Zeitgeistvampire, Kampfstuten, Karrierehyänen

von Esther Boldt

Mannheim, 29. Oktober 2014. Das letzte Wort im Kampf der Geschlechter ist noch nicht gesprochen. Angesichts dieser Wortspielperlen wäre es auch schade drum: Männer sind da Entwicklungsländer, eingelagerte Eizellen Gefrierschrank-Engelchen und eine Handvoll herumstehender Frauen ein Geschlechtskränzchen. Es hagelt Durchsetzungsmechanismen mit Kampfstuten und Karrierehyänen. In ihrem neuen Stück "Herrinnen" umkreist Theresia Walser die Untiefen des heutigen Frauseins, tappt aber auch tief hinein – auf High-Heels oder barfüßig. Am Nationaltheater Mannheim hat Hausherr Burkhard C. Kosminski das Stück nun uraufgeführt, das sechste Auftragswerk seit 2006, das er der jüngsten Tochter Martin Walsers vergab.

In "Herrinnen" warten fünf Frauen in Abendgarderobe, Hosenanzug, schulterfreiem Overall und Minirock. Sie alle sind nominiert für den "Staatspreis für weibliche Lebensleistung" und belauern sich nun in den Hinterstuben der Preisverleihung so neugierig wie misstrauisch: Rita, die Self-Made-Frau, Managerin einer weltweit agierenden Firma für Mörtelmaschinen und Betonpumpen, die Anke Schubert mit energischer Bodenständigkeit und knarziger Stimme ausstattet. Martha, die erste Staatsanwältin in Leitungsposition des Obersten Gerichtshofs seit 165 Jahren, die Feministin mit dem Hinkebein, deren Kinder – passend zur aktuellen Debatte – bei minus 116 Grad in einem Münchner Eisschrank auf sie warten. Eisig-konzentriert spielt Ragna Pitoll diese Martha, mit strengem Blick im weißen Hosenanzug und mit ebensolchem Pagenkopf.

Tragikomische Zuspitzfiguren

Katharina Hauers Kindergärtnerin Katie ist eine großäugige Weltverbesserin mit guten Tipps für jede Lebenslage, die den Kindergarten erfunden hat, der keinen ausschließt. Und Sabine Fürst spielt die Topmanagerin Tanja als überdrehte, hochtoupierte und langbeinige Karriereschreckschraube und Wochenendsupermutter, Managerin für Suppeninstantpulver mit vier Kindern, 185 Tage im Jahr auf Reisen. Das Ensemble der tragikomischen Zuspitzfiguren wird vervollständigt von Brenda, der etwas schüchternen transsexuellen Mathematikerin, die einmal Bernd hieß und über die schönste Gleichung der Welt zu schwärmen weiß. Sven Prietz wirkt als Transe gelegentlich genauso unsicher wie seine Figur über seine Identität zwischen den Geschlechtern.

herrinnen1 560 hans joerg michel hVier von fünf "Herrinnen": Katharina Hauter, Ragna Pitoll (vorne),
Sabine Fürst, Anke Schubert (hinten) © Hans Jörg Michel

In einer patriarchal geprägten Gesellschaft haben die fünf sich hochgekämpft, nun können sie auch backstage mit dem Kämpfen nicht mehr aufhören: Sie unterbrechen und übertrumpfen sich in der Schilderung ihrer Erfolgswege, die unbedingt Leidenswege sind, und beleidigen sich in so komischen wie treffsicheren Wortscharmützeln aufs Feinste. In einem schwarz-weißen Warteraum mit Stuhlreihen und Säulen  vereinzeln sie sich wortreich, jede eine schwer bewaffnete Einsamkeitsgestalt. Auch ihre Kostüme sind schwarz und weiß, wie das Denken, gegen das dieser Lebenspreis angehen soll.

Leise Bitterkeit

Doch wer ihn erhält, das werden wir nicht erfahren: Denn Rita und Co. heißen in Wirklichkeit Luzi, Carla, Betty, Iris und Malte, sie sind Schauspieler|innen, die das Stück "Die Tür" von Gloria Wolf proben. Morgen ist Premiere, in Tirol. Vorher aber gibt es noch einiges zu klären, denn auch als Schauspieler|innen sind sie Konkurrent|inn|en, die manisch den Erfolg ihrer letzten Hauptrolle in Remscheid beschwören, sich über den richtigen Theaterbegriff streiten, über das Spiel mit oder ohne Vierte Wand, mit Figur oder doch mit Mechanismus, und um den Inhalt des Stückes: Frauen, Behinderte, Transsexuelle! Der reinste Zeitgeistvampirismus, meint Malte: Dass man auch auf jede Theaterlaufstegmode aufspringen müsse und jede frisch dahergelaufenen Glaubenshaltung nachbeten! Andererseits findet er es gönnerhaft-toll, dass das Stück anspruchsvolle Rollen für gleich vier Frauen mittleren Alters biete – die seien ja sonst arbeitslos.

