Und jetzt erzählen sie wieder

von Georg Kasch

Hamburg, 5. April 2007. Wie eine Barrikade liegt der Baumstamm quer auf der Bühne. An ihn lehnen sich die sechs jungen Menschen Anfang zwanzig, die im Mai 1968 in einer kommuneartigen Gemeinschaft leben. Ihn berührend singen sie Revolutionslieder, auf ihm balancieren sie, hier umarmen sie sich kollektiv.

Schließlich demontieren sie den Baum – zerbrochen ist das Vertrauen in den Wandel, zerstört auch die Illusion von freien Liebeskonzeptionen. Starke Bilder findet Alexander Charim in seiner Diplominszenierung für die Berliner "Ernst Busch"-Hochschule, um von einer Generation zu erzählen, die ein autoritäres Staats- und Wertesystem zu stürzen versuchte. Doch ist "Liebe 1968" kein historischer Bilderbogen, sondern Dank der hervorragenden Schauspieler und der vielfältig gebrochenen Erzählperspektive eine Frage an uns: Wie wollen wir leben?

Das Politische ist zurück
Wie ein roter Faden durchzog sie das diesjährige "Körber Studio Junge Regie" in Hamburg, eine Art Theatertreffen für den Regie-Nachwuchs, das im Thalia Theater in der Gaußstraße die Möglichkeit bot, Arbeiten von zehn Regiestudierenden miteinander zu vergleichen. Die Bilanz zeigt: Es wird wieder erzählt, oft kraftvoll und mit dem Willen, eine eigenständige Form zu finden, die die Erzählung spiegelt – und nicht umgekehrt. Filmeinspielungen gehören längst nicht mehr zum stilistischen Repertoire, stattdessen rhythmisieren Musik und Pausen die Erzählungen, und Zigaretten werden gepafft, als sei die Bühne die letzte Bastion des zivilen Ungehorsams. Das Politische ist wieder da, wird aber vor allem im Alltag gesucht – und gefunden: Wie wollen wir leben? Wollen wir so leben? Kann man unter diesen Umständen lieben?

Um diese Fragen gruppieren sich politische Autoren wie Ödön von Horváth, Rainer Werner Fassbinder, Max Frisch, und Themen wie der Mai 1968 oder der Versuch einer neuen Revolution. Gerade die Fassbinder- und Horváth-Inszenierungen "Preparadise Sorry Now" von Beatrix Schwarzbach, "Bremer Freiheit" von Verena Stoiber und "Glaube Liebe Hoffnung" von Barbara Schulte zeigten aber auch, wie sehr man sich an solchen Namen verheben kann, wenn man ihnen kein klares Konzept oder keine eigene Erzählhaltung zur Seite stellt.

Auch das Kollektiv steht hoch im Kurs
Ganz anders Jan Gehler aus Hildesheim, der "Separatisten" nach Thomas Freyers gleichnamigem Stück inszenierte. Seine fünf Schauspieler, allesamt Laien, erzählten mit den einfachsten Mitteln – fünf Stühle, eine alte Stereoanlage – die Geschichte eines abrissbereiten Plattenbauviertels. Dessen Bewohner rebellieren, bauen einen Zaun und gründen eine kommunistische Republik. Das Projekt scheitert. Aus der leisen Geschichte machte das Hildesheimer Kollektiv eine stille, konzentrierte Stunde, die nur zum Ende hin etwas an erzählerischem Sog verlor. Die einfachen Mittel waren ohnehin vielen Inszenierungen eigen.

Oft wurden selbstbewusst die theatralen Mittel offengelegt, wurde das Licht und der Ton auf der Bühne bedient oder erzeugt, wurde stolz behauptet: Seht her, wir machen Theater. Zumeist mit Erfolg. Viele der Regisseure betonten zudem, wie sehr sich ihre Teams als Gruppe, als Kollektiv verstehen und ihre Schauspieler aktiv am Findungsprozess beteiligen. Dieses Prinzip gipfelte in der siebenköpfigen Performance-Gruppe Monster Truck aus Gießen. Hier ist jedes Mitglied in allen (Regie-)Fragen gleichberechtigt. Ihre Science-Fiction-Freakshow "Live Tonight!" polarisierte das Publikum wie kein anderes Stück und präsentierte eine kryptische Bilderfolge, die in ihrer oft schrillen Ästhetik an die Filme des amerikanischen Künstlers Matthew Barney erinnerten und von einer deutlich fühlbaren Binnenlogik getragen wurden.

Es war die einzige Inszenierung, die jeglicher Stadttheatertauglichkeit entbehrte. Im Unterschied zu Jan Philipp Glogers "Biedermann und die Brandstifter" etwa. Seine gestylten Spießer gehen temporeich und witzig den schamlos-charmanten Feuerlegern auf den Leim. Der Zürcher Beitrag entstaubte Max Frischs moralinsaure Parabel in ungewohnter Weise, gelangte aber dort an seine Grenzen, wo das Stück auch mit viel Phantasie keine Reibung mehr zuließ.

Der Preis ging an Julia Hölscher
Der Preis des diesjährigen Körber Studios ging schließlich verdient an Julia Hölscher: Ihre ungemein rhythmische Version von Aki Kaurismäkis "Das Mädchen aus der Streichholzfabrik" besticht nicht nur durch eine überzeugende Figurenführung, sondern durch ungewöhnliche Bilder. Iris arbeitet in einer Streichholzfabrik, unterstützt damit ihre Eltern, die sie ebenso ausnutzen wie Arne, den sie liebt, der sie aber als Zeitvertreib betrachtet. Statt der industriellen Technik des Films beherrschen verrostete Heizkörper die Bühne, die niemanden wärmen, die begossen und geschlagen werden. Aus einfachsten Geräuschen, einem Räuspern, einem Schlurfen entwickelt sich Tobias Vethakes Musik, die sich wie die ganze Inszenierung zwischen mechanischer Monotonie und poetischer Melancholie bewegt und alle Beteiligten zum Tango einlädt. Am Ende verwirklicht Iris ihre private Utopie und tötet die Menschen, die sie unterdrücken. Julia Hölscher setzte  sich auf ungleich sanftere Weise durch und wird in der nächsten Spielzeit am schauspielfrankfurt und am Düsseldorfer Schauspielhaus inszenieren.

 

Körber Studio Junge Regie
www.koerber-stiftung.de

 

 
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