Ein Alien im Autohaus

von Esther Boldt

Frankfurt am Main, 15. Februar 2008. Eben noch hat Autohändler Krone im Foyer zur Rede angesetzt. Zur Einweihung der vierten Halle seines Autohauses, das nun sternförmig in die Landschaft stakt. Doch er unterbricht sich Mal ums Mal, verschwindet aufs Klo, das Alter zwickt und die Blase: "Ich kann nicht mehr." Auf der Bühne haben seine Angestellten schon Stellung bezogen, eine hinreißend traurige Parade der Verkäufer Kino und Szigulla sowie der Putzfrau Olga. Sie recken weißblaue Fähnchen in die Luft, mit freudig gespannten Gesichtern. Und warten.

Olga (Susanne Böwe), mit 80er-Jahre-Welle und silbernen Pumps, gibt als erste auf, zieht sich verlegen einen Schuh aus und reibt ihre Zehen. Kino (Andreas Haase) holt sich einen Kaffee aus dem Automaten am Bühnenrand, der einsam gurgelt. Ein Metronom tickt laut und unerbittlich. Es macht sich Betretenheit breit wie bei einer Überraschungsparty, zu der der Gast nicht erscheint. Die karge Bühne mit weißen Schalensesseln, Plastikpalme und projiziertem Himmel wird zum Wartesaal auf den Tod. Und auf das Erbe.

Kein Zukunftsentwurf, bloß die gewohnte Hackordnung

"Eine Jugend in Deutschland" hieß der Wettbewerb, den das Maxim Gorki Theater Berlin und das Schauspiel Frankfurt 2006 auslobten. Gesucht wurde, mit Gorki, nach Zukunftsmodellen: "Unsere Ordnung gefällt uns nicht, aber was für eine Ordnung habt ihr euch ausgedacht?" Es gewann Kai Ivo Baulitz, Schauspieler im Film und am Theater, mit seinem Text "Transporter". Florian von Hoermann hat ihn nun am Schauspiel Frankfurt uraufgeführt. Doch statt Zukunftsentwürfen werden die aus dem Feuilleton vertrauten Themen aufgeworfen: Kapitalismuskritik, Familienverfall, Alter, Tod, das Überleben des Stärkeren.

Auge um Auge keilen sich die Hinterbliebenen um Krones Erbe,  seine schöne Wohnung oder gleich das ganze Autohaus-Imperium. Karl etwa, der gerade erst erfahren hat, dass Krone sein Vater ist. Oder die Angestellten Kino, Szigulla und Olga samt Tochter Jenny, die auch Krones Tochter ist, denn dieser ist "einmal über mich drübergestiegen", wie Olga sagt. Und dann ist da noch Lena, die den inkontinenten Krone pflegt.

Es tut so beinhart und biblisch, doch über und unter der vorgeblichen Eiseskälte ist "Transporter" irrsinnig sentimental. Vielleicht rührt dieser Grundton von der Einsamkeit der Figuren her, die alle Betriebszugehörigkeit mit Familienzugehörigkeit verwechseln und denen jetzt ihr König wegstirbt, dem sie mit ungeteilter Demut zugetan sind. Doch wo Autoren wie René Pollesch die Verwechslung des Beruflichen mit dem Privaten präzise analysieren, wird bei Baulitz bloß himmeltraurige Rührseligkeit daraus.

Gut gebügelter Tyrann mit Hingabefrauen

Die Freude über die Heimkehr seines Sohnes steht Krone nicht gerade ins Gesicht geschrieben, aber Karl nistet sich bei ihm ein, Moritz Peters spielt ihn bübisch verschreckt, aber hartnäckig. In Rückblenden erzählt der Unternehmer sein Leben, von seiner unerwiderten Liebe zu seiner Sekretärin, Karls Mutter, die wiederum in Kino verliebt war. Krone duldet nicht, dass etwas nicht nach seinem Willen läuft und wird ganz hässlich vor Eifersucht. Andreas Leupold liegen diese gebrochenen Mannsfiguren, hemdsärmelig  und doch immer gut gebügelt trifft er den Ton des liebevollen Tyrannen.

