Virus der Blumenwiese

von Friederike Felbeck

Dortmund, 2. November 2014. "Ich mag nicht mehr", sagt der unscheinbare Angestellte, bevor er sich die Krawatte abbindet. Aktentasche und Thermoskanne noch im Gepäck, geht er in den Wald und beschließt ein Tier zu sein. "Die mich lieben, werden mich finden – die kennen ja meinen Geruch",  sagt er und feiert Hochzeit mit den Tieren: "Willst Du mit uns leben?"  – "Ja, ich will!" Zur Belohnung wird er in einen Hirsch verwandelt.

Subbotnik heißt das Label, das sich der Schauspieler Oleg Zhukov, der Regisseur Martin Kloepfer und der Komponist und Musiker Kornelius Heidebrecht vor zwei Jahren gegeben haben. Im Rahmen des diesjährigen Theaterfestivals Favoriten zeigen sie eine Mini-Werkschau, die divergenter nicht sein könnte. Für den Sprung ins Freie haben die drei Protagonisten ihre Karrieren an Stadt- und Staatstheatern ruhen lassen und sind für das renommierte Off-Festival (in diesem Jahr erstmals von Felizitas Kleine und Johanna Yasirra-Kluhs kuratiert) markante Vertreter einer Spezies, die abseits des Mainstreams eigene Erzählweisen, Arbeits- und Produktionsformen erprobt.

subbotnik diesehnsuchtdesmenschen1 560 tomjasny uLieber zum Tier werden? Fragt sich die Gruppe subbotnik  © Tom Jasny

Weitermachen!

Der Coup des diesjährigen Festivals, das alle zwei Jahre statt findet, ist die Bespielung des Museum am Ostwall, MAO genannt, das seit dem Umzug der Sammlung in das Dortmunder U leer steht und dessen Zukunft ungewiss ist. Dort versammelt sind die wichtigsten Gruppen aus NRW und solche, die dort koproduziert wurden, darunter kainkollektiv, copy & waste, Gudrun Lange, Drama Köln e.V. oder vorschlag:hammer. Einzige auswärtige Gäste sind Heine Avdal & Yukiko Shinozaki aus Belgien, die in "Field Works-hotel" in das Art-déco-Ambiente des Hotels Unique einladen und mit Überwachungsbildern und sich auf der hoteleigenen Flatscreen ineinanderschiebenden Realitäten spielen.

Zahlreiche Gruppen haben ihre Produktionen im MAO weiterentwickelt. Um der Unvergleichbarkeit der gezeigten Arbeiten Tribut zu zollen, haben sich die Veranstalter, die Stadt Dortmund und der Verband Freie Darstellende Künste NRW e.V., in diesem Jahr vom Wettbewerb verabschiedet. An die Stelle des Auftrittsnetzwerks ist ein Förderinstrument getreten, "Weitermachen. Förderung für ein Repertoire der Vertiefung", das ein Projektbudget von 5.000 bis 12.000 Euro zur Realisierung einer Recherche- oder Arbeitsphase zur Verfügung stellt, die an eine bereits bestehende Produktion anknüpfen soll. So wurde das Festival zu einer Plattform für den Austausch zwischen den Künstlern und Künstlerinnen selbst.

Museumsmetamorphse mit Hühnern

Der Choreograf Ben J. Riepe leistet den Löwenanteil bei der Metamorphose des Museums am Ostwall. An den sechs Festivaltagen bespielt er gemeinsam mit seiner Kompanie aus Performern, Tänzern, Musikern und singenden Senioren die große Eingangshalle und den ersten Stock des Museums. Da kommt einiges zusammen: Wasser und Nebel, Farben und Glitzer, Kunstlied und echte Hühner, die in einem Parcours aus zersägten Birkenästen picken, Picknick auf Plaids, die dann in der Lobby weidenden Schafen weichen müssen, und ein Mann malt eine Blümchentapete, in der er selbst wie in einer Mimikry verschwindet. Das Ensemble vollbringt mit seinen Begegnungen aus Klang und Bewegung erstaunliches, trotzdem ermüden die Performances, denen die Aura von Vertrautheit anhaftet. Denn solange Happenings wie Carsten Höllers Rentier-Ausstellung "SOMA" oder Marina Abramovics Dauerperformances im Kopf präsent sind, wirken die Beiträge hier doch eher wie eine Blumenwiese der Bilder und Ideen, die man nicht zertrampeln möchte.

