Das eigene Bild montieren

von Michael Laages

Dresden-Hellerau, 7. November 2014. Fast sieht es so aus, als liefere ausgerechnet ein choreographisches Theater das Stück zur Stunde. Alle Welt fühlt sich im Augenblick ja berufen, die gloriosen Tage vor 25 Jahren nachzubeten: die Ereignisse rund um den 9. November, diesen deutschen Schicksalstag, an dem 1918 erst das Kaiserreich fiel, zwei Jahrzehnte später die Synagogen brannten und dann, wieder 51 Jahre danach, in Berlin die Mauer und quer durch Deutschland die Grenze fiel zwischen Ost und West.

Menschenbündel aus Aldi-Tüte

Für Momente erinnern sich die Mitglieder vom Tanztheater-Ensemble "Dorky Park" für die jüngste Produktion der Choreographin Constanza Macras daran, was plötzlich alles anders war nach diesem wilden November vor 25 Jahren – um dann aber sehr schnell den Horizont zu erweitern und generell über "The Past", also die Vergangenheit an sich zu erzählen. Was kann das sein: die Kunst des Erinnerns? Jener rätselhafte Prozess menschlicher Bewusstwerdung, der Geschichte in jeder Frau und jedem Mann immerzu von neuem erschafft. Ist sie erlernbar oder angeboren?

past1 560 thomas aurin uAtemlos, dynamische Bewegung: getanzte Erinnerungspolitik.   © Thomas Aurin
In einer jener zu Nachwendezeiten allüberall verbreiteten blauen Billig-Einkaufstüten wird etwas herein getragen. Und als die Tüte gen Bühnenhimmel gehievt wird im Dresdner Festspielhaus Hellerau, faltet sich ein Bündel Mensch aus dieser Tüte heraus, so schmal und schlangenmenschengleich, das es ganz in sich verfangen bleibt, die Arme über Rücken und Brust ineinander verhakt. Diesem Bündel folgt, in unterschiedlichen Konstellationen, das Ensemble.

Kohl-Monstrum und grundierende Klangbehauptungen

Aus den Etagen der mehrstöckigen Stahlkonstruktion im Hintergrund kommt es hervor: mit Badewanne auf einer und zwei Satellitenschüsseln auf einer anderen Etage. Neun Männer und Frauen probieren miteinander Fall- und Flug-, Stütz- und Hebe-Figuren aus, manche derart flüssig, dass einzelne Körper wie zwei Teile derselben Figur wirken. Musik mischt sich dazu – nicht melodisch, eher orientiert an improvisiert wirkenden Sounds, mit viel Schlagzeug, Geige und einer überdimensionalen Holzblockflöten-Konstruktion. Oscar Bianchis mehr oder weniger komponierte Klang-Behauptungen kommentieren nicht, sie illustrieren schon gar nicht. Doch erstaunlicherweise grundieren sie mit der Zeit mehr und mehr und immer intensiver den szenischen Prozess.

Jetzt sind ulkig-bedrohliche Lemuren aufgetaucht: siamesische Zwillinge, ein Monstrum mit grünen Kohlblättern anstelle eines Kopfes, ein schamanisches Wesen auf einem Bein, ganz in Tuch gehüllt. Mit ihnen meldet sich die Theorie sich zu Wort. Tatsächlich wird von der historisch-antiken Kunst des Erinnerns berichtet. Etwa, wie es dem Dichter Simonides gelang, die durch Götter-Macht soeben vernichtete Festgesellschaft seines geizigen Gastgebers, des Boxers Skopas, anhand der Sitzordnung an der Tafel zu rekonstruieren. Da hinein mischen sich reale Geschichten aus der Nachwendezeit – was war denn plötzlich wie neu im Berliner Prenzlauer-Berg-Kiez? Doch noch weiter zurück reicht das Erinnern: Wie erlebte Dresden die Vernichtungsangriffe britischer Bomber am 13. und 14. Februar 1945 ...

Verstrickung, Vernichtung, Widerstand

Das allerletzte Bild wird der (im Grunde natürlich völlig undarstellbare) Dresdner Feuersturm sein – die große Windmaschine des Festspielhauses kommt zum Einsatz. Nachdem schon das ganz Ensemble wie weggeweht wirkt, geht immer noch einer (der aus der Tüte zu Beginn!) allein und fast wie zerfetzt auf den Kern des Sturmes zu. Zeitzeuginnen aus der Stadt hat das Team um Macras und die Hellerau-Dramaturgin Carmen Mehnert befragt. Von dieser Nacht der völligen Vernichtung haben sie erzählt, aber auch von Widerstand und Verstrickung zuvor, im Nazi-Reich, und vom Wiederaufbau danach, etwa vom Neubeginn am Dresdner Schauspielhaus und was da als erstes wieder gespielt wurde.