Frauen sind in dieser emotional klappernden Konstruktion Sehnsuchtsgestalten, wie die Heilsbringerin Lena. Abak Safaei-Rad setzt sich ein leise glimmendes Lächeln ins Gesicht, bei dem ihre Füße ein paar Zentimeter über dem Boden schweben. Eine heilige Hure, die Krone wäscht und pflegt und ihm einen vorzeigbaren Erben gebären soll.  Denn Karl und Jenny sind zwei halbe Unglücke – den einen wollte die Mutter nicht, die andere der Vater.

Auch Familie und Fortpflanzung sind in "Transporter" gruslige Konstruktionen. Wie Krone Frauen mehr oder minder gewaltsam seinen Samen einpflanzt, seine Sekretärin vergewaltigt und seine Putzfrau besteigt, um das Fortbestehen der Art zu sichern und seinen Besitz zu markieren, das erinnert bizarr an die Alien-Filme. Bei dieser kruden Mischung kann vielleicht gar nichts Gutes herauskommen. Trotz manch berührender, witziger Momente wie der Eingangsszene findet von Hoermanns Inszenierung für den diffusen Baulitz’schen Vergangenheits- und Gegenwartsschmerz keine plausible Richtung, sondern bloß allenthalben flirrende Nervosität.

 

Transporter
von Kai Ivo Baulitz. Uraufführung.
Regie: Florian von Hoermann. Bühne: Rudolf Bekic. Kostüme: Katja Strohschneider. Besetzung: Andreas Leupold, Andreas Haase, Michael Lucke, Susanne Böwe, Philine Bührer, Abak Safaei-Rad, Moritz Peters.

www.schauspielfrankfurt.de

 

Kritikenrundschau

"Schwer zu sagen", findet Peter Michalzik in der Frankfurter Rundschau (18.2.2008), ob es "ein Gären oder ein Windlichtern" ist, "was sich in diesem Debüt zeigt". Jedenfalls flackere Kai Ivo Baulitz' Drama "Transporter" "mal schön und mal banal". Michalzik überlegt, ob dieses Stück um den sterbenden Autosalonbesitzer Krone "eine sensible, etwas verschrobene Geschichte über die Auflösung von Familienbeziehungen", "eine Komödie über das fehlschlagende Fortpflanzungsgebaren des Mitteleuropäers" oder "eine szenische Vorortstudie" sei. "Mindestens ebenso erstaunlich" wie den Text findet er die Leistung des Regisseurs Florian von Hoermann, dem es gelinge, "das Stück schlingerfrei durch alle Genres und Tonlagen zu steuern". Indem er "die Andeutung dem allzu Expliziten" vorziehe, schaffe er "eine sichere Inszenierung, die mehrere Ebenen koexistieren lässt".

Kai Ivo Baulitz wisse, "was er dem Genre des Patriarchensterbens mit Sinnsuche schuldig ist", schreibt Florian Balke in der Rhein-Main-Ausgabe der Frankfurter Allgemeinen (18.2.2008). In "Transporter" werde "kräftig Geheimes ruchbar und lange im Herzen Gehegtes aus der Mördergrube an die frische Luft befördert", das Stück biete "abgerundete Figuren und anrührende Handlung". Vielleicht sei es Baulitz' Erfahrung "mit gut erzählten Geschichten, die 'Transporter' so sympathisch macht." Die "schwachbrüstigen Schachzüge" der Regie könnten diese Sympathie jedenfalls nicht für sich in Anspruch nehmen: "Mit ihren dünnbeinigen Podesten und dem auf Videoleinwände projizierten Sonnenuntergangshimmel" sehe die Inszenierung nur nach wenig aus.

 

 
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