see okpanik1 560 christianknieps uBeatpoeten im Watteraum: "Ok, Panik" von SEE! © Christian Knieps

Bissfester zeigt sich die Aufführung "Ok, Panik", für die das Choreografinnenduo SEE! einen der Ausstellungsräume mit Teppichen, Schaumstoff und Matratzen wattiert. Zwei Performer interpretieren wie zwei Beatpoeten den kapitalismuskritischen Text von Peter Licht "Das Sausen der Welt". Sie schwingen zu einer Komposition von Ben Lauber und Christoph "Mäcki" Hamann durch den Raum, die sich herrlich von einer im Hintergrund wabernden Collage emanzipiert hin zu einem Pizzicato aus Tropfgeräuschen und wuchtigen Klängen. Ein Abenteuer für das Auge ist es, den beiden mit den Blicken zu folgen und ihnen zuzuhören, wie sie den assoziativ-philosophischen Text deutlich und griffig machen. Herausragend ist auch die Performance der Lichtkünstlerin Naoko Tanaka "Absolute Helligkeit", die im Studio des Theater Dortmund gezeigt wird. Mit einer an einem langen Kupferrohr befestigten Lampe erkundet Tanaka Skulpturen aus alten Schubladen, die wie Notenständer um sie herumstehen. Die Lampe taucht wie eine Sonde tief in deren dschungelhaftes Innenleben hinein, das sich im Schattenriss wie Adersysteme auf die drei Leinwände legt.

Virus der Beschaulichkeit

Die Favoriten 2014 sind ein üppiges Festival, das ein breites Spektrum an Formen und Inhalten präsentiert. Seit ihrer Gründung als Theaterzwang Mitte der 1980er Jahre ist ihre Auswahl immer so gut, wie die Vorstellungen, die nach einer umfangreichen Sichtung eingeladen werden können. Die Theaterlandschaft NRW, die hier bereist wird, ist vielfältig bis zur Unübersichtlichkeit, paritätisch bis zur Gleichgültigkeit und gut vernetzt bis zur Selbstlähmung. Vom pulsierenden Herzstück des Museums aus mäandert das Festival an diversen Spielorten entlang in die Stadt hinein und gewinnt – auch durch den konsequent freien Eintritt – ein neues Publikum.

Das Museum am Ostwall hat sich als ein mögliches Produktions- und Probenzentrum vorgestellt. Aber durch das allzu gute Benehmen der urbanen Gäste und ihre Sorge durch "aggressive Setzungen" die Besucher verschrecken zu können, hat man sich den Virus Beschaulichkeit eingefangen. Den multiethnischen Hinterhof von Dortmund, die Nordstadt, den Kleine und Kluhs Vorgängerin Aenne Quiñones mutig betreten hatte und der schon längst zur Bronx des Ruhrgebiets geworden ist, wird in dieser Festivaledition ausgespart. Die Gruppen cobratheater.cobra & Neue Dringlichkeit, die das MAO in einer kuscheligen Matratzenlandschaft bewohnen, haben im Vorfeld theaterferne Anrainer des Museums befragt, was sie von einem Festivalbesuch erwarten würden. "Etwas Krasses", sagt einer, "etwas, das den Kopf freimacht und dich dann das ganze Leben lang begleitet." Das wär doch mal was!


White Void # 14 – Landschaften in Bewegung
Choreografie, Konzeption: Ben J. Riepe, in Zusammenarbeit mit: Daniel Ernesto Müller Torres, Simon Hartmann, Lenah Flaig.
Mit: Jbid Hatschadruryan, Rosabel Huguet, Sudeep Kumar Puthiyaparambath, Katharina Wilke und Gästen.

Ok, Panik
Text von Peter Licht "Das Sausen der Welt"
Konzept/Regie: SEE! (Alexandra Knierps, S.E. Struck), Musik: Ben Lauber, Christoph "Mäcki"Hamann, Kostüme/Raum: Theresa Mielich.
Mit: Martin Clausen, Frank Willens.

Die Sehnsucht des Menschen ein Tier zu werden
Von und mit: subbotnik (Martin Kloepfer, Kornelius Heidebrecht, Oleg Zhukov, Olaf Helbing)

www.favoriten2014.de

 
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