Kosminskis zurückhaltende Regie konzentriert sich ganz auf die Schauspielerinnen und ihre Wort-Pirouetten. Er setzt die Komödie aufs Gleis und lässt sie dort abschnurren. Theresia Walser gelingt unterdessen mit dem Theater im Theater ein geschickter Kniff: Sie greift aktuelle Diskurse um Frauenquoten und Familienplanung auf, um die Integration Behinderter und den Umgang mit Trans- und Crossgender, reflektiert diese Diskursmoden und ihren häufig so atem- wie gedankenlosen Widerhall im Theater jedoch kritisch – und sogar mit einer Prise Selbstironie. Dabei ist der heitere Abend voll leiser Bitterkeit: Während die Gesellschaft immer weitere Toleranzen, Einschluss- und Differenzierungstechniken austreibt für ihre Randbewohner, ist in diesem Eskalationsszenario rein gar nichts politisch korrekt. Alte Klamotten und gut abgehangene Vorurteile werden bis zum Erbrechen repetiert, und es wird sichtbar, wie wenig doch geht im angeblichen anything goes der Gegenwart.

 

Herrinnen (UA)
von Theresia Walser
Regie: Burkhard C. Kosminski, Bühne: Florian Etti, Kostüme: Ute Lindenberg, Musik: Hans Platzgumer, Licht: Nicole Berr, Dramaturgie: Ingoh Brux.
Mit: Anke Schubert, Ragna Pitoll, Sabine Fürst, Katharina Hauter, Sven Prietz.
Dauer: 1 Stunde 30 Minuten, keine Pause

www.nationaltheater-mannheim.de

 

Mehr zu Theresia Walser? Nach dem Prinzip "alle warten in einem Raum und gehen aufeinander los" hat sie schon mehrere Erfolgskomödien gestrickt, zum Beispiel Ich bin wie ihr, ich liebe Äpfel, das wir bei der Uraufführung in Mannheim und bei der prominent besetzten Premiere in Berlin sahen. Oder auch Ein bisschen Ruhe vor dem Sturm, das wir 2010 in Bern und 2008 in Nürnberg besprachen.

 

Kritikenrundschau

In Theresia Walsers Stück herrsche ein Frauenbild vor, "wie es modernen Frauen nicht gefallen wird (und aufgeklärt-kritischen Männern auch nicht)", schreibt Tobias Becker auf Spiegel online (30.10.2014). Burkhard Kosminski versuche, aus dem "biederen Boulevardstück" eine Farce zu machen, "den lahmen Text also zu beschleunigen", indem er die Schauspielerinnen manche Sätze quietsch- und kreischgrell sprechen lasse (…) und sie andere Sätze aus der dicken Hose heraus anstimmen lasse, "als karikierten sie männlich-tiefes Sprechen". Der karikierende Stil kitzele die biederen Aussagen des Textes erst so richtig hervor. "Wie plump das Stück ist, merkt man so erst richtig auf der Bühne."

In "Herrinnen" drehe Theresia Walser "die Theater-im-Theater-Schraube noch einen Zacken weiter" als in ihren vorangegangen Stücken, schreibt Martin Halter in der Frankfurter Allgemeinen (31.10.2014). "Der Krieg der Powerfrauen wird verdoppelt und gespiegelt im Hauen und Stechen der Erfolgsschauspielerinnen darum, wessen weibliche Lebensleistung am teuersten erkauft wurde und wessen Selbstausbeutung am meisten Applaus verdient." Burkhard C. Kosminski halte "sich als Regisseur beim Gipfeltreffen der 'Herrinnen' klugerweise zurück und lässt die Frauen machen. Sie rennen schwungvoll offene Boulevardtüren ein und holen sich Beulen an der vierten Wand: ein unterhaltsamer Kantinenwitz, ein hinterhältiges 'Geschlechterkränzchen', aber keine Tragikomödie, wie sie zum Beispiel Yasmina Reza hinbekäme."

