insbesondere "Walküre" zieht sich. Diese Inszenierung ist, das muss man leider feststellen, manchmal ziemlich langweilig.

Aber noch ist der "Ring" lange nicht auf der Zielgeraden. Vielleicht erschließt sich Nunes' Zugriff ja erst im Januar, wenn die Tetralogie abgeschlossen ist? Denn, um ehrlich zu sein: "Rheingold / Walküre" dauert in der musikfreien Thalia-Fassung gerade mal drei Stunden, bei den Bayreuther Festspielen werden für den Stoff rund sechs Stunden veranschlagt. Und es behaupte niemand, dass in diesen sechs Stunden nicht auch hin und wieder Langeweile ihren Platz habe. Entsprechend sollte man den Tag nicht vor der Götterdämmerung verreißen.

 

Der Ring: Rheingold / Walküre
nach Richard Wagner und Altvätern
Regie: Antú Romero Nunes, Ausstattung: Matthias Koch, Musik: Johannes Hofmann, Musikalische Mitarbeit: Anna Bauer, Dramaturgie: Sandra Küpper, Licht: Jan Haas, Christiane Petschat.
Mit: Marina Galic, Lisa Hagmeister, Peter Jordan, Daniel Lommatzsch, Thomas Niehaus, Bärbel Schwarz, Cathérine Seifert, Alexander Simon, André Szymanski.
Dauer: 3 Stunden, eine Pause

www.thalia-theater.de

 

Auch in Michael Thalheimers Inszenierung von Hebbels Nibelungen am Deutschen Theater Berlin (März 2010) hatten die Figuren einige Ähnlichkeit mit Neandertalern. Eine umstrittene "Nibelungen"-Version, ebenfalls nach Hebbel, brachte jüngst Sebastian Nübling am Berliner Gorki Theater heraus.

Richard Wagners Ring (inklusive Musik) besprach nachtkritik.de im Sommer 2013 in den vier Bayreuth-Inszenierungen von Frank Castorf: Rheingold, Walküre, Siegfried, Götterdämmerung.

 

Kritikenrundschau

Im Hamburger Abendblatt (27.10.2014) meint Joachim Mischke, dass man "nicht darauf wetten sollte, dass Regisseur Antú Romero Nunes es lediglich auf gepflegtes 'Erkennen Sie die Ironie?'-Zitateraten für besserwisserische Wagner-Kenner angelegt" habe. "Dafür ist viel zu viel Energie in dieser Geschichte, während sie von Anfang an ihrem bösen Ende entgegentrudelt." Nunes habe das "Ring"-Original Wagners "mehr als einladendes Text-Büfett verstanden, zum Herauspicken der gehaltvollsten und saftigsten Stellen, und es je nach Bedarf mit anderen, passenden Mythenteilen ergänzt und erweitert." Dramaturgisch geschwächelt habe diese "Druckbetankung mit Supermythos" dennoch: "Je später der Abend, desto originaler (statt origineller) verlief die Aufsagerei." Gegen Ende schnurre "die episch gemeinte Absicht, das Material radikal umzuformen, mehr und mehr zum klassischen Schauspieler-Theater zusammen."

Antú Romero Nunes setze in seiner "Ring"-Version "nicht auf ein Konzept, sondern auf viele schöne Bilder", schreibt Wolfgang Höbel auf Spiegel online (27.10.2014) Es gebe "viel Bühnennebel und düsteres Pathos", doch als "Nacherzählung des Nibelungenstoffs" wirke "das alles schrecklich öde." Nunes sei "schon ein bisschen berüchtigt als ewig Pirouetten drehendes Talent, dem in wichtigen Momenten der Mut fehlt, entschieden Stellung zu beziehen. Freundlich gesagt: Nunes lässt die Dinge gern in der Schwebe. Unfreundlicher gesagt: Der erste 'Ring'-Teil aus 'Rheingold' und 'Walküre' ist von einer Leere bedroht, die mit einem Mangel an Haltung zu tun hat." Trotz "kluger Anspielungen und humoristischer Stegreifübungen" sei einem als Zuschauer "der Fortgang der Handlung (…) bald ebenso schnurz wie deren höherer Sinn."

"Trotz einer über weite Strecken großen Treue zum Text bricht Nunes den Ernst der Wagnerschen Sprache immer wieder humorvoll auf", wodurch er "dem Stoff seine weihevolle Schwere" nehme und "die Götter zu menschlichen Figuren" mache, meint Marcus Stäbler auf NDR.de (26.10.2014). "Das ist das große Plus des actionreichen, mit reichlich Trockeneis und spritzendem Theaterblut gefüllten Abends. Trotzdem gelingt es dem Regisseur nicht, über drei Stunden einen Bogen zu spannen. Weil Wagners Musik als zusätzliche Spannungsebene fehlt."

"Entweder hat irgendwer der Rasselbande eingeredet, man könne mit Wagner die Welt erklären oder aber der Regisseur hat einfach die Kitschbremse nicht mehr gefunden", schreibt Till Briegleb in der Süddeutschen Zeitung (28.10.2014). Jedenfalls führt die "Nacherzählung des Librettos mit den Mitteln eines Burgfestspiels" aus Sicht dieses Kritikers "eher auf eine Text-Baustelle als in die Ruhmeshalle". Für die Fortsetzung im Januar, so Brieglebs Empfehlung "sollte Jungregisseur Nunes so viel Probenzeit erhalten, dass er nicht wieder auf halbem Weg vergisst, dass die Stabreimerei von Wagner zu Wotan, Walhall, Walküre, Wille, Wahn, Weh und Weltherrschaft heutzutage einfach nicht bei Wahrheit oder Waschbrettbauch endet, sondern beim Wandel in den Weltanschauungen – und vielleicht auch im Witz, wie weiland Werksleiter Nunes ihn ganz gut beherrschte."

Nunes setze sich in dieser Göttergeschichte als der oberste Gott, nämlich der Gott des Spotts und der Ironie, "und da Wagners Musikdramen in Hamburg auf drei Stunden
komprimiert werden und also sehr viel Stoff in kurzer Zeit pantomimisch angespielt,stumm vorausgesetzt oder hochfahrend aus dem Zusammenhang gerissen wird, hat das Stück eine gewisse schöpferische Unübersichtlichkeit (…), die den Zuschauer aber
nicht irritieren muss", schreibt Peter Kümmel in der Zeit (30.10.2014). Man dürfe sich, das sei Nunes’ Höflichkeit, in dem Gefühl wiegen, das Wesentliche schnell begriffen zu haben.
Die größte Grausamkeit, die die Regie Wagner antue, sei der Entzug der Musik. "Mit den
Entzugsschmerzen, die sich für alle Abhängigen ergeben, müsste Nunes spielen, man müsste die Musik in ihrer Abwesenheit spüren, ja heraufbeschwören, dann hätte dieser
Abend jene Dichte (im Sog einer unerhörten Partitur), den er nur in wenigen Szenen gewinnt." Die Schauspieler seien wunderbar, sie legten Feuer an Wagners Stabreime, "aber sie tun einem doch ein wenig leid: Es ist, als sehe man Nomaden dabei zu, wie sie in einem ausgetrockneten Flussbett nach einer Quelle suchen."

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