Selbst diese ganz handfesten Texte aber will das Macras-Ensemble durchaus nicht "bebildern". Fast ganz unabhängig vom dokumentarisch-erinnernden Text entwickelt sich die atemlos-dynamische Bewegung von allen mit allen, bis hin zu merkwürdig wiederholsamen Film-Sequenzen, die immer wieder neu gedreht, das heißt: gespielt werden müssen. Das gehört zu den herausragenden Qualitäten der Macras-Truppe: wie wenig sie darauf angewiesen ist, dass Choreographie und Spiel, Text und Musik miteinander verzahnt werden müssen, um gemeinsam zu funktionieren. So bleiben die 100 Minuten anstrengend für alle. Natürlich für Ensemble und Musiker, aber auch für uns, das Publikum, die wir uns aus den verschiedenen Bedeutungsebenen, den Versatzstücken verschiedener spielerischer Kunstformen, das eigene Bild montieren müssen.

 

The Past
von Constanza Macras & Dorky Park
Regie, Choreographie: Constanza Macras, Musik: Oscar Bianchi, Dramaturgie: Carmen Mehnert, Bühne: Laura Gamberg, Chika Takabayashi, Kostüme: Allie Saunders, Licht: Sergio Passanha.
Mit: Louis Becker, Emil Bordás, Fernanda Farah, Luc Guiol, Miako Klein, Nile Koetting, Johanna Lemke, Ana Mondini, Felix Saalmann, Miki Shoji, Michael Weilacher.
Dauer: 1 Strunde, 40 Minuten, keine Pause

www.hellerau.org
www.schaubuehne.de
www.dorkypark.org

 

Kritikenrundschau

"Wenn eine Tänzerin, während sie den Text einer Zeitzeugin spricht, sich dabei zugleich in einem komplizierten körperlichen Dialog mit einem Tanzpartner verschraubt, so saugt diese Aktion entschieden mehr Aufmerksamkeit als der Text, der so ein seltsamer Fremdkörper bleibt", findet Katrin Bettina Müller in der tageszeitung (11.11.2014). Gelungener seien jene Teile der Aufführung, die sich einem komödiantischen Esprit überlassen. Für mehr Spannung als das Thema sorge die Musik von Oscar Bianchi.

"The Past" sei "kein Populärmachwerk", sondern "eine Reminiszenz an das, was Bühnenkunst vermag: einen eigengesetzlichen Ort kultureller Erinnerung zu schaffen", so Dorion Weickmann in der Süddeutschen Zeitung (11.11.2014). Der Abend frage danach, wie Zeitzeugen das traumatische Geschehen erinnern. Macras habe dazu Interviews geführt, aus denen die Tänzer zitieren. "Ohne ihren rabiat verknoteten Gliedern, den bretthart auf den Boden schmetternden Bäuchen oder nasenwärts kickenden Beinen eine Sekunde Pause zu gönnen, erzählen sie, was den Kriegskindern 1945 widerfuhr. Wie Mütter verschwanden, das Flammenmeer ganze Familien und Straßenzüge verschluckte. Worte und Gesten, Stimme und Körper der Berichterstatter lassen sich dabei nie auseinander dividieren."

"Eine Reise ins Deutungsoffene, aber immer wieder mit konkreten Erinnerungsbezügen" hat Patrick Wildermann bei der Berlin-Premiere an der Schaubühne gesehen und schreibt im Tagesspiegel (29.11.2014): Zusammengehalten werde dieser starke Abend von der Komposition des Italieners Oscar Bianchi – "eine irritierende, zum Thema passend flüchtige Musik".

Für die Berliner Zeitung (28.11.2014) hat Michaela Schlagenwerth "atemlos" zugeschaut, "wie all die hochtrabenden Diskurse über die Kunst des Erinnerns wild wuchernde Fäden spinnen. Fäden, die geschickt und subtil zum Eigentlichen führen: Dazu, Erinnerung lebendig werden zu lassen an Ereignisse, die eigentlich nicht darstellbar sind". Mit "The Past" schließe Constanza Macras ihre beiden großen Themen miteinander kurz. "Das Thema Kindheitserinnerung, mit dem sie 2003 bei 'Back to the Präsent' und dann bei dem mit Neuköllner Kindern erarbeiteten 'Scratch Neukölln' zu ihrer künstlerischen Form fand. Und das Thema Stadt, mit dem sie sich seit sieben Jahren, seit 'Brachland', ihrem Stück über Gated Communities, auseinandersetzt." In "The Past" komme beides auf eine berührende Weise zusammen. "Weil es den Schmerz und den Schrecken unter den die Zeitschichten hervorholt. Klug und subtil einerseits, gleichzeitig direkt und roh, ohne falsches Pathos und Sentiment."

 
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