Christine Dössel von der Süddeutschen Zeitung (31.10.2014) empfindet das "Karrieretussenquintett" – das "schlimmer, sexistischer, chauvinistischer und zum Teil auch faschistischer" sei, als "jeder Stammtischherrenwitz" es lächerlich machen könne – eindeutig als "zu platt und plakativ (…). Statt Figuren: nur Karikaturen: Das ist auf Dauer dann doch banal." Walser packe in ihr Stück zudem "alles an Theaterfrust und Theatererörterungslust rein, was sie als aufgeweckte Kennerin der 'Theaterlaufstegmode' so umtreibt. Womit das Stück zwar immer schön auf der Höhe des Zeitgeists witzelt, über eine ermüdende Theaterselbstbespiegelung letztlich aber nicht weit hinauskommt. Auch nicht in der szenischen Umsetzung durch den Mannheimer Intendanten Burkhard Kosminski, der bei dieser Uraufführung ungewohnt zahm, um nicht zu sagen: lasch vorgeht."

Heribert Vogt hat für die Rhein-Neckar-Zeitung (31.10.2014) ein "vielschichtiges und wendungsreiches" Drama gesehen: Die Frauen seien darin "zwar oftmals Chefinnen im Ring des Geschlechterkampfs, aber ihre Fortschritte verheddern sich doch ständig in der männlich vorgeprägten Lebenswelt, was mit deutlich mehr witziger Ironie als ernstem Sarkasmus über die Rampe gebracht wird." Insgesamt erlebe man bei "Herrinnen" "einen flotten und heiteren neunzigminütigen Theaterabend, der ernste Themen locker verpackt ins Publikum befördert. Nebenbei wird mit weiblichen Klischees aufgeräumt."

"Beide Ebenen" – die Spiel-im-Spiel-Ebene und die eigentliche Spielebene – zielen nach Ansicht von Judith von Sternburg in der Frankfurter Rundschau (31.10.2014) "auf das Exemplarische" – auf der ersten Ebene würden "Muster von Frauenbiografien" aufgespießt, auf der zweiten lasse Walser "Darstellerinnenkonzepte aufeinanderdotzen". Dass die Ebenen "gar nicht scharf zu unterscheiden sind, ist für sich natürlich ein Kommentar – Theater bleibt demnach Theater, egal, ob es ein Stück oder ein Stück im Stück ist. Allerdings: Stimmt das? Und: Will man die eloquente Konversationsklamotte, so böse sie ist, auch auf der anderen Spielebene einfach fortgesetzt sehen?" Regisseur Kosminski jedenfalls wolle das: "Er lässt in Florian Ettis geschmacksneutralem Warteraum mit vielen Sitzgelegenheiten den kalauergeladenen Wortwitz durchschnurren."

"Eingefrorene Eizellen für Kinder in spe – oder das Leben einer polyfunktionierenden Dauer-Performerin in Dauer-Präsenz-Zwangsjacken – das ist hier die Frage", sagt Cornelie Ueding auf Deutschlandfunk (30.10.2014). Das sei "schon kompliziert genug. In diesem virtuosen Theater-Theater-Stück verdoppelt sich die Problematik nun freilich dadurch, dass hinter jeder dieser Vorbild-Frauen ja auch noch ihre jeweilige Darstellerin bzw. ihr Darsteller steckt – und hervortritt. Und diese zweite Ebene macht den Reiz des neuen Stückes von Theresia Walser aus, das sonst in Gefahr wäre, zu einer Revue der Gender-Klischees zu verkommen." Das "in seinen Abgründen von Regisseur Burghard Kosminski eher noch zu vorsichtig ausgelotetes Stück" sei "ein perfekter Stresstest, eine Simulation für Theoreme und ihre Belastbarkeit im wirklichen Leben."

Schauspielfreunde könnten sich "aufgrund des saftigen Mimenangebots wohlig in der bewährten 'Theater im Theater'-Arena suhlen", schreibt Ralf-Carl Langhals im Mannheimer Morgen (31.10.2014), und in ebendieser Arena werde "schnell klar, dass Walsers muntere, manchmal vielleicht auch zu zotige, aber durchaus selbstironische Geschlechtsdebatten-Klischees nicht nur als Fiktion für die Theaterbühne, sondern auch als Realität der Probebühne funktionieren." Vielleicht habe Walser "ihren doppelbödigen Theaterdebatten-Humor (…) ein wenig zu konkret auf Insider ausgerichtet. Die Ausweitung der weiblichen Kampfzone auf die vierte Wand, also den Zuschauerraum, will nicht so recht gelingen. Vielleicht weil die Tür dann doch etwas zu schmal ist für die Detonationssequenz einer langen Pointenkette aus Schauspielmethodik und mimischer Einfühlungstheorie."

 
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